Verletzt werden und verletzen

Unsere Angst, Mitmenschen durch unsere Worte oder Taten zu verletzen, ist meistens recht gross – und entsprechend gross unsere Vorsicht, wie wir uns ausdrücken und handeln. Dabei schlucken wir manchmal etwas hinunter, was uns auf der Zungenspitze liegt, halten unsere Spontaneität unter Kontrolle: Wir sind nicht wirklich wir selbst. Über die Gründe, warum wir niemanden verletzen wollen, habe ich in meinem Beitrag vom 7. September geschrieben.
Heute stelle ich die Frage: Wer wird eigentlich verletzt, wer fühlt sich verletzt? Sind wir denn nicht alle unverwundbare Seelen?
In der Tat: Bin ich gänzlich in mir geborgen, liebe und wertschätze mich selbst – wer oder was könnte mich dann verletzen? Diese Verletzung, die ich als solche empfinde, betrifft immer eine Seite in mir, die (noch) nicht stark genug ist – verwundbar ist. Man sagt ja auch: verletzter Stolz, verletzte Eitelkeit, verletzte Selbstliebe, verletzte Würde…
Machen wir uns in solchen Situationen stets klar, dass nicht ich verletzt bin, sondern nur ein Teil in mir, der noch lernen muss, sich nicht verletzen zu lassen; sehen wir all diese Situationen als Chance zu lernen, zu erstarken.

Die folgenden Betrachtungen können uns zur Erkenntnis verhelfen, warum wir uns nie verletzt fühlen sollten, egal was jemand sagt oder tut – sei es aus Unwissenheit oder Bosheit.
Die Verhaltensweisen anderer Menschen uns gegenüber nehmen wir stets persönlich, wir fühlen uns herabgewürdigt, gedemütigt, angegriffen, verletzt.
Das Geheimnis, uns vom Verhalten anderer nicht treffen zu lassen, liegt darin, es nicht als persönlich, also nicht auf uns gerichtet, zu betrachten. Was der andere auch sagt und tut: Es entspringt dem grossen „Topf“, in dem die bewussten und unbewussten Erlebnisse, Erfahrungen und sich daraus ergebenden Wertvorstellungen und Handlungsmuster seines ganzen bisherigen Lebens gespeichert sind – und damit haben wir nichts, aber auch gar nichts zu tun! Deshalb ist sein Verhalten nicht auf uns persönlich abgezielt, sondern stellt lediglich eine Ausprägung seines Wesens dar, und wir sind nichts weiter als ein x-beliebiges Objekt, das sich gerade in der „Schusslinie“ befindet – wieso uns also getroffen fühlen und mit negativen Emotionen reagieren?
Was nicht heisst, dass wir den anderen nicht auf sein (unseres Erachtens) „falsches“ Verhalten hinweisen dürfen und sollen, im Gegenteil: Es ist unser Recht und unsere Pflicht – aber ohne uns dabei verletzt zu fühlen.

Wir sollten uns ferner bewusst werden, dass es sich in solchen Situationen um zwei verschiedene Dinge handelt: Wie ein anderer sich verhält, ist die eine Seite, und diese liegt in seiner Verantwortung, das heisst, er muss dafür vor sich selbst (nicht vor uns!) gerade stehen. Wie wir empfinden, ist eine ganz andere Sache und liegt allein in unserer Macht – das heisst, wir dürfen nicht einen anderen dafür verantwortlich machen, wie wir uns fühlen und reagieren.

Nun drehen wir den Spiess um. Wenn ich mich selbst bin, mich also so verhalte, wie ich es in mir spüre, und ein anderer fühlt sich dadurch verletzt: Ich bin für meine Taten mir selbst gegenüber verantwortlich, aber nicht dafür, wie ein anderer empfindet! Und ich habe das Recht, ja die Pflicht, mich selbst zu sein. Nur daraus kann ich nämlich lernen und mich innerlich entwickeln, nur dann neue Erkenntnisse gewinnen, wenn ich mich traue, spontan zu leben und aus den gemachten Erfahrungen zu lernen. Wenn ich ständig bloss eine Rolle spiele, hinter einer Maske (siehe Beitrag vom 28. August), bleibe ich in dieser Rolle gefangen und das wahre Leben zieht ungelebt an mir vorbei.

