Leave the shelter!

Mit einem muslimischen jungen Mann, der in der Schweiz studierte, bin ich eng befreundet; ich begleitete ihn während der ersten Zeit, nachdem er in die Schweiz gezogen war.
Nach wenigen Wochen stürzte er in eine schwere Krise: Er entdeckte, dass nicht alles „vom Teufel“ ist, was wir hier in Europa tun – und wusste plötzlich nicht mehr, was richtig und was falsch ist, was gut und was böse. Die Normen und Regeln, die ihm in seiner islamischen Heimat eingepflanzt worden waren (und er war nie ein Fundamentalist, im Gegenteil offen und tolerant!), taugten plötzlich nicht mehr. Er begann, sie durch seine eigenen Massstäbe zu ersetzen, selbst zu entscheiden, was Allah gefällig sein könnte und was nicht. Das hiess, die Verantwortung für sich selbst übernehmen und für die Konsequenzen seines Tuns – ohne klare Verhaltensregeln, die einem jede Eigenverantwortung abnehmen.
Er nannte es „to leave the shelter“: den Schutz, den geschützten Raum, die Geborgenheit verlassen – und er tauschte diese Sicherheit, immer genau zu wissen, was man darf und was nicht, durch einen „freieren Willen“ ein, ohne feste Normen und Regeln. Das hat sein Leben enorm bereichert, aber auch erschwert.

Die meisten Menschen fühlen sich nämlich sicherer, wenn sie wissen, was sie dürfen und was nicht, was „gut“ und was „böse“ ist. Doch das menschliche Ego ist sehr stark und so umgehen selbst religiöse Fundamentalisten auf äusserst kreative Weise die Regeln, an die sie im Prinzip glauben und die sie eigentlich befolgen möchten, jedoch durch ihre „menschliche Schwäche“ immer wieder missachten (müssen). Nur vier Beispiele aus den Weltreligionen zur Veranschaulichung.
• Für Juden ist der Sabbat heilig, sie dürfen an diesem siebten Tag, an dem Gott nach der Erschaffung der Welt ruhte, keine Arbeit verrichten. Sie dürfen also zum Beispiel auch kein Feuer machen, was in unserer Zeit auf alles ausgedehnt wird, was mit Elektrizität zu tun hat, somit dürfen sie auch keinen Lichtschalter betätigen. Gut gibt es Zeitschalter, die sich vor dem Sabbat programmieren lassen!
• Im Hinduismus ist das Töten von Lebewesen nicht gestattet. Wie kommt man also zu Fleisch? Man opfert den Gottheiten Tiere und muss nachher, gemäss Gesetz, das Geopferte essen.
• Sex ausserhalb der Ehe ist im Islam strengstens verboten, man wird in einigen Ländern heute noch dafür zum Tode verurteilt. Dass es für Männer äusserst schwer ist, sich daran zu halten, ist bekannt. Und da es im Islam die Männer sind, welche neue Interpretationen des islamischen Rechts festlegen (durch eine Fatwa = Rechtsgutachten zur Klärung einer Rechtsfrage), erstaunt es nicht, dass auch dafür ein „Trick“ gefunden wurde: die „Ehe auf Zeit“. Man geht sie ein für eine Stunde, einen Tag, einen Monat, die Frau hat überhaupt keine Rechte, bekommt aber meistens Geld oder Geschenke für die Dauer der „Ehe“. Wir hier nennen das Prostitution.
• Und im Katholizismus schliesslich gibt es die Beichte, die jede begangene Sünde wieder ungeschehen macht.

Doch sogar Menschen, die ohne religiöse Gesetze leben, kennen diesen Schutz durch Regeln – ich würde ihn allerdings Einengung nennen. Was wurde uns als Kind doch eingetrichtert: Das darf man nicht! Das macht man nicht! (Meine Mutter sagt das heute noch manchmal zu mir, ich erwidere jeweils: Wer ist man? Ich bin nicht man!) Auch viele andere Normen, Regeln und Konventionen unserer Gesellschaft sitzen tief in uns.
Und sie geben uns Sicherheit. Nicht die Sicherheit vor einem „strafenden“ Gott, an den wir nicht (mehr) glauben. Aber die Sicherheit uns so zu verhalten, dass wir akzeptiert, angenommen, geliebt werden – das ist es, was wir unbedingt wollen, bewusst oder unbewusst. Und das ist es, was uns einengt, in unserer inneren Entwicklung, in unserem Leben überhaupt, was uns daran hindert zutiefest glücklich zu sein.

Kein Mensch ist gleich wie der andere, kein Mensch hat die gleiche Aufgabe wie der andere – das ist die wunderbare Vielheit in dieser Welt! Haben wir also den Mut uns selbst zu leben, nicht die anderen, vertrauen wir uns selbst, wagen wir, auf unsere innere Stimme zu hören – auch wenn sie uns zu etwas rät, was man nicht sagt, was man nicht macht!

Leave the shelter!

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