Die Beziehung mit mir selbst

Sucht man nach Zitaten unter dem Stichwort „Selbstliebe“ oder „Eigenliebe“, so fällt auf, dass diese Begriffe früher mit Egoismus gleichgesetzt wurden, vor allem in einem religiösen Zusammenhang. Zwei Beispiele:

Nichts bewahrt uns mehr vor dem Hochmut und der Eigenliebe als die ununterbrochene Gemeinschaft des Kreuzes Jesu.
Friedrich Christoph Oetinger (1702 –1782)

Selbsterkenntnis ist ein unfehlbares Mittel gegen Selbstliebe.
Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)

Erst in jüngster Zeit verstehen wir Selbstliebe als eine positive Eigenschaft eines Menschen und haben erkannt, dass es dabei um unsere Beziehung mit uns selbst geht – so wie es bei der Liebe für andere Menschen um unsere Beziehung mit ihnen geht.

Fragen wir uns, wie wir uns selbst lieben können und sollen? Schauen wir doch einfach, wie die Beziehung mit einem von uns geliebten Menschen sich äussert und übertragen es auf unsere Beziehung mit uns selbst (ich nenne ihn hier Aimé – französisch für „geliebt“; ersetze du beim Lesen „Aimé“ durch den Namen eines Menschen, den du liebst).

Dabei geht es vor allem um die folgenden Aspekte:
Respekt: Ich respektiere Aimé, seine Eigenart, seine Entscheidungen, seine Selbstverantwortung für sein Leben –> Ich respektiere mich selbst, akzeptiere meine Eigenart, nehme mir das Recht auf meine eigenen Entscheidungen für mein Leben als selbstverantwortlicher Mensch.
Wertschätzung: Ich schätze Aimé als menschliches Wesen, unabhängig von seinen Eigenschaften und seinem Verhalten –> Ich schätze mich selbst als menschliches Wesen, einfach weil ich bin, unabhängig davon, wie ich bin und was ich tue; ich werte micht nicht ab wegen „schlechter“ Eigenschaften oder fehlender Fähigkeiten.
Vergebung: Meiner Liebe für Aimé wohnt die Kraft inne, ihm „Fehler“ und Unzulänglichkeiten zu verzeihen, da er, wie alle Menschen, nicht perfekt ist –> Ich verzeihe mir alle meine „Fehler“, die vergangenen ebenso wie die künftigen, die mir immer wieder passieren werden, da ich nicht vollkommen bin, es nicht sein kann und nicht sein muss; meine weniger guten Eigenschaften und sogenanntenn Schwächen akzeptiere ich ebenfalls als einen Teil von mir und verurteile mich nicht deswegen.
Vertrauen: Ich bringe Aimé ein grundlegendes Vertrauen entgegen –> Ich vertraue mir selbst, meinen Entscheidungen, meiner inneren Stimme, dem, was ich für mich als richtig spüre, und handle entsprechend.
Bedingungslosigkeit: Ich liebe Aimé nicht weil… Ich brauche keinen Grund, um ihn zu lieben, ich liebe ihn einfach –> Ich brauche keinen Grund, um mich selbst zu lieben, und es gibt nichts, gar nichts, was mich daran hindern soll, ich habe keine Vorbehalte, weil ich doch nicht so perfekt bin, dieses und jenes falsch mache…

Abschliessend eines meiner Lieblingszitate zum Thema Liebe und Selbstliebe:

Wer sich selbst nicht auf die rechte Art liebt, kann auch andere nicht lieben.
Robert Musil

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Konkurrenzdenken und Wettkampf

Vor einigen Tagen habe ich mich mit einer Freundin über diejenigen Männer unterhalten, die alles im Leben als einen Wettkampf empfinden. Gegen andere oder gegen sich selbst. Angefangen beim Sporttraining, egal ob im Fitnessstudio allein an den Maschinen oder in einer Gruppe beim Jogging, über Berufliches, wo sie immer die besten sein müssen, jeden als Konkurrenten betrachten und gereizt bis aggressiv reagieren, wenn man ihre Kompetenz oder Leistung einmal auch nur im Leisesten in Frage zu stellen wagt, bis zu ihrer Position innerhalb der Familie, die sie gegenüber der Frau und den Kindern in einem Machtkampf verteidigen.
In beinahe jeder Lebenssituation finden sie Konkurrenten, jemanden an dem sie sich messen, und beinahe jede Situation wird zu einem Wettkampf – zu einem ernsten, bei dem es immer um alles zu gehen scheint. Darum sind sie auch schlechte Verlierer, sogar bei einem harmlosen Brettspiel wie „Mensch ärgere dich nicht“, und ertragen es nicht, wenn die anderen mehr Würfelglück haben oder cleverer spielen.
Ich habe von Männern gesprochen, weil ich selbst nur Männer mit dieser Eigenschaft kenne, es betraf auch meinen eigenen früheren Partner. Aber ich bin davon überzeugt, dass es auch solche Frauen gibt.

