Schuldzuweisungen und Selbstvergebung

Den Dingen auf den Grund gehen, nach den Ursachen suchen, um daraus Einsichten zu gewinnen, dagegen ist nichts einzuwenden. Doch kennt ihr nicht auch Menschen, die immer sofort einen Schuldigen suchen und finden? Haben sie einen Schnupfen, so müssen sie jemanden für die Ansteckung verantwortlich machen; geht eine Pflanze im Garten ein, so liegt es an Nachbars Hund, der sein Geschäft dort verrichtet; bekommen sie keine Karten mehr für das gewünschte Konzert, so hätte die Ankündigung in der Zeitung ein paar Tage früher erscheinen sollen; rutscht ihnen eine Tasse aus den Händen, dann hatte der Partner sie nicht sauber gespült, sodass der Henkel noch fettig und deshalb glitschig war.

Diese Neigung, die Verantwortung, ja die Schuld auf jemanden oder auf die Umstände zu schieben, kann unter anderem auf einen Mangel an Selbstwertgefühl zurückzuführen sein. Wir wollen auf keinen Fall riskieren, von unseren Mitmenschen schlecht bewertet zu werden, weshalb wir – nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ – die Schuld von uns weisen, bevor jemand überhaupt auf die Idee kommt, uns zu bezichtigen. Die Argumente unserer Selbstverteidigung sind zuweilen völlig an den Haaren herbeigezogen.
Durch ein solches Verhalten schützen wir uns nicht zuletzt auch vor unserer eigenen Selbstentwertung. Müssten wir uns nämlich eingestehen, dass wir etwas falsch gemacht haben, und sei es nur ein harmoser Fehltritt, eine Unachtsamkeit, Nachlässigkeit, so kämen Selbstvorwürfe und Schuldgefühle auf. Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl leiden oft beträchtlich darunter und werden dann ihre herabwürdigenden Gedanken kaum mehr los: „Schon wieder habe ich etwas falsch gemacht. Nicht einmal das kann ich. Es geschieht mir ganz recht…“

Das umgekehrte Phänomen lässt sich, wie mir scheint, bei Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl noch häufiger beobachten: Sie übernehmen immer für alles die Verantwortung. Und fühlen sich tatsächlich schuldig.
Sie trauen sich selbst nicht zu, etwas zu können, etwas richtig zu machen, sodass sie die Schuld augenblicklich bei sich suchen, wenn etwas schief läuft. Wenn ich die obigen Beispiele wieder aufgreife: bei einem Schnupfen sind sie davon überzeugt, sich zu wenig warm angezogen zu haben; beim Absterben der Pflanze haben sie ihr den falschen Dünger gegeben; die Konzertkarten sind ausverkauft wegen ihres zu langen Zögerns; und die Tasse ist kaputtgegangen, weil sie immer so schusselig sind.

Muss es denn immer einen Schuldigen geben? Ist es nötig, ihn immer zu suchen und als solchen zu bezeichenen? Wieso können wir eine Situation nicht einfach zur Kenntnis nehmen und so stehen lassen?
Selbst wenn wir objektiv einen Fehler gemacht haben: Es genügt, ihn zu erkennen und daraus zu lernen. Ohne Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, ohne uns als entwertet oder Versager zu empfinden. Niemand ist vollkommen, wir alle machen Fehler. Diese vor uns selbst und vor anderen einzugestehen, ist ein Zeichen eines gesunden Selbstwertgefühls. Und es ist ein Zeichen von Weisheit, daraus zu lernen. Alles andere ist überflüssig und schädlich.

Seid also achtsam für die Situationen, in denen ihr nach Schuldigen sucht oder leichthin jemanden (euch selbst!) oder etwas für einen Fehltritt, eine Unannehmlichkeit, ein Versagen verantwotlich macht, und überlegt euch gut, ob es tatsächlich einen Schuldigen gibt. Falls ja, vergebt ihr ihm – oder euch selbst –, nachdem die Schuldfrage geklärt ist.
Und verzeiht euch generell alles, wirklich alles und immer. Egal was ihr falsch gemacht habt, sogar wenn ihr jemanden verletzt, betrogen, schlecht behandelt habt, erkennt ihr schlicht eure Unzulänglichkeit und sagt euch: „Ich bin nicht vollkommen, ich habe einen Fehler gemacht. Nun habe ich daraus gelernt und ich vergebe mir selbst. Ich vergebe mir. Ich vergebe mir alles.“

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Was Frauen (und Männer) sich antun

