Lieb Kind

Eines der Verhaltensmuster aus der Kindheit, in das wir als Erwachsene am häufigsten wieder fallen: das liebe Kind sein zu wollen.
Uns bei jemandem anzubiedern oder einzuschmeicheln, kann zwar auch aus Berechnung erfolgen, weil wir uns einen Vorteil davon versprechen. Doch oft geschieht es unbewusst, wie eine spontane Reaktion, sobald jemand uns um etwas bittet, etwas von uns verlangt oder auch nur still erwartet. Wir haben Ja gesagt, bevor wir darüber nachgedacht haben und ohne zuerst auf die eigenen Bedürfnisse zu hören.

Unzählige sind die Situationen, in denen uns dieses „Liebkindphänomen“ passieren kann. Bitten um einen Gefallen, die wir eigentlich ablehnen wollen. Einladungen, die wir in Wirklichkeit gar nicht annehmen möchten. Berechtigte Reklamationen oder Kritiken, die wir nicht anbringen. Unsere wahre Meinung nicht äussern. Eine Reaktion zeigen, obwohl es uns im Grunde genommen nicht interessiert. Eine überdurchschnittliche Leistung erbringen, obwohl wir die Kraft dazu gar nicht haben. Und heutzutage auch dem Druck der sozialen Medien nachgeben, Präsenz zeigen, Kommentare abgeben, liken…

Es ist nicht unbedingt ein ausgeprägter Mangel an Selbstliebe, der hier dahintersteckt. Obwohl ich von mir wahrlich behaupten darf, dass es mir an Selbstliebe nicht mehr mangelt, stelle ich dennoch fest, dass ich hie und da in dieses Muster falle – wie gesagt, es ist eine unbewusste Reaktion auf einen „äusseren Reiz“. Zu oft hatte ich in meiner Kindheit und Jugend alles getan, um Liebe zu bekommen, mich angenommen zu fühlen. Und ich bin davon überzeugt, dass es vielen von euch ähnlich ergeht.
Darum brauchen wir, um dieses Verhaltensmuster loszuwerden, nicht speziell an der Stärkung unserer Selbstliebe zu arbeiten, vielmehr an der Achtsamkeit. Es geht darum, die entsprechenden Situationen rechtzeitig wahrzunehmen, sodass wir die Chance haben darüber nachzudenken, was wir sagen, wie wir uns verhalten wollen.
Eine Methode besteht darin, solche Situationen, auf die wir automatisch „hereinfallen“, in Gedanken, in einer Art Imagination, durchzuspielen und beim entscheidenden Punkt zu verweilen, gut in uns zu spüren, wie es sich anfühlt und uns dieses bestimmte Gefühl einzuprägen.
Kommen wir dann wirklich wieder einmal in diese Lage, werden wir eben dieses Gefühl in uns wahrnehmen – und das sollte uns aufhorchen lassen und uns diesen winzigen Augenblick einer „Auszeit“ gewähren, in dem wir uns bewusst für unsere Reaktion entscheiden können.
Allerdings wird es uns vermutlich nicht jedes Mal gelingen, denn es ist tatsächlich Übungssache: Je häufiger wir es praktizieren, desto stärker wird sich dieses neue Verhalten in uns einprägen und mit der Zeit das alte, automatische Verhalten des Musters verdrängen.

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Ein neues Buch zur Selbstliebe

Nach meinem Buch „Ich liebe mich selbst und mache mich glücklich“ habe ich nun einen zweiten Band veröffentlicht mit dem Titel „Ich liebe mich selbst 2“, das ich als „Übungsbuch“ konzipiert habe. Bei der Theorie habe ich mich auf das Nötigste beschränkt; es handelt sich hauptsächlich um eine konkrete Anleitung zum Ablegen der Verhaltensmuster, die durch eine zu schwache Selbstliebe und ein geringes Selbstwertgefühl verursacht werden.
In jedem der 26 kurzen Kapitel behandle ich eine Verhaltensweise und schlage eine auf den gewöhnlichen Alltag ausgerichtete Übung vor, um sie zu ändern. So könnte der Untertitel dieses Buches „In 26 Schritten zur Selbstliebe“ lauten. Darin sind teilweise auch die Texte meines früheren Monatsblatts zu diesem Thema eingeflossen.

