Loslassen und annehmen oder selber bestimmen?

Patrick* ist ein enger Freund von mir, den ich seit zwei Jahrzehnten kenne. Und seit ich ihn kenne, lebt er mit einer Frau zusammen, die ihm das Leben zur Hölle macht, je länger je mehr.
Sie lässt keine Gelegenheit aus, ihn zurechtzuweisen, auf erniedrigende Art, sie behandelt ihn wie einen Hund, nie hat sie ein gutes Wort, eine liebevolle Geste für ihn, man hat manchmal den (keinesfalls aus der Luft gegriffenen) Eindruck, sie wünsche ihm den Tod. Warum sie sich nicht von ihm trennt, wenn er ihr doch so zuwider ist? Ich weiss es nicht. Vielleicht braucht sie jemanden, nach dem sie treten kann. Aber das ist ihre Sache, auch kenne ich sie nicht gut genug, um mir ein Urteil anzumassen.

Warum er sich nicht von ihr trennt, obwohl er leidet, das beschäftigt mich. Und darüber diskutiere ich mit Patrick auch schon seit Jahrzehnten immer wieder einmal. Meistens in Zeiten, in denen ich gerade eine wichtige Entscheidung fällen will, um eine für mich nicht erträgliche Situation zu ändern. Da prallen dann unsere Meinungen aufeinander.

Er meint, ich könne zu wenig annehmen, ich wolle immer selber meinen Lebensweg lenken, „dreinpfuschen“ nennt er es zuweilen, ich hätte zu wenig Geduld, um den Dingen ihren Lauf zu lassen, und zu wenig Urvertrauen, dass die Höheren Mächte schon alles so regeln, wie es für alle Beteiligten das Beste ist.

Ich entgegne, meine Devise sei „Hilf dir selbst, dann hilf dir Gott“, wir dürften nicht einfach die Hände in den Schoss legen und darauf warten, dass die Dinge von aussen für uns geregelt werden, Leben bedeute auch Entscheidungen zu treffen, dazu hätten wir doch den freien Willen, und wir hätten die Pflicht aktiv mitzuwirken. Meistens füge ich irgendwann noch an: „Und ich verstehe nicht, warum du dich nicht von deiner Freundin trennst, warum du dir all das gefallen lässt, wo bleibt denn deine Würde als Mensch?“

Worauf er mir zum x-ten Mal erklärt, dass seine Situation ja kein Zufall sei, er sei dieser Frau begegnet, weil er etwas lernen müsse, ja, es sei unangenehm, aber aus den unangenehmen Situationen lernten wir schliesslich, wir dürften nicht immer ausweichen, fliehen, kaum dass uns etwas nicht passt.

Und nach einer halben Stunde oder so beenden wir dann unser Gespräch jeweils mit den Worten „Du hast deine Meinung, ich meine, das ist gut so, jeder von uns muss das tun, was er für sich als richtig spürt“, und wir bleiben die guten Freunde, die wir seit Jahrzehnten sind.

Tatsächlich ist es ja so. Was für ihn stimmt, muss für mich stimmen, und umgekehrt. Jeder von uns hat seinen ganz eigenen Lebensweg, seine ganz eigenen Aufgaben in diesem Leben – und jeder kann nur für sich selbst, in seiner Seele, spüren, welcher Weg der richtige ist.

Die Selbstbestimmung ist übrigens auch das Thema meines unmittelbar vorangehenden Artikels mit gleichem Datum.

* Name aus Diskretionsgründen geändert.

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Vergessen

Man sagt, bei der Geburt würden wir „vergessen“, dass wir aus einer geistigen Welt kommen – und das Leiden im Diesseits beginnt.
Könnten wir uns daran erinnern, dass wir in Wahrheit eine unsterbliche, unverwundbare Seele sind und von Höheren Mächten durch dieses Leben geführt und getragen werden, blieben wir von viel Schmerz verschont.

