Ist unser Gehirn verantwortlich für unsere Gefühle?

Nein – das will ich gleich vorwegnehmen – nein, das glaube ich nicht!
Im letzten Jahrzehnt sind mir in Fachzeitschriften immer wieder einmal Artikel begegnet, die unsere Gefühle auf Vorgänge im Gehirn reduzierten. Die Thematik erstreckte sich oft auch auf die Frage nach unserem freien Willen: Besitzen wir tatsächlich die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, oder werden wir gewissermassen fremdgesteuert von einem Organ, das durch die Aussendung von chemischen Stoffen und durch elektrische Impulse unser Handeln bestimmt?
Artikel* wie „Die Dirigenten unseres Lebens“, „Wie sie [die Hormone] gute Laune machen“, „Wie sie die Liebe bestimmen“ und Aussagen wie „Ein Anfall von weiblicher Zickigkeit. Aus einem geschlechtslosen Embryo entwickelt sich ein Junge. Verliebte spüren Schmetterlinge im Bauch. Ganz unterschiedliche Lebenssituationen, die alle eins gemeinsam haben: Immer sind Hormone die Auslöser“ suggerieren, dass wir nichts als Marionetten eines Supergehirns sind, das über uns herrscht und uns nicht nur die Willensfreiheit nimmt, sondern auch die Verantwortung. Und fördern die bereits weit verbreitete Tendenz, bei psychischen Problemen, auch bei vermeintlichen, Medikamente zu verschreiben, die in diesen Prozess eingreifen, vor allem bei Depressionen, Angstzuständen und kindlicher (Über?-)Aktivität. Anstatt das Problem, sofern es tatsächlich eines ist und nicht ein normaler Bestandteil des menschlichen Lebens, dort anzugehen, wo es wirklich und nachhaltig behoben werden kann, nämlich in der Psyche. (Zu diesem Thema kann ich euch eine ausgezeichnete Sendung des SWR empfehlen: Das Milliardengeschäft mit der Psyche.)

Für mich stellt sich hingegen immer die Frage: Was war zuerst, das Huhn oder das Ei? Dass gewisse Stoffe in uns zirkulieren, wenn wir bestimmte Empfindungen haben, ist unbestritten. Aber: Veranlasst das Gehirn die Ausschüttung von Hormonen und dann empfinden wir Verliebtheit, Depression oder Angst? Oder empfinden wir Verliebtheit, Depression, Angst und dies führt zu Vorgängen im Gehirn?

Nun sind mir in letzter Zeit mehrmals Aussagen begegnet, die eine entgegengesetzte Ansicht zu solchen „gehirnbestimmten“ Theorien stützen. Nämlich beispielsweise dass eine Psychotherapie die Gehirnstruktur nachweislich verändert: Bei depressiven Patienten zeigte die MRT nach der Therapie neuronale Veränderungen in den Gehirnarealen, die mit der Depression in Verbindung gebracht werden. Oder allgemeiner, dass Gefühle die Biologie des Gehirns beeinflussen und umbauen: Erhält etwa ein Mensch ständig schlechte Kritik, verändert sich sein Gehirn. Und noch weitergehend bewies eine Studie, dass bei Menschen, die ihre Meinung frei äussern dürfen, das Motivationszentrum im Gehirn aktiviert wird und dadurch sogenannte Glücksbotenstoffe wie körpereigene Opiate ausgeschüttet werden.