Habt den Mut, euch selbst zu leben – was kann euch schon passieren? Versucht es einfach! Selbst wenn einmal jemand auf euch böse ist, sich verletzt fühlt: Denkt immer daran, dass es nur sein verletztes Ego ist, und dass er dank eurer Offenheit wachsen und erstarken kann.

Zum Thema „Verletzungen“ findet ihr auch einen Beitrag hier.

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9 Gedanken zu “Verletzt werden und verletzen

  1. der beitrag „verletzt werden und verletzen “ kam genau im richtigen zeitpunkt, ganz herzlichen dank.
    alles entspricht der erfahrenen wahrheit, mein problem: wie schaffe ich es , wenn ich mich in der „schusslinie“ befinde, nicht verletzt zu sein. selten gelingt dies, der frust ist ja immer, dass ich`s mal wieder nicht „geschafft“ habe. ich bleibe dran und danke ihnen.
    e gueti ziit erika

  2. Liebe Erika

    Danke für deinen Kommentar!

    Sich nicht verletzt zu fühlen, hängt ja, wie so manches, mit dem eigenen Selbstwertgefühl zusammen. Und das kommt nicht von einem Tag auf den anderen, das ist ein langer Prozess. Es ist schön, dass du sagst: Ich bleibe dran. Bravo!

    Der Frust, es „wieder nicht geschafft zu haben“, ist im Grunde genommen das grössere Problem!
    Man kann das Ganze nämlich auch von einer anderen Seite betrachten, im Sinne von: Ich nehme mich an, wie ich bin, in jedem Augenblick, in jeder Situation.
    Wenn ich mich also verletzt fühle – so ist das ok, ich akzeptiere mich auch mit diesem Gefühl der Verletzung.
    Wir sollten uns nie verurteilen, wenn wir etwas noch nicht können, noch nicht geschafft haben. Wir sind auf dieser Welt, um zu lernen – wie kleine Kinder. Von ihnen erwarten wir doch auch nicht, dass sie in der Primarschule schon Einsteins Relativitätstheorie verstehen!
    Deshalb dürfen wir „unvollkommen“ sein – und wir sollen uns deswegen nicht weniger lieb haben, nicht für wertlos, unfähig betrachten.
    Wichtig ist nur, dass wir den Willen haben, uns zu ändern, und daran arbeiten, in aller Ruhe – wir haben alle Zeit der Welt! Und eines ist gewiss: Wenn wir dran bleiben, werden wir es irgendwann schaffen.

    Alles Liebe für deinen Weg,
    Karin

    P.S. Du hast mich gerade inspiriert: Ich schreibe nächste Woche noch etwas zum Thema: Was soll ich machen, wenn ich mich verletzt fühle?

  3. Wow!! Klasse was du da schreibst. Gibt es vielleicht Selbsthilfebücher von dir. Mir hat es wirklich geholfen deinen Artikel gelesen zu haben.

  4. Danke, Melanie! Es freut mich, wenn meine Texte dir helfen. Selbsthilfebücher habe ich bisher keine geschrieben, nur zwei Erzählungen (siehe Seite „Meine Bücher“ oben in der Menüleiste). Zudem gebe ich eine Schriftenreihe heraus:

    • Sonnwandeln – Schriftenreihe für spirituelle Entwicklung im Alltagsleben
    siehe http://www.nada-verlag.ch/sonnwandeln/konzept.html

    Nachtrag 2011
    Inzwischen habe ich ein Selbsthilfebuch geschrieben: Karma Yoga – Auf dem sonnigen Weg durch das Leben. Mehr Infos hier:http://www.nada-verlag.ch/buchprogramm.html#karmayoga

  5. Ich verstehe das nicht…wir sollen nicht andere dafür verantwortlich machen, wie wir uns fühlen, weil nur wir selbst für unsere Gefühle verantwortlich sind…Aber gibt es nicht Handlungen anderer Menschen, die unweigerlich (wenn man nicht schon einen sehr tiefen Zustand des Gleichmuts erlangt hat) dazu führen, dass wir schmerzhafte Gefühle empfinden? Wenn mich jemand betrügt oder mein Haus niederbrennt, ist es dann nicht logisch, dass ich Schmerz empfinde und liegt das dann nicht zumindest zu einem Teil in der Verantwortung des anderen, weil dieser Schmerz ja voraussehbar war?