„Ich hätte nie geglaubt, dass Karl mich schlagen könnte. Ich hätte auch nie geglaubt, dass der Ätna nochmal ausbricht. Ich hätte nie geglaubt, dass mir so was passieren könnte. Ich hätte nie geglaubt, dass jemand auf den Papst schiesst. Ich glaubte es selbst dann noch nicht, als ich mein Blut schmeckte.
Es gab keinen Anlass. Wir waren auf einer Party gewesen. Ich hatte jede Menge Spass, und als wir draussen auf der Strasse waren, langte er mir eine. Ich hab nicht mal gesehen, wie er ausholte, nur dass plötzlich seine Faust in meinem Gesicht war.
Der Schmerz spielt keine Rolle. Im Moment, da er dich schlägt, vergisst du, es schmerzhaft zu finden. Ich stand da, wir standen da, ich neben mir, betrachtete den Schlamassel und versuchte zu ergründen, was vorgefallen war.
Ein Irrtum, das war schon mal klar. Dieses Vorkommnis war für jemand anderen gedacht, für ein anderes Paar, nicht für uns. Ich konnte nicht begreifen, dass eine dieser Hände, dass dieser Mann mich geschlagen hatte, das gehörte nicht in meine Ehe.
Zu Anfang verdrängst du schnell. Ich steckte diesen Schlag ein und leugnete ihn sofort, ein Ausrutscher, ach was, ein schlimmer Traum. Er würde so was niemals tun, das ist überhaupt nicht passiert. Lass uns nach Hause gehen und so tun, als sei nichts gewesen.
Am nächsten Tag entschuldigte er sich. Er grämte sich so sehr, dass er mir schon wieder leid tat. Das machen sie immer, die Schläger: Sie entschuldigen sich, um ihre eigene Welt in Ordnung zu bringen, nicht die des Opfers.
Entweder geht man nach dem ersten Schlag – oder nie. Aber den Rat kann dir keiner geben, weil du dich schämst und schweigst.
[…]
Du denkst, der Ätna ist einmal ausgebrochen, jetzt wird er Ruhe geben. Auf den Papst schiesst keiner ein zweites Mal. Dein Mann wird eines Tages voller Zerknirschung daran denken, wie er ein einziges Mal im Leben die Kontrolle verloren hat.
So stellst du dir das vor und versuchst, es ihm recht zu machen. Bis die zweite Überraschung ranfliegt, mitten in die Fresse.
[…]
Das Schlimme ist, dass du irgendwann den Horizont verlierst. Er prügelt, aber er bringt dich dazu zu glauben, er sei im Recht und es sei deine Schuld, dass es eine Scheissehe ist. Er sagt, du musst dich ändern, dann wird alles wieder gut.
Wenn ich glaubte, erkannt zu haben, was Karl störte, stellte ich es ab. Ich traf mich nicht mehr mit den Freunden, die er hasste, ging kaum noch alleine weg, äusserte bestimmte Meinungen so lange nicht mehr, bis ich selber davon überzeugt war, sie seien falsch.
Irgendwann hatte er mich so weit, dass ich es nicht wagte, im Restaurant zu bestellen, aus Angst der Kellner könnte mich anlächeln. Ich schminkte mich nicht mehr, ich lief in Sack und Asche durch die Gegend.
[…]
Alles bist du bereit zu tun oder zu lassen, je nachdem wie er es will, um nicht öffentlich bekennen zu müssen, wie dein Leben aussieht.
Ich dachte, ich kann ihn ändern, wenn ich mich selber ändere. Ich machte mich für alles verantwortlich und fühlte mich für alles schuldig.
Wenn er Ärger im Job hatte, fühlte ich mich schuldig.
Wenn er vergass, mir zum Geburtstag zu gratulieren, fühlte ich mich schuldig.
Wenn er mich anschrie, ich triebe es hinter seinem Rücken mit Türken und Farbigen, fühlte ich mich schuldig.
Wenn ich das Rohypnol entdeckte, das er angeblich nicht mehr nahm, fühlte ich mich schuldig.
Er hatte es als Kind nicht leicht gehabt: Ich fühlte mich schuldig.
Wegen Eva musste Adam aus dem Paradies: Ich fühlte mich schuldig.
Schuldig und wert, bestraft zu werden.
Ich schrumpfte auf einen Punkt.“

Diese treffende Schilderung einer Frau stammt aus dem Roman „Die dunkle Seite“ von Frank Schätzing.

Prügelnde Männer gibt es, auch wenn sie ganz bestimmt nicht in der Mehrheit sind.
Menschen, Männer und Frauen, die uns stets glauben machen wollen, wir seien Schuld an allem, was ihnen zustösst oder nicht passt, gibt es schon wesentlich mehr.
Und noch mehr Menschen, Männer wie Frauen, gibt es, die sich selber stets für alles verantwortlich und schuldig fühlen.
Der Chef hat schlechte Laune? – Bestimmt habe ich etwas falsch gemacht.
Die Verkäuferin ist unfreundlich? – Sie mag mich nicht, weil ich so dick bin.
Die Bedienung im Restaurant übersieht mich? – Weil ich so unbedeutend und unscheinbar bin.

