Wie Gefühle unsere Wahrnehmung beeinflussen

In den vergangenen Wochen habe ich mehrere Vorlesungen zum Thema Wahrnehmung und Wirklichkeit besucht. Über eine davon, mit dem Titel „Gefühl und Wahrnehmung“ von Guido Gendolla, Professor für Psychologie an der Universität Genf, will ich berichten. Er sagte gleich zu Beginn: „Unsere Wahrnehmung ist nicht wie ein Fotoapparat, der alles exakt abbildet – bestenfalls wie einer mit Filtern und Effekten.“

Wie diese beiden optischen Täuschungen beweisen:

Optische Täuschung

Linker Bildteil: Wir halten die obere waagrechte Linie für länger als die untere – beide sind jedoch absolut identisch.
Rechter Bildteil: Wir empfinden den linken roten Kreis als kleiner – auch das ist nur eine Illusion, beide sind gleich.

Getäuscht werden wir, weil die Umgebung sich auf unsere Wahrnehmung auswirkt. Und zwar nicht nur bei solchen Bildspielereien, sondern auch im „richtigen“ Leben.
Professor Gendolla erzählte von einem Experiment, bei dem Menschen gebeten wurden, ihre globale Lebenszufriedenheit zu bewerten, die einen Testpersonen an einem Tag mit gutem Wetter, die anderen an einem mit schlechtem. Die Beurteilung fiel entsprechend dem Wetter besser oder schlechter aus, denn dieser äussere Faktor beeinflusste die Stimmung der Versuchsteilnehmer und wirkte unbewusst mit.
Wurden die Testpersonen jedoch vorher auf die Wettersituation aufmerksam gemacht, so wirkte sie sich nicht auf die Bewertung aus. Sie erkannten dann nämlich, dass das Wetter ihre Stimmung beeinflusste, und konnten ihre Lebenszufriedenheit objektiver beurteilen, ohne diesen Faktor mit einzubeziehen.

Was können wir daraus lernen in Bezug auf unser Selbstwertgefühl und unsere Selbstliebe? Dass unsere Wahrnehmung dieser Eigenschaften nicht objektiv ist, sondern je nach der Umgebung und der Stimmung, in denen wir uns gerade befinden, variiert. Aber auch, und das ist der springende Punkt, dass wir uns dieser äusseren Beeinflussung entziehen können, falls wir uns ihrer bewusst sind.
Wenn wir uns also einmal wertlos fühlen oder spüren, dass uns das Selbstbewusstsein, die Selbstsicherheit, das Selbstvertrauen fehlen:
• Schauen wir uns um, nehmen wir die Umgebung und unsere Stimmung wahr. Suchen wir nach einem Grund, warum unser Selbstwertgefühl gerade geschwächt sein könnte, und machen wir uns dann bewusst, dass diese äussere Ursache nichts mit unserem wahren Selbstwertgefühl zu tun hat.
• Wirken wir auf die äusseren Umstände so ein, dass sie unsere Stimmung und somit unser Selbstwertgefühl verbessern – schauen wir schöne Bilder an, hören wir liebliche Musik, tun wir uns etwas Gutes. Professor Gendolla gibt dazu noch einen ganz einfachen Tipp: mit der rechten Hand einen kleinen Gummiball kneten; dadurch wird der linke Bereich an der Stirnseite des Gehirns stimuliert, der präfrontale Cortex, der für das emotionale Erleben relevant ist, was zu positiven Gefühlen führt (bei Linkshändern umgekehrt).

Nun zu einem anderen Teil der Vorlesung, den ich ebenfalls besonders interessant finde: Stark beeinflusst wird unsere Wahrnehmung auch durch Angst und Bedrohung. Der Referent erläuterte dies ausführlich und belegte es mit Studien, was ich hier nicht im Detail wiedergeben will. Seine Kernaussagen dazu: Die Wahrnehmung von Bedrohungen, beispielsweise von gefährlichen Tieren, wie Spinnen und Schlangen, aber auch von Menschen, die uns nicht wohlgesinnt sind, ist wichtig für das Überleben. Deshalb hat die Evolution uns in dieser Hinsicht geprägt. Dinge, die wir fürchten, nehmen wir schneller und intensiver wahr. Beispielsweise fällt uns in einer Menschenmenge derjenige mit einem grimmigen, bösen Gesicht sofort auf, denn er stellt eine potentielle Bedrohung dar. Solche Gefahrenreize wirken auch auf der unbewussten Ebene auf uns, das heisst, wenn wir unsere Aufmerksamkeit gar nicht darauf richten oder die Gefahr nicht einmal bewusst sehen.