Was bedeutet das nun konkret für unser Bemühen, unsere Selbstliebe und unser Selbstwertgefühl aufzubauen und zu stärken? Dass gute Gespräche mit Fachleuten tatsächlich helfen, ebenso dass Imaginationen und Affirmationen wirken. Aber auch allgemein positive Gedanken und das Einüben von Verhaltensweisen, die von Selbstliebe und Selbstwertgefühl zeugen.
Wie ich in meinem Buch „Ich liebe mich selbst und mache mich glücklich“ schreibe, funktioniert es tatsächlich, uns die Selbstliebe „einzureden“, auch wenn wir sie noch nicht besitzen. Meine Methode beruht ja auf zwei Pfeilern, die dann am besten funktionieren, wenn wir mit beiden gleichzeitig an uns arbeiten: Einerseits uns selbst durch Affirmationen und positiver Selbstbeeinflussung davon zu überzeugen, dass wir es wert sind, uns selbst zu lieben, und dies auch können; andrerseits indem wir die Verhaltensweisen verändern, die von unserer schwachen Selbstliebe und unserem Mangel an Selbstwertgefühl zeugen. Dabei entsteht eine positive Wechselwirkung: Indem wir mehr und mehr daran glauben, dass wir uns selbst lieben, finden wir den Mut, uns tatsächlich selbstbewusster zu verhalten, und durch unser Verhalten, das mehr und mehr auf Selbstvertrauen und Selbstachtung beruht, stärken wir unseren Glauben an unsere Selbstliebe.
In jedem Fall will ich euch wieder einmal dazu ermuntern, an euch zu arbeiten – wie die Wissenschaft beweist: Es lohnt sich! Vielleicht euer guter Vorsatz fürs Neue Jahr…

*Alle von mir verlinkten Artikel und Fernsehsendungen sind beispielhaft ausgewählt; es gibt unzählige davon, die ihr findet, wenn ihr etwa nach Gehirn Veränderung Gefühle oder nach Gehirn Veränderung Psychotherapie googlet. Oder für die ersten von mir erwähnten Aussagen nach Hormone steuern Gefühle.

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Loslassen und annehmen oder selber bestimmen?

Patrick* ist ein enger Freund von mir, den ich seit zwei Jahrzehnten kenne. Und seit ich ihn kenne, lebt er mit einer Frau zusammen, die ihm das Leben zur Hölle macht, je länger je mehr.
Sie lässt keine Gelegenheit aus, ihn zurechtzuweisen, auf erniedrigende Art, sie behandelt ihn wie einen Hund, nie hat sie ein gutes Wort, eine liebevolle Geste für ihn, man hat manchmal den (keinesfalls aus der Luft gegriffenen) Eindruck, sie wünsche ihm den Tod. Warum sie sich nicht von ihm trennt, wenn er ihr doch so zuwider ist? Ich weiss es nicht. Vielleicht braucht sie jemanden, nach dem sie treten kann. Aber das ist ihre Sache, auch kenne ich sie nicht gut genug, um mir ein Urteil anzumassen.

Warum er sich nicht von ihr trennt, obwohl er leidet, das beschäftigt mich. Und darüber diskutiere ich mit Patrick auch schon seit Jahrzehnten immer wieder einmal. Meistens in Zeiten, in denen ich gerade eine wichtige Entscheidung fällen will, um eine für mich nicht erträgliche Situation zu ändern. Da prallen dann unsere Meinungen aufeinander.

Er meint, ich könne zu wenig annehmen, ich wolle immer selber meinen Lebensweg lenken, „dreinpfuschen“ nennt er es zuweilen, ich hätte zu wenig Geduld, um den Dingen ihren Lauf zu lassen, und zu wenig Urvertrauen, dass die Höheren Mächte schon alles so regeln, wie es für alle Beteiligten das Beste ist.

Ich entgegne, meine Devise sei „Hilf dir selbst, dann hilf dir Gott“, wir dürften nicht einfach die Hände in den Schoss legen und darauf warten, dass die Dinge von aussen für uns geregelt werden, Leben bedeute auch Entscheidungen zu treffen, dazu hätten wir doch den freien Willen, und wir hätten die Pflicht aktiv mitzuwirken. Meistens füge ich irgendwann noch an: „Und ich verstehe nicht, warum du dich nicht von deiner Freundin trennst, warum du dir all das gefallen lässt, wo bleibt denn deine Würde als Mensch?“

Worauf er mir zum x-ten Mal erklärt, dass seine Situation ja kein Zufall sei, er sei dieser Frau begegnet, weil er etwas lernen müsse, ja, es sei unangenehm, aber aus den unangenehmen Situationen lernten wir schliesslich, wir dürften nicht immer ausweichen, fliehen, kaum dass uns etwas nicht passt.

