Der Fluss in der Wüste

Zu Ostern erzähle ich euch eine Geschichte aus dem Sufismus, die auch etwas mit Auferstehung zu tun hat.

Ein Fluss entsprang einer Quelle im Gebirge und strömte hinab ins Tal, durch Wälder und Wiesen, bis er schließlich die Wüste erreichte. Er hatte alle bisherigen Hindernisse überwunden und sich seinen Weg sogar durch harten Fels erkämpft. Doch so sehr er sich auch bemühte, die Wüste zu durchqueren, sein Wasser versickerte im Sand. Er spürte aber, dass seine Bestimmung jenseits der Wüste lag, nur wusste er nicht, wie er sein Ziel erreichen könnte.
Der Sand sagte zu ihm: „Der Wind überquert die Wüste ­– vertrau dich ihm an, er wird dich hinübertragen.“
Der mächtige Strom, der seinen Weg bisher immer selbst gefunden hatte, war nicht angetan von der Idee, sich dem Wind zu ergeben. Und ein bisschen Angst hatte er auch, denn er konnte es sich nicht vorstellen.
Der Sand schien seine Gedanken zu erraten und erklärte ihm: „Der Wind nimmt dein Wasser auf, weht es über die Wüste und lässt es als Regen fallen, sodass es wieder zu einem Fluss werden kann.“
Der Strom zögerte, er wollte sich nicht verändern und seine Eigenart nicht aufgeben. „Du kannst in keinem Fall bleiben, was du bist“, ermahnte ihn der Sand. „Du musst dich wandeln. Gibst du dich nicht dem Wind hin, stirbst du in der Wüste. Doch glaube mir: Das Wesentliche an dir wird bestehen bleiben, das, was du in Wahrheit bist.“
So ließ der Fluss seinen Dunst aufsteigen, der Wind trug ihn immer höher und wehte ihn über die Wüste hinweg bis zu einem Gebirge. Dort regnete er sanft herab. Der Strom erkannte, dass er sich zwar verändert hatte, aber freudig weiterfließen konnte.

(Aus meinem Buch: Der Sinn des Lebens und die Lebensschule)

Eine weitere Auferstehungsgeschichte findet ihr auf meiner Website Karma Yoga.

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Garantien

Sicherheit suchen wir im Leben, die Gewissheit, dass die Dinge sich so entwickeln, wie wir sie planen und wünschen.
Wenn ich die Arbeitsstelle wechsle – wird es mir an der neuen gefallen?
Die neue Wohnung – stimmt wirklich alles, wie es auf den ersten Blick aussieht, ist sie auch schön warm geheizt im Winter, beschweren sich die Nachbarn nicht wegen jeder Kleinigkeit?
„Ja, ich will“ – wird unsere Ehe halten, bis dass der Tod uns scheidet?

Es gibt keine Garantien im Leben. Es ist alles ständig im Fluss, alles verändert sich fortlaufend, und wir uns darin. Wir selbst können ja keine Garantien abgeben, dass unsere Wünsche in einigen Jahren noch die gleichen sind, unsere einmal gesetzten Prioritäten weiterhin gelten, ja nicht einmal für unsere Gefühle dürfen wir die Hand ins Feuer legen.

Und das ist gut und richtig so. Der Wandel ist ein Gesetz des Lebens.

Vertrauen wir darauf, dass sich für uns alles stets zum Besseren wandelt! Selbst wenn es manchmal, in der Phase der Veränderung, nicht so aussieht, wenn wir uns mit Herausforderungen und Hindernissen konfrontiert sehen, wenn die ersten Schritte mühsam und unsicher sind. Vertrauen wir trotzdem darauf, dass alles einen Sinn hat, wir immer das bekommen, was gut für uns ist.
Und lassen wir vor allem unsere Zukunftsängste fallen, wagen wir neue Wege – und akzeptieren wir die Wege, die das Schicksal für uns vorsieht.

Garantien, dass alles immer so bleibt, wie es gerade ist, haben wir nicht. Aber die Garantie, dass wir geführt und getragen werden zu Neuem, das schöner und bereichernder ist als das Alte.