Nein! Wenn der Chef schlechte Laune hat, die Verkäuferin unfreundlich ist, die Bedienung im Restaurant unaufmerksam: Was auch immer der Grund dafür ist, mit mir hat es nichts zu tun.
Selbst dann, wenn ich in den Augen dieser Menschen die Ursache bin, so brauche ich mich nicht schuldig zu fühlen. Sie messen nämlich immer mit ihren eigenen Massstäben, bewerten nach ihren eigenen Kriterien – das ist jedoch nicht die absolute Wahrheit!

Sich selbst lieben bedeutet auch: Sich niemals etwas vorwerfen.
Aufrichtig hinschauen: ja. Erkennen, dass wir etwas nicht so gut gemacht haben: ja. Uns vornehmen, es das nächste Mal besser zu machen: ja.
Aber immer ohne Selbstvorwürfe und Schuldgefühle.

Denkt daran, dass ihr niemals die Verantwortung trägt für mündige, erwachsene Menschen. Auch wenn sie euch vorwerfen: „Wegen dir geht es mir schlecht.“ – „Weil du das und das getan hast, bin ich ins Elend gestürzt.“

Nehmt euch jetzt gleich vor: Ich fühle mich nie wieder schuldig.

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Hör auf zu denken!

Im vorangehenden Text vom 19. April 2011 über die Schuldgefühle habe ich unter anderem erwähnt, dass wir uns dem Gedankenstrudel kaum mehr entziehen können, haben wir einmal angefangen, uns Selbstvorwürfe zu machen.
Diese kreisenden Gedanken kennen wir jedoch auch, wenn wir uns um etwas sorgen, über Geschehenes grübeln, Liebeskummer haben, uns eine schwierige Aufgabe bevorsteht und bei vielen anderen Gelegenheiten.
Ist die Denkmaschinerie einmal in Gang, hört sie nicht von selber wieder auf. Möglicherweise lässt sich dieses Phänomen dadurch erklären, dass die elektrischen Ströme im Gehirn automatisch weiterfliessen – wie es auch bei körperlichen Schmerzen geschehen kann, dass die einmal aktivierten Nerven weiterhin Schmerzmeldungen ans Gehirn senden, obwohl die Schmerzursache bereits beseitigt ist.

Jedenfalls gelingt es uns in den seltensten Fällen, die Gedanken allein durch unseren Willen abzustellen. Genauso wenig wie wir sie einfach zum Schweigen bringen können, wenn wir meditieren wollen, oder sie einfach abschweifen, wenn wir beispielsweise lesen, einen Film schauen oder einem langweiligen Redner zuhören.
Wir müssen die Gedankenströme umlenken, also unser Gehirn anderweitig beschäftigen. Dazu dient die Achtsamkeit. Wir richten unsere ganze Aufmerksamkeit auf das, was wir gerade tun – wir leben in der Gegenwart, ausschliesslich in der Sekunde, in der wir uns gerade befinden. Wir beobachten lediglich, wie es ein Aussenstehender tun würde, aber ganz intensiv, allerdings ohne über das Beobachtete nachzudenken oder es zu interpretieren. Sonst entfernen wir uns bereits wieder von der Realität und konstruieren uns eine gedankliche Scheinwirklichkeit; da können auch unsere vorherigen kreisenden Gedanken wieder eindringen.
Wenn Gedanken aufkommen – was mit der Zeit zwangsläufig eintreten wird –, beobachten wir auch diese wie ein Aussenstehender, wir betrachten sie als einen automatisierten Prozess in unserem Gehirn und lassen uns dadurch nicht mehr von ihnen vereinnahmen. Mit der Zeit hören sie dann auf zu fliessen.

