Selbstbestimmung – die Stimme der Seele

In einem vorangehenden Beitrag habe ich über den Tod meiner Mutter geschrieben. Nun, nachdem noch etwas mehr Zeit vergangen ist, will ich das Thema nochmals aufgreifen, aus einer anderen Perspektive.

Meine Mutter war Anfang November gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen, Oberschenkelhalsbruch, aber glücklicherweise ein glatter, problemloser Bruch. Er wurde operiert, genagelt und dann war sie drei Wochen lang in der Reha. Sie erholte sich, wie ich meinte, recht gut und machte Fortschritte, mit den Krücken konnte sie von Tag zu Tag besser gehen.
Doch es war ihr alles zu viel, die Physiotherapie, die Anstrengung, die Hilfsbedürftigkeit – mit 87 Jahren ist das offenbar alles nicht so einfach, zumal meine Mutter seit fast 50 Jahren nie krank gewesen war. Sie sagte einmal während der Reha, sie wäre beim Sturz lieber gleich gestorben, dann wäre alles vorbei gewesen.
Wieder zu Hause, fasste sie dann doch neuen Lebensmut. Nach einer Woche stürzte sie aber erneut, so sicher auf den Beinen war sie halt noch nicht, und holte sich eine äusserst schmerzhafte und behindernde Rückenverletzung. Von da an musste sie starke Schmerzmittel nehmen, z.T. sogar Opiate, und konnte nicht mehr gut gehen, trotz Krücken, und die Schmerzen waren ständig da, sogar im Sitzen oder Liegen. Der Arzt meinte zwar, die Verletzung würde in etwa zwei Monaten von selbst heilen und sie würde sich dann auch einigermassen erholen.

Doch meine Mutter war äusserst aktiv gewesen, ständig unterwegs und auf Reisen. Das war ihr Lebensinhalt, ein Leben ohne diese Mobilität konnte sie sich nicht vorstellen. Und sie glaubte – meiner Meinung nach zurecht – nicht daran, dass es je wieder werden würde wie früher. Sie hatte schon bis dahin in der langen Rekonvaleszenzperiode viel Kraft und Muskeln und Gewicht verloren, und davon erholt man sich in diesem Alter meistens nicht mehr richtig.
Seit eh und je hatte sie gesagt, sie würde niemals in ein Pflege- oder Altersheim gehen. Und ohne Hilfe ging es zu Hause nicht mehr. Eine Hauspflegerin kam mehrmals die Woche, und auch mein Bruder und ich waren mehrmals täglich bei ihr und halfen ihr mit dem Nötigsten.

So teilte sie uns, ihren Kindern, Mitte Dezember mit, dass sie nicht mehr weiterleben wolle. Seit fast 30 Jahren war sie Mitglied von Exit*, exakt für einen solchen Fall.
Mein Bruder und ich haben ihre Entscheidung akzeptiert. Wir achten das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Mensch als das höchste Gut. Und wir haben ihre Gründe verstanden.

Alle Abklärungen und administrativen Tätigkeiten für den begleiteten Freitod erforderten rund vier Wochen. Wie ich in meinem vorangehenden Artikel geschrieben habe, vier intensive Wochen für mich und meinen Bruder, Wochen des Schmerzes und der Traurigkeit, aber auch bereichernd und tief.

Als Kind hatten mich Priester, Mönche und Nonnen gelehrt, die Selbsttötung sei eine Sünde. Später habe ich von spirituellen Lehrern aus Ost und West immer wieder gehört, der Freitod sei etwas Falsches, das dürfe man nicht tun, es sei eine Flucht aus dem Leben, aus einer Situation, die man nicht erträgt undsoweiter undsofort. An Letzteres hatte auch ich geglaubt, ohne mir bewusst zu sein, dass auch dieser Glaube bloss einem Dogma entspricht. Dabei sage und schreibe ich doch immer wieder, wir könnten mit unserem menschlichen Verstand nicht abwägen, was das Göttliche für richtig oder für falsch hält; und jeder Mensch habe seinen eigenen Weg, den wir von aussen niemals verstehen und beurteilen können.

Der Freitod meiner Mutter hat mir tiefe Einsichten geschenkt. Ich habe miterlebt, wie klar und ruhig und in Frieden mit sich selbst sie war, da war kein Hadern mit dem Schicksal oder Verzweiflung. Sie nahm es an, wie es nun einmal gekommen war mit den beiden Stürzen. Bis zuletzt war sie von ihrer Entscheidung überzeugt; nachdem sie sie – nicht leichtfertig – einmal getroffen hatte, war sie stets sicher, das Richtige zu tun. In grosser Würde ist sie schliesslich gegangen.

Nun bin ich davon überzeugt, dass ihre innere Stimme, also ihre Seele, das Göttliche in ihr, sie zu dieser Entscheidung und zu diesem Schritt geführt hat.