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Die Angst um den Arbeitsplatz

Ich veröffentliche heute eine Frage eines Lesers meiner Schriften, weil sie gut in die momentane Krisenzeit passt, in der viele Leute Angst um ihren Arbeitsplatz haben.

Frage:
Mit meinen „fassbaren“ Ängsten werde ich ziemlich gut fertig, aber als Familienvater gelingt es mir nicht, meine Existenzangst loszuwerden. Ich befürchte, meinen Job zu verlieren und nicht mehr für meine Familie sorgen zu können. Ich bin mir zwar bewusst, dass meine Angst auch nichts nützt, aber sie ist ständig bei mir, ich kann ja die Verantwortung für meine Frau und meine Kinder nicht einfach abschütteln…

Antwort:
Das ist eine Angst, die in der einen oder anderen Form sehr viele Menschen plagt, und sie ist umso bedrohlicher, wenn es uns weniger um uns selbst als um unsere Lieben geht. Hier gibt es tatsächlich kein anderes Rezept als das Vertrauen zu finden, dass alles so kommt, wie es für alle Beteiligten richtig ist, und in diesem Vertrauen dann alles anzunehmen, seien es auch schwere Zeiten, finanziell, sozial, zwischenmenschlich. Handle ruhig, wie du es in dir spürst und sei dir in jedem Moment bewusst, dass du keinen Einfluss auf die Früchte deines Tuns hast; somit besteht auch deine Verantwortung deiner Familie gegenüber nur darin, dein Bestes zu geben (was du ehrlich für dein Bestes hältst, ein objektiv Bestes existiert nicht!). Eine weiter gehende Verantwortung für das Schicksal deiner Frau und deiner Kinder trägst du nicht – oder weisst du etwa, was im Kosmischen Plan für sie vorgesehen ist, welche Erfahrungen sie in diesem Erdenleben machen und was sie dabei lernen sollen? Du kannst sie, selbst wenn du dein Bestes gibst, nicht davor bewahren.
Darin liegt das „richtige Handeln“: sein Bestes tun und dann loslassen, die daraus entstehenden Folgen (seien sie sogenannt angenehm oder unangenehm) dem Höheren übergeben. Sonst riskierst du, mit dieser Angst und der Bürde deiner vermeintlichen Verantwortung, nicht du selbst zu sein, nicht das zu leben, was in deinem Lebensplan vorgesehen ist.
Mit der Angst im Nacken den Job zu verlieren, wirst du stets tun, was man von dir verlangt, vielleicht sogar Unrechtes, jeden tyrannischen Chef aushalten, Überstunden und Stress akzeptieren, auch zulasten deiner Familie, Ungerechtigkeit und Demütigung widerstandslos schlucken – und dennoch ständig um deinen Job bangen! (Nebenbei bemerkt: Es gibt nur Tyrannen, weil es Menschen gibt, die sich tyrannisieren lassen.) Du bist aber auch dir selbst gegenüber verantwortlich (wir reden hier nicht einmal von Menschenwürde!), deinem Höheren Selbst. Du darfst dich gegen Ungerechtigkeit auflehnen, dich quälendem Druck widersetzen und du brauchst die Konsequenzen nicht zu fürchten: Du vertraust in die Vorsehung.
In diesem Zusammenhang muss allerdings ein weiterer Aspekt angesprochen werden: Der Gleichmut. Wenn unser Handeln von Gleichmut geprägt wird, empfinden wir keinerlei negative Emotionen wie Wut, Demütigung, Frustration und ähnliche, sondern sehen die Situation und die Beteiligten von einer höheren Warte aus, schauen hinter die illusorische Erscheinung auf die Beweggründe der einzelnen Personen, auf die für uns zu lernende Lektion usw. Wir schaffen es dann sogar, dem Gegenüber mit einem gewissen Wohlwollen zu begegnen, und unseren positiven Gedanken wohnt die Kraft inne, den anderen Menschen und die Situation zu verändern.
Die Entscheidung, was in welcher Situation das Richtige ist, lässt sich für einmal klar definieren: Immer wenn Angst unser Verhalten bestimmt, kann es nicht richtig sein. Empfinden wir hingegen Gleichmut, ist selbst ein Verhalten richtig, das, oberflächlich betrachtet, als nachgiebig und feige wirken könnte.

