Entscheiden heisst verzichten

„Entscheiden heisst verzichten.“ Diesen Satz hat vor knapp zwei Wochen ein Freund von mir gesagt, der vor einer Lebensentscheidung stand, mit der er sich seit Monaten – wenn nicht seit Jahren – quälte.
Im ersten Moment habe ich ablehnend reagiert. Aber beim späteren Nachdenken gebe ich ihm Recht: Wenn man zwischen Alternativen entscheiden muss, wählt man die eine und verzichtet auf andere.
Manchmal empfindet man es nicht als Verzicht, weil die ausgeschiedenen Alternativen ohnehin nicht besonders attraktiv waren. Doch wenn zwei oder mehrere gleichwertig sind, oder fast, oder emotionale Elemente mit hineinspielen, dann trifft es durchaus zu, dass man mit seiner Wahl gleichzeitig einen Verlust erleidet.

Inzwischen hat dieser Freund seine Entscheidung gefällt. Und jetzt leidet er unsäglich wegen dem, was er verliert. Dazu auch eine Pauschalweisheit: Wenn es so sehr weh tut, dann weil die Seele aufschreit.
Er hat nämlich – nicht zum ersten Mal in seinem Leben – eine Entscheidung getroffen zugunsten eines anderen Menschen und dabei sträflich seine eigenen Bedürfnisse und die Stimme seiner Seele missachtet. Er hat so entschieden, weil er einem anderen Menschen nicht wehtun will, in erster Linie, und in zweiter Linie weil es die Wahl ist, die einen geringeren – oder gar keinen – zwischenmenschlichen Konflikt hervorruft. Das kann kein gutes Ende nehmen, zumal diese Entscheidung auf einer grossen Lüge gründet.

Es ist durchaus richtig, unsere kleinen Bedürfnisse zugunsten eines Mitmenschen zurückzustellen und uns selbst nicht so wichtig zu nehmen. Dies gilt jedoch nur für Alltägliches, niemals für existentielle Fragen, nicht wenn es um Entscheidungen für das eigene Leben geht.
Ein aus Liebe erbrachtes Opfer tut nicht weh und hat keine Konsequenzen für die physische und psychische Gesundheit. Wenn wir etwas für einen geliebten Menschen tun, dabei jedoch leiden und unglücklich sind, so haben wir gegen uns selbst gehandelt; ein echtes Opfer aus Liebe schmerzt niemals, vielmehr lässt es uns eine tiefe innere Zufriedenheit und Ruhe fühlen. Wenn es weh tut, war die Entscheidung falsch.

Im Fall meines Freundes, dessen Geschichte ich sehr gut kenne, auch in den Details, wage ich zu behaupten: Ja, er hat die falsche Entscheidung getroffen. Und er weiss es auch, das schmerzt ihn noch mehr. Doch erst die Zukunft wird es wirklich zeigen.
Und mir blutet das Herz zu wissen, wie sehr er leidet, nur weil er einmal mehr nicht sein Recht auf das eigene Leben wahrgenommen hat und sich die Verantwortung für das Leben und das Glück anderer aufbürdet.

Natürlich gibt es keine absolut „richtigen“ und keine absolut „falschen“ Entscheidungen. Ich glaube nicht an Vorbestimmung, sondern daran, dass sich das Leben in jedem Augenblick neu entfaltet und zwar aus den Gegebenheiten des Augenblicks. Die Gegenwart bestimmt die Zukunft – ändert sich die Gegenwart (und das tut sie in jeder Sekunde!), ändert sich auch die Zukunft. Keine Entscheidung verdammt oder rettet uns für alle Ewigkeit.

