Selbstliebe
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  • Selbstliebe, Selbstwertgefühl…

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    Selbstliebe und Selbstwertgefühl sind, neben Urvertrauen und Lebensfreude, auch ein zentrales Thema von Sonnwandeln, meiner Schriftenreihe für spirituelle Entwicklung im Alltagsleben.
  • Verschiebe nicht auf morgen…

    25. November 2011

    … was du heute kannst besorgen, sagt das Sprichwort. Oft ist es ein Zeichen von Unlust oder Faulheit, wenn wir zu erledigende Dinge vor uns herschieben.

    Es kann aber auch ein Zeichen für mangelndes Selbstwertgefühl sein. Wir schieben etwas auf, weil wir es uns nicht zutrauen, weil wir Angst haben, es nicht richtig oder gut zu erledigen oder sogar daran zu scheitern. Nach dem Motto: Solange ich nichts mache, kann ich auch nichts falsch machen – und niemand kann mich dafür tadeln oder zurechtweisen.
    Manchmal schieben wir auch Arbeiten oder Pflichten auf, die gar nicht “nach aussen” sichtbar werden, denn vor uns selbst wollen wir ebenso wenig als unfähig dastehen.
    Dabei ist es nur die unbegründete Angst vor dem Scheitern! Meistens erleben wir nämlich, dass wir es können und schaffen, wenn wir es dann einmal anpacken.

    Das Pendant dazu ist der Perfektionismus. Wenn wir eine Aufgabe gestellt bekommen, arbeiten wir daran bis zum Umfallen, wir geben uns nie mit einem Ergebnis zufrieden, meinen immer noch etwas mehr, etwas besser machen zu können. Dahinter verbirgt sich ebenfalls nur die Angst vor Kritik und Tadel – sei es seitens unserer Mitmenschen, sei es durch unseren “inneren Richter”.

    Gegen diese Äusserung mangelnden Selbstwertgefühls gibt es ein relativ einfaches Mittel: Erledige immer sofort, was es zu erledigen gibt, und tue alles so gut, wie du es kannst.
    Dann brauchst du dir von niemandem – auch nicht von dir selbst – vorwerfen zu lassen, du hättest nicht dein Möglichstes getan, unabhängig davon, wie das Ergebnis ausfällt. Mehr kannst du doch einfach nicht leisten!

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    “Nichts zu tun ist harte Arbeit”

    13. Oktober 2011

    Wie wahr ist doch diese Aussage von Oscar Wilde! Wir Menschen der Leistungsgesellschaft setzen Nichtstun gerne mit Faulheit gleich, verdiente Musse mit Müssiggang – und bekanntlich ist ja Müssiggang aller Laster Anfang.
    So kostet es uns tatsächlich oft Überwindung, einmal einfach nichts zu tun, wir müssen uns beinahe dazu zwingen. Nicht selten verurteilen wir uns dafür, haben ein schlechtes Gewissen und suchen krampfhaft nach Rechtfertigungen vor uns selbst und anderen – ich habe Kopfschmerzen, ich fühle mich nicht so gut, ich habe schlecht geschlafen, es ist die letzte Ruhe vor dem Sturm…

    Einerseits liegt es daran, dass wir nicht als faul angesehen werden wollen – was denken die anderen von mir, wenn sie mich im Garten an der Sonne liegen sehen, mitten am Tag, wenn alle arbeiten?

    Andererseits aber auch daran, dass wir unser Selbstwertgefühl daraus beziehen, wie “nützlich” wir sind. Deshalb neigen wir zu missverstandenem Pflichtbewusstsein und Perfektionismus, denn je mehr wir leisten, umso wertvoller fühlen wir uns.
    So ist es aber nicht! Wir sind immer gleich wertvoll, egal wie wir sind, egal was wir tun. Unser Wert hängt nicht von Äusserem ab, er ist stets unverändert und unveränderlich.

    Also gönnen wir uns Ruhe und Musse und Nichtstun – einfach weil wir Lust dazu haben. Weil wir es in uns spüren. Weil unser Körper es möchte. Oder unser Geist. Oder unsere Seele. Und hören wir auf, eine Begründung oder Rechtfertigung dafür zu suchen und abzugeben. Uns selbst nicht und anderen schon gar nicht.

    Eine “To-do-Liste” haben wir doch stets im Kopf – wie wäre es, wenn wir uns einmal eine “Not-to-do-Liste” zusammenstellen?
    :mrgreen:

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    Wie in einem Kanu

    29. August 2011

    Selbstliebe verleiht Stärke. Die Stärke zum Beispiel, mit unseren Schwierigkeiten und Leiden nicht hausieren zu gehen. Wenn wir uns in uns selbst geborgen fühlen, haben wir es nicht nötig, die Anteilnahme und das Mitleid unserer Mitmenschen zu suchen, wir hören auf, uns als Opfer zu präsentieren, um ein bisschen Zuwendung zu bekommen. Wie laden auch nicht länger unsere Probleme bei denen ab, die uns ohnehin nicht helfen können und die wir damit nur unnötig belasten.

    Mein Liebster hat mir neulich eine schöne Allegorie zu diesem Thema erzählt. Er hatte seit einiger Zeit ein Problem mit sich herumgetragen, doch er hatte nie mit mir darüber geredet, bis wir einmal – in einem anderen Zusammenhang – dieses Thema streiften. Ich fragte ihn dann, warum er nicht mit mir gesprochen habe.
    “Weil du nichts zur Lösung beitragen konntest und ich sah, dass ich es selbst würde lösen können”, antwortete er. “Warum hätte ich dich dann damit belasten sollen?
    Unseren gemeinsamen Lebensweg kannst du dir vorstellen, als wären wir zusammen in einem Kanu auf einem Wildbach. Ich paddle auf der linken Seite, du auf der rechten. Ich passe auf der linken Seite auf, dass wir nicht gegen Felsen prallen, nicht in Stromschnellen geraten, schön auf Kurs bleiben, du tust das Gleiche auf deiner Seite.
    Solange ich mit den Herausforderungen auf meiner Seite allein fertig werde, ist es unnötig, dass ich dich darüber informiere, dich damit belaste und nur davon ablenke, auf deiner Seite aufzupassen und alles richtig zu machen.
    Wenn ich jedoch sehe, dass ich eine schwierige Situation nicht allein meistern kann, dann teile ich es dir mit und bitte dich um deine Hilfe.”

