Die drei Siebe der Selbstliebe

Vielleicht kennt ihr die Geschichte von Sokrates und den drei Sieben. Ich erzähle sie kurz.

Ein Mann kam zu Sokrates und sagte: „Ich muss dir unbedingt etwas erzählen!“
Der Weise unterbrach ihn: „Warte. Zuerst wollen wir deine Geschichte durch die drei Siebe sieben. Das erste Sieb ist das der Wahrheit: Bist du sicher, dass das, was du mir erzählen willst, wahr ist?“
Der Mann antwortete: „Nein, sicher bin ich nicht. Ich habe es auch nur gehört.“
„Und wie steht es mit dem zweitem Sieb, dem des Guten? Ist das, was du mir erzählen willst, etwas Gutes?“
„Nein“, gab der Mann zu, „im Gegenteil…“
„Dann bleibt nur noch das dritte Sieb. Ist es nötig, dass du mir die Geschichte erzählst?“
„Nötig?“, fragte der Mann und überlegte einen Augenblick. „Nein, nicht wirklich…“
Sokrates lächelte: „Nun, wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch nötig ist – dann lass es lieber bleiben.“

Wenn wir denken, dass wir es nicht wert sind, uns selbst zu lieben, sollten wir diese Überzeugung auch durch drei Siebe sieben:
• Das Sieb des Ich: Wer ist es, der sich nicht als wertvoll empfindet? Nicht etwa nur das Ego, das Liebe abhängig macht von Äusserem, wie Aussehen, Eigenschaften, Leistung, während die Seele um ihre Vollkommenheit weiss?
• Das Sieb des Massstabs: Wer bestimmt denn, was wertvoll ist und was nicht? Unser Unbewusstes, das sich auf Bewertungen stützt, die unsere Eltern uns als Kinder eingepflanzt haben? Unsere heutigen Mitmenschen, die uns dann für wertvoll halten, wenn wir uns so verhalten, wie sie es erwarten?
• Und schliesslich das Sieb der Liebe: Ist Liebe denn nicht bedingungslos, ohne Forderungen und Erwartungen?

Nun, wenn es nur das Ego ist, das meint sich nicht lieben zu dürfen, der Wertmassstab falsch oder zumindest höchst unvollkommen ist und die Liebe ohnehin keine Bedingungen stellt – was sollte uns daran hindern, uns selbst zu lieben?

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Gesichtsverlust

Kürzlich habe ich wieder einmal eine Woche in einer Kultur verbracht, in der es enorm wichtig ist, sein Gesicht nicht zu verlieren, und das kann in solchen Ländern recht schnell passieren und aus für unser Verständnis banalen Gründen. Vor allem für Männer trifft dies zu.

Aber auch hier werde ich hie und da von Menschen gefragt, ob sie ihr Gesicht verlieren würden, wenn sie sich in einer bestimmten Situation so und so verhielten. „Was meinst du denn genau damit?“, frage ich jeweils. Daraufhin bekomme ich als Synonyme meistens die Begriffe Würde und Selbstachtung zu hören.

Interessant.
Von Nah- bis Fernost hat der Gesichtsverlust damit zu tun, wie man nach aussen dasteht.
Bei uns offenbar ebenfalls wie man vor sich selbst dasteht.
Zu letzterem passen Aussagen wie: Wenn ich das und das täte, würde ich die Achtung vor mir selbst verlieren. – Wenn ich mich so verhielte, empfände ich es als würdelos. – Wie kann man sich bloss derart unter seiner Würde benehmen?

Selbstachtung ist wichtig und hat eine Menge mit Selbstliebe zu tun. Mit anderen Worten bedeutet es, auf uns selbst zu hören, nichts zu tun, was wir nicht wirklich wollen, stets unserer Inneren Stimme zu folgen.