    Liebe Grüße,
    Andrea

  6. Liebe Andrea,

    Wie kann denn jemand anders dafür verantwortlich sein, wie du empfindest? Es sind doch deine Gefühle (die übrigens oft von deinen Gedanken hervorgerufen werden)!
    Selbst wenn es, wie du sagst, logisch ist, dass du in gewissen Situationen Schmerz empfindest – wie kann jemand anders für deine Empfindung verantwortlich sein? Entsteht diese Empfindung nicht etwa in dir?

    Wie du auf etwas reagierst, sei es gedanklich, gefühlsmässig oder mit Taten, liegt allein in deiner Verantwortung. Andernfalls könntest du ja zu dem Mann sagen, der dich betrügt: „Du hast mich betrogen. Das hat mich so verletzt, dass ich mich jetzt umbringe. Und du bist verantwortlich dafür.“
    Das stimmt aber nicht. Nie. Die Dinge, die Situationen der äusseren Welt sind das eine – wie wir darauf reagieren etwas anderes.

    Wir würden gerne die Verantwortung abgeben, unsere Empfindungen und unser Verhalten auf die „Umstände“, das „Schicksal“, die „Schuld eines anderen“ abschieben. Aber das geht nicht.

    Und ehrlich gesagt, ich möchte das auch nicht. Ich will nicht der Spielball der äusseren Umstände sein! Ich will selbst bestimmen, wie ich mich fühle, was ich denke und was ich tue.

    Herzlichst,
    Karin

  7. Ich verstehe das nicht ganz. Wenn ein Mensch einen anderen durch Taten verletzt, bspw. indem er Vertrauen verletzt, wie kann man da nicht verletzt sein? Das Vertrauen ist ja etwas gemeinsames, ein Pakt gewissermaßen. Ich kann ja bei einem Vertrauensbruch nicht sagen: „Ok, ich muss mich jetzt fragen, warum ich so fühle.“Es ist nicht wie bei einer Äußerung, die mich persönlich an einer verwunbaren stelle trifft. Diesbezüglich verstehe ich den Text und kann das gut nachvollziehen. Aber bei Taten? Was versteh ich hier nicht?

  8. Lieber Christian

    Es ist menschlich, sich verletzt zu fühlen, wenn jemand unser Vertrauen missbraucht hat. Und es ist unser Recht, diesen Menschen zur Rede zu stellen, zur Verantwortung zu ziehen und – wenn wir es als für uns richtig spüren – auch unsere Konsequenzen daraus zu ziehen, z.B. den Kontakt mit diesem Menschen abbrechen.

    Dennoch ist es bei der Verletzung durch Taten nicht anders als bei einer Verletzung durch Worte. Auch diese trifft eine Stelle in uns, die noch verwundbar ist. Bei missbrauchtem Vertrauen könnte es beispielsweise sein, dass wir uns verletzt fühlen, weil wir uns dumm vorkommen: Wir waren so dumm, jemandem zu vertrauen, der es nicht verdient hat, wir machen uns Selbstvorwürfe. „Wie konnte ich es bloss nicht schon längst merken, dass dieser Mensch mein Vertrauen nicht verdient?“
    Oder wir kommen uns vor den anderen dumm vor: „Bestimmt haben alle schon gewusst, dass er mich betrügt, nur ich war die Dumme und habe nichts gemerkt!“
    Dies nur als ein Beispiel, unsere Verletzung kann viele verschiedene Gründe haben. Meistens jedenfalls liegt ein Mangel an Selbstliebe / Selbstwertgefühl zugrunde.

    Wie gesagt, es ist absolut menschlich, sich verletzt zu fühlen, wenn jemand uns verraten oder betrogen hat. Das passiert mir auch von Zeit zu Zeit, besonders dann, wenn starke Gefühle im Spiel sind.
    Und nochmals: Es geht nicht darum, das Verhalten des anderen zu entschuldigen und einfach zu übersehen.

    Trotzdem sollten wir uns bemühen und lernen, uns nicht verletzt zu fühlen. Und sei es nur aus dem Grunde, dass wir unter der Verletzung leiden, nicht der andere, und wir unter dem Einfluss der Verletzung nicht mehr klar denken und entscheiden und unter Umständen in einer Weise handeln, die uns später leidtut.

    Ich hoffe, deine Frage verständlich beantwortet zu haben, und wünsche dir alles Liebe.
    Karin

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