Meine Freundin meinte, das liege halt in den Genen: Die Männer waren diejenigen, welche die Höhle und die Frauen und Kinder verteidigen mussten, gegen wilde Tiere und feindliche Stämme kämpften, und deshalb zuerst einmal in allem und jedem einen Feind vermuteten – vermuten mussten, denn diese Möglichkeit ausser Acht zu lassen, konnte tödlich enden. Während die Frauen diesen Kampfgeist nicht entwickeln mussten.

Das trifft bestimmt zu, zumindest teilweise, weiss man heute doch, dass mehr auf genetischem Weg weitergegeben wird, als man noch vor ein, zwei Jahrzehnten dachte. Dennoch halte ich – in unserer heutigen Kultur und Gesellschaft – dieses Konkurrenzdenken und diese Kampfbereitschaft für einen Ausdruck mangelnden Selbstwertgefühls, sowohl bei Männern als auch bei Frauen.
Sie müssen, anderen aber auch sich selbst, laufend ihren Wert beweisen. Sie fürchten einerseits das (entwertende) Urteil von Mitmenschen, weshalb sie sich ständig an ihnen und foglich mit ihnen messen, und ausschliesslich als Sieger aus der „Konfrontation“ herausgehen wollen. Andrerseits fühlen sie sich so unsicher, was ihren Wert betrifft, dass sie sich selbst immer wieder beweisen müssen, dass sie wertvoll sind, sei es beim Sport, im Beruf oder in der Partnerschaft und Familie.
Bei Frauen äussert sich diese Art mangelnden Selbstwertgefühls eher in einem Vergleich der Schönheit, schlanken Figur, modischen Bekleidung – das Leiden des Weniger-gut-sein-als-andere ist jedoch das Gleiche. Und der Kampf um glänzendes Haar und ein faltenloses Gesicht nicht minder aufreibend.

Deshalb will ich abschliessend nur sagen: Hört auf, euch mit anderen zu vergleichen und euch an ihnen zu messen – egal, welche Eigenschaften es betrifft. Jeder Mensch ist einzigartig und unabhängig von seinem Äusseren, seinen Eigenschaften, seiner Leistung immer gleich viel wert. Und unabhängig davon, was er tut. Bewahrt euch eure Selbstachtung und Würde, indem ihr euch nicht auf Konkurrenzkämpfe einlässt.

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Was Frauen (und Männer) sich antun