Es geht dabei um unsere Abhängigkeit von der Liebe, Anerkennung und Wertschätzung an­derer Menschen, um Verlust­angst, Geborgenheit, Selbstbestimmung, aber auch um Per­fek­tio­nismus, Überheblichkeit, mangelnde Spontaneität, Schüch­ternheit und wei­te­re beeinträchtigende Wesenszüge.
Ein zentrales Thema sind unsere zahlreichen Ängste, die uns daran hindern, authentisch, eigen­ständig und frei zu leben. Wie in meinen ande­ren Büchern ist es mir auch diesmal ein wichtiges Anliegen, euch Mut zu machen – Mut, euch zu wandeln, euch selbst zu vertrauen und vor allem auf die Innere Stimme zu hören.

Den Weg und die Methode, die ich hier beschreibe, habe ich seiner­zeit selbst praktiziert, denn bis zum Alter von 40 Jahren fehlten mir das Selbst­­wertgefühl und die Selbstliebe fast vollständig; ich musste diese für ein zu­frie­denes Dasein unerläss­lichen Eigenschaften in einem langen Pro­zess der Selbstveränderung erlernen und aufbauen. Dementsprechend sind meine Erörterungen und Musterbeispiele, meine Erkenntnisse und Einsichten aus dem Leben gegriffen, meine Vor­schläge und Tipps für alle prakti­kabel. Der Alltag ist die Schule der Selbstliebe.

Ich liebe mich selbst 2
Ich liebe mich selbst 2
Ein Kurs in Selbstliebe, Band 2: Übungsbuch
von Karin Jundt
nada Verlag
ISBN 978-3-907091-06-7
Paperback, 156 Seiten
EUR 17.00 / ca. CHF 23.00

–> zu den Leseproben

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Ist unser Gehirn verantwortlich für unsere Gefühle?

Nein – das will ich gleich vorwegnehmen – nein, das glaube ich nicht!
Im letzten Jahrzehnt sind mir in Fachzeitschriften immer wieder einmal Artikel begegnet, die unsere Gefühle auf Vorgänge im Gehirn reduzierten. Die Thematik erstreckte sich oft auch auf die Frage nach unserem freien Willen: Besitzen wir tatsächlich die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, oder werden wir gewissermassen fremdgesteuert von einem Organ, das durch die Aussendung von chemischen Stoffen und durch elektrische Impulse unser Handeln bestimmt?
Artikel* wie „Die Dirigenten unseres Lebens“, „Wie sie [die Hormone] gute Laune machen“, „Wie sie die Liebe bestimmen“ und Aussagen wie „Ein Anfall von weiblicher Zickigkeit. Aus einem geschlechtslosen Embryo entwickelt sich ein Junge. Verliebte spüren Schmetterlinge im Bauch. Ganz unterschiedliche Lebenssituationen, die alle eins gemeinsam haben: Immer sind Hormone die Auslöser“ suggerieren, dass wir nichts als Marionetten eines Supergehirns sind, das über uns herrscht und uns nicht nur die Willensfreiheit nimmt, sondern auch die Verantwortung. Und fördern die bereits weit verbreitete Tendenz, bei psychischen Problemen, auch bei vermeintlichen, Medikamente zu verschreiben, die in diesen Prozess eingreifen, vor allem bei Depressionen, Angstzuständen und kindlicher (Über?-)Aktivität. Anstatt das Problem, sofern es tatsächlich eines ist und nicht ein normaler Bestandteil des menschlichen Lebens, dort anzugehen, wo es wirklich und nachhaltig behoben werden kann, nämlich in der Psyche. (Zu diesem Thema kann ich euch eine ausgezeichnete Sendung des SWR empfehlen: Das Milliardengeschäft mit der Psyche.)

Für mich stellt sich hingegen immer die Frage: Was war zuerst, das Huhn oder das Ei? Dass gewisse Stoffe in uns zirkulieren, wenn wir bestimmte Empfindungen haben, ist unbestritten. Aber: Veranlasst das Gehirn die Ausschüttung von Hormonen und dann empfinden wir Verliebtheit, Depression oder Angst? Oder empfinden wir Verliebtheit, Depression, Angst und dies führt zu Vorgängen im Gehirn?