Angst spielt im Zusammenhang mit der Selbstliebe insofern eine Rolle, als wir einen Mangel an Selbstliebe durch Liebe von aussen zu kompensieren versuchen. Keine Liebe zu bekommen oder sie wieder zu verlieren, ist deshalb eine unserer grossen Ängste. Also bemühen wir uns stets darum, geliebt zu werden – durchaus sinnvoll aus dem Blickwinkel der Evolution, denn wenn uns jemand liebt, oder zumindest mag, dann ist er keine Bedrohung.
Aber in unserer Kultur ist jemand, der uns nicht wertschätzt, uns gar feindlich gesinnt ist, nicht gefährlich, er bringt uns nicht gleich um. Hingegen schadet es uns, wenn wir uns aus Angst, nicht geliebt zu werden, verbiegen: Wir tun Dinge, die wir nicht tun möchten, und wir tun Dinge nicht, die wir tun möchten, dabei werden wir uns selbst untreu, weshalb wir unsere Selbstachtung verlieren und unser Selbstwertgefühl schwindet, sodass wir uns noch stärker um Anerkennung bemühen und wiederum Dinge tun… ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.
Ich habe es schon so oft gesagt und geschrieben: Unser Wert beruht niemals auf der Wertschätzung anderer – wir sind wertvoll an sich, einfach weil wir menschliche Wesen sind, egal wie wir sind und was wir tun. Und als diese wertvollen Wesen haben wir das Recht, uns selbst zu lieben.

Ein weiterer Aspekt. Die Evolution hat uns nicht nur dahin gebracht, Bedrohliches wachsamer wahrzunehmen als Angenehmes, sondern auch dazu, es besser im Gedächtnis zu speichern. Denn uns nicht zu erinnern, wo genau im Wald ein gefährliches Raubtier lauert oder wo die Siedlung des Feindes liegt, kann lebensgefährlich sein, während wir in der Regel nicht daran sterben, falls wir einmal eine gute Gelegenheit verpassen.
Kritik, Erniedrigung, Tadel können unser Selbstwertgefühl schwächen, das wissen wir alle. Natürlich steigt es dann wieder mit jedem Zuspruch, den wir bekommen, aber leider nicht im gleichen Verhältnis: Kritik und Tadel schwächen unser Selbstwertgefühl stärker und nachhaltiger, als Anerkennung und Lob es aufbauen. Wie gesagt, weil wir einerseits die Aufmerksamkeit eher auf das Negative fokussieren und ihm mehr Bedeutung zumessen, andrerseits weil es stärker und länger im Gedächtnis haften bleibt.
Diese Tatsache sollte uns ebenfalls in der Einsicht bestärken, dass die Wahrnehmung unseres Selbstwerts nicht objektiv ist, und uns dabei helfen, uns generell nicht von Fremdurteilen beeinflussen zu lassen.

Abschliessend zitiere ich Professor Gendollas Zusammenfassung der Vorlesung wörtlich (mit seiner freundlichen Genehmigung), treffender kann man es in wenigen Sätzen nicht formulieren:

• Wahrnehmung ist ein aktiver, konstruktiver Prozess, der durch Gefühle vielfältig beeinflusst wird.
• Gefühle haben einen systematischen Einfluss auf die Aufmerksamkeitsorientierung.
• Insbesondere Furcht beeinflusst die automatische Aufmerksamkeit auf potentiell bedrohliche Reize – auch bei unbewusster Wahrnehmung.
• Gefühle haben einen systematischen Einfluss auf die Urteilsbildung.
• Auch sogenannte „unbewusste Gefühle“ beeinflussen die Urteilsbildung.

Ich denke, es ist ein wichtiger Schritt, wenn wir uns all dessen schon nur einmal bewusst sind. Mit etwas Achtsamkeit gelingt es uns dann, unsere momentanen Gefühle wahrzunehmen und zu relativieren und so zu verhindern, dass sie unsere Entscheidungen und unser Verhalten allzu sehr beeinflussen.

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