„Ich hätte nie geglaubt, dass Karl mich schlagen könnte. Ich hätte auch nie geglaubt, dass der Ätna nochmal ausbricht. Ich hätte nie geglaubt, dass mir so was passieren könnte. Ich hätte nie geglaubt, dass jemand auf den Papst schiesst. Ich glaubte es selbst dann noch nicht, als ich mein Blut schmeckte.
Es gab keinen Anlass. Wir waren auf einer Party gewesen. Ich hatte jede Menge Spass, und als wir draussen auf der Strasse waren, langte er mir eine. Ich hab nicht mal gesehen, wie er ausholte, nur dass plötzlich seine Faust in meinem Gesicht war.
Der Schmerz spielt keine Rolle. Im Moment, da er dich schlägt, vergisst du, es schmerzhaft zu finden. Ich stand da, wir standen da, ich neben mir, betrachtete den Schlamassel und versuchte zu ergründen, was vorgefallen war.
Ein Irrtum, das war schon mal klar. Dieses Vorkommnis war für jemand anderen gedacht, für ein anderes Paar, nicht für uns. Ich konnte nicht begreifen, dass eine dieser Hände, dass dieser Mann mich geschlagen hatte, das gehörte nicht in meine Ehe.
Zu Anfang verdrängst du schnell. Ich steckte diesen Schlag ein und leugnete ihn sofort, ein Ausrutscher, ach was, ein schlimmer Traum. Er würde so was niemals tun, das ist überhaupt nicht passiert. Lass uns nach Hause gehen und so tun, als sei nichts gewesen.
Am nächsten Tag entschuldigte er sich. Er grämte sich so sehr, dass er mir schon wieder leid tat. Das machen sie immer, die Schläger: Sie entschuldigen sich, um ihre eigene Welt in Ordnung zu bringen, nicht die des Opfers.
Entweder geht man nach dem ersten Schlag – oder nie. Aber den Rat kann dir keiner geben, weil du dich schämst und schweigst.
[…]
Du denkst, der Ätna ist einmal ausgebrochen, jetzt wird er Ruhe geben. Auf den Papst schiesst keiner ein zweites Mal. Dein Mann wird eines Tages voller Zerknirschung daran denken, wie er ein einziges Mal im Leben die Kontrolle verloren hat.
So stellst du dir das vor und versuchst, es ihm recht zu machen. Bis die zweite Überraschung ranfliegt, mitten in die Fresse.
[…]
Das Schlimme ist, dass du irgendwann den Horizont verlierst. Er prügelt, aber er bringt dich dazu zu glauben, er sei im Recht und es sei deine Schuld, dass es eine Scheissehe ist. Er sagt, du musst dich ändern, dann wird alles wieder gut.
Wenn ich glaubte, erkannt zu haben, was Karl störte, stellte ich es ab. Ich traf mich nicht mehr mit den Freunden, die er hasste, ging kaum noch alleine weg, äusserte bestimmte Meinungen so lange nicht mehr, bis ich selber davon überzeugt war, sie seien falsch.
Irgendwann hatte er mich so weit, dass ich es nicht wagte, im Restaurant zu bestellen, aus Angst der Kellner könnte mich anlächeln. Ich schminkte mich nicht mehr, ich lief in Sack und Asche durch die Gegend.
[…]
Alles bist du bereit zu tun oder zu lassen, je nachdem wie er es will, um nicht öffentlich bekennen zu müssen, wie dein Leben aussieht.
Ich dachte, ich kann ihn ändern, wenn ich mich selber ändere. Ich machte mich für alles verantwortlich und fühlte mich für alles schuldig.
Wenn er Ärger im Job hatte, fühlte ich mich schuldig.
Wenn er vergass, mir zum Geburtstag zu gratulieren, fühlte ich mich schuldig.
Wenn er mich anschrie, ich triebe es hinter seinem Rücken mit Türken und Farbigen, fühlte ich mich schuldig.
Wenn ich das Rohypnol entdeckte, das er angeblich nicht mehr nahm, fühlte ich mich schuldig.
Er hatte es als Kind nicht leicht gehabt: Ich fühlte mich schuldig.
Wegen Eva musste Adam aus dem Paradies: Ich fühlte mich schuldig.
Schuldig und wert, bestraft zu werden.
Ich schrumpfte auf einen Punkt.“

Diese treffende Schilderung einer Frau stammt aus dem Roman „Die dunkle Seite“ von Frank Schätzing.

Prügelnde Männer gibt es, auch wenn sie ganz bestimmt nicht in der Mehrheit sind.
Menschen, Männer und Frauen, die uns stets glauben machen wollen, wir seien Schuld an allem, was ihnen zustösst oder nicht passt, gibt es schon wesentlich mehr.
Und noch mehr Menschen, Männer wie Frauen, gibt es, die sich selber stets für alles verantwortlich und schuldig fühlen.
Der Chef hat schlechte Laune? – Bestimmt habe ich etwas falsch gemacht.
Die Verkäuferin ist unfreundlich? – Sie mag mich nicht, weil ich so dick bin.
Die Bedienung im Restaurant übersieht mich? – Weil ich so unbedeutend und unscheinbar bin.

Nein! Wenn der Chef schlechte Laune hat, die Verkäuferin unfreundlich ist, die Bedienung im Restaurant unaufmerksam: Was auch immer der Grund dafür ist, mit mir hat es nichts zu tun.
Selbst dann, wenn ich in den Augen dieser Menschen die Ursache bin, so brauche ich mich nicht schuldig zu fühlen. Sie messen nämlich immer mit ihren eigenen Massstäben, bewerten nach ihren eigenen Kriterien – das ist jedoch nicht die absolute Wahrheit!

Sich selbst lieben bedeutet auch: Sich niemals etwas vorwerfen.
Aufrichtig hinschauen: ja. Erkennen, dass wir etwas nicht so gut gemacht haben: ja. Uns vornehmen, es das nächste Mal besser zu machen: ja.
Aber immer ohne Selbstvorwürfe und Schuldgefühle.