Nun sind mir in letzter Zeit mehrmals Aussagen begegnet, die eine entgegengesetzte Ansicht zu solchen „gehirnbestimmten“ Theorien stützen. Nämlich beispielsweise dass eine Psychotherapie die Gehirnstruktur nachweislich verändert: Bei depressiven Patienten zeigte die MRT nach der Therapie neuronale Veränderungen in den Gehirnarealen, die mit der Depression in Verbindung gebracht werden. Oder allgemeiner, dass Gefühle die Biologie des Gehirns beeinflussen und umbauen: Erhält etwa ein Mensch ständig schlechte Kritik, verändert sich sein Gehirn. Und noch weitergehend bewies eine Studie, dass bei Menschen, die ihre Meinung frei äussern dürfen, das Motivationszentrum im Gehirn aktiviert wird und dadurch sogenannte Glücksbotenstoffe wie körpereigene Opiate ausgeschüttet werden.

Was bedeutet das nun konkret für unser Bemühen, unsere Selbstliebe und unser Selbstwertgefühl aufzubauen und zu stärken? Dass gute Gespräche mit Fachleuten tatsächlich helfen, ebenso dass Imaginationen und Affirmationen wirken. Aber auch allgemein positive Gedanken und das Einüben von Verhaltensweisen, die von Selbstliebe und Selbstwertgefühl zeugen.
Wie ich in meinem Buch „Ich liebe mich selbst und mache mich glücklich“ schreibe, funktioniert es tatsächlich, uns die Selbstliebe „einzureden“, auch wenn wir sie noch nicht besitzen. Meine Methode beruht ja auf zwei Pfeilern, die dann am besten funktionieren, wenn wir mit beiden gleichzeitig an uns arbeiten: Einerseits uns selbst durch Affirmationen und positiver Selbstbeeinflussung davon zu überzeugen, dass wir es wert sind, uns selbst zu lieben, und dies auch können; andrerseits indem wir die Verhaltensweisen verändern, die von unserer schwachen Selbstliebe und unserem Mangel an Selbstwertgefühl zeugen. Dabei entsteht eine positive Wechselwirkung: Indem wir mehr und mehr daran glauben, dass wir uns selbst lieben, finden wir den Mut, uns tatsächlich selbstbewusster zu verhalten, und durch unser Verhalten, das mehr und mehr auf Selbstvertrauen und Selbstachtung beruht, stärken wir unseren Glauben an unsere Selbstliebe.
In jedem Fall will ich euch wieder einmal dazu ermuntern, an euch zu arbeiten – wie die Wissenschaft beweist: Es lohnt sich! Vielleicht euer guter Vorsatz fürs Neue Jahr…

*Alle von mir verlinkten Artikel und Fernsehsendungen sind beispielhaft ausgewählt; es gibt unzählige davon, die ihr findet, wenn ihr etwa nach Gehirn Veränderung Gefühle oder nach Gehirn Veränderung Psychotherapie googlet. Oder für die ersten von mir erwähnten Aussagen nach Hormone steuern Gefühle.

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Das bin nicht ich!

Ein junger Mann, ich nenne ihn Florian*, erzählte mir neulich die Geschichte seiner Liebesbeziehung, die vor einer Weile zu Ende gegangen war. Beiderseits eine Reihe von Erwartungen, die nicht erfüllt wurden, von Fehlinterpretationen und Missverständnissen, die auf zu wenig Offenheit beruhten, von Beschuldigungen und Vorwürfen, von empfundener Ablehnung und gegenseitigem Sichbrauchen, vom Projizieren der eigenen Probleme auf den Anderen – vor allem aber der verzweifelte Versuch zweier Menschen mit zu wenig Selbstwertgefühl im Partner den Rettungsanker zu sehen.
Florian hat seine Beziehung sehr gründlich und bemerkenswert realistisch analysiert und viel daraus gelernt. Ich stimmte ihm in vielem zu, was er erkannt hat.
Eine sich wiederholende Aussage von ihm hat mich aber aufhorchen lassen. Wenn er jeweils erzählte, wie ungerecht er seine Partnerin behandelte, wie er ihr eine Eifersuchtsszene machte, ständig an ihr herummäkelte, sich mit gemeinen Sprüchen dafür rächte, wenn er sich verletzt fühlte, ergänzte er: „Aber so bin ich nicht. Das ist nicht der wahre Florian.“ Oder: „Ich war nicht ich selbst, als ich das gesagt habe.“ Oder: „Das fühlte sich nicht nach meinem wahren Ich an.“

Doch. Alles war Florian. Der wahre Florian besteht aus den guten und den schlechten Eigenschaften, wie wir alle. Sonst könnten wir nicht einmal so und einmal so sein. Wir können es Seele und Ego nennen oder höheres und niederes Selbst, aber beide gehören zu uns.