    Das hat mich sehr berührt, denn es war nicht nur ein Zeichen von starker Selbstliebe, sondern auch von grosser Nächstenliebe – die beiden gehen ja immer Hand in Hand.
    Ich habe mir diese Kanu-Allegorie gut eingeprägt und mir vorgenommen, in Zukunft nicht mehr über die Schwierigkeiten und Herausforderungen zu reden, bei denen ich keine Hilfe benötige oder keine Hilfe möglich ist.

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    Die Schlange

    25. Juli 2011

    Wir sind immer so bemüht darum, andere nicht zu verletzen, und lassen dabei lieber zu, dass wir selbst verletzt werden – anstatt uns abzugrenzen und zu uns selbst zu stehen. Yogananda erzählte dazu einmal eine nette Geschichte.

    Auf einem Felsen, ausserhalb eines Dorfes, lebte eine Kobra, die schon viele Menschen durch ihren Biss getötet hatte. Deshalb baten die Dorfältesten einen heiligen Mann, etwas dagegen zu unternehmen.
    Er ging zu der Schlange und sagte zu ihr: „Hör auf, die Leute meines Dorfes anzugreifen.“ Berührt durch die Kraft der spirituellen Liebe versprach sie es ihm.
    Als der Heilige nach einer langen Wallfahrt zurückkehrte und am Felsen vorbeikam, fand er die Kobra verwundet und blutend da liegen. „Was ist mit dir geschehen?“, fragte er erstaunt.
    Mit schwacher Stimme antwortete sie: „Die Kinder des Dorfes haben gemerkt, dass ich seit deinem Besuch harmlos bin. Jetzt werfen sie mit Steinen nach mir, sooft sie mich irgendwo entdecken.“
    Der Heilige legte seine Hand auf die Schlange und heilte ihre Wunden. Dann lächelte er verschmitzt und sagte: „Ich habe dir auferlegt, nicht zu beissen – aber warum hast du nicht gezischt?“

    Yogananda kommentierte die Geschichte wie folgt:
    „Lass nicht zu, dass andere dich verletzen; du sollst kein Gift gegen sie sprühen, aber halte sie von dir fern, indem du klar und bestimmt mit ihnen sprichst.“

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    Unzumutbar?

    20. Juni 2011

    Ein lieber ausländischer Freund, mit dem ich mich gut verstehe und gerne zusammen bin, übernachtet von Zeit zu Zeit für eine Nacht, manchmal auch zwei Nächte, in meinem Gästezimmer, wenn er in der Nähe zu tun hat.
    Nun hat er mir neulich erzählt, dass er sich demnächst eine ganze Woche geschäftlich in meiner Gegend aufhalten wird. Ich habe ihm angeboten, während dieser Zeit bei mir zu wohnen, und er hat meine Einladung dankbar angenommen.
    Bei einem späteren Telefongespräch hat er mich dann allerdings gefragt, ob es mir nicht zu viel wäre, ihn eine ganze Woche lang zu beherbergen, ob er mir wirklich nicht zur Last falle. Ich musste ihn regelrecht davon überzeugen, dass ich mich über seine Anwesenheit freue.

    Warum fällt es uns oft schwer, uns anderen zuzumuten? Ein Angebot oder Hilfe anzunehmen? Warum zieren wir uns, wollen es x Mal bestätigt haben, dass wir tatsächlich willkommen sind, das Angebot tatsächlich ehrlich ausgesprochen wurde? Warum meinen wir, zuerst ablehnen und uns dann überzeugen lassen zu müssen?

    Weil wir uns selbst nicht für wertvoll genug halten. Wir glauben (unbewusst) nicht, dass andere unsere Gegenwart schätzen, gerne mit uns zusammen sind. Wir halten uns nicht für interessant, sympathisch, liebenswert genug.
    Oder wir hegen Zweifel an der Aufrichtigkeit unserer Mitmenschen. Da wir selbst uns vielleicht nicht trauen, jemandem, der uns um einen Gefallen bittet, Nein zu sagen, oder uns nicht trauen, unsere Hilfe nicht anzubieten, wenn jemand sie erwartet, gehen wir davon aus, dass andere sich ebenso verhalten. Also lehnen wir ein Angebot ab, um nicht als unsensibel oder gar unverschämt zu gelten; auch weil wir nicht nur aus Mitleid oder wegen der Schwäche des anderen etwas bekommen wollen.
    Manchmal nehmen wir etwas nicht an, weil wir nicht in jemandes Schuld stehen wollen – wir befürchten, dass wir eines Tages, wenn der Betreffende dann uns um einen Gefallen bittet, nicht den Mut haben werden, Nein zu sagen.

    All diesen Verhaltensweisen liegt ein Mangel an Selbstliebe zu Grunde.
    Es ist eine gute Übung zur Stärkung unserer Selbstliebe, angebotene Hilfe oder Geschenke oder Gefälligkeiten ohne Umschweife anzunehmen. Wir sollten einfach “Danke” sagen, ohne vorher abzulehnen, ohne uns bitten zu lassen, ohne zu relativieren, ohne uns zu rechtfertigen oder entschuldigen. Einfach dankbar annehmen. Und uns überhaupt keine Gedanken darüber machen, ob der andere es tatsächlich ernst meint, wir ihn vielleicht später enttäuschen, er eine schlechte Meinung von uns bekommt und mehr dergleichen.