Dazu noch ein paar Anhanltspunkte und Anregungen:
• Ich will mit den obigen Ausführungen nicht sagen, wir sollen nicht über ein Problem, das uns beschäftigt, nachdenken. Aber: Wenn wir eine Aufgabe bewältigen, ein Problem lösen müssen, dann denken wir an das Problem, an die Aufgabe, konstruktiv und analytisch. Und nicht daran, was passieren könnte, wenn wir keine Lösung finden, ob wir es rechtzeitig schaffen, warum wir uns bloss in diese Situation gebracht haben, was die anderen dazu sagen werden und an alle möglichen Konsequenzen!
• Betrachten wir die kreisenden Gedanken als ein automatisiertes Produkt des Gehirns, das aus gespeicherten Daten besteht; es hat nichts mit uns und mit der Wirklichkeit zu tun. Dadurch fallen auch die durch das Denken hervorgerufenen Emotionen weg, die uns weiter in den Strudel hineinziehen. Erst dann hören wir unsere innere Stimme, die uns das Richtige sagt.
• Zum Thema Selbstvorwürfe und Schuldgefühle. Was wir auch immer getan haben, was auch immer geschehen ist: Wenn wir jetzt darüber nachdenken, so betrachten wir das Vergangene aus der jetzigen Position. Jetzt besitzen wir mehr Informationen, aus der gemachten Erfahrung und der heutigen Sicht würden wir anders handeln – doch als die Vergangenheit unsere Gegenwart war, war es schlicht unmöglich. „Im Nachhinein ist man immer schlauer!“ habe ich im vorangehenden Artikel auf dieser Website bereits geschrieben, ich weiss. Aber man kann es nicht oft genug wiederholen, dass wir aus Vergangenem zwar unsere Erkenntnisse gewinnen, unsere Lehren ziehen sollen, ihm aber nicht gedanklich nachhängen, schon gar nicht mit Schuldgefühlen!
• Eine Methode, um aus den kreisenden Gedanken herauszufinden, habe ich in meiner Erzählung „Der Wanderer im dunklen Gewand“ (Seite 72) beschrieben.

„Weile in der Gegenwart des Seins, lass deinen Gedanken keinen Raum. Die äußeren Umstände sind weder gut noch schlecht, weder angenehm noch unangenehm – die Bewertung macht nur dein Denken. Sieh die Weide dort: Sei bei ihr, solange deine Augen auf ihr ruhen, nimm ihre geschwun­genen in den Himmel gerichteten Ruten wahr, erkenne die lanzenförmige Gestalt ihrer Blätter, die senfgelbe Farbe ihrer Rinde. Die Weide ist in diesem Moment deine Gegen­wart – dann ist kein Platz für Gedanken von Einsamkeit. Und wenn du einen Schritt weiter bist und die Weide deinem Blickfeld entschwunden, siehst du den großen Stein im Wasser, wie die Strömung an ihm abreißt, kleine Wirbel und Gischt bildet…‘ Er gab sich dem Sehen hin, bis er tat­sächlich nur noch Gegenwart war, reines Erleben, und dabei weder Freude noch Leid, nur noch Gleichmut empfand.

• Eine weitere Methode, um das Denken abzustellen, ist das Rezitieren von Mantras oder von Affirmationen; darauf will ich hier nicht näher eingehen, Anleitungen dazu finden sich viele im Internet.
• Und im obenstehenden Artikel habe ich Zitate von Sai Baba aufgeführt, von denen einige auch zum Thema Denken passen.

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Misserfolge und Schuldgefühle

Wenn du auf Schwierigkeiten triffst oder Misserfolge erleidest, die nicht von deinem eigenen Verschulden herrühren, brauchst du dich nicht zu sorgen.
(Übersetzt aus Sri Aurobindo: Letters on Yoga I)

Wie oft empfinden wir doch Schuldgefühle, wenn wir einen sogenannten Fehler machen, wenn Dinge nicht so laufen, wie sie sollten, wenn andere vermeintlich wegen uns leiden oder Probleme haben!
Dann werfen wir uns alles Mögliche vor, können die kreisenden Gedanken kaum mehr abstellen und geraten in einen Strudel, in dem wir uns schlecht fühlen und aus dem wir nur mit Mühe oder mit der Zeit herausfinden.

Selbstvorwürfe und Schuldgefühle sollten wir generell nicht aufkommen lassen, denn sie nützen nichts – weder einem betroffenen Mitmenschen noch uns selbst. Kritisch und ehrlich die Situation anschauen, erkennen ob wir anders hätten handeln sollen und falls ja, es uns selbst und anderen eingestehen, uns vielleicht dafür entschuldigen, uns vornehmen, es das nächste Mal besser zu machen – ja, das sollten wir tun. Und es dann dabei bewenden lassen, nicht mehr daran denken, nicht mehr darüber reden, nicht zulassen, dass andere es uns weiterhin vorhalten.

Falls wir tatsächlich gefehlt haben! Denn wie oft fühlen wir uns schlecht, wenn Schwierigkeiten auftauchen, uns Missgeschicke oder sogenannte Fehler passieren, jemand angeblich wegen uns leidet, ohne dass wir etwas dafür können! Wir neigen dazu, uns die Schuld für dies und das aufzuladen, obwohl wir es gar nicht hätten verhindern, nichts hätten besser machen können.
Genau das meint Sri Aurobindo im obigen Zitat. Wenn wir uns Mühe geben, das tun, was in unserer Macht steht, nach bestem Wissen und Gewissen handeln: Warum sollten wir uns dann verantwortlich fühlen für das, was dabei herauskommt? Selbst wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass wir einen sogenannten Fehler begangen haben. Nachher ist man immer schlauer, im Rückblick ist es leicht zu kritisieren und es besser zu wissen!