Solange wir einen Teil von uns, den wir für den „schlechten“ halten, nicht akzeptieren, können wir ihn auch nicht verändern und nach und nach loslassen. Zuerst geht es nämlich immer darum, uns zu lieben, wie wir sind.
Dann können wir anfangen, die Eigenschaften an uns, die wir als negativ betrachten, in die positiven zu verwandeln. Dabei brauchen wir es uns niemals vorzuwerfen, wenn der „böse“ Teil gerade im Vordergrund steht: Schauen wir ihn an, nehmen ihn zur Kenntnis, akzeptieren ihn. Dagegen anzukämpfen, ist hoffnungslos. Vielmehr müssen wir einfach die guten Eigenschaften in uns fördern und versuchen, uns neue gute Eigenschaften anzueignen. So überlagern diese nach und nach die schlechten.
Dabei ist es nützlich zu erkennen, wie viele unserer Verhaltensweisen mit mangelnder Selbstliebe zusammenhängen. Arbeiten wir konsequent und beharrlich am Aufbau oder an der Stärkung unseres Selbstwertgefühls und unserer Selbstliebe, so verschwinden mit der Zeit die schlechten Eigenschaften. Es kommt nicht so sehr darauf an, welches „Symtpom“ mangelnder Selbstliebe wir gerade ins Visier nehmen und uns dabei um eine Veränderung bemühen, denn alle hängen zusammen: Ändern wir eine Eigenschaft, so verändern sich andere mit. Diese Methode, an uns zu arbeiten, habe ich ausführlich in meinem Buch „Ich liebe mich selbst und mache mich glücklich beschrieben.“

* Name aus Diskretionsgründen geändert.

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Mein neues Buch über Selbstliebe ist erschienen!

Nachdem ich vor über 20 Jahren zur Erkenntnis gekommen war, dass mir die Selbstliebe und das Selbstwertgefühl fast vollständig fehlten und dies die Ursache für viele meiner Probleme mit den Mitmenschen und für meine perio­disch auftretende, nicht näher definierbare Unzufriedenheit war, begann ich am Aufbau meiner Selbstliebe zu arbeiten.
Selbst einmal darin gefestigt, entwickelte ich auf der Basis meiner eigenen Er­fah­rungen eine Methode zum Aufbau und zur Stärkung der Selbst­liebe, die ich viele Jahre lang in Seminaren und Kursen lehrte. Diese Methode gebe ich nun auch mit diesem Buch weiter.

Buchtitel_Ich_liebe_mich_selbstIch liebe mich selbst und mache mich glücklich
von Karin Jundt
nada-Verlag
ISBN 978-3-907091-04-3
Paperback, 136 Seiten
EUR 17.00 / ca. CHF 23.00

Erhältlich:
• im Buchhandel und in den Online-Shops

Bei diesem Buch handelt es sich um einen übersichtlichen und struk­turierten Leitfaden; er ist wie ein Kurs mit Aufgaben und Übungen aufgebaut, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen. Und entsprechend leicht und locker ist auch die Sprache gehalten.
Darin sind auch mehrere Seiten enthalten, die der Leser wie Kursunterlagen selbst ausfüllen kann und auf die er im Lauf der Lektüre wieder zurückgreifen sollte; deshalb ist dieses Buch auch nicht als E-Book erhältlich, sondern nur in einer Druckversion.

In den ersten Kapiteln habe ich die Grundlagen des Selbstwertgefühls und der Selbst­liebe dargelegt. Der Hauptteil befasst sich mit der Selbstanalyse und der Betrachtung der Verhaltens­muster, die auf ein zu niederes Selbstwertgefühl und eine zu schwache Selbstliebe hinweisen, und zeigt dann den Weg auf, um neue Verhaltensweisen Schritt für Schritt einzuüben und alte hinderliche Muster abzulegen. Wie immer schreibe ich nur über Erkenntnisse und Methoden, die ich selbst erfahren habe und in meinem Alltag praktiziere.
Auch werdet ihr darin viele ermutigende Worte finden, eure Schritte auf diesem Weg der Selbst­bestimmung und Selbst­verwirklichung zu wagen.