Und nach einer halben Stunde oder so beenden wir dann unser Gespräch jeweils mit den Worten „Du hast deine Meinung, ich meine, das ist gut so, jeder von uns muss das tun, was er für sich als richtig spürt“, und wir bleiben die guten Freunde, die wir seit Jahrzehnten sind.

Tatsächlich ist es ja so. Was für ihn stimmt, muss für mich stimmen, und umgekehrt. Jeder von uns hat seinen ganz eigenen Lebensweg, seine ganz eigenen Aufgaben in diesem Leben – und jeder kann nur für sich selbst, in seiner Seele, spüren, welcher Weg der richtige ist.

Die Selbstbestimmung ist übrigens auch das Thema meines unmittelbar vorangehenden Artikels mit gleichem Datum.

* Name aus Diskretionsgründen geändert.

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Das Leben in fünf Kapiteln

Den folgenden Text von Portia Nelson (von mir ins Deutsche übertragen) hat mir neulich ein Freund geschickt. Ich konnte nicht glauben, dass ich diesen tiefen, wahren Gedanken nicht früher schon begegnet war!

Autobiografie in fünf kurzen Kapiteln

Kapitel 1
Ich gehe eine Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren… ich bin hilflos.
Es ist nicht mein Fehler.
Es dauert eine Ewigkeit, bis ich herausgefunden habe.

Kapitel 2
Ich gehe die gleiche Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht mein Fehler.
Es dauert immer noch lange, bis ich herausgekommen bin.

Kapitel 3
Ich gehe die gleiche Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe, dass es da ist.
Ich falle trotzdem noch hinein… es ist die Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiss, wo ich bin.
Es ist mein Fehler.
Ich komme sofort heraus.

Kapitel 4
Ich gehe die gleiche Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich umgehe es.

Kapitel 5
Ich gehe eine andere Strasse entlang.

Dieser Text hat mich tief getroffen und zu Tränen gerührt. Wie oft fallen wir doch in die gleichen Löcher, obwohl wir sie kennen! Es ist fast unbegreiflich, aber es ist so, etwas in uns treibt uns da hinein.
Und wie lange braucht es jeweils, bis wir gelernt haben! Eine Erkenntnis steht jeweils am Anfang, aber bis wir es dann schaffen, anders zu handeln…
Das einzige Richtige ist, einen anderen Weg zu wählen. Von Anfang an. Uns gar nicht erst in die Gefahrensituation zu begeben. So logisch. Und so unendlich schwierig!

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Selbstbestimmung – die Stimme der Seele

In einem vorangehenden Beitrag habe ich über den Tod meiner Mutter geschrieben. Nun, nachdem noch etwas mehr Zeit vergangen ist, will ich das Thema nochmals aufgreifen, aus einer anderen Perspektive.

Meine Mutter war Anfang November gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen, Oberschenkelhalsbruch, aber glücklicherweise ein glatter, problemloser Bruch. Er wurde operiert, genagelt und dann war sie drei Wochen lang in der Reha. Sie erholte sich, wie ich meinte, recht gut und machte Fortschritte, mit den Krücken konnte sie von Tag zu Tag besser gehen.
Doch es war ihr alles zu viel, die Physiotherapie, die Anstrengung, die Hilfsbedürftigkeit – mit 87 Jahren ist das offenbar alles nicht so einfach, zumal meine Mutter seit fast 50 Jahren nie krank gewesen war. Sie sagte einmal während der Reha, sie wäre beim Sturz lieber gleich gestorben, dann wäre alles vorbei gewesen.
Wieder zu Hause, fasste sie dann doch neuen Lebensmut. Nach einer Woche stürzte sie aber erneut, so sicher auf den Beinen war sie halt noch nicht, und holte sich eine äusserst schmerzhafte und behindernde Rückenverletzung. Von da an musste sie starke Schmerzmittel nehmen, z.T. sogar Opiate, und konnte nicht mehr gut gehen, trotz Krücken, und die Schmerzen waren ständig da, sogar im Sitzen oder Liegen. Der Arzt meinte zwar, die Verletzung würde in etwa zwei Monaten von selbst heilen und sie würde sich dann auch einigermassen erholen.