Wie steht es aber damit, wenn wir unsere Würde, also das Gesicht wahren wollen, nach aussen? (Und ich spreche jetzt ausdrücklich nur von unserer Kultur.) Geht es dabei nicht vielmehr darum, unsere Maske aufrechtzuerhalten? Keine Schwäche zu zeigen, keine Fehler zugeben zu müssen, tadel- und makellos dazustehen?
Das ist in der Tat kein Anzeichen für Selbstliebe, sondern für mangelnde Selbstliebe! Es steckt meistens viel Ego darin, wenn wir uns bemühen, unser Gesicht nicht zu verlieren.

Für unsere Selbstachtung hat es keine Bedeutung, wie andere uns beurteilen. Nur für uns selbst muss es stimmen. Und niemand kann uns unsere Selbstachtung nehmen, egal was er von uns denkt. Im Gegenteil: Unsere Selbstachtung verlieren wir gerade dann, wenn wir uns bemühen, von anderen positiv beurteilt, akzeptiert und geschätzt zu werden. Dann stehen wir nämlich nicht zu uns selbst, wir nehmen uns nicht an, wie wir nun einmal sind.

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Glücksjäger

Kürzlich habe ich von Emanuel* eine Mail bekommen, die mich zu einem Beitrag auf dieser Website inspiriert hat. Ich zitiere die Mail in Auszügen:

Mit Anfang 30 begannen diese Gedanken nach dem Sinn des Lebens, die mich ein Leben lang begleiten, so richtig intensiv zu werden. Ich habe schon sehr viele Bücher darüber gelesen, Filme angeschaut, Berichte und Erfahrungsgeschichten gesammelt. Alle Bücher waren sehr interessant, ich gewann so viele neue Einsichten, viele meiner Fragen wurden beantwortet, doch konnte ich Erlerntes nie für längere Zeit in mein Leben integrieren.
Nach ungefähr 3 Jahren des Suchens und Ausprobierens, nach einigen Höhen und viel mehr Tiefen, gelangte ich zu der Einsicht, in Verbindung mit einem Schicksalsschlag und neuen Bekanntschaften, dass das Leben nur Spaß sei und man das Glück jagen müsse! So begann eine verspätete wilde, ungewisse Zeit für mich. Ich wurde ein Glücksjäger! Nur die Hypes waren erwünscht. Die Downs wurden verdrängt. Gab es mal keine Hypes, wurde natürlich mit gewissen Substanzen nachgeholfen. Erstaunlich war, dass das Prinzip anfangs super funktionierte, es lief hervorragend. Neue Freunde, neue Hobbys, alles war toll, nur Spaß Spaß Spaß!
Es hielt fast zwei Jahre an. Dann so langsam ging mir die Luft aus. Es lag unmittelbar gar nicht an mir, so kam es mir zumindest vor. Keiner konnte mehr mit mir mithalten, mir kam es so vor, als wollte jeder in meinem Umfeld etwas von meinem Kuchen abkriegen. Die Hypes wurden immer weniger, die Drogen immer mehr, und die Leere in mir immer größer. So konnte es nicht mehr weitergehen.
Lange Rede kurzer Sinn, ich habe jedes Wort in Ihrem Buch verstanden. Ich hab ständig mit dem Kopf genickt. Der Unterschied zu anderen Autoren ist, dass Sie nicht wie ein Experte, ein Mental-Trainer oder ein Wissenschaftler schreiben. Sie, Frau Jundt, schreiben wie die Menschen und für die Menschen. Erstaunlich auch wie viele Parallelen ich zu anderen Lehren fand, die ich schon kannte. […] Noch nie hat ein Buch bei mir so eine nachhaltige Wirkung hinterlassen wie das Ihre, dafür danke. Vielleicht war ich genau jetzt, genau hier bereit dafür.

Zutiefst überzeugt bin ich davon, dass wir das Recht haben, in diesem Leben glücklich zu sein. (Und nicht, wie gewisse Religionen meinen, dieses Leben ein Jammertal sein müsse, damit wir uns das Glück im Jenseits verdienen.)