Wenn wir es schon nicht lassen können, uns Vorwürfe zu machen für das, was aus unserer Nachlässigkeit, Unachtsamkeit oder aus unserem schlechten Willen entsteht – dann nehmen wir uns heute und für alle Zukunft wenigstens vor, uns nicht mehr verantwortlich zu fühlen für all das, wofür wir keine Schuld tragen.
Treten nämlich Schwierigkeiten oder Misserfolge auf, obwohl wir uns redlich bemüht haben, so haben sie bestimmt nicht den Sinn, uns Schuldgefühle aufzuladen, sondern den Sinn, uns etwas zu lehren, damit wir uns mit den Problemen auseinandersetzen und sie bewältigen oder gleichmütig ertragen.

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Vergleiche

Wie fühlt sich wohl eine Amsel, die sich mit einem Pfau vergleicht? „Er hat ein wunderbares Federkleid mit diesem schillernden Blau und Grün! Ich dagegen bin so unscheinbar schwarz…“
Und was denkt der Pfau, der sich mit der Amsel vergleicht? „Welch melodiöse Stimme, himmlisch! Ich schäme mich für meinen schrillen Schrei…“

Wir neigen dazu, uns mit anderen zu vergleichen, sei es in Bezug auf einzelne Eigenschaften, sei es als Ganzes. Kein Wunder! Wie oft wurde uns als Kind gesagt, die Schwester sei bräver, der Bruder besser in der Schule? Selbst als Erwachsene werden wir immer wieder mit Mitmenschen verglichen, mit Arbeitskollegen, Freunden, Familienmitgliedern. Und auch mit uns selbst, wie wir einst waren.

Diese Vergleiche mit dem „Besseren“, die wir selber anstellen, sind Gift für unser Selbstwertgefühl! Unnötig zu sagen, dass es immer jemanden geben wird, bei dem eine gute Eigenschaft ausgeprägter ist als bei uns.
Das Umgekehrte machen wir etwas seltener: jemand zum Vergleich heranziehen, der weniger „gut“ ist als wir. Und auch das sollten wir nicht tun, selbst wenn wir uns im Moment dabei besser fühlen. Ein Selbstwertgefühl, das auf einer solchen Bewertungsskala beruht, steht auf wackligem Fundament!

Generell sollten wir Menschen nicht bewerten. Denn alle Menschen sind gleich wertvoll, unabhängig von ihren Eigenschaften. Beurteilen können wir eine Tat – ohne dieses Urteil dann auf den Menschen selbst zu übertragen.
Dabei verzichten wir jedoch darauf, die Tat von X mit der unsrigen zu vergleichen.

Denken wir immer daran, dass wir nicht alle Könige sein können, es braucht auch Bettler. Oder um auf den Pfau und die Amsel zurückzukommen: Wenn es einen der beiden nicht gäbe, wäre die Welt als Ganzes ärmer.
Jeder von uns hat seinen Platz in der Welt. Genau so wie er gerade ist.
Keinen braucht es mehr als einen anderen, keiner ist wertvoller als ein anderer.
Und keiner lässt sich mit einem anderen vergleichen, denn jeder ist einzigartig. Einzigartig wertvoll, genau weil er so ist, wie er gerade ist.

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Echte Reue statt Schuldgefühle

Niemand ist fehlerlos. Es lässt sich nicht vermeiden, dass wir – trotz unseres ehrlichen Bemühens – auch einmal jemandem Unrecht tun, etwas antun, ihn verletzen. Danach quälen uns oft Schuldgefühle.
Noch öfter lassen wir uns von anderen Schuldgefühle einreden. Weil wir uns nicht so verhalten haben, wie sie es erwarteten. Weil wir uns erlaubt haben, eine eigene Meinung zu äussern. Weil wir uns getraut haben, eine Bitte oder einen Wunsch abzuschlagen. Weil wir ganz einfach nur wir selbst waren.

Schuldgefühle sind jedoch unnütz! Sie erniedrigen uns und führen dazu, dass wir uns schlecht fühlen und darunter leiden. Auf diese Art bestrafen wir uns selbst für ein tatsächlich oder vermeintlich angetanes Unrecht – und zwar nicht selten über längere Zeit.