Vertiefende Erläuterungen und auflockernde Ge­schichten stehen in separaten Kästen am Ende jedes Kapitels, um den Textfluss nicht zu unterbrechen. Verweise am Seitenrand erleichtern das Auffin­den von verwandten oder ergänzenden Aussagen.

Dieser Wegweiser ist konsequent praxisbezogen. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass gerade im Fall mangelnder Selbstliebe das theoretische Wissen nicht hilft, wenn es nicht mit konkreten, anwend­baren Anleitungen zur Selbstveränderung ergänzt wird. Wir entwickeln uns schliesslich nicht allein dadurch, dass wir etwas wissen, sondern erst wenn wir dieses Wissen auch nutzen und umsetzen. Das ist Bildung im wahren Sinn des Wortes: Wir bilden unsere Persönlichkeit und unseren Charakter, wir gestalten unser Leben und unser Schicksal.
Zu den Leseproben…

Noch eine Bitte: Falls euch das Buch gefällt und euch auf eurem Weg zu mehr Selbstliebe unterstützt, wäre es für mich sehr hilfreich, wenn ihr eine Bewertung/Rezension in einem oder mehreren Online-Shops abgebt. Vielen Dank!

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Szenen einer Ehe

Neulich war ich ein paar Tage in den Bergen zum Wandern. Da ich allein war, ergab es sich zwangsläufig, dass ich bei verschiedenen Gelegenheiten die Gespräche anderer Menschen mitbekam.

• Ein Ehepaar mittleren Alters betritt gemeinsam den Früstücksraum, der aus einem halben Dutzend Tischen besteht, alle an der grossen Fensterfront, keiner besser als der andere. Er holt zwei Gläser Saft und stellt sie auf einen Tisch, dann füllt er verschiedene Brötchen und Brotscheiben ins Brotkörbchen und geht ebenfalls zum Tisch. In dieser Zeit hat sie am Buffet ihren Teller gefüllt und will gerade einen Tisch ansteuern, als sie realisiert, dass er bereits Sachen auf einen anderen Tisch gestellt hat. „Komm rüber an diesen Tisch, der ist schöner“, ruft sie ihm zu. „Aber… ich habe doch schon…“, erwidert er. Sie fällt ihm ins Wort: „Nein, bring die Sachen hierher, der ist schöner.“

• Am nächsten Tag im Frühstücksraum. Ein anderes Ehepaar, etwas älter, steht am Buffet und füllt die Teller. Da greift er in seine grosse Westentasche. Sie bemerkt es augenblicklich und fragt: „Was suchst du?“ Er antwortet nicht, wühlt in der anderen Westentasche. „Was suchst du denn?“, wiederholt sie leicht ungehalten. „Nichts“, antwortet er schliesslich, während er die Hand aus der Tasche zieht und sich zum Tisch begibt. Sie lässt nicht locker: „Doch, du hast doch etwas gesucht!“ Er schüttelt den Kopf und schweigt.

• Später Nachmittag, auf einer Bank am Wanderweg, ein Paar mittleren Alters setzt sich neben mich. Sie zu ihm: „Du kannst die Mütze jetzt ausziehen, die Sonne ist nicht mehr so stark.“ Er reagiert nicht und behält die Mütze auf dem Kopf.

• Am Seeufer, traumhaft schöne Landschaft. Er holt den Fotoapparat aus dem Rucksack und richtet ihn zum See, drückt ab. Sie: „Hast du den Objektivdeckel abgenommen?“ Er schaut sie nur an.

Solche Szenen beobachte ich seit vielen Jahren. Warum müssen Frauen ihre Partner ständig kontrollieren, ihnen sagen, was sie zu tun und was sie zu lassen haben? Hie und da gibt es zwar auch Männer, die sich so verhalten, aber mehrheitlich erlebe ich es als eine typisch weibliche Eigenschaft, und die armen Männer dann als resigniert und frustriert.
Jaaaa, ich weiss, wir sind Glucken und wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Männern gut geht, sie selbst achten zu wenig auf sich. Aber geht es nicht mit etwas mehr Feingefühl, diplomatischer, so dass sie es nicht merken? Und nur bei wirklich wichtigen Dingen?

