Schuldzuweisungen und Selbstvergebung

Den Dingen auf den Grund gehen, nach den Ursachen suchen, um daraus Einsichten zu gewinnen, dagegen ist nichts einzuwenden. Doch kennt ihr nicht auch Menschen, die immer sofort einen Schuldigen suchen und finden? Haben sie einen Schnupfen, so müssen sie jemanden für die Ansteckung verantwortlich machen; geht eine Pflanze im Garten ein, so liegt es an Nachbars Hund, der sein Geschäft dort verrichtet; bekommen sie keine Karten mehr für das gewünschte Konzert, so hätte die Ankündigung in der Zeitung ein paar Tage früher erscheinen sollen; rutscht ihnen eine Tasse aus den Händen, dann hatte der Partner sie nicht sauber gespült, sodass der Henkel noch fettig und deshalb glitschig war.

Diese Neigung, die Verantwortung, ja die Schuld auf jemanden oder auf die Umstände zu schieben, kann unter anderem auf einen Mangel an Selbstwertgefühl zurückzuführen sein. Wir wollen auf keinen Fall riskieren, von unseren Mitmenschen schlecht bewertet zu werden, weshalb wir – nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ – die Schuld von uns weisen, bevor jemand überhaupt auf die Idee kommt, uns zu bezichtigen. Die Argumente unserer Selbstverteidigung sind zuweilen völlig an den Haaren herbeigezogen.
Durch ein solches Verhalten schützen wir uns nicht zuletzt auch vor unserer eigenen Selbstentwertung. Müssten wir uns nämlich eingestehen, dass wir etwas falsch gemacht haben, und sei es nur ein harmoser Fehltritt, eine Unachtsamkeit, Nachlässigkeit, so kämen Selbstvorwürfe und Schuldgefühle auf. Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl leiden oft beträchtlich darunter und werden dann ihre herabwürdigenden Gedanken kaum mehr los: „Schon wieder habe ich etwas falsch gemacht. Nicht einmal das kann ich. Es geschieht mir ganz recht…“

Das umgekehrte Phänomen lässt sich, wie mir scheint, bei Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl noch häufiger beobachten: Sie übernehmen immer für alles die Verantwortung. Und fühlen sich tatsächlich schuldig.
Sie trauen sich selbst nicht zu, etwas zu können, etwas richtig zu machen, sodass sie die Schuld augenblicklich bei sich suchen, wenn etwas schief läuft. Wenn ich die obigen Beispiele wieder aufgreife: bei einem Schnupfen sind sie davon überzeugt, sich zu wenig warm angezogen zu haben; beim Absterben der Pflanze haben sie ihr den falschen Dünger gegeben; die Konzertkarten sind ausverkauft wegen ihres zu langen Zögerns; und die Tasse ist kaputtgegangen, weil sie immer so schusselig sind.

Muss es denn immer einen Schuldigen geben? Ist es nötig, ihn immer zu suchen und als solchen zu bezeichenen? Wieso können wir eine Situation nicht einfach zur Kenntnis nehmen und so stehen lassen?
Selbst wenn wir objektiv einen Fehler gemacht haben: Es genügt, ihn zu erkennen und daraus zu lernen. Ohne Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, ohne uns als entwertet oder Versager zu empfinden. Niemand ist vollkommen, wir alle machen Fehler. Diese vor uns selbst und vor anderen einzugestehen, ist ein Zeichen eines gesunden Selbstwertgefühls. Und es ist ein Zeichen von Weisheit, daraus zu lernen. Alles andere ist überflüssig und schädlich.

Seid also achtsam für die Situationen, in denen ihr nach Schuldigen sucht oder leichthin jemanden (euch selbst!) oder etwas für einen Fehltritt, eine Unannehmlichkeit, ein Versagen verantwotlich macht, und überlegt euch gut, ob es tatsächlich einen Schuldigen gibt. Falls ja, vergebt ihr ihm – oder euch selbst –, nachdem die Schuldfrage geklärt ist.
Und verzeiht euch generell alles, wirklich alles und immer. Egal was ihr falsch gemacht habt, sogar wenn ihr jemanden verletzt, betrogen, schlecht behandelt habt, erkennt ihr schlicht eure Unzulänglichkeit und sagt euch: „Ich bin nicht vollkommen, ich habe einen Fehler gemacht. Nun habe ich daraus gelernt und ich vergebe mir selbst. Ich vergebe mir. Ich vergebe mir alles.“

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