Denkt daran, dass ihr niemals die Verantwortung trägt für mündige, erwachsene Menschen. Auch wenn sie euch vorwerfen: „Wegen dir geht es mir schlecht.“ – „Weil du das und das getan hast, bin ich ins Elend gestürzt.“

Nehmt euch jetzt gleich vor: Ich fühle mich nie wieder schuldig.

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Jeder Schritt zählt

Ein Mann, ich nenne ihn Lorenz*, fragte mich, ob es mein neues Buch „Ich liebe mich selbst und mache mich glücklich“ auch als E-Book gebe.
Ich verneinte und begründete es damit, das Buch sei wie ein Kurs aufgebaut und enthalte auch mehrere Seiten, die der Leser selbst ausfüllen könne und auf die er im Lauf der Lektüre wieder zurückgreifen sollte. Es ist ja mein wichtigstes Anliegen, wenn ich solche Wegweiser-Bücher schreibe, konkrete Übungsaufgaben vorzuschlagen und den Leser zu ermutigen, damit zu arbeiten.

Daraufhin erklärte mir Lorenz: „Ich lese hauptsächlich auf meinem langen Arbeitsweg im Zug. Und da möchte ich nicht, dass jeder sieht, was für ein Buch ich lese – auf dem E-Book-Reader wäre das gewährleistet.“

Es hat mich ein bisschen traurig gestimmt, wie immer wenn ich miterlebe, wie viel Angst die Menschen vor dem Urteil anderer haben und deshalb nicht tun, was sie eigentlich möchten – selbst bei unwichtigeren Dingen.

Uns nicht darum zu kümmern, was andere von uns denken und was sie von uns halten, ist eine der Übungen, um unser Selbstwertgefühl und damit die Selbstliebe zu stärken.
An welcher unserer Verhaltensweisen wir auch arbeiten, es wirkt sich immer gesamthaft auf die Festigung unserer Selbstliebe aus und verhilft uns dazu, auch in anderen Situationen, beruflichen und persönlichen, selbstbewusster und mit mehr Selbstachtung aufzutreten.
In diesem Sinne, zählt jeder Schritt, den wir in diese Richtung tun, und scheint er noch so banal – wie dazu zu stehen, was wir gerne lesen.

*Name aus Diskretionsgründen geändert

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Entscheiden heisst verzichten

„Entscheiden heisst verzichten.“ Diesen Satz hat vor knapp zwei Wochen ein Freund von mir gesagt, der vor einer Lebensentscheidung stand, mit der er sich seit Monaten – wenn nicht seit Jahren – quälte.
Im ersten Moment habe ich ablehnend reagiert. Aber beim späteren Nachdenken gebe ich ihm Recht: Wenn man zwischen Alternativen entscheiden muss, wählt man die eine und verzichtet auf andere.
Manchmal empfindet man es nicht als Verzicht, weil die ausgeschiedenen Alternativen ohnehin nicht besonders attraktiv waren. Doch wenn zwei oder mehrere gleichwertig sind, oder fast, oder emotionale Elemente mit hineinspielen, dann trifft es durchaus zu, dass man mit seiner Wahl gleichzeitig einen Verlust erleidet.

Inzwischen hat dieser Freund seine Entscheidung gefällt. Und jetzt leidet er unsäglich wegen dem, was er verliert. Dazu auch eine Pauschalweisheit: Wenn es so sehr weh tut, dann weil die Seele aufschreit.
Er hat nämlich – nicht zum ersten Mal in seinem Leben – eine Entscheidung getroffen zugunsten eines anderen Menschen und dabei sträflich seine eigenen Bedürfnisse und die Stimme seiner Seele missachtet. Er hat so entschieden, weil er einem anderen Menschen nicht wehtun will, in erster Linie, und in zweiter Linie weil es die Wahl ist, die einen geringeren – oder gar keinen – zwischenmenschlichen Konflikt hervorruft. Das kann kein gutes Ende nehmen, zumal diese Entscheidung auf einer grossen Lüge gründet.

Es ist durchaus richtig, unsere kleinen Bedürfnisse zugunsten eines Mitmenschen zurückzustellen und uns selbst nicht so wichtig zu nehmen. Dies gilt jedoch nur für Alltägliches, niemals für existentielle Fragen, nicht wenn es um Entscheidungen für das eigene Leben geht.
Ein aus Liebe erbrachtes Opfer tut nicht weh und hat keine Konsequenzen für die physische und psychische Gesundheit. Wenn wir etwas für einen geliebten Menschen tun, dabei jedoch leiden und unglücklich sind, so haben wir gegen uns selbst gehandelt; ein echtes Opfer aus Liebe schmerzt niemals, vielmehr lässt es uns eine tiefe innere Zufriedenheit und Ruhe fühlen. Wenn es weh tut, war die Entscheidung falsch.