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Ein guter Vorsatz für das Urvertrauen

Es ist besonders in diesen unsicheren Zeiten nicht ganz leicht, sich keine Sorgen um den Arbeitsplatz, um die Ersparnisse, um die Rente zu machen. Doch was nützt es? Ändert unser Besorgtsein etwas an der unbestimmten, unbekannten Zukunft? Nein. Nicht in diesen unsicheren Zeiten und nicht im gewöhnlichen Alltag, wenn wir uns um die Kinder Sorgen machen, ob wir wohl einen Parkplatz finden werden, dass wir krank werden könnten und so vieles mehr. Im Gegenteil: Es wird gesagt, dass wir das, wovor wir uns fürchten, anziehen.
Für einiges gibt es durchaus wissenschaftliche Erklärungen, beispielsweise für die Angst, uns beim Kontakt mit einem Kranken anzustecken. Angst (wie auch Stress, körperliche und psychische Überbelastung) schwächt das Immunsystem: Deshalb haben die Bakterien und Viren grössere Chancen, von unserem Körper nicht effizient bekämpft zu werden, wenn wir uns vor einer Ansteckung fürchten. Wir kommen ja immer wieder mit kranken Menschen zusammen und unsere ganze Umgebung ist generell mit Bakterien und Viren regelrecht „verseucht“ – wir müssten eigentlich ständig krank sein! Doch wenn wir zuversichtlich, zufrieden und unbesorgt sind, ist die Gefahr wesentlich geringer.

Für manches gibt es hingegen keine wissenschaftlich anerkannte, jedoch andere Erklärungen:
• Eine parapsychologische/esoterische. Unsere Gedanken an das Gefürchtete erzeugen ein Energie-Bild; je mehr wir uns gedanklich dieser Angst ausliefern, das heisst je öfter und intensiver wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, desto stärker entfaltet sich die Energie und desto schneller wird sich das gedankliche Bild in der Wirklichkeit manifestieren. Das Gleiche geschieht ja auch mit dem, was wir wünschen – sofern unser Begehren stark genug ist, werden wir es anziehen. Die Angstempfindung ist im Allgemeinen indes mächtiger, weshalb etwas Gefürchtetes eher eintritt als etwas Begehrtes.
• Eine spirituelle. Angst loszuwerden, ganz allgemein, ist überaus wichtig für unsere innere Entwicklung; um die Angst zu überwinden, müssen wir mit ihr konfrontiert werden und uns ihr stellen. Deshalb zieht unsere Angst das Gefürchtete an – denn gerieten wir nie in die uns Angst machende Situation, könnten wir nicht lernen, mit ihr umzugehen und sie zu besiegen.

Sind diese beiden Gedanken, einerseits, dass unsere Sorgen nichts an der Zukunft ändern, und andererseits, dass unsere Sorgen das Gefürchtete erst recht anziehen, nicht Grund genug, einen guten Vorsatz für 2009 zu fassen? Nämlich: „Ich verweigere mich dem Besorgtsein! Ich höre auf, mir über künftige, vielleicht auftretende Probleme und Schwierigkeiten vorgängig Sorgen zu machen. Ich gehe sie dann an, wenn sie konkret vorhanden sind, und ich weiss, dass ich sie dann meistern werde und alle notwendige Hilfe dazu bekomme!“

Weitere Anregungen zu guten Vorsätzen findet ihr im nachfolgenden Artikel und auf meiner anderen Website Karma Yoga.

Ich wünsche euch für das Neue Jahr das bedingungslose Urvertrauen, dass alles immer so kommt, wie es für alle Beteiligten am besten ist!

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Die Kuh auf der Insel

Eine Sufi-Geschichte von Jalaluddin Rumi zum Urvertrauen.