Echte Reue hingegen ist durchaus sinnvoll! Wir schauen unser Verhalten mit innerer Ehrlichkeit an. Wenn wir einsehen, tatsächlich etwas falsch gemacht zu haben, bereuen wir es kurz, wirklich nur einen Augenblick lang, versuchen zu erkennen, warum wir in dieser Weise gehandelt haben, und nehmen uns vor, den gleichen Fehler nicht mehr zu machen. Und damit ist es getan!
Das fortgesetzte Hin- und Herwälzen in Gedanken und das Empfinden von Schuldgefühlen nützt weder uns noch demjenigen, dem wir ein Unrecht angetan haben.

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Ein guter Vorsatz für die Selbstliebe

Es ist die Zeit der guten Vorsätze: mit dem Rauchen aufhören, sich mehr Zeit für die Kinder nehmen, mindestens drei Mal pro Woche joggen gehen und viele, viele mehr. Die gute Absicht ist vorhanden, der Wille ist da – und doch lassen sich die meisten Vorsätze nicht halten. Das hat verschiedene Gründe, wovon ich nur die zwei häufigsten kurz erwähnen will:
• Obwohl wir, wenn wir Ich sagen, uns als ein Ich verstehen, ist das nicht der Fall. Nicht nur Schizophrene besitzen multiple Persönlichkeiten! Wir alle haben verschiedene Ichs: Das eine fasst einen guten Vorsatz, weil es findet, ich sollte das und das ändern – und ein anderes Ich setzt sich später darüber hinweg, weil es keine Lust dazu hat und oft ebenso viele valable Gründe findet, warum ich mich nicht ändern soll.
• Der gute Vorsatz wurde nicht mit absoluter Bestimmtheit gefasst. Mein Wunsch, etwas zu verändern, ist manchmal zwiespältig: Einerseits möchte ich, andererseits ist etwas in mir (ein anderes Ich!), was nicht ganz davon überzeugt ist: Ich traue es mir nicht wirklich zu, durchzuhalten, ich fürchte mich von vornherein schon vor dem Versagen, vor irgendwelchen Konsequenzen und viele andere Gründe mehr. Somit ist mein Entschluss nicht vollkommen „einheitlich“ und deshalb nicht wirklich ehrlich, meine Willenskraft besitzt nicht die absolute Bestimmtheit – ich stehe sozusagen nur halbherzig dahinter (oft nur unbewusst). Manchmal verrät es bereits die Ausdrucksweise: In „Ich möchte mich ändern“ schwingt der Zusatz mit „aber ich habe Angst davor“ oder „aber ich weiss nicht, ob ich es kann“. Wie anders hört sich doch an: „Ich will und ich werde mich ändern“!

Wie auch immer – welche Vorsätze ihr auch für das neue Jahr fasst, einer für die Selbstliebe sollte dabei sein: „Ich habe zwar Vorsätze gefasst und ich will etwas ändern. Aber ob es mir gelingt oder nicht, ob ich schon nach einer Stunde den Vorsatz aufgebe oder nach einem Tag oder einem Monat: Es ist gut wie es ist! Ich bin ok, so wie ich bin.“
Verurteilt euch nicht für eure vermeintliche „Schwäche“ und „Fehler“, verzeiht euch selbst immer alles – es gibt kein Versagen, es gibt keine Fehler, ihr macht alles richtig! Vielleicht war es noch nicht die richtige Zeit, etwas zu ändern…

Weitere Anregungen für „gute Vorsätze“ findet ihr im vorangehenden Artikel und auf meiner anderen Website Karma Yoga.

Ich wünsche euch für das Neue Jahr, dass ihr euch wirklich lieb habt, so wie ihr seid, und viel Zufriedenheit auf eurem Lebensweg!

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Ich muss nicht vollkommen sein!

Warum bin ich mir selbst gegenüber oft kritischer und unnachgiebiger als anderen gegenüber? Und sogar als andere mir gegenüber?

Von uns selbst erwarten wir oft eine Vollkommenheit, der wir nie und nimmer gerecht werden können; diese Erwartung wird nämlich aus einem Idealbild erzeugt, das wir uns von uns selbst machen. Es stammt aus den Erwartungen, die an uns als Kind und auch später gestellt wurden, und den Vorstellungen, wie wir sein sollten, die unsere Erzieher und übrigen Autoritätspersonen uns eingepflanzt haben. Deshalb sind wir oft sehr hart in unserer Eigenbewertung und verurteilen uns gnadenlos für vermeintliche Fehler, Versagen und Unzulänglichkeiten.
Es kommt dazu, dass wir dabei ständig befürchten, andere könnten merken, dass wir nicht so vollkommen sind, wie wir meinen sein zu müssen, und wir geben uns alle erdenkliche Mühe, damit sie uns nicht sehen, wie wir wirklich sind. Doch das kostet uns eine Menge Energie; zudem können wir vor uns selbst nichts vertuschen und wir fühlen uns umso schlechter, schuldiger und unwürdiger.