Trotzdem tun sich viele Menschen oft schwer, eine Entscheidung zu treffen: Sie fürchten die Konsequenzen und das Leiden, das daraus entstehen könnte.
Das Hauptproblem aber ist, dass sie nicht wissen, auf welcher Grundlage sie entscheiden sollen. Selten kann man Vor- und Nachteile einander klar gegenüber stellen und gewichten und rational entscheiden.
Rational entscheiden? Eine Studie hat gezeigt, dass auch in grossen Firmen Entscheide selbst über Millionenbeträge hauptsächlich aus dem Bauch getroffen werden und rationale Argumente dann nur dazu dienen, diese irrationalen Entscheide zu begründen und zu rechtfertigen.
Irrationale Entscheide? Nein! Es sind Entscheide „von innen“ und es sind jeweils die richtigen, um dieses Wort doch zu verwenden. Unser Verstand kennt nie sämtliche Fakten, Kriterien, Bedingungen und schon gar nicht die Konsequenzen. Unsere Seele hingegen weiss alles, und vor allem weiss sie, was für uns gut ist und was nicht. Die Entscheide unserer Inneren Stimme sind immer richtig. Was nicht heisst, dass dann immer alles glatt läuft; aber es sind die Entscheide, die uns auf unserem Lebensweg weiterführen, die unserer inneren Entwicklung förderlich sind.

Um unserer Inneren Stimme bedingungslos zu gehorchen, anstatt uns von unseren Ängsten leiten zu lassen, brauchen wir Urvertrauen. Das Urvertrauen, dass alles so kommt, wie es für alle Beteiligten am besten ist.
Dieses Urvertrauen kann uns die Entscheidungen leicht machen. Weil wir wissen: Egal wie wir entscheiden, den Erfahrungen, die wir auf unserem Lebensweg für unsere innere Entwicklung machen müssen, entkommen wir nicht. Das Schicksal – oder Höhere Mächte, wie man es auch nennen will – werden uns immer wieder in die Richtung lenken, die für uns gut ist.

Wie ich weiter oben gesagt habe: In jedem Augenblick legen wir die Grundsteine für unsere Zukunft. In jedem Augenblick. Jeder Augenblick unseres Lebens ist neu und einmalig und im nächsten Augenblick schon Vergangenheit. Scheuen wir uns deshalb nicht, in jedem Augenblick unsere Entscheidungen zu treffen – und im nächsten Augenblick neue.

Richtige und falsche Entscheidungen – ich habe geschrieben, dass es sie nicht gibt. Doch, eine falsche gibt es: Nicht auf die Innere Stimme zu hören, das ist die einzige falsche Entscheidung, die wir je treffen können.

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6 Gedanken zu “Entscheiden heisst verzichten

  1. ich habe vor 13 Jahren scheinbar auch schlechte Entscheidung fürs Leben getroffen. Heute bin ich von ganzem Herzen überzeugt, dass es die einzige richtige Entscheidung war. Ich bin dadurch innerlich gewachsen. Das vorauf ich damals verzichtet habe war ein Wunschdenken von mir, meine Fantasie übers persönliche Glück. Daher bitte sagen Sie niemals auf dieser Seite, dass ein Verzieht ein Verlust bedeutet. Wir bekommen doch immer alles was wir gerade zum Leben brauchen. Ohne Ausnahme. Lieber etwas aufgeben rechtzeitig was uns schlecht täte, als daran fest zu halten und es naher bitter zu bereuen. Ich wünsche Ihrem Freund, dass er dieses Selbstmitleid so schnell wie möglich aufgibt( für immer), sich innerlich richtet und glücklich durchs Leben geht. Es ist zu kurz um die kostbare Zeit die wir da haben fürs weinen übers Vergangene zu verlieren. Welche Alternative haben wir den sonst?

  2. Lieber Ivo

    Oft schätzen wir Entscheidungen tatsächlich falsch ein, wir meinen, eine schlechte getroffen zu haben und sie erweist sich als gut. Und umgekehrt. Doch wir müssen einräumen, dass auch unsere spätere Einschätzung falsch sein könnte.

    Tatsache ist, was du auch sagst, dass wir immer alles bekommen, was wir brauchen – was wir für unsere innere Entwicklung brauchen, vor allem.

    Es ist allerdings nicht Selbstmitleid, was dieser Freund von mir empfindet, das weiss ich mit Sicherheit, es ist ein tiefer, kaum erträglicher Seelenschmerz. Bestimmt wird er ihn mit der Zeit überwinden und kann dann durchaus glücklich werden. Doch wenn seine Entscheidung aus seinem Ego stammte und nicht aus seiner Seele, wird das Leben, das Schicksal, Höhere Mächte – oder wie man es nennen will – seinen Weg so lenken, dass er die Erfahrungen trotzdem macht, denen er sich jetzt zu entziehen versucht.