Doch meine Mutter war äusserst aktiv gewesen, ständig unterwegs und auf Reisen. Das war ihr Lebensinhalt, ein Leben ohne diese Mobilität konnte sie sich nicht vorstellen. Und sie glaubte – meiner Meinung nach zurecht – nicht daran, dass es je wieder werden würde wie früher. Sie hatte schon bis dahin in der langen Rekonvaleszenzperiode viel Kraft und Muskeln und Gewicht verloren, und davon erholt man sich in diesem Alter meistens nicht mehr richtig.
Seit eh und je hatte sie gesagt, sie würde niemals in ein Pflege- oder Altersheim gehen. Und ohne Hilfe ging es zu Hause nicht mehr. Eine Hauspflegerin kam mehrmals die Woche, und auch mein Bruder und ich waren mehrmals täglich bei ihr und halfen ihr mit dem Nötigsten.

So teilte sie uns, ihren Kindern, Mitte Dezember mit, dass sie nicht mehr weiterleben wolle. Seit fast 30 Jahren war sie Mitglied von Exit*, exakt für einen solchen Fall.
Mein Bruder und ich haben ihre Entscheidung akzeptiert. Wir achten das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Mensch als das höchste Gut. Und wir haben ihre Gründe verstanden.

Alle Abklärungen und administrativen Tätigkeiten für den begleiteten Freitod erforderten rund vier Wochen. Wie ich in meinem vorangehenden Artikel geschrieben habe, vier intensive Wochen für mich und meinen Bruder, Wochen des Schmerzes und der Traurigkeit, aber auch bereichernd und tief.

Als Kind hatten mich Priester, Mönche und Nonnen gelehrt, die Selbsttötung sei eine Sünde. Später habe ich von spirituellen Lehrern aus Ost und West immer wieder gehört, der Freitod sei etwas Falsches, das dürfe man nicht tun, es sei eine Flucht aus dem Leben, aus einer Situation, die man nicht erträgt undsoweiter undsofort. An Letzteres hatte auch ich geglaubt, ohne mir bewusst zu sein, dass auch dieser Glaube bloss einem Dogma entspricht. Dabei sage und schreibe ich doch immer wieder, wir könnten mit unserem menschlichen Verstand nicht abwägen, was das Göttliche für richtig oder für falsch hält; und jeder Mensch habe seinen eigenen Weg, den wir von aussen niemals verstehen und beurteilen können.

Der Freitod meiner Mutter hat mir tiefe Einsichten geschenkt. Ich habe miterlebt, wie klar und ruhig und in Frieden mit sich selbst sie war, da war kein Hadern mit dem Schicksal oder Verzweiflung. Sie nahm es an, wie es nun einmal gekommen war mit den beiden Stürzen. Bis zuletzt war sie von ihrer Entscheidung überzeugt; nachdem sie sie – nicht leichtfertig – einmal getroffen hatte, war sie stets sicher, das Richtige zu tun. In grosser Würde ist sie schliesslich gegangen.

Nun bin ich davon überzeugt, dass ihre innere Stimme, also ihre Seele, das Göttliche in ihr, sie zu dieser Entscheidung und zu diesem Schritt geführt hat.

Woher wollen wir denn wissen, dass die innere Stimme in jeder Situation sagt: „Du musst weiterleben?“ Die Entscheidung für den Tod, besonders von einem Menschen, der so gerne und mit so viel Freude gelebt hat wie meine Mutter, ist nicht unbedingt der leichtere Weg.