Haben wir doch den Mut, endlich ein realistisches Bild von uns selbst zu malen – und es als schön und liebenswert zu sehen! Wir sind nicht weniger wertvoll, weil wir nicht fehlerlos sind, im Gegenteil: Manche Mitmenschen fühlen sich besser in unserer Gegenwart, wenn wir nicht auf einem solch hohen Podest stehen.
Betrachten wir die Alltagssituationen zudem objektiv und nicht aufgrund unseres Ideal-Eigenbilds, erkennen wir sofort, dass wir von unseren Mitmenschen nicht so kritisch beurteilt werden, wie wir selbst es tun. Und denjenigen, die immer etwas auszusetzen haben, können wir es ohnehin nicht recht machen, wären wir auch wirklich vollkommen…

P.S. Es muss noch erwähnt werden, dass das Umgekehrte auch vorkommt: Dass wir, weil wir an uns selbst solch hohe Ansprüche stellen, es auch bei anderen tun, Ansprüche, die sie, wie wir ja auch, nie und nimmer erfüllen können. Daraus entstehen viele unnötige zwischenmenschliche Probleme und Konflikte.

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Den Pfeil herausziehen!

Was tun, wenn ich mich durch eine Aussage oder die Verhaltensweise eines Mitmenschen verletzt fühle? Das war Erikas Frage in ihrem Kommentar zum Beitrag vom 18. September „Verletzt werden und verletzen“.

Sich verletzt fühlen, ist eine ganz normale menschliche Eigenschaft, und es besteht absolut kein Grund, sich deswegen Vorwürfe zu machen – selbst wenn wir die theoretische Erkenntnis besitzen, dass wir uns nie verletzt fühlen sollten!
Wenn jemand einen Pfeil auf uns schiesst, der einen unserer wunden Punkte trifft oder mit solcher Bosheit auf uns zielte, kann das weh tun. Nochmals in aller Deutlichkeit: Es ist normal, diesen Schmerz zu fühlen, wenn ein Pfeil trifft, das passiert jedem Menschen.
Wir können andere nicht daran hindern, willentlich oder unabsichtlich mit Pfeilen auf uns zu zielen – manchmal schiessen sie daneben, manchmal treffen sie aber. Entscheidend ist, wie wir uns verhalten, nachdem wir verletzt wurden.

1. Den Pfeil herausziehen. Ich mache mir bewusst, dass die Aussage oder die Verhaltensweise, die mich verletzt hat, nicht zu mir gehört, sondern von aussen in mich eingetreten ist, sie hat also nichts mit mir zu tun, ich lehne sie kategorisch ab, und ich werfe sie bildlich aus mir hinaus – ich kann das beispielsweise in einer kurzen Imagination mit geschlossenen (oder sogar mit offenen) Augen tun, indem ich mir vorstelle, wie ich diesen Pfeil aus meinem Körper herausreisse und wegwerfe.
2. Die Wunde reinigen und desinfizieren. Ich wische das Gift, das in mich eindringen wollte, weg, indem ich die verletzende Aussage „verwässere“ – je nach Situation kann ich mir beispielsweise sagen, dass die Person X völlig unrecht hat, nur aus Dummheit, Niedertracht, Mangel an Selbstwertgefühl so etwas gesagt hat; oder ich versuche, mir ihr Verhalten zu erklären (nicht zu entschuldigen!), aus ihrer persönlichen Situation, in der sie gerade steckt, wie Frustration, Wut, Enttäuschung und mehr. Es ist schwierig, dieses „Desinfizieren der Wunde“ theoretisch zu erläutern, denn in jeder Situation sind es andere Mittel, die helfen. Wichtig ist jedenfalls, mich nie selbst schuldig zu fühlen oder anzunehmen, ich hätte es nicht anders verdient – ich wurde angeschossen, dafür kann ich nichts, ich bin Opfer, nicht Täter!
3. Die Wunde verbinden. Ich lege etwas Schönes, Gutes, Angenehmes über die Wunde, indem ich mir bewusst andere Situationen in Erinnerung rufe, in denen ein Mensch (vielleicht sogar der gleiche, der mich jetzt verletzt hat) mir liebe Worte oder Taten geschenkt hat; oder Situationen, in denen ich mich gut gefühlt habe, weil ich erfolgreich war, etwas besonders gut meisterte, von anderen gelobt oder bewundert wurde. Jedenfalls Momente, in denen ich mich selbst liebte und mich wertvoll fühlte.