Doch irgendwann in unserem Leben begegnen wir diesem Urvertrauen wieder, sei es, dass wir auf einen Menschen treffen, der uns davon erzählt, sei es, dass wir in einer schwierigen Lebenslage diese Zuversicht in uns drinnen entdecken.

Wir wir es gefunden haben, vergessen wir es aber auch immer wieder. Wenn es uns nicht gut geht, wenn wir meinen, die uns auferlegte Last nicht mehr tragen zu können, oft auch einfach, weil wir zu sehr von den Ängsten und Wünschen unseres Ego beherrscht werden.

Es ist auch meine persönliche Erfahrung, dass ich mich immer wieder selbst daran erinnern muss. Und das möchte ich deshalb euch allen ans Herz legen:
• Wenn die Dinge im Leben nicht so laufen, wie wir es gerne hätten, wenn wir mit unserem Schicksal hadern, erinnern wir uns daran: Alles ist und kommt so, wie es gut für uns ist.
• Wenn wir nicht weiter wissen, erinnern wir uns daran: Wir werden durchs Leben geführt und getragen, vertrauen wir uns dieser Führung an, hören wir auf, selbst die Richtung vorgeben zu wollen, lassen wir los.
• Wenn wir krank sind, uns schlecht fühlen oder jemand uns verletzt hat, erinnern wir uns daran: Wir sind eine unsterbliche, unverwundbare Seele.
• Wenn unsere Wünsche nicht in Erfüllung gehen, erinnern wir uns daran: Etwas Besseres wartet auf uns.
• Wenn traurige, deprimierende, verzweifelte Gedanken uns überfallen, erinnern wir uns daran: Sie gehören nicht zu uns, in uns ist nur Friede und Licht.
• Wenn Hindernisse auf unserem Weg auftauchen, die Dinge plötzlich eine andere Wende nehmen, erinnern wir uns daran: Es hat etwas zu bedeuten, es will uns etwas sagen, wir werden es verstehen.
• Wenn geliebte Menschen von uns gehen, erinnern wir uns daran: Andere Menschen werden kommen und ein Stück auf dem Lebensweg mit uns gehen.
• Wenn wir mit uns selbst unzufrieden sind, uns verurteilen, uns Vorwürfe machen, erinnern wir uns daran: Wir sind auf dieser Welt, um zu lernen, uns innerlich zu entwickeln, jeder „Fehler“ ist nur eine Erfahrung.

Erinnern wir uns immer daran! Und vergessen wir nicht, uns daran zu erinnern.

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Die Angst vor dem Versiegen des Brunnens

Die Angst vor dem Versiegen des Brunnens ist ebenso leidvoll wie der Durst selbst. Sagt eine Weisheit aus der Wüste – oder so ähnlich.

Wie oft lassen wir uns doch von düsteren Zukunftsvisionen die Lebensfreude rauben! Wälzen Gedanken, was passieren, wie negativ sich etwas entwickeln könnte, wir (be)fürchten bestimmte Ereignisse… und leiden unter diesen Vorstellungen.
Um irgendwann zu erkennen, dass das Befürchtete gar nie eingetreten ist. Oder wenn doch, dass es nicht halb so schmerzhaft ist wie die Angst, die wir davor hatten.

Genau diese Erfahrung habe ich neulich gemacht. Als ich – bildlich gesprochen – in den Brunnen hineinschaute, dessen Versiegen ich gefürchtet hatte, und feststellte, dass er tatsächlich versiegt ist, musste ich mir eingestehen, dass ich gar nicht so arg Durst hatte und gut bis zum nächsten Brunnen weiterwandern konnte.

Aber es ist schwer, unser Urvertrauen über Tage und Monate aufrechtzuerhalten, den Glauben nicht zu verlieren, dass wenn der Brunnen wirklich versiegt, uns nicht weit entfernt eine Quelle mit frischem, klarem Wasser erwartet.