Im Fall meines Freundes, dessen Geschichte ich sehr gut kenne, auch in den Details, wage ich zu behaupten: Ja, er hat die falsche Entscheidung getroffen. Und er weiss es auch, das schmerzt ihn noch mehr. Doch erst die Zukunft wird es wirklich zeigen.
Und mir blutet das Herz zu wissen, wie sehr er leidet, nur weil er einmal mehr nicht sein Recht auf das eigene Leben wahrgenommen hat und sich die Verantwortung für das Leben und das Glück anderer aufbürdet.

Natürlich gibt es keine absolut „richtigen“ und keine absolut „falschen“ Entscheidungen. Ich glaube nicht an Vorbestimmung, sondern daran, dass sich das Leben in jedem Augenblick neu entfaltet und zwar aus den Gegebenheiten des Augenblicks. Die Gegenwart bestimmt die Zukunft – ändert sich die Gegenwart (und das tut sie in jeder Sekunde!), ändert sich auch die Zukunft. Keine Entscheidung verdammt oder rettet uns für alle Ewigkeit.

Trotzdem tun sich viele Menschen oft schwer, eine Entscheidung zu treffen: Sie fürchten die Konsequenzen und das Leiden, das daraus entstehen könnte.
Das Hauptproblem aber ist, dass sie nicht wissen, auf welcher Grundlage sie entscheiden sollen. Selten kann man Vor- und Nachteile einander klar gegenüber stellen und gewichten und rational entscheiden.
Rational entscheiden? Eine Studie hat gezeigt, dass auch in grossen Firmen Entscheide selbst über Millionenbeträge hauptsächlich aus dem Bauch getroffen werden und rationale Argumente dann nur dazu dienen, diese irrationalen Entscheide zu begründen und zu rechtfertigen.
Irrationale Entscheide? Nein! Es sind Entscheide „von innen“ und es sind jeweils die richtigen, um dieses Wort doch zu verwenden. Unser Verstand kennt nie sämtliche Fakten, Kriterien, Bedingungen und schon gar nicht die Konsequenzen. Unsere Seele hingegen weiss alles, und vor allem weiss sie, was für uns gut ist und was nicht. Die Entscheide unserer Inneren Stimme sind immer richtig. Was nicht heisst, dass dann immer alles glatt läuft; aber es sind die Entscheide, die uns auf unserem Lebensweg weiterführen, die unserer inneren Entwicklung förderlich sind.

Um unserer Inneren Stimme bedingungslos zu gehorchen, anstatt uns von unseren Ängsten leiten zu lassen, brauchen wir Urvertrauen. Das Urvertrauen, dass alles so kommt, wie es für alle Beteiligten am besten ist.
Dieses Urvertrauen kann uns die Entscheidungen leicht machen. Weil wir wissen: Egal wie wir entscheiden, den Erfahrungen, die wir auf unserem Lebensweg für unsere innere Entwicklung machen müssen, entkommen wir nicht. Das Schicksal – oder Höhere Mächte, wie man es auch nennen will – werden uns immer wieder in die Richtung lenken, die für uns gut ist.

Wie ich weiter oben gesagt habe: In jedem Augenblick legen wir die Grundsteine für unsere Zukunft. In jedem Augenblick. Jeder Augenblick unseres Lebens ist neu und einmalig und im nächsten Augenblick schon Vergangenheit. Scheuen wir uns deshalb nicht, in jedem Augenblick unsere Entscheidungen zu treffen – und im nächsten Augenblick neue.

Richtige und falsche Entscheidungen – ich habe geschrieben, dass es sie nicht gibt. Doch, eine falsche gibt es: Nicht auf die Innere Stimme zu hören, das ist die einzige falsche Entscheidung, die wir je treffen können.

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Gesichtsverlust

Kürzlich habe ich wieder einmal eine Woche in einer Kultur verbracht, in der es enorm wichtig ist, sein Gesicht nicht zu verlieren, und das kann in solchen Ländern recht schnell passieren und aus für unser Verständnis banalen Gründen. Vor allem für Männer trifft dies zu.

Aber auch hier werde ich hie und da von Menschen gefragt, ob sie ihr Gesicht verlieren würden, wenn sie sich in einer bestimmten Situation so und so verhielten. „Was meinst du denn genau damit?“, frage ich jeweils. Daraufhin bekomme ich als Synonyme meistens die Begriffe Würde und Selbstachtung zu hören.