Es gibt aber Glück und Glück. Das eine ist das Glück der Hypes – oder auch das Unglück der Hypes. Denn unser Ego will einfach Action, eine gleichmütige Zufriedenheit ist ihm zuwider. Emotionen sind gefragt, egal ob freudige oder schmerzhafte. Jedes Ego ist ein Glücksjäger.
So nimmt es auch in Kauf, dass es einen kurzen Augenblick des Glücks mit viel Leid bezahlen muss. Und wenn es gerade keine Glücksmomente erhaschen kann, so sucht es sich leidvolle – Hauptsache es gibt Gefühlswallungen und nicht die Langeweile der gelassenen Zufriedenheit. Diese Glücks- oder Schmerzmomente sind wie eine Droge: Man muss die Dosis ständig erhöhen, um überhaupt noch etwas zu spüren. Das beschreibt Emanuel treffend in seiner Mail.
Einige Menschen, wie Emanuel, lernen mit der Zeit, dass es im Leben mehr gibt als das sogenannte Glück, das von den Äusserlichkeiten herrührt. Andere verstehen es (noch) nicht und machen weiterhin schmerzliche Erfahrungen.

Zum wahren Glück – zur anhaltenden Lebensfreude – finden wir dann, wenn wir in uns selbst ruhen. Dann können wir alles, was die Welt uns schenkt, geniessen, ohne jedoch darauf angewiesen sein; wir leiden deshalb nicht, wenn wir es nicht mehr bekommen oder es uns genommen wird. Und vor allem, jagen wir diesem Glück nicht mehr hinterher.

Diese innere Ruhe, die Geborgenheit in uns uns selbst, bedarf der Selbstliebe und des Urvertrauens.
Der Selbstliebe, damit wir es wagen, ganz wir selbst zu sein; andernfalls ist tiefe Lebensfreude kaum zu erlangen.
Und das Urvertrauen schenkt uns die Gewissheit, dass wir es nicht nötig haben, dem Glück nachzujagen: Es wird uns immer alles gegeben, was wir brauchen und uns gut tut.

Abschliessend noch zwei schöne Zitate zu diesem Thema:

Das Glück ist ein Schmetterling. Jag ihm nach, und er entwischt dir. Setz dich hin, und er lässt sich auf deiner Schulter nieder.
Anthony de Mello

Solange du nach dem Glück jagst, bist du nicht reif zum Glücklichsein.
Hermann Hesse

Zum morgigen Osterfest – aber auch für alle Tage eures Lebens – wünsche ich euch die Freude der heiteren Gelassenheit!

* Name aus Diskretionsgründen geändert.

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Wo ist der freie Wille?

Vor ein paar Tagen diskutierte ich mit einem Freund über Ego und Seele, und irgendwie kamen wir in diesem Zusammenhang darauf zu sprechen, ob der Mensch einen freien Willen besitze oder ob „jemand/etwas“ ihm sein Denken und Handeln aufzwinge. In der Psychologie heisst es ja, viele unserer Taten seien durch unser Unbewusstes gesteuert, was den freien Willen stark relativieren würde.

Es stellt sich zuerst einmal die Frage, was denn dieses Ich ist, das einen freien Willen haben könnte oder nicht. Gehen wir davon aus, dass der Mensch aus den beiden Elementen Seele und Ego besteht.

Die Seele, verstanden als dieses Element von uns, das mit dem Göttlichen, Universellen, Absoluten, der Weltseele, der Höheren Macht oder wie man diese Instanz nennen will, irgendwie verbunden oder gar ein Teil davon ist, hat keinen freien Willen. Sie tut immer das „Richtige“ – immer das, was dem Willen des Göttlichen entspricht, was von einer höheren Warte aus betrachtet dem Wohl des Ganzen, dem Kosmischen Plan oder übergeordneten Ziel dient. Es gibt für die Seele keine Wahlmöglichkeit, sondern immer nur die eine, einzige, wahre, richtige Entscheidung.

