Immer zur rechten Zeit

Im vorangehenden Artikel vom 19. August ging es darum, dass wir durch unser ganzes Leben getragen werden. Im Rückblick, aus einer gewissen zeitlichen Entfernung, erkennen wir das manchmal recht klar, wie wir in einer schweren Situationen begleitet und gestützt wurden. Leider nicht dann schon, wenn wir mittendrin stecken!
Tatsächlich bekommen wir immer die Hilfe, die wir brauchen. Wir müssen bloss achtsam sein, damit wir sie entdecken, und sie dann annehmen.

Andrea*, eine liebe Freundin, hat mir neulich erzählt, wie sie diese Hilfe in einer Krise erfahren hat. Sie war ein „Tenniskind“: Ihre Mutter hatte sie von frühester Kindheit in diese Sportart gezwungen, um aus ihr eine Welt-Nummer-Eins zu machen. Mit 8 Jahren trainierte sie schon mehrere Stunden täglich. Für anderes, neben der Schule und dem Training, war in ihrem Leben kein Platz. Vielleicht wäre sie dabei nicht unglücklich geworden, wäre nicht der enorme psychische Druck gewesen, den ihre Mutter auf sie ausübte. Wenn sie bei einem Turnier nicht gewann, wurde sie von ihrer Mutter aufs übelste beschimpft, manchmal sogar geschlagen.
Wie hätte sie sich wehren können, ein kleines, hilfloses Kind, das sich nach nichts anderem sehnt als nach ein bisschen Liebe? Sie gab sich alle erdenkliche Mühe, gut zu sein, besser zu werden, den Ansprüchen ihrer Mutter zu genügen, bis sie mit 16 ernsthaft erkrankte – wen wunderts? – und fast zwei Jahre lang mehr Zeit im Spital als zu Hause verbrachte.
Nach ihrer Genesung ging es mit dem Tennis wieder los – was hätte sie sonst tun sollen, sie konnte doch nichts anderes…
Als sie wieder einmal bei einem Turnier schlecht abgeschnitten hatte – sie war inzwischen volljährig und reiste allein dahin –, sass sie auf einer Bank in der Nähe des Bahnhofs und grübelte. Sie spürte, dass es so nicht weiter gehen konnte. Durch ihre lange Krankheit war eine Rückkehr in den Profisport äusserst schwierig; allerdings hatte man ihr einen Vertrag angeboten. Ihre Gedanken liefen wirr durch ihren Kopf: „Was wenn ich es nicht schaffe, wieder konkurrenzfähig zu werden? Und was, wenn meine Krankheit wieder ausbricht, was die Ärzte nicht ganz ausschliessen konnten? Und was wenn alles zwar nach Plan läuft, aber irgendwie verdiene ich mit diesem Vertrag nicht genug Geld, also für meine Zukunft? Was macht man als Sportlerin, wenn man 40, 50, 60 wird? Alte Sportler kenne ich zuhauf…“ Mit ihrer Familie wollte sie am liebsten nichts mehr zu tun haben, aber Geld hatte sie auch keines; was sie mit dem Tennis verdient hatte, war alles in die Tasche ihrer Mutter geflossen, und da war nichts zu holen!
Wie sie so da sass, mit all diesen Gedanken kämpfte, tauchte auf einmal ein alter Mann auf. Er ging auf sie zu, er war wirklich uralt mit weissem Haar und Bart. Er sagte zu ihr: „Das Leben kann zu einem verrückten Hunderennen werden: Die Hunde rennen und rennen in einem Laufring einem mechanischen Fuchs hinterher. Doch sie fangen ihn nie, er ist immer ein paar Zentimeter vor ihnen… Aber selbst wenn sie ihn fingen, würden sie schnell merken, dass er aus Kunststoff ist, also ein total wertloser Gewinn.“
Andrea starrte ihn an, er wirkte auf sie wie ein Prophet. Er lächelte noch einmal, dann war er weg. Seine Worte hatten tief in ihr etwas bewegt, und sie wusste, dass sie in diesem Augenblick mit dem Tennis endgültig abgeschlossen hatte. Wenige Tage später bewarb sie sich um ein Stipendium einer ausländischen Universität – und sie bekam es.

Wenn wir gerade in einer Krise stecken und nur noch schwarz sehen, so mit unserem Problem beschäftigt sind, dass wir keine Augen mehr haben für das, was ausserhalb von uns geschieht, bemerken wir die „Hilfe“ vielleicht nicht. Auch ist sie nicht immer deutlich und greifbar. Es kann sich, wie in Andreas Fall, nur um einen Satz handeln, den jemand zu uns sagt, oder um etwas, das wir sehen, um ein kleines, scheinbar unbedeutendes Ereignis, um einen jener berühmten „Zufälle“… Die Wege der Vorsehung sind unendlich! Und ihre Türen gehen dann auf, wenn wir die eine Tür hinter uns geschlossen haben. Meistens nicht vorher. Dazu brauchen wir etwas Mut – und das Urvertrauen, dass sich immer eine Tür auftut, wenn eine zugeht. Doch wie André Gide sagte: „Die Tragik ist, dass man auf die geschlossene Tür blickt und die geöffnete nicht beachtet.“

*Name aus Diskretionsgründen geändert.

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3 Gedanken zu “Immer zur rechten Zeit

  1. Liebe Karin

    Das was André Gide sagt stimmt schon.
    Oftmals ist es vor allem schwer eine offene Tür zu erkennen wenn ein Problem sehr vielschichtig und kompliziert ist.
    Und noch mehr wenn es dabei um tiefe Emotionen geht, man darum nicht mehr klahr denken und objektiv, sachlich urteilen kann.
    Wie soll man eine offene Tür erkennen wenn einem der Schmerz innerlich auffrisst und das Herz bricht?

    LG Sandra

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