Verantwortung in Zeiten des Coronavirus

Verantwortung – Eigenverantwortung und Verantwortung gegenüber anderen – ist ein Thema, das ich in meinen Büchern und anderen Veröffentlichungen schon oft aufgegriffen habe.
So habe ich etwa in „Ich liebe mich selbst und mache mich glücklich geschrieben:

Wir sind nie verantwortlich für mündige Menschen. Wir tragen Verantwortung für unsere Kinder, unsere Tiere, unsere Pflanzen, aber niemals für einen Erwachsenen, der in der Lage ist, seine eigenen Entscheidungen für sein Leben zu treffen.
Lassen wir uns also nie zu Sündenböcken machen, lassen wir uns keine Schuldgefühle einreden, wenn jemand zu uns sagt: „Du bist schuld, dass ich unglücklich bin“ oder „Du bist schuld, dass ich trinke, Drogen nehme, mich habe gehen lassen und mein Job weg ist.“
Nein, du bist niemals schuld, welchen Weg ein anderer auch immer einschlägt! Du hast das Recht über dein Leben zu entscheiden. Wie ein anderer damit umgeht, ist allein seine Sache und seine Verantwortung.

Wir sind also nicht verantwortlich, wie ein anderer sich fühlt, wenn wir eine Entscheidung für uns selbst treffen, etwa eine Beziehung zu beenden, ein klassisches Beispiel. Wir haben das Recht, unseren Lebensweg zu gehen; beugen wir uns den egoischen Wünschen anderer, verpassen wir unser eigenes Leben.

Die Grenze zwischen Eigenverantwortung und Rücksichtslosigkeit ist indes nicht immer leicht zu ziehen. Gerade in der gegenwärtigen Gesundheitskrise zeigt es sich recht deutlich. Man sieht beispielsweise immer wieder Menschen, die keine Gesichtsmaske tragen, wo sie vorgeschrieben ist, weil sie es für sich selbst ablehnen oder keine Angst vor Ansteckung haben. Oder Menschen, die den Abstand nicht einhalten.
Letzten Sonntag war ich wandern und als ich mit müden Beinen die Bahnstation für meine Rückreise erreichte, ein kleiner Bergbahnhof, gab es eine einzige Bank, knapp zwei Meter breit. Ein junger Mann sass am einen Ende, ich setzte mich ans andere.
Kurz darauf kam ein Wanderer, so um die 50, und setzte sich zwischen uns, so nahe zu mir, dass er mich beinahe berührte. Ich sagte zu ihm, halb scherzhaft, halb ernst: „Das sind aber keine eineinhalb Meter!“ (die in der Schweiz vorgeschriebene soziale Distanz). Er lachte nur spöttisch. Ich fragte ihn: „Stehen Sie auf oder muss ich gehen?“ Wiederum grinste er mich nur an und schüttelte den Kopf.
Also stand ich auf und entfernte mich. Auch der junge Mann auf der anderen Bankseite stand auf und ging weg.

Eine banale Situation. Und ich selbst habe keine übermässige Angst, mich anzustecken – besser gesagt, genügend Urvertrauen, die Dinge anzunehmen, wie sie mir gegeben werden. Das konnte der Mann aber nicht wissen.
Gerade in schwierigen Zeiten, ist unsere Verantwortung für andere gefragt, mehr denn je. Wir dürfen nicht denken „Mich trifft es nicht“ oder „Ich habe keine Angst vor Corona“ und uns anderen gegenüber entsprechend nachlässig verhalten. Wir tragen Verantwortung für unsere Mitmenschen, mehr denn je. Für die Gemeinschaft.

Es sind dies Zeiten, in denen wir die Chance haben, viel zu lernen. Uns manchmal etwas zurückzunehmen, gewisse Wünsche dem Gemeinwohl zu opfern. Uns selbst und andere zu respektieren.
Es sind Zeiten, in denen unser Urvertrauen erstarken kann. Lassen wir die Angst los, aber ohne rücksichtslos gegenüber denen zu werden, die Angst haben oder geschützt werden müssen.
Es sind Zeiten, in denen wir unsere Selbstliebe festigen können, indem wir nicht nur unsere Grenzen ziehen, sondern auch über unsere Grenzen hinauswachsen.
Es sind Zeiten der Achtsamkeit, der Fürsorge, des rücksichtsvollen Miteinanders. Aber auch des Mutes, für uns selbst und für andere einzustehen.


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