Das Ego, verstanden als die Gesamtheit unserer verschiedenen „Ichs“* besitzt einen freien Willen. Es trifft Entscheidungen zwischen mehreren Möglichkeiten und handelt entsprechend. Es kann auf den Rat den Seele hören (und somit „richtig“ handeln) oder eigenmächtig entscheiden und dabei seine oft auf kurzfristigen Lustgewinn ausgerichteten Ziele verfolgen.
Wie steht es dann aber mit der Steuerung aus dem Unbewussten? Kann man in diesen Fällen noch von freiem Willen sprechen? Nun, dieses Dilemma tritt erst gar nicht auf, weil alles ausser der Seele zum Ego gehört, also auch das Unbewusste nur eines unserer verschiedenen Ichs darstellt – wir könnten es beispielsweise Vergangenheits-Ich nennen, da es ja vergangene Erfahrungen enthält. Mit anderen Worten: Wenn nicht die Seele unser Handeln bestimmt, ist es immer ein Bestandteil des Ego, das uns steuert, unabhängig davon, ob eher der Körper, der Verstand, die Emotionen oder eben das Unbewusste.

Der Mensch bestehend aus Seele und Ego schwankt ständig zwischen seinen beiden Elementen: Wenn er „Ich“ sagt, ist er einmal mehr Seele und einmal mehr Ego. Empfindet sich aber beide Male als „Ich“, als sich selbst. Und doch… es gibt Unterscheidungsmerkmale um zu spüren, wer ich gerade bin, Seele oder Ego. Darüber habe ich anderswo auf dieser Website schon geschrieben. Weitere Texte zu diesem Thema findet ihr auch, wenn ihr in der rechten Spalte unter „Stichwörter“ auf „Innere Stimme“ klickt.

*Diese verschiedenen Ichs erfahren wir alle tagtäglich in Form innerer Konflikte, Entscheidungsschwierigkeiten und mehr. Auch in ganz banalen Situationen: Eines meiner Ichs, das Vernunft-Ich, hat beschlossen, nicht von der Schokolade zu naschen. Zehn Minuten später meint das Emotions-Ich: „Ach was, was solls, ein Stückchen schadet mir doch nicht. Mmmh, wie gut das schmeckt!“ Kurz darauf meldet sich das Vernunft-Ich missbilligend (oft auch die Seele) und verursacht ein schlechtes Gewissen. Ich bin nicht fortwährend das gleiche Ich, die Vorherrschaft zwischen den verschiedenen Ich ändert ständig!

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Mir selbst bedingungslos vertrauen!

Ich vertraue mir selbst, also meiner inneren Stimme, der Stimme meiner Seele, bedingungslos – immer. Ich weiss, dass sie immer recht hat. Sie hat mich noch nie in die Irre geleitet!
In den allerallermeisten Fällen höre ich auf sie und mache, was sie sagt. In den letzten Wochen jedoch bin ich ihrem Rat mehrmals nicht gefolgt.
Warum nicht, werdet ihr euch fragen, wenn ich doch felsenfest davon überzeugt bin, dass sie mir immer das Richtige rät? Weil mein Ego und mein Verstand dazwischengefunkt haben – wie sie es bei uns allen immer versuchen.

Als ich Martin* eben erst kennengelernt hatte, meldete sich meine innere Stimme ungefragt und sagte mir deutlich, ich müsse mich sofort zurückziehen. „Wieso solltest du?“, mischte sich mein Verstand ein. „Er ist doch ein weiser und tiefgründiger Mensch!“
Ich hörte meinem Verstand zu. Und das reichte schon, um die innere Stimme zum Verstummen zu bringen, denn sie wiederholt sich in der Regel nicht. Entweder man gehorcht ihr sogleich oder man hat die Chance verpasst, denn der Verstand mit seinen „logischen“ Argumenten wird es immer schaffen, einen zu überzeugen!

Also machte ich weiter. Schon nach wenigen Tagen zeigte Martin mir zum ersten Mal eine andere Seite von sich, eine gelinde gesagt problematische für jede zwischenmenschliche Beziehung.
Sogleich sagte mir meine Seelenstimme: „Lass jetzt endlich die Finger von diesem Menschen!“
Mein Ego aber flüsterte mir honigsüss zu: „Aber er kann doch auch sehr charmant sein, und er liebt dich!“ Ich wandte mich meinem Ego kurz zu, reichte ihm gewissermassen den kleinen Finger – schon hatte es die ganze Hand und griff bereits nach meinem Arm.
Zum zweiten Mal hörte ich nicht auf meine innere Stimme.