    Trauen wir uns, uns anderen zuzumuten!

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    Hör auf zu denken!

    17. Mai 2011

    Im vorangehenden Text vom 19. April 2011 über die Schuldgefühle habe ich unter anderem erwähnt, dass wir uns dem Gedankenstrudel kaum mehr entziehen können, haben wir einmal angefangen, uns Selbstvorwürfe zu machen.
    Diese kreisenden Gedanken kennen wir jedoch auch, wenn wir uns um etwas sorgen, über Geschehenes grübeln, Liebeskummer haben, uns eine schwierige Aufgabe bevorsteht und bei vielen anderen Gelegenheiten.
    Ist die Denkmaschinerie einmal in Gang, hört sie nicht von selber wieder auf. Möglicherweise lässt sich dieses Phänomen dadurch erklären, dass die elektrischen Ströme im Gehirn automatisch weiterfliessen – wie es auch bei körperlichen Schmerzen geschehen kann, dass die einmal aktivierten Nerven weiterhin Schmerzmeldungen ans Gehirn senden, obwohl die Schmerzursache bereits beseitigt ist.

    Jedenfalls gelingt es uns in den seltensten Fällen, die Gedanken allein durch unseren Willen abzustellen. Genauso wenig wie wir sie einfach zum Schweigen bringen können, wenn wir meditieren wollen, oder sie einfach abschweifen, wenn wir beispielsweise lesen, einen Film schauen oder einem langweiligen Redner zuhören.
    Wir müssen die Gedankenströme umlenken, also unser Gehirn anderweitig beschäftigen. Dazu dient die Achtsamkeit. Wir richten unsere ganze Aufmerksamkeit auf das, was wir gerade tun – wir leben in der Gegenwart, ausschliesslich in der Sekunde, in der wir uns gerade befinden. Wir beobachten lediglich, wie es ein Aussenstehender tun würde, aber ganz intensiv, allerdings ohne über das Beobachtete nachzudenken oder es zu interpretieren. Sonst entfernen wir uns bereits wieder von der Realität und konstruieren uns eine gedankliche Scheinwirklichkeit; da können auch unsere vorherigen kreisenden Gedanken wieder eindringen.
    Wenn Gedanken aufkommen – was mit der Zeit zwangsläufig eintreten wird –, beobachten wir auch diese wie ein Aussenstehender, wir betrachten sie als einen automatisierten Prozess in unserem Gehirn und lassen uns dadurch nicht mehr von ihnen vereinnahmen. Mit der Zeit hören sie dann auf zu fliessen.

    Dazu noch ein paar Anhanltspunkte und Anregungen:
    • Ich will mit den obigen Ausführungen nicht sagen, wir sollen nicht über ein Problem, das uns beschäftigt, nachdenken. Aber: Wenn wir eine Aufgabe bewältigen, ein Problem lösen müssen, dann denken wir an das Problem, an die Aufgabe, konstruktiv und analytisch. Und nicht daran, was passieren könnte, wenn wir keine Lösung finden, ob wir es rechtzeitig schaffen, warum wir uns bloss in diese Situation gebracht haben, was die anderen dazu sagen werden und an alle möglichen Konsequenzen!
    • Betrachten wir die kreisenden Gedanken als ein automatisiertes Produkt des Gehirns, das aus gespeicherten Daten besteht; es hat nichts mit uns und mit der Wirklichkeit zu tun. Dadurch fallen auch die durch das Denken hervorgerufenen Emotionen weg, die uns weiter in den Strudel hineinziehen. Erst dann hören wir unsere innere Stimme, die uns das Richtige sagt.
    • Zum Thema Selbstvorwürfe und Schuldgefühle. Was wir auch immer getan haben, was auch immer geschehen ist: Wenn wir jetzt darüber nachdenken, so betrachten wir das Vergangene aus der jetzigen Position. Jetzt besitzen wir mehr Informationen, aus der gemachten Erfahrung und der heutigen Sicht würden wir anders handeln – doch als die Vergangenheit unsere Gegenwart war, war es schlicht unmöglich. “Im Nachhinein ist man immer schlauer!” habe ich im vorangehenden Artikel auf dieser Website bereits geschrieben, ich weiss. Aber man kann es nicht oft genug wiederholen, dass wir aus Vergangenem zwar unsere Erkenntnisse gewinnen, unsere Lehren ziehen sollen, ihm aber nicht gedanklich nachhängen, schon gar nicht mit Schuldgefühlen!
    • Eine Methode, um aus den kreisenden Gedanken herauszufinden, habe ich in meiner Erzählung „Der Wanderer im dunklen Gewand“ (Seite 71) beschrieben.

    “Weile in der Gegenwart des Seins, lass deinen Gedanken keinen Raum. Die äusseren Umstände sind weder gut noch schlecht, weder angenehm noch unangenehm – die Bewertung macht nur das Denken. – Sieh die Weide dort! Sei bei ihr, solange deine Augen auf ihr ruhen, nimm ihre geschwungenen in den Himmel gerichteten Ruten wahr, erkenne die lanzenförmige Gestalt ihrer Blätter, die senfgelbe Farbe ihrer Rinde. Die Weide ist in diesem Moment deine Gegenwart – dann ist kein Platz für Gedanken von Einsamkeit! Und wenn du einen Schritt weiter bist und die Weide deinem Blickfeld entschwunden, siehst du den grossen Stein im Wasser, wie die Strömung an ihm abreisst, kleine Wirbel und Gischt bildet…” – Er gab sich dem Sehen hin, bis er tatsächlich nur noch Gegenwart war, reines Erleben, und dabei weder Freude noch Leid, nur noch Gleichmut empfand.