Woher wollen wir denn wissen, dass die innere Stimme in jeder Situation sagt: „Du musst weiterleben?“ Die Entscheidung für den Tod, besonders von einem Menschen, der so gerne und mit so viel Freude gelebt hat wie meine Mutter, ist nicht unbedingt der leichtere Weg.

Kann die Entscheidung für den Freitod nicht auch – sogar ganz besonders – aus Liebe zu den Angehörigen, aus grosser Selbstlosigkeit getroffen werden? Meine Mutter wollte nicht nur sich Schmerzen ersparen, sondern auch uns, sie wollte nicht, dass wir zusehen müssen, wie sie leidet, sie wollte nicht, dass wir sie pflegen müssen. Sie sagte einmal zu uns: „Ihr seid noch jung, geniesst euer Leben, ich will nicht, dass ihr eure Zeit darauf verwenden müsst, euch um mich zu kümmern.“

Wie könnten wir Aussenstehende uns anmassen, zu wissen, ob es das Ego oder die Seele ist, die einen Menschen auf einen bestimmten Weg führt?

Ist es nicht oft unser eigener Egoismus, unser Schmerz, der uns die Entscheidungen anderer verurteilen lässt?

All das ist kein Plädoyer für den Freitod, ganz gewiss nicht.
Es ist ein Plädoyer, auf unsere innere Stimme zu hören. Und dafür, die Entscheidungen und Taten anderer Menschen nicht aus unserem unvollkommenen, unwissenden und kurzsichtigen Blickwinkel zu beurteilen.
Das nenne ich Urvertrauen.

* Was Nicht-Schweizer vielleicht nicht wissen: Sterbehilfe ist in der Schweiz legal, Exit ist eine äusserst seriöse Sterbehilfeorganisation mit selbstauferlegten, strengen Richtlinien. Ich bin dieser Organisation dankbar, dass sie meiner Mutter geholfen hat, ihr Selbstbestimmungsrecht wahrzunehmen, und ganz besonders dem Exit-Mitarbeiter, der sie kompetent und einfühlsam begleitet hat.

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Urvertrauen und Hadern

Wünsche habe ich nicht viele, ich versuche stets, Urvertrauen und Gleichmut zu praktizieren und dankbar anzunehmen, was mir gegeben wird, im Bewusstsein, dass es gut für mich ist.

Doch einen Wunsch hatte ich seit vielen Jahren und ich hatte das Göttliche immer wieder gebeten, ihn mir zu erfüllen, nur diesen einen: Dass meine betagte Mutter einen „schönen“ Tod haben möge. Ohne schwere Krankheit, ohne Leiden, einfach irgendwann einschlafen und nicht mehr aufwachen.
Dieser Wunsch war dann sogar spontan in mir aufgekommen, als ich eines Nachts in der Wüste Sternschnuppen sah.

Natürlich weiss ich: Auch Krankheit, auch Leiden haben einen Sinn. Und ich hätte mir nie anmassen dürfen, besser als das Göttliche zu wissen, was für meine Mutter (und mich) gut ist. Aber es ist halt menschlich, ich habe es mir einfach gewünscht, dass sie eines Tages ohne Schmerzen gehen darf.

Als meine Mutter vor wenigen Monaten erkrankte und wir dann seit etwa Mitte Dezember den Tod kommen sahen, haderte ich mit dem Göttlichen. Warum hast du mir diesen Wunsch nicht erfüllt? Ich bitte dich doch ganz selten um etwas! Warum muss sie jetzt so leiden, warum hast du uns das nicht erspart?
Es war für mich sehr schwer. Nicht, ihren Tod anzunehmen, sondern ihr Leiden mitzuerleben. Ich wünschte mir manchmal, sie wäre zuvor unerwartet gestorben.

Vor wenigen Wochen hat sie dann diese Welt verlassen. Friedlich, ruhig, gefasst und in grosser Würde.

Erst danach, als mein Schmerz und meine Trauer ein bisschen verebbt waren – relativ schnell, denn ich hatte den grössten Schmerz und die intensivste Trauer schon vor ihrem Tod vorweg gelebt –, empfand ich eine riesige Dankbarkeit. Für diese Wochen, die uns geschenkt wurden, in denen wir so viele tiefe und bereichernde Gespräche hatten wie nie zuvor. Für die Liebe, Nähe und Fürsorge, die ich ihr noch schenken durfte, mehr als je zuvor in meinem Leben. Für ihre Nähe und Liebe, die sie mir noch schenkte. Für diese tiefe Erfahrung, sie in den Tod begleiten zu dürfen.

So habe ich nun verstanden, warum meine Mutter nicht schnell und unerwartet sterben durfte, und bin dem Göttlichen unendlich dankbar dafür.
Ich hoffe, ich werde mich in Zukunft daran erinnern, sollte ich wieder einmal mit meinem Schicksal hadern.

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