So ging es eine Zeitlang weiter, einige Wochen. Ohne dass sich nun meine innere Stimme explizit meldete, wusste ich die ganze Zeit, dass es für mich keinen Sinn hatte, diese Beziehung weiterzuführen, dass ich sie im Grunde genommen ohnehin nicht wollte! (Warum ich sie nicht beendete und weitere Aspekte davon könnt ihr im unmittelbar vorangehenden Artikel lesen; über die Wirkung von Verhaltensmustern in diesem Zusammenhang lest ihr auf meiner Website Karma-Yoga.)

Nun ist sie zu Ende. Es war eine intensive Erfahrung, zeitweilig auch von etwas Schmerz begleitet. Vor allem aber lehrreich! Sie hat mir wieder einmal deutlich vor Augen geführt, wie wichtig es ist, unter allen Umständen auf sich selbst zu hören, auf die Stimme, die uns den Weg weist und die uns warnt vor schlechten Erfahrungen. Und wie schwierig es ist, dem Verstand und dem listigen Ego keine Möglichkeit zu geben, uns davon abzubringen!

Gut, es ist übers Ganze betrachtet in diesem Fall nicht viel passiert. Mein Urvertrauen war stets stark, ich wusste immer: Egal was geschieht, egal wie viele „Fehler“ ich mache (weil ich nicht auf mich selbst höre!), es gibt immer wieder einen Weg, ich finde irgendwann wieder hinaus.
Doch es war absolut überflüssig! Hätte ich von Anfang an gemacht, was ich als richtig spürte, wären mir einige unschöne Momente erspart geblieben.
(Mein Ego sagt schelmisch: „Einige schöne aber auch…“)

* Name aus Diskretionsgründen geändert.

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Verletzt werden und verletzen

Unsere Angst, Mitmenschen durch unsere Worte oder Taten zu verletzen, ist meistens recht gross – und entsprechend gross unsere Vorsicht, wie wir uns ausdrücken und handeln. Dabei schlucken wir manchmal etwas hinunter, was uns auf der Zungenspitze liegt, halten unsere Spontaneität unter Kontrolle: Wir sind nicht wirklich wir selbst. Über die Gründe, warum wir niemanden verletzen wollen, habe ich in meinem Beitrag vom 7. September geschrieben.
Heute stelle ich die Frage: Wer wird eigentlich verletzt, wer fühlt sich verletzt? Sind wir denn nicht alle unverwundbare Seelen?
In der Tat: Bin ich gänzlich in mir geborgen, liebe und wertschätze mich selbst – wer oder was könnte mich dann verletzen? Diese Verletzung, die ich als solche empfinde, betrifft immer eine Seite in mir, die (noch) nicht stark genug ist – verwundbar ist. Man sagt ja auch: verletzter Stolz, verletzte Eitelkeit, verletzte Selbstliebe, verletzte Würde…
Machen wir uns in solchen Situationen stets klar, dass nicht ich verletzt bin, sondern nur ein Teil in mir, der noch lernen muss, sich nicht verletzen zu lassen; sehen wir all diese Situationen als Chance zu lernen, zu erstarken.