    • Eine weitere Methode, um das Denken abzustellen, ist das Rezitieren von Mantras oder von Affirmationen; darauf will ich hier nicht näher eingehen, Anleitungen dazu finden sich viele im Internet.
    • Auf meiner anderen Website habe ich soeben Zitate von Sai Baba aufgeführt, von denen einige auch zum Thema Denken passen.

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    Misserfolge und Schuldgefühle

    19. April 2011

    Wenn du auf Schwierigkeiten triffst oder Misserfolge erleidest, die nicht von deinem eigenen Verschulden herrühren, brauchst du dich nicht zu sorgen.
    (Übersetzt aus Sri Aurobindo: Letters on Yoga I)

    Wie oft empfinden wir doch Schuldgefühle, wenn wir einen sogenannten Fehler machen, wenn Dinge nicht so laufen, wie sie sollten, wenn andere vermeintlich wegen uns leiden oder Probleme haben!
    Dann werfen wir uns alles Mögliche vor, können die kreisenden Gedanken kaum mehr abstellen und geraten in einen Strudel, in dem wir uns schlecht fühlen und aus dem wir nur mit Mühe oder mit der Zeit herausfinden.

    Selbstvorwürfe und Schuldgefühle sollten wir generell nicht aufkommen lassen, denn sie nützen nichts – weder einem betroffenen Mitmenschen noch uns selbst. Kritisch und ehrlich die Situation anschauen, erkennen ob wir anders hätten handeln sollen und falls ja, es uns selbst und anderen eingestehen, uns vielleicht dafür entschuldigen, uns vornehmen, es das nächste Mal besser zu machen – ja, das sollten wir tun. Und es dann dabei bewenden lassen, nicht mehr daran denken, nicht mehr darüber reden, nicht zulassen, dass andere es uns weiterhin vorhalten.

    Falls wir tatsächlich gefehlt haben! Denn wie oft fühlen wir uns schlecht, wenn Schwierigkeiten auftauchen, uns Missgeschicke oder sogenannte Fehler passieren, jemand angeblich wegen uns leidet, ohne dass wir etwas dafür können! Wir neigen dazu, uns die Schuld für dies und das aufzuladen, obwohl wir es gar nicht hätten verhindern, nichts hätten besser machen können.
    Genau das meint Sri Aurobindo im obigen Zitat. Wenn wir uns Mühe geben, das tun, was in unserer Macht steht, nach bestem Wissen und Gewissen handeln: Warum sollten wir uns dann verantwortlich fühlen für das, was dabei herauskommt? Selbst wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass wir einen sogenannten Fehler begangen haben. Nachher ist man immer schlauer, im Rückblick ist es leicht zu kritisieren und es besser zu wissen!

    Wenn wir es schon nicht lassen können, uns Vorwürfe zu machen für das, was aus unserer Nachlässigkeit, Unachtsamkeit oder aus unserem schlechten Willen entsteht – dann nehmen wir uns heute und für alle Zukunft wenigstens vor, uns nicht mehr verantwortlich zu fühlen für all das, wofür wir keine Schuld tragen.
    Treten nämlich Schwierigkeiten oder Misserfolge auf, obwohl wir uns redlich bemüht haben, so haben sie bestimmt nicht den Sinn, uns Schuldgefühle aufzuladen, sondern den Sinn, uns etwas zu lehren, damit wir uns mit den Problemen auseinandersetzen und sie bewältigen oder gleichmütig ertragen.

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    Gegen den Strom

    21. März 2011

    Einen interessanten Artikel über Gruppendruck, Mitläufer und kollektive Glaubenssysteme habe ich neulich gelesen.*
    Darin wird von verschiedenen Versuchen berichtet, in denen gezeigt wird, wie stark wir Menschen uns vom Urteil der Mehrheit beeinflussen lassen. Ich erzähle hier nur eines dieser Experimente.

    52 Personen sollten drei verschiedene Weinproben beurteilen. In Wirklichkeit waren alle drei gleich, nur der Probe C wurde Essig beigemischt, sodass sie ungeniessbar wurde.
    Wenn die Testpersonen die Weine für sich allein degustierten, erkannten sie problemlos C als schlecht.
    Man liess dann die Teilnehmer den Wein zusammen mit einer Gruppe von angeblichen Weinexperten degustieren, die absichtlich die Probe B als ungeniessbar nannten. Unter diesem Gruppendruck liess sich mehr als jeder zweite Teilnehmer dazu hinreissen, ebenfalls die Probe B als schlecht zu bezeichnen.
    Schlimmer noch: Ausgerechnet diese Personen hackten nachher bei der Gruppendiskussion am heftigsten auf der Unfähigkeit derjenigen herum, die – richtigerweise – den Wein C als schlecht beurteilt hatten. Das lässt sich damit erklären, dass sich diejenigen, die ihre Meinung geändert haben, unsicher fühlen und dies dadurch zu überspielen versuchen, indem sie ihre Überzeugung fanatischer vertreten und andere niedermachen.

    Beträfe diese Situation, dass wir uns dem Urteil der Mehrheit angleichen, nur harmlose Weindegustationen, so wäre das ja nicht weiter tragisch. Dieses Phänomen tritt jedoch im alltäglichen Leben öfter auf, als wir annehmen, und zwar mit weitreichenden Konsequenzen. Wenn der Lehrer in der Schule etwas erklärt hat und daraufhin fragt, ob es Fragen dazu gebe, streckt meistens keiner auf. Obwohl viele den Stoff nicht begriffen haben, schliesst jeder daraus, er sei der einzige, der nichts verstanden hat und hält sich für dumm und unfähig.
    Das Gleiche geschieht mit Glaubenssystemen, die scheinbar von der Mehrheit akzeptiert werden, weil sich doch niemand dagegen auflehnt: von einem ungerechten Chef am Arbeitsplatz bis hin zu religiösem Fundamentalismus. Gewisse politische Kampagnen verdanken ihren Erfolg nicht zuletzt den “lauten”, vielleicht prominenten Stimmen der einen Seite, die Mitläufer anziehen – und zugleich dem Schweigen der Mehrheit.