Interessant.
Von Nah- bis Fernost hat der Gesichtsverlust damit zu tun, wie man nach aussen dasteht.
Bei uns offenbar ebenfalls wie man vor sich selbst dasteht.
Zu letzterem passen Aussagen wie: Wenn ich das und das täte, würde ich die Achtung vor mir selbst verlieren. – Wenn ich mich so verhielte, empfände ich es als würdelos. – Wie kann man sich bloss derart unter seiner Würde benehmen?

Selbstachtung ist wichtig und hat eine Menge mit Selbstliebe zu tun. Mit anderen Worten bedeutet es, auf uns selbst zu hören, nichts zu tun, was wir nicht wirklich wollen, stets unserer Inneren Stimme zu folgen.

Wie steht es aber damit, wenn wir unsere Würde, also das Gesicht wahren wollen, nach aussen? (Und ich spreche jetzt ausdrücklich nur von unserer Kultur.) Geht es dabei nicht vielmehr darum, unsere Maske aufrechtzuerhalten? Keine Schwäche zu zeigen, keine Fehler zugeben zu müssen, tadel- und makellos dazustehen?
Das ist in der Tat kein Anzeichen für Selbstliebe, sondern für mangelnde Selbstliebe! Es steckt meistens viel Ego darin, wenn wir uns bemühen, unser Gesicht nicht zu verlieren.

Für unsere Selbstachtung hat es keine Bedeutung, wie andere uns beurteilen. Nur für uns selbst muss es stimmen. Und niemand kann uns unsere Selbstachtung nehmen, egal was er von uns denkt. Im Gegenteil: Unsere Selbstachtung verlieren wir gerade dann, wenn wir uns bemühen, von anderen positiv beurteilt, akzeptiert und geschätzt zu werden. Dann stehen wir nämlich nicht zu uns selbst, wir nehmen uns nicht an, wie wir nun einmal sind.

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Die Schlange

Wir sind immer so bemüht darum, andere nicht zu verletzen, und lassen dabei lieber zu, dass wir selbst verletzt werden – anstatt uns abzugrenzen und zu uns selbst zu stehen. Yogananda erzählte dazu einmal eine nette Geschichte.

Auf einem Felsen, ausserhalb eines Dorfes, lebte eine Kobra, die schon viele Menschen durch ihren Biss getötet hatte. Deshalb baten die Dorfältesten einen heiligen Mann, etwas dagegen zu unternehmen.
Er ging zu der Schlange und sagte zu ihr: „Hör auf, die Leute meines Dorfes anzugreifen.“ Berührt durch die Kraft der spirituellen Liebe versprach sie es ihm.
Als der Heilige nach einer langen Wallfahrt zurückkehrte und am Felsen vorbeikam, fand er die Kobra verwundet und blutend da liegen. „Was ist mit dir geschehen?“, fragte er erstaunt.
Mit schwacher Stimme antwortete sie: „Die Kinder des Dorfes haben gemerkt, dass ich seit deinem Besuch harmlos bin. Jetzt werfen sie mit Steinen nach mir, sooft sie mich irgendwo entdecken.“
Der Heilige legte seine Hand auf die Schlange und heilte ihre Wunden. Dann lächelte er verschmitzt und sagte: „Ich habe dir auferlegt, nicht zu beissen – aber warum hast du nicht gezischt?“

Yogananda kommentierte die Geschichte wie folgt:
„Lass nicht zu, dass andere dich verletzen; du sollst kein Gift gegen sie sprühen, aber halte sie von dir fern, indem du klar und bestimmt mit ihnen sprichst.“

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Nutzt die Möglichkeiten der Freiheit!

Mira* ist eine Frau, die in einem Land und einer Kultur lebt, in der die Eltern und die Traditionen noch geehrt werden. Ein Ausbrechen ist ihr kaum möglich, ohne sozial geächtet zu sein, aber auch nicht, weil sie dazu erzogen wurde, sich zu fügen. Woher sollte sie den Mut und die Kraft nehmen, ihr trauriges Schicksal zu ändern?
Als junges Mädchen ging sie eine Beziehung mit Arim* ein, den sie damals zu lieben glaubte. Nachdem die beiden eine Zeitlang zusammen waren, lernte sie jedoch Jonathan*, ihre wahre grosse Liebe kennen, einen Mann aus einer westlichen Kultur, der ihr eine andere Lebensweise zeigte. Doch bevor sie den Mut fand, sich von Arim zu trennen, erkrankte sein Vater schwer. Auf dem Sterbebett erzwang er von ihr die Zusage, dass sie seinen Sohn heiraten würde.
Damit war Miras Schicksal besiegelt. Nie und nimmer hätte sie ihr Versprechen gebrochen. Sie heiratete also Arim, obwohl sie ihn nicht mehr liebte, und trennte sich von Jonathan. Bald bekamen sie ein Kind.