Eine Kuh lebte ganz allein auf einer üppigen grünen Insel. Den ganzen Tag frass sie das saftige Gras, war wohl genährt und fühlte sich gut.
Doch jede Nacht, wenn es dunkel war und sie das Gras nicht mehr sehen konnte, machte sie sich grosse Sorgen, was sie am nächsten Tag fressen würde, und dieser Kummer verzehrte sie, sodass sie ganz dünn wurde.
Am nächsten Morgen, wenn sie die Wiese wieder sehen konnte, war sie wieder glücklich und frass wieder bis zur Dämmerung, kam wieder zu kräften. Doch sobald es dunkel wurde, begann sie wieder zu jammern und zu klagen…

Die Kuh verstand nicht, dass sie keinen Grund zur Sorge hatte. Und wie oft machen wir uns – ähnlich wie die Kuh – Sorgen um den nächsten Tag, um die Zukunft, nur weil wir sie in der Dunkelheit um uns gerade nicht sehen und nicht darauf vertrauen, dass das Gras ständig nachwächst…

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Die Angst vor dem Leben und das Leuchten in den Augen

Als ich 1991 mit dem Fallschirmspringen begann, entdeckte ich, dass fliegende Menschen ein Leuchten in den Augen haben, dem ich in dieser Intensität zuvor nie begegnet war. Lange nicht jeder Flieger besitzt es – aber ich habe es noch bei keinem Nichtflieger gefunden, ausser manchmal bei Kindern. Es ist eine ganz eigene Strahlung, Enthusiasmus, Daseinsbejahung, sprühende Lebensfreude – auch Vertrauen und Hoffnung funkeln aus solchen Augen.

Neulich habe ich seit langem wieder einmal dieses Leuchten in den Augen eines Fliegers gesehen – wenn auch nur am Fernsehen. Die Augen gehören Bertrand Piccard, der als erster in einem Heissluftballon die Welt umfahren hat und jetzt das Gleiche mit einem Solarflugzeug plant.
Was mich jedoch mehr beeindruckt hat, war zu hören, wie er denkt und was er ausser Fliegen sonst noch macht. Eine seiner Aussagen hat mich aufhorchen lassen, ist es doch ein Thema, mit dem ich mich auch immer wieder beschäftige, sinngemäss: Die Menschen versuchen Bestehendes, ihnen Bekanntes zu bewahren; Veränderungen, das vor ihnen liegende Ungewisse, machen ihnen nämlich Angst.
Ich gehe so weit zu behaupten: Das ist eine der Grundängste des Menschen, die viele weitere mit sich zieht und manche “unerklärliche” Verhaltensweise erklärt. Warum verharren Menschen immer wieder in leidvollen Situationen, in der Partnerschaft, im Beruf, mit sich selbst, Freunden, Familienangehörigen, obwohl sie die Möglichkeit hätten, sie zu ändern? Weil sie mit dem Bekannten, und sei es noch so schwer zu ertragen, vertraut sind und glauben, damit irgendwie umgehen zu können. Jede Veränderung ist hingegen ungewiss in ihrem Ausgang, sie führt auf unbekanntes Terrain… man weiss nicht, was kommt… man traut sich nicht zu, das Neue zu bewältigen… man fürchtet noch grösseres Leid… man hat Angst einen Schritt zu wagen… man will Mitmenschen nicht verletzen und ihre “Liebe” nicht verlieren…

Diese Angst vor dem Kommenden ist schlichtweg Angst vor dem Leben. Das Leben liegt doch vor uns! Vergangenes vermögen wir nicht mehr zu ändern, die Gegenwart ist ein Augenblick, den wir nicht festhalten können, aber die Zukunft – sie ist unsere einzige Möglichkeit, etwas zu verwirklichen, sie ist doch das Leben, das wir noch zu leben haben, das wir formen können! Fürchten wir uns davor, vergeben wir all unsere Chancen – wir sind dann ohne Zukunft… Die Angst tötet sie.