    Es ist nicht leicht, diesem Gruppendruck zu entkommen; gemäss Studien haben weder Bildung, Beruf, Alter, Einkommen noch andere Paramter Einfluss darauf.
    Nur Menschen, die ein starkes eigenes Glaubenssystem haben, wiederstehen der “falschen Wahrheit der Mehrheit”.

    Deshalb ist es so wichtig, dass Selbstliebe und Selbstwertgefühl in uns stark und lebendig sind. Lassen wir uns nie in unserer Überzeugung beirren, wenn wir etwas für richtig oder für falsch halten! Und wenn alle anderen das Gegenteil behaupten: Haben wir den Mut, gegen den Strom zu schwimmen!
    Auch wenn wir einmal einen sogenannten Fehler machen, weil wir nicht auf die anderen, sondern nur auf uns selbst gehört haben, ist das überhaupt nicht schlimm. Abgesehen davon, dass wir daraus lernen, wiegt die Tatsache, dass wir uns selbst vertraut haben, uns selbst treu geblieben sind, jeden “Fehler” auf!

    * Artikel: Betonkopf auf dem Wendehals von Rolf Degen, erschienen in Bild der Wissenschaft 4/2011.

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    Selbstliebe – ein Element der glücklichen Liebesbeziehung

    25. Februar 2011

    Liebesbeziehungen – ein wichtiger Lebensbereich, der viel zu unserem Glück oder zu unserem Leid beiträgt. Im Zusammenhang mit der Selbstliebe will ich deshalb heute auf zwei auf den ersten Blick banale Weisheiten eingehen, die ich auf dieser Website schon öfters zitiert habe*:

    • Wer sich nicht selbst liebt, muss sich lieben lassen.
    • Wer sich selbst nicht liebt, kann auch andere nicht richtig lieben.

    Beide Faktoren, das Bedürfnis nach Liebe und die Unfähigkeit zu wahrer Liebe, verhindern, dass wir in unserer Beziehung glücklich sind.

    Wenn wir die Liebe des Partners brauchen, machen wir uns von ihm abhängig. Das führt zu einer mehr oder weniger offenkundigen, ständig vorhandenen Angst, den Geliebten zu verlieren, was Eifersucht, Machtspiele und mehr an destruktiven Verhaltensweisen mit sich bringt; über kurz oder lang vergiften diese die Beziehung, sodass wir den geliebten Menschen tatsächlich verlieren.
    Umgekehrt tun wir alles, um den Geliebten an uns zu binden, auch eine Menge Dinge, die wir gar nicht tun möchten, was wiederum uns selbst nicht gut tut – bis wir es nicht mehr aushalten und die Beziehung auflösen oder es gar so weit kommen lassen, dass wir daran zerbrechen.

    Aus der Verlustangst entsteht auch unsere Angst, dem geliebten Menschen nicht zu genügen: nicht schön oder attraktiv genug zu sein, seinem Idealbild nicht zu entsprechen, die Erwartungen in Bezug auf Sex, Witz, Bildung, Intelligenz nicht zu erfüllen… und dass er sich deshalb früher oder später von uns abwenden könnte. Dieser Angst entstammt unser Bedürfnis, von ihm immer wieder bestätigt zu bekommen, dass wir schön, unterhaltsam, interessant usw. sind, dass er uns liebt und begehrt – tut er das nach unserem Ermessen nicht in ausreichendem Mass, zweifeln wir an uns (und an ihm!). Das führt zu Konflikten.
    Zu weiteren Konflikten kommt es, weil wir das, was er sagt oder tut, oft auf dem Hintergrund dieser Angst, nicht zu genügen, bewerten und dabei zu völlig irrationalen oder einseitigen Schlüssen kommen und entsprechend übertrieben reagieren.

    All das macht uns unglücklich, wir fühlen uns verzweifelt und ohnmächtig. Oder dann “arbeiten” wir daran, den Partner zu ändern, ihn zu einem Idealbild umzuformen, zu einem Menschen, der nie etwas falsch macht, uns nie verletzt, uns 24 Stunden pro Tag von seiner ewigen Liebe überzeugt… Unnötig zu sagen, dass dies unmöglich ist. Kein Mensch wird je unserem Perfektionsideal entsprechen und uns die Sicherheit geben können, die wir suchen – und selbst wenn, wir würden es nicht merken und ihn weiterhin zu verändern versuchen, da unsere Wahrnehmung auf der Basis unserer Verlustangst verzerrt ist und wir nach wie vor “Mängel” in ihm sähen, sehen wollten.

    Also, was nun? Wie finden wir zu einer Liebesbeziehung, die uns glücklich macht? Indem wir uns in erster Linie selbst lieben.

    Ich will versuchen, in aller Kürze einige Anregungen zu geben – sie werden nie für alle stimmen und nicht für jede Situation. Also spürt in euch selbst, was für eure individuelle Lage anwendbar ist und was nicht.
    In meinen folgenden Erörterungen klammere ich ferner den Fall aus, in dem der Partner existentielle Werte missachtet (er ist z.B. gewalttätig, wiederholt untreu, einer Sucht verfallen usw.), sodass eine Trennung meistens die einzige Lösung ist. Es geht hier vielmehr um die “normalen”, alltäglichen Beziehungsgeschichten.