Die folgenden Betrachtungen können uns zur Erkenntnis verhelfen, warum wir uns nie verletzt fühlen sollten, egal was jemand sagt oder tut – sei es aus Unwissenheit oder Bosheit.
Die Verhaltensweisen anderer Menschen uns gegenüber nehmen wir stets persönlich, wir fühlen uns herabgewürdigt, gedemütigt, angegriffen, verletzt.
Das Geheimnis, uns vom Verhalten anderer nicht treffen zu lassen, liegt darin, es nicht als persönlich, also nicht auf uns gerichtet, zu betrachten. Was der andere auch sagt und tut: Es entspringt dem grossen „Topf“, in dem die bewussten und unbewussten Erlebnisse, Erfahrungen und sich daraus ergebenden Wertvorstellungen und Handlungsmuster seines ganzen bisherigen Lebens gespeichert sind – und damit haben wir nichts, aber auch gar nichts zu tun! Deshalb ist sein Verhalten nicht auf uns persönlich abgezielt, sondern stellt lediglich eine Ausprägung seines Wesens dar, und wir sind nichts weiter als ein x-beliebiges Objekt, das sich gerade in der „Schusslinie“ befindet – wieso uns also getroffen fühlen und mit negativen Emotionen reagieren?
Was nicht heisst, dass wir den anderen nicht auf sein (unseres Erachtens) „falsches“ Verhalten hinweisen dürfen und sollen, im Gegenteil: Es ist unser Recht und unsere Pflicht – aber ohne uns dabei verletzt zu fühlen.

Wir sollten uns ferner bewusst werden, dass es sich in solchen Situationen um zwei verschiedene Dinge handelt: Wie ein anderer sich verhält, ist die eine Seite, und diese liegt in seiner Verantwortung, das heisst, er muss dafür vor sich selbst (nicht vor uns!) gerade stehen. Wie wir empfinden, ist eine ganz andere Sache und liegt allein in unserer Macht – das heisst, wir dürfen nicht einen anderen dafür verantwortlich machen, wie wir uns fühlen und reagieren.

Nun drehen wir den Spiess um. Wenn ich mich selbst bin, mich also so verhalte, wie ich es in mir spüre, und ein anderer fühlt sich dadurch verletzt: Ich bin für meine Taten mir selbst gegenüber verantwortlich, aber nicht dafür, wie ein anderer empfindet! Und ich habe das Recht, ja die Pflicht, mich selbst zu sein. Nur daraus kann ich nämlich lernen und mich innerlich entwickeln, nur dann neue Erkenntnisse gewinnen, wenn ich mich traue, spontan zu leben und aus den gemachten Erfahrungen zu lernen. Wenn ich ständig bloss eine Rolle spiele, hinter einer Maske (siehe Beitrag vom 28. August), bleibe ich in dieser Rolle gefangen und das wahre Leben zieht ungelebt an mir vorbei.

Habt den Mut, euch selbst zu leben – was kann euch schon passieren? Versucht es einfach! Selbst wenn einmal jemand auf euch böse ist, sich verletzt fühlt: Denkt immer daran, dass es nur sein verletztes Ego ist, und dass er dank eurer Offenheit wachsen und erstarken kann.

Zum Thema „Verletzungen“ findet ihr auch einen Beitrag hier.

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Ich – und das Ego der anderen

Im vorangehenden Artikel „Die Liebe einer Frau“ geht es darum, selbstlos und bedingungslos zu lieben, einen anderen Menschen glücklich zu machen und darin sein eigenes Glück zu finden – also das eigene Ego etwas zurückzustellen.
Das ist schön und richtig, aber… es gibt ein Aber. Im Text habe ich bereits erwähnt, dass diese Liebe für einen anderen Menschen nicht auf Unterordnung, Unterwerfung, Abhängigkeit, Selbstaufopferung, Untreue sich selbst gegenüber beruhen darf. Dem will ich noch zwei Aspekte hinzufügen.