Jetzt der scheinbare Widerspruch: Es ist eine Illusion zu glauben, wir hätten unser Leben im Griff, könnten durch eigene Entscheidungen, durch unseren Willen, unser Bemühen wirklich darüber bestimmen. Und in unserem Inneren wissen wir sehr wohl, dass wir keine Macht über das so genannte Schicksal haben – es kann in einem Augenblick all unsere Pläne, unsere Vorhaben, für die wir gekämpft haben, die wir als “sicher” erachteten, zunichte machen. Auf der anderen Seite hat es uns auch schon manchen Erfolg, viele Geschenke beschert, ohne dass wir dafür einen Einsatz geleistet hätten.
Was soll also die Angst? Wovor sollten wir uns fürchten? Es kommt ohnehin alles, wie es kommen muss. Das hat nichts mit lähmendem Fatalismus oder blindem Glauben an Vorbestimmung zu tun, sondern mit Urvertrauen, dieser Zuversicht, dass mir alles gegeben wird, was gut für mich ist (gut für meine innere Entwicklung), und mir alles genommen wird, was mich auf meinem Weg hindert.

Traut euch deshalb stets, Entscheidungen zu treffen und zu handeln, so wie ihr es spürt, wie eure innere Stimme es will – ohne die Angst vor den Folgen und allem Kommenden.

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Immer zur rechten Zeit

Im vorangehenden Artikel vom 19. August ging es darum, dass wir durch unser ganzes Leben getragen werden. Im Rückblick, aus einer gewissen zeitlichen Entfernung, erkennen wir das manchmal recht klar, wie wir in einer schweren Situationen begleitet und gestützt wurden. Leider nicht dann schon, wenn wir mittendrin stecken!
Tatsächlich bekommen wir immer die Hilfe, die wir brauchen. Wir müssen bloss achtsam sein, damit wir sie entdecken, und sie dann annehmen.

Andrea*, eine liebe Freundin, hat mir neulich erzählt, wie sie diese Hilfe in einer Krise erfahren hat. Sie war ein „Tenniskind“: Ihre Mutter hatte sie von frühester Kindheit in diese Sportart gezwungen, um aus ihr eine Welt-Nummer-Eins zu machen. Mit 8 Jahren trainierte sie schon mehrere Stunden täglich. Für anderes, neben der Schule und dem Training, war in ihrem Leben kein Platz. Vielleicht wäre sie dabei nicht unglücklich geworden, wäre nicht der enorme psychische Druck gewesen, den ihre Mutter auf sie ausübte. Wenn sie bei einem Turnier nicht gewann, wurde sie von ihrer Mutter aufs übelste beschimpft, manchmal sogar geschlagen.
Wie hätte sie sich wehren können, ein kleines, hilfloses Kind, das sich nach nichts anderem sehnt als nach ein bisschen Liebe? Sie gab sich alle erdenkliche Mühe, gut zu sein, besser zu werden, den Ansprüchen ihrer Mutter zu genügen, bis sie mit 16 ernsthaft erkrankte – wen wunderts? – und fast zwei Jahre lang mehr Zeit im Spital als zu Hause verbrachte.
Nach ihrer Genesung ging es mit dem Tennis wieder los – was hätte sie sonst tun sollen, sie konnte doch nichts anderes…
Als sie wieder einmal bei einem Turnier schlecht abgeschnitten hatte – sie war inzwischen volljährig und reiste allein dahin –, sass sie auf einer Bank in der Nähe des Bahnhofs und grübelte. Sie spürte, dass es so nicht weiter gehen konnte. Durch ihre lange Krankheit war eine Rückkehr in den Profisport äusserst schwierig; allerdings hatte man ihr einen Vertrag angeboten. Ihre Gedanken liefen wirr durch ihren Kopf: „Was wenn ich es nicht schaffe, wieder konkurrenzfähig zu werden? Und was, wenn meine Krankheit wieder ausbricht, was die Ärzte nicht ganz ausschliessen konnten? Und was wenn alles zwar nach Plan läuft, aber irgendwie verdiene ich mit diesem Vertrag nicht genug Geld, also für meine Zukunft? Was macht man als Sportlerin, wenn man 40, 50, 60 wird? Alte Sportler kenne ich zuhauf…“ Mit ihrer Familie wollte sie am liebsten nichts mehr zu tun haben, aber Geld hatte sie auch keines; was sie mit dem Tennis verdient hatte, war alles in die Tasche ihrer Mutter geflossen, und da war nichts zu holen!
Wie sie so da sass, mit all diesen Gedanken kämpfte, tauchte auf einmal ein alter Mann auf. Er ging auf sie zu, er war wirklich uralt mit weissem Haar und Bart. Er sagte zu ihr: „Das Leben kann zu einem verrückten Hunderennen werden: Die Hunde rennen und rennen in einem Laufring einem mechanischen Fuchs hinterher. Doch sie fangen ihn nie, er ist immer ein paar Zentimeter vor ihnen… Aber selbst wenn sie ihn fingen, würden sie schnell merken, dass er aus Kunststoff ist, also ein total wertloser Gewinn.“
Andrea starrte ihn an, er wirkte auf sie wie ein Prophet. Er lächelte noch einmal, dann war er weg. Seine Worte hatten tief in ihr etwas bewegt, und sie wusste, dass sie in diesem Augenblick mit dem Tennis endgültig abgeschlossen hatte. Wenige Tage später bewarb sie sich um ein Stipendium einer ausländischen Universität – und sie bekam es.