    • Unterlassen wir alle Versuche, den Partner zu ändern, und arbeiten wir stattdessen an uns selbst, bemühen wir uns insbesondere, unsere Selbstliebe, unser Selbstwertgefühl aufzubauen und zu stärken; auf dieser Website finden sich viele Hinweise dazu. Unter anderem sollten wir uns (im Sinne einer “Selbstüberzeugung” mit dem Ziel der Selbstveränderung) immer wieder selbst Dinge sagen wie:
    - Ich brauche die Liebe meines Partners nicht, es ist zwar schön, wenn er mich liebt – wenn aber nicht, dann wird jemand anders mich lieben, es wird immer jemanden geben, für den ich wichtig und liebenswert bin;
    - Ich bin genau richtig, so wie ich bin; wenn mein Partner mich anders haben möchte, so liegt das an seinen individuellen Vorstellungen, denen ich nicht genügen muss, sie sind nicht der allgemeingültige Massstab;
    - Ich habe keine Angst, meinen Partner zu verlieren; viel wichtiger und beglückender ist, dass ich mir selbst treu bleibe;
    - und mehr dergleichen.

    • Hören wir auf, in alles, was der Partner sagt oder tut, etwas hineinzuinterpretieren und auf uns zu beziehen; wenn uns etwas nicht klar ist, fragen wir ihn, ansonsten kämpfen wir mit all unserer Kraft dagegen an, zu grübeln und uns dem Teufelskreis unserer Gedanken und Gefühle auszuliefern.

    • Hören wir auch auf, den Partner ständig zu be- und verurteilen – akzeptieren wir ihn, so wie er ist. Wir möchten doch auch, dass er uns annimmt und liebt, wie wir sind! Wir sind doch alle nur schwache Menschen, die sich so verhalten, wie sie es halt vermögen, wie sie es gelernt haben…
    Seien wir versöhnlich und nachsichtig. Wenn er etwas sagt oder tut, das uns nicht gefällt oder uns gar verletzt, versuchen wir zu verstehen, warum er es tut, und augenblicklich zu verzeihen – meistens ist es doch gar nicht böswillig gegen uns gerichtet, sondern geschieht aus seinem eigenen Unvermögen, aus Unkenntnis, vielleicht zwar aus Unachtsamkeit oder Nachlässigkeit, jedenfalls nicht um uns wehzutun. In diesem Zusammenhang nochmals: Beziehen wir nicht immer alles so eng auf uns selbst! Auch dazu brauchen wir ein gesundes Selbstwertgefühl, damit wir uns dabei nicht schwach, entwürdigt, zurückgewiesen vorkommen.

    • Bemühen wir uns in jedem Augenblick darum, wahrhaft vorbehaltlos zu lieben. Vorbehaltlos lieben heisst im wahren Sinne des Wortes “keine Vorbehalte haben”: Unsere Liebe hängt folglich nicht davon ab, wie sich der Partner verhält. Selbst wenn wir wütend sind, enttäuscht, traurig, verletzt: Diese Gefühle richten wir auf sein Verhalten, seine Worte, seine Tat, aber nicht auf ihn als Menschen. Egal was er sagt, egal was er tut, das ändert nichts an unserer Liebe.

    • Bemühen wir uns in jedem Augenblick darum, wahrhaft bedingungslos zu lieben. Bedingungslos lieben heisst im wahren Sinne des Wortes “keine Bedingungen stellen”: Wir lieben ihn nicht, weil… wenn… sofern… Wir lieben ihn einfach. Es macht uns glücklich zu lieben, nicht weil wir etwas dafür bekommen – genau betrachtet, nicht einmal, um wiedergeliebt zu werden. Das ist nicht einfach, zugegeben, dafür müssen wir hart an uns selbst arbeiten.
    Wir haben also auch keine Erwartungen, stellen keine Forderungen. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Wünsche nicht äussern sollen – aber als Wunsch, nicht als Forderung. Und die Erwartungen lassen wir sofort fallen: Wenn unser Wunsch, ein ausgesprochener oder unausgesprochener, vom Partner erfüllt wird, gut; wenn nicht, so nehmen wir es nicht persönlich (auch dazu brauchen wir unsere Selbstliebe!) und es ändert nichts an unserer inneren Zufriedenheit. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch der nächste Punkt:

    • Bei aller Selbstliebe: Uns selbst zu lieben, bedeutet nicht, unseren sogenannten oder vermeintlichen Bedürfnissen ein riesiges Gewicht zu verleihen. Elementare Bedürfnisse sollen wir nicht vernachlässigen, das ist richtig und wichtig! Aber es ist vielmehr ein Zeichen von Selbstliebe und Stärke, wenn wir unsere “Bedürfnisslein” nicht so ernst nehmen, sie nicht zur Staatsaffäre aufbauschen und sie einfach loslassen. Meistens tragen sie nämlich überhaupt nichts zu unserem wahren Glück bei, wenn sie erfüllt werden.

    Zum Schluss noch etwas Grundlegendes: Es ist nicht die Pflicht oder Aufgabe unseres Partners, uns glücklich zu machen. Glücklichsein lässt sich nicht delegieren, das können ausschliesslich wir selbst tun. Und in diesem Zusammenhang abschliessend eine radikale Äusserung meinerseits: Wenn es uns nicht gelingt, in einer “schwierigen” Beziehung, mit einem “unvollkommenen” Partner glücklich zu werden, wird es uns in einer einfachen, mit einem “perfekten” Partner auch nicht gelingen. Wie der Dichter sagt: Wenn du dein Glück in der Hölle nicht findest, findest du es auch nicht im Paradies. An uns liegt es, an unserer Selbstliebe, nicht an den äusseren Umständen.