Ich weiss, wovon ich rede, denn ich selbst war auch so. Bis mein damaliger Lebenspartner, nachdem er als Folge eines Herzinfarkts in einer Selbsterfahrungsgruppe mitgemacht hatte, bei einer dieser Gelegenheiten ruhig und gefasst zu mir sagte: „Du lässt ab sofort diese Fremdbestimmung bleiben. Sie tut mir nicht gut.“

Ich habe verstanden und es bleiben lassen. Und das will ich auch euch, Frauen (und Männern), ans Herz legen: Lasst euren Partner leben! Vermeidet es, ständig zu kontrollieren, etwas anmerken zu müssen bei den alltäglichen Banalitäten! Seid grosszügig und nachgiebig – so vieles, was wir wichtig nehmen, ist es nicht.
• Ob wir an diesem oder jenem Tisch sitzen…
• Und wenn er etwas sucht, was geht mich das an? Findet er es nicht, wird er mich schon danach fragen.
• Vielleicht mag er die Mütze einfach anbehalten…
• Sollte er tatsächlich den Deckel nicht vom Objektiv genommen haben, naja, dann fehlt dieses Foto halt später… kein Weltuntergang.

Es gibt in Paarbeziehungen genügend echte Herausforderungen, schaffen wir uns nicht noch unbedeutende, unnötige dazu. Und es ist eine gute Schule für uns selbst, uns von solchen Verhaltensmustern – denn nichts anderes sind sie – zu lösen.

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Das Leben in fünf Kapiteln

Den folgenden Text von Portia Nelson (von mir ins Deutsche übertragen) hat mir neulich ein Freund geschickt. Ich konnte nicht glauben, dass ich diesen tiefen, wahren Gedanken nicht früher schon begegnet war!

Autobiografie in fünf kurzen Kapiteln

Kapitel 1
Ich gehe eine Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren… ich bin hilflos.
Es ist nicht mein Fehler.
Es dauert eine Ewigkeit, bis ich herausgefunden habe.

Kapitel 2
Ich gehe die gleiche Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht mein Fehler.
Es dauert immer noch lange, bis ich herausgekommen bin.

Kapitel 3
Ich gehe die gleiche Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe, dass es da ist.
Ich falle trotzdem noch hinein… es ist die Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiss, wo ich bin.
Es ist mein Fehler.
Ich komme sofort heraus.

Kapitel 4
Ich gehe die gleiche Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich umgehe es.

Kapitel 5
Ich gehe eine andere Strasse entlang.

Dieser Text hat mich tief getroffen und zu Tränen gerührt. Wie oft fallen wir doch in die gleichen Löcher, obwohl wir sie kennen! Es ist fast unbegreiflich, aber es ist so, etwas in uns treibt uns da hinein.
Und wie lange braucht es jeweils, bis wir gelernt haben! Eine Erkenntnis steht jeweils am Anfang, aber bis wir es dann schaffen, anders zu handeln…
Das einzige Richtige ist, einen anderen Weg zu wählen. Von Anfang an. Uns gar nicht erst in die Gefahrensituation zu begeben. So logisch. Und so unendlich schwierig!

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Wie, wie, wie?

In mehreren Kommentaren/Anfragen der letzten Zeit wurde immer wieder die Frage gestellt: Wie macht man es, sich selber zu lieben? Wie schaffe ich es, die Erkenntnisse, die ich im Kopf zwar habe, auch in die Praxis umzusetzen? Wie kann ich mich über die Prägungen der Kindheit hinwegsetzen, die mir sagen, ich sei es nicht wert, geliebt zu werden und mich zu lieben? Und ähnliche.

Deshalb will ich dieses Thema wieder einmal aufgreifen, obwohl ich schon oft darüber geschrieben habe, sei es in eigens dazu verfassten Artikeln, sei es im Zusammenhang mit anderen Themen.

Das Wichtigste ist die Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass ich im Bereich der Selbstliebe, des Selbstwertgefühls ein Manko aufweise. Dass viele meiner Probleme, meine Frustration, meine Unzufriedenheit in den Beziehungen zu anderen Menschen davon herrühren, dass ich mich selbst nicht genügend liebe.