Wenn wir gerade in einer Krise stecken und nur noch schwarz sehen, so mit unserem Problem beschäftigt sind, dass wir keine Augen mehr haben für das, was ausserhalb von uns geschieht, bemerken wir die „Hilfe“ vielleicht nicht. Auch ist sie nicht immer deutlich und greifbar. Es kann sich, wie in Andreas Fall, nur um einen Satz handeln, den jemand zu uns sagt, oder um etwas, das wir sehen, um ein kleines, scheinbar unbedeutendes Ereignis, um einen jener berühmten „Zufälle“… Die Wege der Vorsehung sind unendlich! Und ihre Türen gehen dann auf, wenn wir die eine Tür hinter uns geschlossen haben. Meistens nicht vorher. Dazu brauchen wir etwas Mut – und das Urvertrauen, dass sich immer eine Tür auftut, wenn eine zugeht. Doch wie André Gide sagte: „Die Tragik ist, dass man auf die geschlossene Tür blickt und die geöffnete nicht beachtet.“

*Name aus Diskretionsgründen geändert.

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus

Existenzangst und Mangel an Urvertrauen

Manchmal werde ich gefragt, warum ich meine beiden Bücher (siehe Seite „Meine Bücher“) ursprünglich unter Psedonym veröffentlicht habe. Stand ich etwa nicht zu meinen Geschichten, meinen Aussagen? Wollte ich mich verstecken?

Es war Mangel an Urvertrauen! Ich habe zwar nie ein grosses Geheimnis aus der wahren Identität von Karin Albarosa gemacht – wer es wissen wollte, dem habe ich es immer gesagt –, aber ich versuchte zu verhindern, dass „gewisse Kreise“ erfahren, dass ich spirituelle Bücher schreibe.
Ich war nämlich damals (Ende des letzten Jahrtausends) nur nebenbei Autorin, Verlegerin und Kursleiterin. Hauptberuflich (damit verdiente ich meinen Lebensunterhalt) stand ich noch voll im harten Wirtschaftsleben als Marketing- und Werbeberaterin, im ständigen Kundenkontakt, und ich befürchtete, Aufträge zu verlieren, wenn man wüsste, wofür mein Herz wirklich schlug – obwohl ich selbstverständlich alle meine Kundenaufträge stets so gut ausführte, wie ich nur konnte, und mit Freude.

Trotz meines grundlegend starken Urvertrauens fehlte mir bei der damaligen Entscheidung für ein Pseudonym tatsächlich das letzte Quäntchen davon, und ich hatte kurzzeitig „vergessen“, dass meine Auftragslage, ja meine finanzielle Situation, ohnehin nicht in meiner Hand liegt, egal was ich dafür oder dagegen tue!
Ich hätte zu dem stehen sollen, was ich für mich als richtig spürte, nämlich diese Bücher zu schreiben, und mich nicht darum sorgen, wie andere (meine Kunden) darauf reagieren könnten – mich ganz dem Urvertrauen hingeben, dass immer alles so kommt, wie es für alle am besten ist.
Das ist inzwischen beinahe ein Jahrzehnt her – meine nächsten Bücher erscheinen ganz bestimmt unter meinem richtigen Namen!

Artikel teilen auf:
Facebooktwittergoogle_plus