Wir müssen die düsteren Gedanken beim ersten Auftreten verjagen, ihnen auf keinen Fall nachhängen, und sie immer und immer wieder vertreiben, denn sie sind hartnäckig.
Wir müssen uns konsequent weigern, an eventuell eintretende befürchtete Dinge zu denken, und ebenso konsequent das damit verbundene Leiden nicht zulassen. Das ist das einzige Mittel, die Angst vor dem Versiegen des Brunnens zu verlieren.

Wir müssen aufhören, die Zukunft in Gedanken vorwegzunehmen. Die Zukunft bildet sich selbst in jedem Augenblick neu, sie ist nicht etwas, was heute schon feststeht. Wir bilden unsere Zukunft – durch unsere Taten, aber auch durch unsere Gedanken. Wenn wir das Scheitern, einen Misserfolg, etwas Schlimmes fürchten, laden wir das Scheitern, den Misserfolg, das Schlimme ein.

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Das Leben ist so einfach!

Neulich sprach ich mit Ariane*, einer Freundin, über eine gemeinsame Bekannte, die gerade in einer Krise steckt – wobei deren Probleme, objektiv betrachtet, nicht wirklich schwerwiegend und durchaus erträglich sind, sogar relativ leicht lösbar wären.

Ariane sagte zu mir: „Warum machen es sich die Menschen bloss so schwer? Das Leben ist doch so einfach!“
Und das sagte die Mutter eines kleinen Jungen, der soeben ein Jahr lang mit Chemotherapie und intensiver Bestrahlung gegen eine extrem aggressive Krebserkrankung kämpfen musste und der noch nicht als definitiv geheilt gilt!

Die Dankbarkeit für jeden Tag, der ihr mit ihrem Kind zusammen geschenkt wird, spricht aus dieser Frau. Und das Urvertrauen, dass es so kommen wird, wie es sein soll. Kein Hadern mit dem Schicksal, kein Selbstmitleid – und ich weiss gut, wie oft sie im letzten Jahr immer wieder an ihre Grenzen stiess, wie sie kämpfen und stark sein musste.
Aber sie findet, das Leben sei einfach. Sie soll uns allen ein Vorbild sein, wenn wir uns jeweils von unseren Problemchen überwältigt, vom Leben ungerecht behandelt fühlen.

*Name aus Diskretionsgründen geändert.

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Selbstbestimmung – die Stimme der Seele

In einem vorangehenden Beitrag habe ich über den Tod meiner Mutter geschrieben. Nun, nachdem noch etwas mehr Zeit vergangen ist, will ich das Thema nochmals aufgreifen, aus einer anderen Perspektive.

Meine Mutter war Anfang November gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen, Oberschenkelhalsbruch, aber glücklicherweise ein glatter, problemloser Bruch. Er wurde operiert, genagelt und dann war sie drei Wochen lang in der Reha. Sie erholte sich, wie ich meinte, recht gut und machte Fortschritte, mit den Krücken konnte sie von Tag zu Tag besser gehen.
Doch es war ihr alles zu viel, die Physiotherapie, die Anstrengung, die Hilfsbedürftigkeit – mit 87 Jahren ist das offenbar alles nicht so einfach, zumal meine Mutter seit fast 50 Jahren nie krank gewesen war. Sie sagte einmal während der Reha, sie wäre beim Sturz lieber gleich gestorben, dann wäre alles vorbei gewesen.
Wieder zu Hause, fasste sie dann doch neuen Lebensmut. Nach einer Woche stürzte sie aber erneut, so sicher auf den Beinen war sie halt noch nicht, und holte sich eine äusserst schmerzhafte und behindernde Rückenverletzung. Von da an musste sie starke Schmerzmittel nehmen, z.T. sogar Opiate, und konnte nicht mehr gut gehen, trotz Krücken, und die Schmerzen waren ständig da, sogar im Sitzen oder Liegen. Der Arzt meinte zwar, die Verletzung würde in etwa zwei Monaten von selbst heilen und sie würde sich dann auch einigermassen erholen.