Der zweite Schritt ist der klare Wille, daran etwas zu ändern. Nicht einfach „ich möchte mich ändern“, „ich würde mich so gerne selber mehr lieben“…
Den klaren Willen haben, bedeutet: Ich will mich ändern. Und ich tue es.

Und dann noch die Einsicht, dass es keine Tricks, keinen „Schnellzug“ zur Selbstliebe gibt. Es ist Arbeit an sich selbst, kontinuierliche Arbeit in allen Alltagssituationen.
Es geht nicht über Nacht, es dauert Monate und Jahre. Das mag entmutigend wirken auf den ersten Blick, aber betrachtet man nicht das halbleere Glas, sondern das halbvolle, dann heisst es mit anderen Worten: Es ist möglich, Selbstliebe aufzubauen! Wir sind nicht dazu verdammt, mit wenig Selbstwertgefühl zu leben, nur weil es uns in der Kindheit nicht mit auf den Weg gegeben wurde oder wir es unterwegs irgendwann verloren haben. Das ist doch das Entscheidende, egal wie lange es dauert, egal wie anstrengend es ist: Wir können es schaffen, jeder von uns kann es.
Doch wir müssen damit beginnen, sonst kommen wir natürlich nirgendwohin.

Unter dieser „Arbeit an sich selbst“ verstehe ich nicht Meditation, Gebet oder andere „innere“ Praktiken. Diese mögen helfen, natürlich. Aber Selbstliebe will geübt sein, immer und immer wieder, und das geht nur im Alltagsleben selbst, in der täglichen Konfrontation mit unseren Mitmenschen. Über die einzelnen Möglichkeiten und Situationen zu üben habe ich auf dieser Website schon so viel geschrieben, dass ich sie hier nicht nochmals erörtern will.

Ich möchte euch nur noch empfehlen:
• Geht systematisch vor. Übt nicht heute ein bisschen an diesem und morgen ein bisschen an jenem, sondern nehmt euch eine Aufgabe vor und bleibt daran, bis ihr die entsprechende Verhaltensweise so verinnerlicht habt, dass sie zu eurem Wesen geworden ist. Erst dann beginnt ihr mit etwas Neuem. Diese Methode erläutere ich detailliert in meinem Buch „Ich liebe mich selbst und mache mich glücklich“.
• Überfordert euch nicht. Wie im vorangehenden Punkt schon gesagt, nehmt euch nur eine einzige Aufgabe vor. Es braucht nämlich viel Achtsamkeit im Alltag, und diese kann man nicht mehreren Aufgaben gleichzeitig schenken. Zudem erfordert das Praktizieren der Selbstliebe auch Mut, und es ist wirksamer, diesen in eine einzige Herausforderung zu investieren, als ihn auf mehrere aufzuteilen.
• Seid lieb mit euch selbst. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und ihr werdet immer wieder in alte Muster zurückfallen, selbst dann, wenn ihr glaubt, sie abgelegt zu haben. Macht euch keine Vorwürfe, entschuldigt eure Schwächen und verzeiht euch immer alles.

Ich möchte euch nochmals dazu ermutigen, eure Schritte in Richtung Selbstliebe zu tun. Ihr werdet es schaffen, ebenso wie ich es seinerzeit geschafft habe, als ich mich auf diesen Weg begeben habe.

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Verschiebe nicht auf morgen…

… was du heute kannst besorgen, sagt das Sprichwort. Oft ist es ein Zeichen von Unlust oder Faulheit, wenn wir zu erledigende Dinge vor uns herschieben.

Es kann aber auch ein Zeichen für mangelndes Selbstwertgefühl sein. Wir schieben etwas auf, weil wir es uns nicht zutrauen, weil wir Angst haben, es nicht richtig oder gut zu erledigen oder sogar daran zu scheitern. Nach dem Motto: Solange ich nichts mache, kann ich auch nichts falsch machen – und niemand kann mich dafür tadeln oder zurechtweisen.
Manchmal schieben wir auch Arbeiten oder Pflichten auf, die gar nicht „nach aussen“ sichtbar werden, denn vor uns selbst wollen wir ebenso wenig als unfähig dastehen.
Dabei ist es nur die unbegründete Angst vor dem Scheitern! Meistens erleben wir nämlich, dass wir es können und schaffen, wenn wir es dann einmal anpacken.