1. Wir dürfen unsere eigenen existentiellen Bedürfnisse nicht unterdrücken.
Es gibt viele unwichtige, kleinliche, unbeudetende Wünsche und vermeintliche Bedürfnisse, von denen unser Glück nicht wirklich abhängt, betrachten wir sie mit etwas Abstand und Objektivität. Bei diesen dürfen und sollen wir zu Gunsten eines anderen zurückstecken (das war im vorangehenden Artikel gemeint).
Aber jeder Mensch hat auch individuelle Bedürfnisse, die für ihn persönlich existentiell sind – aus welchen Gründen auch immer und so lange, bis er selbst sie aufgrund von neuen Erkenntnissen und innerer Überzeugung als nicht mehr „lebenswichtig“ betrachtet. Und diese Bedürfnisse dürfen wir nicht unterdrücken! Das macht uns wirklich unglücklich und kann bis zu körperlichen oder psychischen Erkrankungen führen, wenn wir sie über längere Zeit missachten. Das bedeutet, dass wir nach einem Weg suchen müssen, sie zu befriedigen – dass dieser Weg manchmal etwas Mut zu entscheidenden Schritten braucht, nicht ganz einfach sein mag und am Anfang vielleicht sogar mit Schmerz verbunden, lässt sich nicht leugnen.
Ebenso führt dieser Weg manchmal dazu, dass andere Menschen sich dadurch verletzt, verärgert, beleidigt fühlen; auch das dürfen, sollen, müssen wir furchtlos in Kauf nehmen, denn unserem ureigenen Weg, dem, was wir in uns als richtig für uns spüren, müssen wir folgen – sonst verleugnen wir uns selbst. Und kein Mensch hat das Recht, uns daran zu hindern, und wir sollen uns nicht daran hindern lassen! Dabei dürfen wir darauf vertrauen, dass es am Ende auch für alle anderen Beteiligten gut ist („gut“ von einer höheren Warte aus betrachtet); das an dieser Stelle weiter zu erläutern, würde den Rahmen sprengen, aber ihr findet immer wieder Texte von mir zu diesem Thema.
Nur noch soviel: Was bei einem Menschen verletzt, verärgert, beleidigt und mehr ist, ist nur das Ego (die Seele ist unverwundbar und ewig-glücklich)! Und mit dem Stichwort „Ego“ gelange ich zum zweiten Aspekt.

2. Wenn wir einen Menschen wirklich lieben, ist es nicht richtig, sein Ego gewähren zu lassen.
Das Ego jedes Menschen neigt dazu, sich zu nehmen, was es bekommen kann. Dem einen Menschen gelingt es besser, es aus seiner Seele heraus (durch ethische, moralische, spirituelle Werte) zu kontrollieren und so im Zaum zu halten, dass es die Mitmenschen nicht rücksichtslos übervorteilt und ausnützt; ein anderer Mensch lässt es hingegen zügellos treiben oder bindet es nur dann vorübergehend zurück, wenn er dazu gezwungen wird oder er sich durch eine kurzfristige Mässigung einen längerfristigen Vorteil verspricht.
Ein Mensch, der seinem Ego freien Lauf lässt – meint er auch, durch die Befriedigung seiner egoistischen Wünsche und Triebe glücklich zu sein –, wird sein wahres Glück auf die Dauer nicht finden. Erlauben wir also einem Menschen, den wir lieben, sein Ego auszuleben, so tun wir ihm damit keinen Gefallen! Es ist vielmehr unsere Aufgabe, ja unsere „Pflicht“, uns seinem Ego in den Weg zu stellen. Das tun wir am besten, ja sozusagen auf „natürliche“ Weise, indem wir uns selbst treu bleiben (also unter anderem unsere existentiellen Bedürfnisse nicht unterdrücken) und uns dem Mitmenschen gegenüber aufrichtig verhalten. Auf-richtig im wahren Sinne des Wortes heisst: Wir richten jemanden auf (ein absolut positives Verhalten!), dadurch, dass wir sagen, was wir empfinden, was wir zu sagen haben, ohne Angst zu verletzen oder seine Liebe zu verlieren. Wie kann jemand lernen, sein Ego abzubauen, wenn wir ihm immer alles durchgehen lassen? Das heisst auch, dass wir klare Grenzen setzen und uns nicht ausnützen oder gar missbrauchen lassen.

Ändern können wir einen anderen Menschen nicht (obwohl wir das oft meinen oder hoffen und es versuchen) – aber wir können ihm dazu verhelfen, dass er sich selbst ändert. Will er das nicht und lässt er sein Ego weiterhin in einer Weise gewähren, die wir nicht annehmen können ohne uns selbst untreu zu sein, so sollten wir auf unsere Seele hören und die Entscheidungen treffen, die für uns stimmen.

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