Weihnachtsmärchen

Es war einmal ein Bauer… so könnte mein Märchen beginnen. Aber es beginnt anders, denn der Bauer ist hier nur eine Nebenfigur.

Es war einmal ein Nussbaum, ein alter, prächtiger Baum, der vor einem Bauernhaus stand. Jeden Herbst schenkte er der Bauernfamilie reichlich Nüsse und von seinen äussersten Zweigen aus, die bis zum oberen Stockwerk das Hauses reichten, beobachtete er dann gerne, wie die Kinder die Nüsse knackten und sich daran erfreuten.
Doch der Nussbaum, der nicht nur alt, sondern auch weise war, hatte wohl bemerkt, wie seine Früchte in den letzten Jahren weniger geworden waren und seine Blätter im Frühjahr nicht mehr so saftig sprossen und gediehen, und er wusste, dass sich sein Leben dem Ende zu neigte.

Eines Tages im Spätherbst, nachdem die Kinder alle Nüsse aufgelesen hatten, kam der Bauer mit einer Kettensäge zum Nussbaum. Man sah ihm an, dass es ihn schmerzte, als er sie am mächtigen Stamm ansetzte. Doch es ging schnell. Der Nussbaum schaute ein letztes Mal zum Bauernhaus und sah die Kinder mit Tränen in den Augen am Fenster stehen. Dann stürzte er in die vom Morgentau noch feuchte Wiese. Wie er da lag, spürte er, dass seine Säfte nicht mehr flossen, und dachte: „So ist also der Tod.“ Dann wurde es dunkel und still in ihm.

Die Monate vergingen, Weihnachten nahte. So langsam wie die Stille den Nussbaum umhüllt hatte, so langsam floss nun Licht in ihn. Er wachte auf wie aus einem tiefen Schlaf, meinte warme Sonnenstrahlen zu spüren, ja, er spürte sich wieder, anders zugegeben, aber er fühlte sich lebendig. „Ist dies das Jenseits?“, fragte er sich. Da entdeckte er die Bauernkinder, die vor ihm standen und ihn anstaunten und sie sahen gar nicht wie jenseitige Wesen aus, sondern ganz lebendig. Auch der Bauer und seine Frau waren da und lächelten.

Da wusste der Nussbaum: Er war auferstanden, in anderer Gestalt, aber er war es. Er lebte weiter.

Ich wünsche euch, liebe Leser, eine lichtdurchflutete Weihnachtszeit, Frieden und Liebe!
Eure Karin

kerzen

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Ein Gedanke zu “Weihnachtsmärchen

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