    * Hier findet ihr weitere Aspekte zu diesen Aussagen:
    Anhaftung und Abhängigkeit
    Warum Beziehungen zerbrechen
    Wieder einmal zum Thema Nächstenliebe
    Liebe “sammeln”

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    Innere Leere und die Sehnsucht nach wahrer Liebe

    17. Januar 2011

    In den letzten Monaten bin ich mehrmals auf das Thema einer undefinierbaren Einsamkeit in Verbindung mit dem Wunsch nach einer tiefen, wahren Liebe angesprochen worden – und zwar immer von Männern zwischen 50 und 65 Jahren. Mit dem heutigen Artikel löse ich mein Versprechen ein, das ich einem dieser Männer gegen Ende des letzten Jahres gegeben habe, nämlich einmal spezifisch etwas über dieses Thema zu schreiben.

    Eine der treffendsten Formulierungen, die ich in diesem Zusammenhang gehört habe: “Ich erlebe ein Gefühl der inneren Leere und einen Mangel an einer tiefen und befriedigenden Liebe, dies obwohl mein Umfeld äusserlich sehr viele positive Aspekte hat.”

    Die Erfahrung, dass alles Äussere stimmte, beruflich, privat, finanziell, und mir trotzdem etwas fehlte und ich nicht zutiefst glücklich war, habe ich schon früh in meinem Leben gemacht, und diese Empfindung ist periodisch immer wieder aufgetreten. In Sonnwandeln Nr. 16 habe ich es wie folgt formuliert:

    Trotz einer glücklichen Partnerschaft und Erfüllung im Beruf, trotz Freunden und Freizeitbeschäftigungen, ob­wohl es ihnen an nichts mangelt, sie alles haben um glücklich zu sein, empfinden einige Menschen eine leise, stets vorhandene Einsamkeit oder diese überfällt sie von Zeit zu Zeit. Dann spüren sie, dass das äusserlich glück­liche Leben ihnen nicht genügt oder dass kein Mensch ihnen geben kann, wonach sie dürsten – oft wissen sie selbst nicht, was ihnen eigentlich fehlt, wonach sie suchen, es ist vielmehr eine unbestimmte Empfindung, eine unerklärliche, vage Sehnsucht.

    Den Worten von Sri Aurobindo folgend

    „Die innere Einsamkeit kann nur durch die innere Erfahrung der Einheit mit dem Göttlichen geheilt werden; keine menschliche Beziehung kann diese Leere füllen.“

    habe ich nach dem Tod meines langjährigen Lebenspartners diese Sehnsucht schliesslich als die Sehnsucht nach dem Höheren, dem Göttlichen erkannt und die Erfüllung in meinem spirituellen Weg gefunden.

    Aber darüber will ich heute nicht schreiben, sondern über die Sehnsucht nach einer irdischen, menschlichen Liebe – eine Liebe jedoch, die über unsere gewöhnliche, unvollkommene, besitzergreifende, erwartende, fordernde Liebe hinausgeht. Auch die Selbstliebe, das eigentliche Thema dieser Website, lasse ich für einmal ausser Acht.

    Wenn wir noch jünger sind, haben wir an Liebesbeziehungen meistens andere Erwartungen, zuerst Leidenschaft, wilde Zeiten, Spass, Intensität, dann mit dem Gründen einer Familie eher Sicherheit, sich aufeinander verlassen können, gut harmonieren. Schliesslich kommen wir in ein Alter, in dem diese Anforderungen nicht mehr an erster Stelle stehen, wir haben vieles schon erlebt, auch verschiedene Beziehungen mit Trennung und Scheidung, wir haben eine ganze Menge Lebenserfahrung gewonnen, sind etwas gleichmütiger, zugleich aber auch anspruchsvoller geworden, indem wir uns nicht mehr mit dem Durchschnittlichen, nur halbwegs Befriedigenden begnügen.
    Sei es, dass man inzwischen wieder Single ist, sei es dass man in einer Beziehung lebt, es mag sich eine unbestimmte Unzufriedenheit, Melancholie oder das erwähnte Gefühl der Leere breitmachen. Die tieferen Gründe und der Zeitpunkt, in dem das aufzutreten beginnt, sind individuell, deshalb will ich mich darüber auch nicht weiter auslassen. Hingegen glaube ich zu wissen, was diese Sehnsucht nach wahrer Liebe ist, wobei natürlich auch hier von Mensch zu Mensch Unterschiede bestehen.

    Es ist die Sehnsucht, ich selbst zu sein. So sein zu dürfen und dabei vom Partner so angenommen zu werden, wie ich bin.

    An Anfang einer neuen Beziehung zeigen wir für gewöhnlich unsere besten Seiten und unterdrücken die negativen. Mit der Zeit lässt das zwar nach, aber meistens behalten wir – auch in langjährigen Beziehungen – einen Teil unserer Maske auf, weil wir wissen oder zu wissen meinen, dass der Partner bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen nicht mag, sie gar verurteilt, und wir Angst haben vor Konflikten, den Partner nicht verletzen oder verlieren wollen und Ähnliches. In erster Linie ist es natürlich die Angst, nicht mehr geliebt zu werden, falls wir die Erwartungen des Partners nicht erfüllen. Wie oft habe ich von Männern den Satz schon gehört: “Ich tue doch alles, um es ihr recht zu machen, wenn sie mich doch nur wieder so liebt wie früher!”
    Im Grunde genommen möchten wir aber alle, dass unser Partner uns so annimmt wie wir sind, ohne dass wir uns verstellen müssen, und uns liebt, egal wie wir sind, unsere Eigenschaften oder Verhaltensweisen nicht verurteilt und ablehnt. Doch weil wir wissen oder zu wissen glauben (und meistens trifft es sogar zu), dass es nicht so ist, spielen wir eine Rolle, die mit der Zeit zu einer festen Gewohnheit wird, und leben mit dem mehr oder weniger bewussten Schmerz, nicht authentisch zu sein, oder – positiv ausgedrückt – mit dieser Sehnsucht, ganz wir selbst sein zu wollen.