    Dennoch hast du auch darin Recht: Das Leben ist zu kurz, um es durch Weinen über die Vergangenheit zu verbringen. Besser ist es allemal, eine Entscheidung, die uns so viel Leid bringt, zu ändern – und zu hoffen, dass der andere Weg der glücklichere ist. Wie mein spiritueller Lehrer mir immer wieder sagte: „Solange es dir gut geht, brauchst du nichts zu ändern an deinem Leben. Doch wenn du leidest, ist es höchste Zeit, etwas daran zu ändern.“

    Herzlichst,
    Karin

  3. Liebe Ria,

    eine „falsche“ Entscheidung ist eine Entscheidung, die nicht dem Willen unserer Inneren Stimme, also dem Willen der Seele, folgt. Es ist eine Entscheidung, die aus dem Ego stammt. Oft sind es Ängste, die uns in eine „falsche“ Entscheidung treiben, sie sind einfach stärker und wir schaffen es nicht, uns dagegen zu wehren. Wir treffen dann unter dem Einfluss dieser Ängste eine Entscheidung, aber etwas in uns – die Seele – weiss, dass es die falsche ist, und sie sagt es uns auch, indem wir uns schlecht fühlen, Schmerz empfinden, manchmal ist es auch wie ein innerer Aufschrei.
    Wir könnten die Entscheidung dann ja wieder ändern, oft wäre das problemlos möglich, doch wir sind immer noch von den gleichen Ängsten beherrscht und tun es nicht.
    Ich vertraue allerdings darauf, dass das Leben, Höhere Mächte, das Schicksal oder wie man diese Instanz nennen will, uns lehren: Sie zeigen uns durch künftige Ereignisse, dass wir falsch entschieden haben, und schenken uns auch immer wieder Gelegenheiten zu lernen, unsere Ängste zu überwinden.

    Herzlichst,
    Karin

  4. Liebe Karin,

    ich habe mich letztens mit einer Freundin unterhalten. Sie war von dem Verhalten eines ihrer Freunde sehr enttäuscht und sagte mir, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihm möchte und ihm das deutlich mitgeteilt hat. Sie sagte mir, dass sie hofft, dass er sich daran hält und es sie sehr wütend machen würde, wenn er sie trotzdem kontaktieren würde. Gleich daran anschliessend sagte sie jedoch, dass es sie auch wütend machen würde, wenn er NICHT versucht, sie zu kontaktieren, weil das zeigen würde, dass sie ihm nichts bedeutet. Paradox, oder? Mir kam sofort der Gedanke, dass es sich hier um Ego und innere Stimme handelt. Die innere Stimme sagt ganz klar, dass es das Beste ist, keinen Kontakt zu haben, aber dann funkt das Ego dazwischen und will umworben werden und möglichst viel Drama.
    Kurzzeitig habe ich überlegt, ob es auch andersrum sein könnte und das Ego derjenige Teil ist, der keinen Kontakt mehr haben will, während die innere Stimme sich doch nach einem Kontaktversuch sehnt, aber mein Gefühl sagt mir deutlich, dass meine erste Interpretation die „richtige“ ist.
    So klar habe ich den Gegensatz zwischen den beiden Anteilen selten gesehen und mich über diese Klarheit gefreut. Ich denke, diesen Gegensatz „erstmal“ bei anderen zu sehen ist ein guter Schritt auf dem Weg dahin, dies auch bei sich selbst tun zu können.

    Liebe Grüße,
    Andrea

  5. Gut beobachtet, liebe Andrea, und danke für das treffende Beispiel. Dass du richtig interpretierst, lässt sich daran erkennen, dass deine Freundin davon spricht, dass es sie wütend machen würde: Wut gehört zum Ego.

    Und du hast auch Recht mit deiner Annahme, dass es ein erster Schritt ist, solche Dinge bei anderen zu erkennen. Das ist für uns oft einfacher, weil wir nicht selbst mit unseren blind machenden Emotionen involviert sind. Wichtig ist dann, dass wir uns daran erinnern, dies schon einmal erkannt zu haben, wenn wir selber in einer analogen Situation stecken.

    Alles Liebe für dich,
    Karin

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