Seither sind nun schon fünf Jahre vergangen. Mira ist unglücklich und resigniert, ja verzweifelt.

Das Tragische daran ist nicht, dass sie sich in einer Situation befindet, die sie unglücklich macht – so etwas erleben wir alle immer wieder einmal. Das Tragische ist diese Aussichtslosigkeit, ihre Situation jemals zu ändern. In ihrer Welt ist sie bis zum Tod darin gefangen, sie sieht keine Möglichkeit, sich zu befreien. Klar und hart ausgedrückt: Miras Leben ist gelaufen. Sie kann nur noch zusehen, wie es sich abwickelt, aber sie lebt es nicht. Und sie ist doch erst fünfunddreissig!

Ich erzähle euch diese wahre Geschichte, um euch zu sagen: Ihr habt die Möglichkeit, euer Leben zu ändern, wenn ihr unglücklich seid! Tut es! Schaut nicht zu, wie es an euch vorbei gleitet. Unternehmt die nötigen Schritte, um es zu ändern!
Wir leben hier in einer freien Welt, wir haben einen freien Willen, wir dürfen, ja wir müssen unser eigenes Leben leben. Natürlich ist es nicht immer einfach, aus einer leidvollen Situation auszubrechen, natürlich braucht es Mut, natürlich könnte es vorübergehend schwierig werden. Aber glaubt mir: Mut wird belohnt. Und das grösste Geschenk, was über alle Probleme trägt, ist das Bewusstsein, dass ihr zu euch selbst steht, dass ihr eure Würde bewahrt, ihr euch selbst achtet und liebt.
Macht es nicht wie Mira, fügt euch nicht in ein freudloses Leben. Ihr habt das Recht, glücklich zu sein. Und nur ihr selbst könnt etwas dafür tun.

*alle Namen aus Diskretionsgründen geändert

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Eine neue Richtung in einer alten Geschichte

Vor einiger Zeit habe ich hier über Natalie* erzählt, die es in über 15 Jahren zutiefst unglücklicher Ehe nicht geschafft hat, sich von ihrem Mann zu trennen – hauptsächlich aus mangelnder Selbstliebe.

Vor einigen Monaten hat das „Schicksal zugeschlagen“ – was es immer tut, früher oder später, wenn wir nicht auf uns selbst hören und uns unserem Weg verweigern. Natalie, am Ende ihrer körperlichen und psychischen Kräfte, hat ein Burnout erlitten, einen Nervenzusammenbruch hätte man es früher genannt. Der Arzt verschrieb ihr Psychopharmaka, die sie seither nimmt. Und eine Psychotherapie.
Auch dabei hat das Schicksal gewirkt – was es ebenfalls immer tut, wenn wir ganz am Boden sind, Hilfe brauchen und bereit sind, diese anzunehmen.
Sie hat durch eine Anzahl „glücklicher Zufälle“ die richtige Therapeutin gefunden, eine Frau, die ihr von Anfang an klar gemacht hat, dass sie nicht in die Therapie zu kommen brauche, wenn sie nur jemanden suche, der ihr die Kraft gebe, so weiterzumachen wie bisher! „Wenn Sie jedoch Ihr Leben in die Hand nehmen und hinschauen wollen, was Sie zum gegenwärtigen Zustand geführt hat, und bereit sind, eigene Schritte auf einem neuen Weg zu gehen – dann kann ich Ihnen dabei helfen“, sagte die Psychologin.
Natalie hat gespürt, dass sie keine Wahl hat, will sie nicht ganz zugrunde gehen und ihre Kinder mit in den Abgrund reissen, und sie hat die Chance erkannt, die sich ihr hier bietet.

Seit einigen Monaten besucht sie regelmässig ihre Therapeutin und hat einen Wandlungsprozess in Gang gesetzt; er ist nicht schmerzfrei, wie sie sagt, im Gegenteil, sie hat viel geweint – am meisten über all das, was sie bisher mit sich hat machen lassen und sich selbst angetan hat.