Doch meine Mutter war äusserst aktiv gewesen, ständig unterwegs und auf Reisen. Das war ihr Lebensinhalt, ein Leben ohne diese Mobilität konnte sie sich nicht vorstellen. Und sie glaubte – meiner Meinung nach zurecht – nicht daran, dass es je wieder werden würde wie früher. Sie hatte schon bis dahin in der langen Rekonvaleszenzperiode viel Kraft und Muskeln und Gewicht verloren, und davon erholt man sich in diesem Alter meistens nicht mehr richtig.
Seit eh und je hatte sie gesagt, sie würde niemals in ein Pflege- oder Altersheim gehen. Und ohne Hilfe ging es zu Hause nicht mehr. Eine Hauspflegerin kam mehrmals die Woche, und auch mein Bruder und ich waren mehrmals täglich bei ihr und halfen ihr mit dem Nötigsten.

So teilte sie uns, ihren Kindern, Mitte Dezember mit, dass sie nicht mehr weiterleben wolle. Seit fast 30 Jahren war sie Mitglied von Exit*, exakt für einen solchen Fall.
Mein Bruder und ich haben ihre Entscheidung akzeptiert. Wir achten das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Mensch als das höchste Gut. Und wir haben ihre Gründe verstanden.

Alle Abklärungen und administrativen Tätigkeiten für den begleiteten Freitod erforderten rund vier Wochen. Wie ich in meinem vorangehenden Artikel geschrieben habe, vier intensive Wochen für mich und meinen Bruder, Wochen des Schmerzes und der Traurigkeit, aber auch bereichernd und tief.

Als Kind hatten mich Priester, Mönche und Nonnen gelehrt, die Selbsttötung sei eine Sünde. Später habe ich von spirituellen Lehrern aus Ost und West immer wieder gehört, der Freitod sei etwas Falsches, das dürfe man nicht tun, es sei eine Flucht aus dem Leben, aus einer Situation, die man nicht erträgt undsoweiter undsofort. An Letzteres hatte auch ich geglaubt, ohne mir bewusst zu sein, dass auch dieser Glaube bloss einem Dogma entspricht. Dabei sage und schreibe ich doch immer wieder, wir könnten mit unserem menschlichen Verstand nicht abwägen, was das Göttliche für richtig oder für falsch hält; und jeder Mensch habe seinen eigenen Weg, den wir von aussen niemals verstehen und beurteilen können.

Der Freitod meiner Mutter hat mir tiefe Einsichten geschenkt. Ich habe miterlebt, wie klar und ruhig und in Frieden mit sich selbst sie war, da war kein Hadern mit dem Schicksal oder Verzweiflung. Sie nahm es an, wie es nun einmal gekommen war mit den beiden Stürzen. Bis zuletzt war sie von ihrer Entscheidung überzeugt; nachdem sie sie – nicht leichtfertig – einmal getroffen hatte, war sie stets sicher, das Richtige zu tun. In grosser Würde ist sie schliesslich gegangen.

Nun bin ich davon überzeugt, dass ihre innere Stimme, also ihre Seele, das Göttliche in ihr, sie zu dieser Entscheidung und zu diesem Schritt geführt hat.

Woher wollen wir denn wissen, dass die innere Stimme in jeder Situation sagt: „Du musst weiterleben?“ Die Entscheidung für den Tod, besonders von einem Menschen, der so gerne und mit so viel Freude gelebt hat wie meine Mutter, ist nicht unbedingt der leichtere Weg.