    Es ist tatsächlich schwierig, sich in einer bestehenden Beziehung plötzlich anders zu zeigen. Tut man es, versteht der Partner das oft nicht und reagiert befremdet, verunsichert, auch mit Ablehnung und Zurückweisung: “Was ist plötzlich los mit dir? So warst du doch früher nicht!” Unsere Veränderung stösst bei den Mitmenschen häufig auf Widerstand – vor allem wenn diese Veränderung ihre eigenen Interessen tangiert.
    Das mag unter vielen anderen auch einer der Gründe für einen Partnerwechsel sein, denn in einer neuen Beziehung sehen wir die Chance, uns von Anfang an ein bisschen echter zu zeigen. Und wie gesagt, mit zunehmendem Alter wird uns das immer wichtiger.

    Die Liebesbeziehung, nach der wir uns sehnen, ist eine ehrliche: Ich darf so sein, wie ich bin, ohne eine Maske zu tragen. Ich darf meinem Partner alles sagen, was ich denke, was ich fühle, was ich mir wünsche, was ich nicht mag – und stosse dabei auf Offenheit und Interesse, ich werde nicht abgelehnt oder kritisiert, schon gar nicht verurteilt, sondern fühle mich immer gleichermassen angenommen und geliebt. Das Gleiche darf und soll natürlich auch mein Partner tun: Die Gewissheit, dass er in seinen Worten und seinem Verhalten offen und ehrlich zu mir ist, ist mir mindestens so wichtig und auch ich nehme ihn bedingungslos und vorbehaltlos an. Dadurch fallen alle Machtspiele weg, jegliche Art von (sanfter) Manipulation und Taktik, Tabus und Klischees und und und.
    Damit verbunden ist der gegenseitige Respekt, für mich eine der unerlässlichen Eigenschaften in einer Beziehung. Ich respektiere das Wesen meines Partners, seine Eigenart, seine Entscheidungen. Ich traue ihm zu, das für ihn Richtige zu tun, so gut er es halt kann. Ich mute ihm auch zu, mit Schwierigkeiten umgehen und Schweres tragen zu können: Deshalb kann ich einerseits offen und aufrichtig sein, und andererseits mische ich mich nicht in sein Leben ein, ich lasse zu, dass er seine eigenen Erfahrungen macht und daraus lernt.

    Was ich bis hierher geschrieben habe, trifft auf beide Geschlechter gleichermassen zu. Jetzt will ich noch auf etwas eingehen, was Männer in ihrer Paarbeziehung auch oft vermissen und wonach sie sich sehnen.
    Dafür muss ich schnell bis zu Adam und Eva zurückzugehen, nämlich zur Verschiedenartigkeit von Mann und Frau. Und ich bin mir bewusst, dass das, was ich im Folgenden schreibe, bei vielen Frauen (und vielleicht auch Männern) Unverständnis, Empörung und heftigen Widerspruch auslösen wird. Betrachtet es einfach als meine persönliche Meinung, die in immerhin bald 57 Jahren Erfahrung herangereift ist, und missversteht es nicht in der Richtung, als würde ich Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Mann und Frau über den Haufen werfen wollen.
    Mann und Frau sind unterschiedlich, das bestreitet wohl niemand, in ihrem Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in ihren Bedürfnissen. Daraus entstehen viele Schwierigkeiten und Konflikte in Paarbeziehungen. Und viel eigene Frustration, Entmutigung, Unzufriedenheit und, wie gesagt, vor allem mit zunehmendem Alter und grösserer Lebenserfahrung mehr und mehr diese Sehnsucht, so sein zu dürfen, wie man ist, mitsamt den geschlechtsspezifischen Eigenheiten.
    Eine wahrhaftige, für beide bereichernde Liebesbeziehung ist meines Erachtens nur möglich, wenn Mann und Frau ihrem Naturell folgen und sich nicht der missverstandenen emanzipatorischen “Gleichmachung” unterwerfen. Von Natur aus ergänzen sich Mann und Frau nämlich in dem, was sie brauchen, und dem, was sie zu geben vermögen, so wie sich im Tierreich Männchen und Weibchen perfekt ergänzen.
    Ohne zu übersehen, dass wir Menschen alle eine grosse Portion an Egoismus in uns haben, ist die Frau von Natur aus grösserer Hingabe fähig als der Mann, sie ist sanfter, weicher, kann aber auch besser zurückstecken und, ohne darunter zu leiden, die eigenen egoistischen Interessen hinter das Wohlergehen des Partners stellen.
    Genau das ist es, wonach der Mann sich sehnt: eine hingebungsvolle, sanfte, zärtliche Frau. Und damit meine ich nicht eine unterwürfige Frau, die keine eigene Meinung hat oder immer zu allem ja und amen sagt! Aber eine, die aus ihrer inneren Stärke heraus weich und liebevoll ist. Die sich hinter ihren Mann stellt und ihn stützt. Die ihre Rolle innerhalb der Partnerschaft kennt und erfüllt, sich nicht dem undifferenzierten emanzipatorischen Diktat der Gleichmachung verschrieben hat und dennoch dem Mann eine ebenbürtige Partnerin ist.
    Mehr ins Detail will ich nicht gehen, der individuelle Spielraum der Rollenverteilung innerhalb einer Beziehung ist sehr gross. Ebenso wenig will ich hier auf die komplexe Thematik der Sexualität eingehen, bei der die unterschiedlichen Bedürfnisse und Erwartungen von Mann und Frau ein besonders Problempotential darstellen.

    So weit meine Gedanken zum Thema der Sehnsucht nach wahrer Liebe. Einige wenige – was ich im Rahmen einer solchen Website eben sagen kann. Es gäbe so vieles zu ergänzen, auszuführen, aber dann müsste ich ein Buch darüber schreiben!

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