Das Pendant dazu ist der Perfektionismus. Wenn wir eine Aufgabe gestellt bekommen, arbeiten wir daran bis zum Umfallen, wir geben uns nie mit einem Ergebnis zufrieden, meinen immer noch etwas mehr, etwas besser machen zu können. Dahinter verbirgt sich ebenfalls nur die Angst vor Kritik und Tadel – sei es seitens unserer Mitmenschen, sei es durch unseren „inneren Richter“.

Gegen diese Äusserung mangelnden Selbstwertgefühls gibt es ein relativ einfaches Mittel: Erledige immer sofort, was es zu erledigen gibt, und tue alles so gut, wie du es kannst.
Dann brauchst du dir von niemandem – auch nicht von dir selbst – vorwerfen zu lassen, du hättest nicht dein Möglichstes getan, unabhängig davon, wie das Ergebnis ausfällt. Mehr kannst du doch einfach nicht leisten!

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Überheblichkeit, Besserwisserei & Co.

Immer wieder begegnen wir Menschen, die wir als selbstbewusst und selbstsicher erleben, manchmal sogar als überheblich oder beinahe grössenwahnsinnig, zumindest auf den ersten Blick. Lernen wir sie dann näher kennen, entdecken wir – manchmal mit Erstaunen –, dass ihre vermeintliche Selbstsicherheit nur eine Fassade ist und sich dahinter ein Mensch verbirgt, der an sich zweifelt und äusserst verletzlich ist.
Bei Menschen, die arrogant sind, immer alles besser wissen oder stets noch etwas anzumerken haben, ist es offensichtlich, dass sie unter mangelndem Selbstwertgefühl leiden und es durch solche Verhaltens­weisen kompensieren. Da sie ihren eigenen Wert nicht kennen (oder anerkennen), versuchen sie, sich eine Selbst-Wichtigkeit als Ersatz für ihre fehlende Selbst-Wertigkeit zu geben. Sie müssen sich selbst und ihrer Umgebung fortwährend zeigen und beweisen, dass sie mehr wissen, mehr können, mehr leisten, oder die Mitmenschen erniedrigen, sodass sie selbst sich erhöht fühlen. Auch zum Schutz, um nicht von anderen verletzt zu werden…
Wer hingegen in sich selbst geborgen ist, sich annimmt mit Stärken und Schwächen, um seinen wahren Wert weiss – hat solch ein Mensch es nötig, anderen ständig seine Überlegenheit zu demonstrieren?

Um unser Selbstwertgefühl zu stärken, sollten wir auf solche Verhaltensweisen bewusst verzichten. Nachfolgend eine kleine Übungsanleitung:
• Ich verhalte mich stets so, dass andere Menschen sich in meiner Gegenwart wohl fühlen, d.h. ich behandle sie mit Respekt, ohne Arroganz, bin offen, freundlich und zuvorkommend – zu allen! Das praktiziere ich mit Freunden, Bekannten, Familienmitgliedern ebenso wie mit Unbekannten, denen ich möglicherweise ein einziges Mal begegne.
• Achtung! Das heisst nicht, dass ich meine Meinung nicht sagen darf, mich dem Ego anderer zu unterwerfen habe, nicht klare Grenzen setzen soll – aber eben: mit Respekt, ohne Arroganz, freundlich, zuvorkommend und trotzdem bestimmt.
• Und vor allem: Ich empfinde mich durch mein wohlwollendes Verhalten nicht als unterwürfig oder unwürdig, bin mir im Gegenteil stets bewusst, dass ich wertvoll bin, unabhängig von meinem Verhalten anderen gegenüber und von ihrem Verhalten mir gegenüber. Ich fühle mich in meinem Tun und Lassen sicher und standfest.

Es versteht sich, dass wir gerade den Überheblichen und den Besserwissern nicht in der gleichen Weise begegnen sollten, wie sie uns gegenüber auftreten, sondern mit Milde und Verständnis – und anstatt sie noch „kleiner“ zu machen, vielmehr versuchen, ihr mangelndes Selbstwertgefühl zu stärken, indem wir sie auf ihre wahren Werte aufmerksam machen und diese anerkennend hervorheben, sie loben und ermuntern.

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