Kann die Entscheidung für den Freitod nicht auch – sogar ganz besonders – aus Liebe zu den Angehörigen, aus grosser Selbstlosigkeit getroffen werden? Meine Mutter wollte nicht nur sich Schmerzen ersparen, sondern auch uns, sie wollte nicht, dass wir zusehen müssen, wie sie leidet, sie wollte nicht, dass wir sie pflegen müssen. Sie sagte einmal zu uns: „Ihr seid noch jung, geniesst euer Leben, ich will nicht, dass ihr eure Zeit darauf verwenden müsst, euch um mich zu kümmern.“

Wie könnten wir Aussenstehende uns anmassen, zu wissen, ob es das Ego oder die Seele ist, die einen Menschen auf einen bestimmten Weg führt?

Ist es nicht oft unser eigener Egoismus, unser Schmerz, der uns die Entscheidungen anderer verurteilen lässt?

All das ist kein Plädoyer für den Freitod, ganz gewiss nicht.
Es ist ein Plädoyer, auf unsere innere Stimme zu hören. Und dafür, die Entscheidungen und Taten anderer Menschen nicht aus unserem unvollkommenen, unwissenden und kurzsichtigen Blickwinkel zu beurteilen.
Das nenne ich Urvertrauen.

* Was Nicht-Schweizer vielleicht nicht wissen: Sterbehilfe ist in der Schweiz legal, Exit ist eine äusserst seriöse Sterbehilfeorganisation mit selbstauferlegten, strengen Richtlinien. Ich bin dieser Organisation dankbar, dass sie meiner Mutter geholfen hat, ihr Selbstbestimmungsrecht wahrzunehmen, und ganz besonders dem Exit-Mitarbeiter, der sie kompetent und einfühlsam begleitet hat.

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Urvertrauen und Hadern

Wünsche habe ich nicht viele, ich versuche stets, Urvertrauen und Gleichmut zu praktizieren und dankbar anzunehmen, was mir gegeben wird, im Bewusstsein, dass es gut für mich ist.

Doch einen Wunsch hatte ich seit vielen Jahren und ich hatte das Göttliche immer wieder gebeten, ihn mir zu erfüllen, nur diesen einen: Dass meine betagte Mutter einen „schönen“ Tod haben möge. Ohne schwere Krankheit, ohne Leiden, einfach irgendwann einschlafen und nicht mehr aufwachen.
Dieser Wunsch war dann sogar spontan in mir aufgekommen, als ich eines Nachts in der Wüste Sternschnuppen sah.

Natürlich weiss ich: Auch Krankheit, auch Leiden haben einen Sinn. Und ich hätte mir nie anmassen dürfen, besser als das Göttliche zu wissen, was für meine Mutter (und mich) gut ist. Aber es ist halt menschlich, ich habe es mir einfach gewünscht, dass sie eines Tages ohne Schmerzen gehen darf.

Als meine Mutter vor wenigen Monaten erkrankte und wir dann seit etwa Mitte Dezember den Tod kommen sahen, haderte ich mit dem Göttlichen. Warum hast du mir diesen Wunsch nicht erfüllt? Ich bitte dich doch ganz selten um etwas! Warum muss sie jetzt so leiden, warum hast du uns das nicht erspart?
Es war für mich sehr schwer. Nicht, ihren Tod anzunehmen, sondern ihr Leiden mitzuerleben. Ich wünschte mir manchmal, sie wäre zuvor unerwartet gestorben.

Vor wenigen Wochen hat sie dann diese Welt verlassen. Friedlich, ruhig, gefasst und in grosser Würde.

Erst danach, als mein Schmerz und meine Trauer ein bisschen verebbt waren – relativ schnell, denn ich hatte den grössten Schmerz und die intensivste Trauer schon vor ihrem Tod vorweg gelebt –, empfand ich eine riesige Dankbarkeit. Für diese Wochen, die uns geschenkt wurden, in denen wir so viele tiefe und bereichernde Gespräche hatten wie nie zuvor. Für die Liebe, Nähe und Fürsorge, die ich ihr noch schenken durfte, mehr als je zuvor in meinem Leben. Für ihre Nähe und Liebe, die sie mir noch schenkte. Für diese tiefe Erfahrung, sie in den Tod begleiten zu dürfen.