Vor einigen Tagen habe ich lange mit ihr telefoniert und sie hat mir erzählt – voller Stolz und gleichzeitig noch etwas verunsichert –, dass sie ihrem Mann zum ersten Mal die Stirn geboten hat.
Zu ihrem Geburtstag wollte er ihr eine Abenteuerreise (zusammen mit ihm) schenken – gerade das richtige für ihre angeschlagene Gesundheit, die nichts als Ruhe braucht!
Sie sagte ihm, dass sie das nicht wolle. Dennoch buchte er die recht teure Reise für sie beide. Als noch Zeit gewesen wäre, alles kostengünstig zu stornieren, gab Natalie ihm nochmals deutlich zu verstehen, dass sie nicht mit ihm verreisen würde.
Er aber glaubte einfach nicht, dass sie es ernst meinte – zu lange hatte sie sich ihm immer gefügt, immer nachgegeben.
Erst am Tag vor der geplanten Abreise musste er einsehen, dass seine Frau tatsächlich nicht die Ferien mit ihm verbringen würde und er viel Geld für nichts ausgegeben hatte. Ich weiss nicht, was ihn mehr schmerzte, die gekränkte Männlichkeit oder der finanzielle Verlust.

Ich bin glücklich, dass Natalie diesen ersten wichtigen Schritt zu sich selbst gemacht hat. Ein weites Stück Weg liegt noch vor ihr, doch zum ersten Mal in all den Jahren bin ich sicher, dass sie ihn gehen und zu ihrer Selbstachtung und Selbstliebe finden wird.

*Name aus Diskretionsgründen geändert.

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Die zehn Gebote der Selbstliebe

Willkürlich von mir zusammengestellt – selbstverständlich könnte man auch viele, viele andere Gebote noch aufführen. Für Anregungen bin ich dankbar!
Wenn ihr damit arbeiten wollt, dann solltet ihr nicht gleich alle zehn zusammen befolgen, sondern euch eines, maximal zwei, herauspicken und versuchen, es im Alltag umzusetzen. Erst wenn ihr euch dabei ziemlich sicher fühlt – und das kann Monate dauern! –, geht ihr zum nächsten. Geduld ist dabei unerlässlich, etwas Mut auch und vor allem: Lasst nie Frustration oder Entmutigung aufkommen, wenn es euch nicht auf Anhieb gelingt! Das ist völlig normal. Fasst einfach jedes Mal von neuem den Vorsatz: „Das nächste Mal versuche ich es wieder.“
Falls die Reaktion eurer Mitmenschen auf euer neugewonnenes Selbstwertgefühl nicht positiv ausfällt: Bleibt trotzdem dabei! Es ist klar, dass es denjenigen nicht gefällt, die eure schwache Selbstliebe immer ausnutzten oder sich zumindest überlegen fühlten, weil ihr nicht nein sagen konntet, euch abhängig machtet und vieles mehr.

Hier sind sie also, meine zehn Gebote der Selbstliebe. Ihr könnt sie übrigens auch als PDF-Datei herunterladen – vielleicht ausdrucken, eventuell vergrössern und irgendwo aufhängen, wo ihr sie immer wieder einmal seht (ich hatte solche „Gebote“, an die ich mich erinnern wollte, früher oft an der Toilettentür – innen – aufgehängt!).

1. Du sollst dich selbst lieben, achten, wertschätzen, wie du deine Mitmenschen liebst, achtest, wertschätzest.

2. Du sollst zu dir selbst verständnisvoll, nachsichtig, verzeihend sein, wie du es meistens mit deinen Mitmenschen bist.

3. Du sollst dir selbst gönnen, was du anderen nicht verwehren würdest.

4. Du sollst dich nicht für das Denken, Fühlen, Handeln anderer verantwortlich fühlen.

5. Du sollst dir selbst vertrauen, dass du stets das tust, was gut und richtig für dich ist.

6. Du sollst jederzeit das tun, was du spürst, und niemals Angst haben, Fehler zu machen oder zu versagen.

7. Du sollst dich von niemandem abhängig fühlen oder machen und nicht fürchten, die Anerkennung und Liebe anderer zu verlieren.

8. Du sollst dir nicht einreden lassen, du seiest ein Egoist, weil du mutig deinen Weg gehst.

9. Du sollst dich nicht mit anderen vergleichen, dich nicht an und mit ihnen messen und dich nicht auf Konkurrenzkämpfe einlassen.

10. Du sollst dich nicht selbst erniedrigen in Gedanken, Worten und Taten und dich nicht selbst verurteilen.

Und noch das elfte Gebot – nicht ganz ernst gemeint, aber in der Richtung darf es schon es gehen:
Du machst immer alles richtig, brauchst dich nie schuldig zu fühlen!

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