Und sollte die Wunde danach immer noch weh tun – dann nehme ich diesen Schmerz an und halte ihn aus. Siehe dazu meinen Beitrag über den Umgang mit dem Leiden.

Bei dieser Gelegenheit darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch das Sich-verletzt-fühlen möglicherweise nur ein altes Verhaltensmuster sein könnte: Ich habe die Erkenntnis, dass ich mich nie verletzt fühlen sollte, wohl verinnerlicht, sie ist in meiner Seele gut verankert – aber in meinem Unbewussten steckt das alte Muster noch fest und bestimmt mein Verhalten. Ohne dass ich es willentlich beeinflussen kann, steigt diese Empfindung der Verletzung in mir hoch, sobald eine entsprechende Situation eintritt, wie eine automatische Reaktion – dabei wäre sie durch meine wahre Erkenntnis längst überflüssig!
Ebenso überflüssig ist es in diesem Fall, dagegen anzukämpfen. Besser ist es, die Situation gleichmütig anzunehmen, mich nicht zu verurteilen, nicht wertlos zu fühlen, weil ich es „immer noch nicht geschafft habe, mich nicht mehr verletzten zu lassen“. Hingegen hole ich mir die theoretische Erkenntnis wieder einmal ins Bewusstsein und sage mir ganz ruhig und bestimmt: Das nächste Mal fühle ich mich nicht mehr verletzt.
Und selbst wenn es mich wieder „erwischt“ – dann war es halt noch nicht der richtige Zeitpunkt für mich, dieses alte Muster endgültig abzulegen, aber irgendwann wird es so weit sein, das ist gewiss!

Einen kurzen Beitrag von mir zum Thema Verhaltensmuster findet ihr auch hier.

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Die Geschichte der verschiedenen Talente

Jesus erzählte die Parabel der verschiedenen Talente (Matthäus 25,14 ff.): Ein Mann gab seinen drei Knechten einen, zwei und fünf Goldanteile zum Verwalten – er verteilte sein Vermögen also „ungerecht“. Als er von seiner Reise zurückkehrte, erwartete und verlangte er allerdings auch nicht, dass alle drei gleich viel aus ihrem „Startkapital“ gemacht hätten.

Wir sollen das tun, was unseren Anlagen, unseren Fähigkeiten und unserer Kraft entspricht – nutzen, was wir besitzen, das ist genug, mehr können und sollen wir nicht tun! Wir neigen hingegen dazu, uns zu „übertun“, in unserem Bestreben, fremden Anforderungen zu genügen – oder all das zu bewältigen, was wir meinen, bewältigen zu müssen. Schaffen wir es nicht, plagt uns schlechtes Gewissen, die Empfindung, versagt zu haben…
Oft entspringen diese jedoch einem falsch verstandenen Pflichtgefühl, noch öfter der Angst, die Anerkennung und Wertschätzung unserer Mitmenschen zu verlieren, wenn wir ihre (vermeintlichen oder tatsächlichen) Erwartungen nicht erfüllen.

Machen wir uns doch zur Regel, stets das zu leisten, wozu wir imstande sind, was entsprechend unseren Kräften und der uns zur Verfügung stehenden Zeit möglich ist – nicht weniger. Aber auch nicht mehr!
Und vergessen wir dabei nicht, dass wir auch Zeit für uns selbst brauchen, wir ein Recht darauf haben – Zeit der Musse, und sei es nur um „faul“ herumzuliegen, einfach „zu sein“, ohne irgendetwas zu tun!

Noch etwas lehrt uns die Geschichte aus dem Evangelium. Wörtlich wird nämlich gesagt, der Mann habe seinen Knechten verschiedene Anteile gegeben „jedem nach seiner Fähigkeit“. Wir sind nicht alle gleich! Nicht gleich „schön“, „stark“, „intelligent“, „einfühlsam“ und mehr… Wir dürfen einen „Mangel“ an bestimmten Eigenschaften keinesfalls als Makel betrachten und schon gar nicht versuchen, ihn zu verheimlichen oder zu vertuschen. Stehen wir – vor uns selbst und vor den anderen – zu dem, was wir sind, hadern wir nicht, wenn wir nicht so gross, so stark, so schön, so intelligent sind wie gewisse Mitmenschen. Nehmen wir uns an, wie wir sind, mit unseren Stärken (die wir haben, auch wenn wir sie manchmal in unserem mangelnden Selbstwertgefühl nicht erkennen) und unseren Schwächen – so sollen wir sein, genau so und nicht anders. Und tun wir damit, was wir zu tun vermögen – genau das sollen wir tun und nichts anderes.
Schreiten wir hocherhobenen Hauptes durch das Leben, im (Selbst)bewusstsein, dass wir genau richtig sind!

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