So habe ich nun verstanden, warum meine Mutter nicht schnell und unerwartet sterben durfte, und bin dem Göttlichen unendlich dankbar dafür.
Ich hoffe, ich werde mich in Zukunft daran erinnern, sollte ich wieder einmal mit meinem Schicksal hadern.

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Urvertrauen im Ernstfall

Seit ein paar Wochen geht es einem Menschen, der mir sehr nahe steht, nicht gut. Und ich gebe zu, es belastet mich, ich schlafe schlecht, bin in Gedanken stets bei ihm, und ich leide an meiner Ohnmacht, nicht helfen zu können.

Dabei ist mein Urvertrauen doch so stark! In Alltagsdingen trägt es mich und erleichtert mir das Leben wesentlich.
Natürlich sage ich mir immer wieder: Es hat bestimmt einen Sinn, am Ende ist es für alle Beteiligten gut, es wird mich einen Schritt weiterbringen… Auch bin ich mir bewusst, dass es gerade diese schweren Momente sind, die unser Urvertrauen prüfen, uns vor Augen führen, wie es darum steht, und uns antreiben, noch mehr daran zu arbeiten, weil uns klar wird, wie verletzlich unser Gleichgewicht, unser Glück ist.

Ich nutze diese Gelegenheit, keine Frage. Ich bemühe mich. Ich sage mir auch immer wieder: Gut, dass du schon 20 Jahre lang kontinuierlich an deinem Urvertrauen gebaut hast – sonst wäre alles bestimmt viel schwerer zu ertragen.

Deshalb empfehle ich euch: Arbeitet an eurem Urvertrauen, solange es euch gut geht! Es gibt im Alltag viele Gelegenheiten dazu. Damit ihr auf einer starken Basis steht, wenn ihr es einmal wirklich braucht.

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Finsternis

Gestern erzählte mir eine Bekannte mit einem autistischen Kind von einem Vortrag zum Thema Autismus, den sie besucht hatte. Neben einigen ermunternden Informationen erfuhr sie auch, dass nur jedes zweite autistische Kind den Einstieg ins Berufsleben schafft. Das bedrückte sie sehr, steht ihr Junge mit seinen 15 Jahren doch genau an dieser Schwelle. Sie sagte: „Manchmal sehe ich überhaupt keine Zukunft, es macht mir Angst. Vor mir ist alles nur dunkel…“

Das haben wir alle schon einmal erlebt: eine Finsternis rund um uns, wo wir auch hinschauen, wir sehen keinen Ausweg aus einer schwierigen Lage, alles erscheint düster, nirgendwo ein Licht…

Doch was ist denn diese Dunkelheit, in der wir uns befinden? Nein, kein schwarzes Loch, kein Tunnel ohne Ende!
Wir wandern immer auf das Licht zu – und befinden uns nur gerade im Schatten, der von etwas Grossartigem und Wunderbarem geworfen wird, das vor uns auf unserem Weg liegt und auf uns wartet.

Verzagen wir deshalb nicht, gehen wir mutig weiter, auch wenn wir den Weg nicht richtig sehen, vertrauen wir darauf, dass wir geführt werden.
Und die Kraft, die momentane Dunkelheit zu ertragen und zu überstehen, wird uns ebenfalls gegeben. Wie es im Koran so schön heisst: Gott auferlegt keiner Seele mehr, als sie zu tragen vermag.

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Zitate von Sai Baba

Der indische Mystiker Satya Sai Baba, in Indien und auch bei uns sehr bekannt, ist am 24. April 2011 im Alter von 85 Jahren gestorben. Zu seinem Gedenken will ich heute einige seiner schönen und tiefen Aussagen zitieren.

Die Kerzen müssen im Innern des Menschen angezündet werden. Das ist wichtiger, als dies im Tempel zu tun.