Kann die Entscheidung für den Freitod nicht auch – sogar ganz besonders – aus Liebe zu den Angehörigen, aus grosser Selbstlosigkeit getroffen werden? Meine Mutter wollte nicht nur sich Schmerzen ersparen, sondern auch uns, sie wollte nicht, dass wir zusehen müssen, wie sie leidet, sie wollte nicht, dass wir sie pflegen müssen. Sie sagte einmal zu uns: „Ihr seid noch jung, geniesst euer Leben, ich will nicht, dass ihr eure Zeit darauf verwenden müsst, euch um mich zu kümmern.“

Wie könnten wir Aussenstehende uns anmassen, zu wissen, ob es das Ego oder die Seele ist, die einen Menschen auf einen bestimmten Weg führt?

Ist es nicht oft unser eigener Egoismus, unser Schmerz, der uns die Entscheidungen anderer verurteilen lässt?

All das ist kein Plädoyer für den Freitod, ganz gewiss nicht.
Es ist ein Plädoyer, auf unsere innere Stimme zu hören. Und dafür, die Entscheidungen und Taten anderer Menschen nicht aus unserem unvollkommenen, unwissenden und kurzsichtigen Blickwinkel zu beurteilen.
Das nenne ich Urvertrauen.

* Was Nicht-Schweizer vielleicht nicht wissen: Sterbehilfe ist in der Schweiz legal, Exit ist eine äusserst seriöse Sterbehilfeorganisation mit selbstauferlegten, strengen Richtlinien. Ich bin dieser Organisation dankbar, dass sie meiner Mutter geholfen hat, ihr Selbstbestimmungsrecht wahrzunehmen, und ganz besonders dem Exit-Mitarbeiter, der sie kompetent und einfühlsam begleitet hat.

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Wo ist der freie Wille?

Vor ein paar Tagen diskutierte ich mit einem Freund über Ego und Seele, und irgendwie kamen wir in diesem Zusammenhang darauf zu sprechen, ob der Mensch einen freien Willen besitze oder ob „jemand/etwas“ ihm sein Denken und Handeln aufzwinge. In der Psychologie heisst es ja, viele unserer Taten seien durch unser Unbewusstes gesteuert, was den freien Willen stark relativieren würde.

Es stellt sich zuerst einmal die Frage, was denn dieses Ich ist, das einen freien Willen haben könnte oder nicht. Gehen wir davon aus, dass der Mensch aus den beiden Elementen Seele und Ego besteht.

Die Seele, verstanden als dieses Element von uns, das mit dem Göttlichen, Universellen, Absoluten, der Weltseele, der Höheren Macht oder wie man diese Instanz nennen will, irgendwie verbunden oder gar ein Teil davon ist, hat keinen freien Willen. Sie tut immer das „Richtige“ – immer das, was dem Willen des Göttlichen entspricht, was von einer höheren Warte aus betrachtet dem Wohl des Ganzen, dem Kosmischen Plan oder übergeordneten Ziel dient. Es gibt für die Seele keine Wahlmöglichkeit, sondern immer nur die eine, einzige, wahre, richtige Entscheidung.

Das Ego, verstanden als die Gesamtheit unserer verschiedenen „Ichs“* besitzt einen freien Willen. Es trifft Entscheidungen zwischen mehreren Möglichkeiten und handelt entsprechend. Es kann auf den Rat den Seele hören (und somit „richtig“ handeln) oder eigenmächtig entscheiden und dabei seine oft auf kurzfristigen Lustgewinn ausgerichteten Ziele verfolgen.
Wie steht es dann aber mit der Steuerung aus dem Unbewussten? Kann man in diesen Fällen noch von freiem Willen sprechen? Nun, dieses Dilemma tritt erst gar nicht auf, weil alles ausser der Seele zum Ego gehört, also auch das Unbewusste nur eines unserer verschiedenen Ichs darstellt – wir könnten es beispielsweise Vergangenheits-Ich nennen, da es ja vergangene Erfahrungen enthält. Mit anderen Worten: Wenn nicht die Seele unser Handeln bestimmt, ist es immer ein Bestandteil des Ego, das uns steuert, unabhängig davon, ob eher der Körper, der Verstand, die Emotionen oder eben das Unbewusste.