Meerwasser ist salzig, wenn es direkt aus dem Meer genommen wird, und es kann mit Bücherweisheit verglichen werden. Flusswasser hat einen anderen Geschmack – es ist süss. Dieses Wasser kann man mit „Weisheit, durch Erfahrung erworben“ vergleichen. Die Weisheit, die durch Erfahrung euer eigen wird, ist höher zu bewerten als Bücherweisheit. Ihr könnt das Wissen, das ihr euch aus heiligen Büchern angeeignet habt, im täglichen Leben in die Praxis umsetzen und es dadurch in Weisheit verwandeln.

Ein Mann borgte sich Geld von einem anderen und versprach, es am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang zurückzugeben. Der andere Mann sagte: „Aber weisst du denn, ob die Sonne morgen auch wirklich aufgehen wird?“ Darauf erwiderte der Schuldner: „Kannst du denn sicher sein, dass ich morgen noch leben werde, um das Geld zurückzuzahlen, oder ob du noch leben wirst, um es in Empfang zu nehmen?“ Alles im Leben ist ungewiss.

Wenn ihr einem Menschen aus Liebe dient, könnt ihr jederzeit damit aufhören; aber wenn ihr Lohn dafür annehmt, seid ihr dazu verpflichtet, ob ihr wollt oder nicht. Gebt den Wunsch nach Entlohnung auf, dann seid ihr frei; wenn ihr sie annehmt, seid ihr gebunden. Das ist das Geheimnis selbstloser Pflichterfüllung.

Fühlen wir nicht Frieden, wenn ein Gedanke verebbt und kein anderer aufkommt? Ihr müsst diesen Augenblick suchen, eins mit ihm werden, darin zur Ruhe kommen; dort ist ununterbrochener Frieden. Gedanken entstehen und vergehen wie Kräuselwellen auf dem Wasser. Vergesst die Wellen, seht das Wasser.

Brütet niemals über die Vergangenheit. Wenn Kummer euch überkommt, erinnert euch nicht an ähnliche Vorkommnisse in der Vergangenheit, die euren Gram noch vergrössern. Erinnert euch statt dessen lieber an Augenblicke, in denen ihr glücklich wart. Gewinnt Trost und Kraft von solchen Erinnerungen und schwingt euch hoch über die wogenden Wellen des Leides.

Aus: Der Weg nach Innen (Herausgegeben von der Sathya Sai Vereinigung, 1993)

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Leiden oder Auferstehung?

Einige Gedanken zum bevorstehenden Osterfest

Zuerst die Kreuzigung und der Tod, danach die Auferstehung und das Leben – an beide will das christliche Osterfest erinnern. Auch in anderen, älteren Kulten findet sich dieses Schema des Leidens und der Überwindung des Leidens.
Sogar die Natur zeigt uns in dieser Jahreszeit deutlich, wie aus dem scheinbaren toten Holz neue Knospen erwachen und aufblühen, wie aus der brachen Erde junge, zarte Pflanzen spriessen.

Tatsächlich gehören beide zum Leben, das Leiden und die Auferstehung aus dem Leiden. Manchmal ist es allerdings nicht einfach, daran zu glauben, dass auch wieder bessere Zeiten kommen, wenn wir gerade in schweren stecken. Und doch… in jedem Leid ist auch Freude verborgen, wie ein krebskranker Freund von mir, der auf den Tod zuging, oft sagte.
Meistens erkennen wir es leider nicht. Beherzigen wir deshalb die weisen Worte von André Gide, die ich nicht zum ersten Mal zitiere:

Es entspricht einem Lebensgesetz: Wenn sich eine Tür vor uns schliesst, öffnet sich eine andere. Die Tragik ist jedoch, dass man auf die geschlossene Tür blickt und die geöffnete nicht beachtet.

Ich wünsche euch allen frohe Ostertage – lasst den Karfreitag schnell hinter euch und öffnet euch der Auferstehung, der Erneuerung, der Überwindung des Leidens.

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