Der Mensch bestehend aus Seele und Ego schwankt ständig zwischen seinen beiden Elementen: Wenn er „Ich“ sagt, ist er einmal mehr Seele und einmal mehr Ego. Empfindet sich aber beide Male als „Ich“, als sich selbst. Und doch… es gibt Unterscheidungsmerkmale um zu spüren, wer ich gerade bin, Seele oder Ego. Darüber habe ich anderswo auf dieser Website schon geschrieben. Weitere Texte zu diesem Thema findet ihr auch, wenn ihr in der rechten Spalte unter „Stichwörter“ auf „Innere Stimme“ klickt.

*Diese verschiedenen Ichs erfahren wir alle tagtäglich in Form innerer Konflikte, Entscheidungsschwierigkeiten und mehr. Auch in ganz banalen Situationen: Eines meiner Ichs, das Vernunft-Ich, hat beschlossen, nicht von der Schokolade zu naschen. Zehn Minuten später meint das Emotions-Ich: „Ach was, was solls, ein Stückchen schadet mir doch nicht. Mmmh, wie gut das schmeckt!“ Kurz darauf meldet sich das Vernunft-Ich missbilligend (oft auch die Seele) und verursacht ein schlechtes Gewissen. Ich bin nicht fortwährend das gleiche Ich, die Vorherrschaft zwischen den verschiedenen Ich ändert ständig!

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Freier Wille oder Vorbestimmung?

Viele Menschen meinen, dass sie dem Tod nicht entrinnen können, wenn ihre Stunde geschlagen hat, ebensowenig wie anderen „schicksalhaften“ Ereignissen, dass also gewisse Fixpunkte im Leben eines Menschen vorgegeben sind.
Gäbe es ein vorbestimmtes, unabänderliches Schicksal, auch nur für einzelne Ereignisse, wäre es zwecklos, dass wir durch unser (gutes) Verhalten versuchen, unseren Lebensweg zu beeinflussen.
Wahrscheinlicher ist wohl, dass zwar jede unserer Handlungen eine Wirkung hat (das ist ein unumstössliches physikalisches Gesetz!), doch diese kann unterschiedlich ausfallen. Schleudern wir einen Stein gegen ein Fenster, so geht es in die Brüche – das ist das Gesetz von Ursache und Wirkung. Es kann aber auch ein heftiger Windstoss den Stein so weit ablenken, dass er nicht in die Scheibe fliegt, sondern etwas daneben auf der Mauer aufschlägt und dort nur einen geringen Schaden verursacht – das ist der Eingriff des „Schicksals“! Und darauf dürfen wir stets vertrauen…

Wenn der Sinn des Lebens die geistige Entwicklung ist, die zu einem erfüllten, glücklichen Dasein führt, so ist das Lernen unsere Aufgabe, der Weg, um das Ziel zu erreichen. Das erfahren wir ja oft in unserem Leben: Solange wir immer wieder den gleichen Fehler machen, leiden wir immer wieder unter den Folgen.
Wir wählen und entscheiden also fortwährend, ob wir uns einfach treiben lassen oder unsere „Hausaufgaben“ sorgfältig erledigen. Entsprechend unseren Fortschritten in der Lebensschule ändert sich unser Schicksal laufend: Haben wir eine Lektion gelernt, müssen wir sie nicht wiederholen; umgekehrt werden wir immer wieder mit analogen Lerninhalten (in unterschiedlichen Situationen) konfrontiert, bis wir den „Stoff“ begriffen haben.

Freier Wille und Vorbestimmung sind zwei Seiten der gleichen Medaille: Unser Schicksal ist die Folge des freien Willens und wir können es durch unseren freien Willen jeden Tag verändern und neu bestimmen. Es ist nur unser begrenzter Verstand, der vermeintliche Gegensätze darin sieht und versucht, das eine oder das andere auszuschliessen.
Schliesslich dürfen wir auch darauf vertrauen, dass uns nie mehr auferlegt wird, als wir zu tragen vermögen, und wir immer an die Aufgaben herangeführt werden, die für unsere innere Entwicklung wichtig sind – und dabei immer die notwendige Hilfe zur rechten Zeit bekommen (siehe als schönes Beispiel dafür den Beitrag vom 28. August!).

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