Verletzende Lügen

Gleich vorneweg: Auf die Frage, ob es berechtigte Lügen, also Gründe zu lügen, gibt oder nicht, gehe ich heute nicht ein. Und dass wir nicht immer unaufgefordert alles sagen müssen, versteht sich von selbst.

Warum wir grundsätzlich nicht lügen sollten, vor allem im Hinblick auf unser Selbstwertgefühl, habe ich auf dieser Website verschiedentlich dargelegt, siehe hier und hier.

Lügen stehen zudem im Widerspruch zum Urvertrauen, weil wir uns anmassen, die Wahrheit nach unserem Gutdünken zu verbiegen und nicht darauf vertrauen, dass egal wie wir uns verhalten – lügen oder die Wahrheit sagen – stets alles so kommt, wie es für alle Beteiligten gut und richtig ist.

Heute ist jedoch ein verwandter Aspekt mein Thema. Manchmal nehmen wir für uns in Anspruch, aus edlen Motiven zu lügen*, beispielsweise um jemandem mit der Wahrheit nicht weh zu tun. Manchmal auch aus einem in unseren Augen berechtigten Selbstschutz. Welche Gründe uns auch zu einer Lüge bewegen: Überlegen wir uns dabei je, was der Angelogene dabei empfindet?
Lüge/Wahrheit ist einer jener typischen Bereiche, in denen wir für uns selbst etwas erwarten, was wir anderen nicht zugestehen. Wir selbst wollen nicht angelogen werden, nicht wahr? Warum vergessen wir dann stets, dass andere das ebenso wenig wollen?

Bitte denkt einen Augenblick nach und holt euch eine Begebenheit in eure Erinnerung, als ein Mensch, der euch etwas bedeutet, euch einmal angelogen hat. Wie habt ihr euch dabei gefühlt?
Genau. Verletzt, enttäuscht, gedemütigt, vielleicht auch wütend… Nicht gut, jedenfalls. Ebenso wie ich mich neulich gefühlt habe.

Kürzlich hat ein Mensch, den ich mag und achte und mit dem ich eine aufrichtige Beziehung pflege und darauf Wert lege, mich angelogen.
Meine erste Empfindung dabei war Verletzung. Ich fühlte mich verletzt, dass dieser Mensch mir nicht zutraute, mit der Wahrheit umgehen, sie ertragen zu können.
Meine zweite Empfindung war Enttäuschung. Ich war enttäuscht, dass ein Mensch, von dem ich viel halte, lügt, weil er einen allfälligen Konflikt mit mir scheut oder aus Angst vor meiner Reaktion oder aus welchen Ängsten/Befürchtungen auch immer.
Und um diese beiden Empfindungen lag noch mein Unverständnis über diese in meinen Augen völlig überflüssige Lüge.

Warum tun wir das denn unseren Mitmenschen an? Das müssen wir uns überlegen, jedes Mal, wenn wir meinen, jemanden, den wir lieb haben, anlügen zu müssen. Dann sollte uns die Wahrheit leichter über die Lippen kommen. Und besonders wachsam müssen wir immer genau dann sein, wenn wir merken, dass wir im Begriff sind zu lügen und uns augenblicklich dieses unbestimmte ungute Gefühl überkommt, etwas wie ein schlechtes Gewissen, die innere Stimme, die uns davon abhalten will.

Denkt ja nicht, eine Lüge, die nicht „offiziell“ enttarnt wird, tue nicht weh! Die meisten Menschen haben sehr feine Antennen für Lügen. Gemäss der Wissenschaft verändert sich bei einer Lüge die Tonlage des Sprechenden, auch gewisse Gesichtszüge verändern sich, es werden bestimmte Formulierungen gewählt – alles Verhaltensweisen, die uns eine Lüge erkennen lassen.
Darüber hinaus erzeugt eine Lüge jedoch einfach eine Dissonanz, eine Disharmonie, eine ungute Schwingung, oder wie man es nennen will. Der Belogene weiss möglicherweise nicht, dass was er gerade zu hören bekommt, eine Lüge ist, aber er spürt, dass etwas nicht stimmt.
Den wenigstens Menschen entgeht diese „falsche“ Schwingung. Weil wir dabei jedoch oft nicht wissen, was wir da genau spüren, sprechen wir den Lügenden nicht unmittelbar darauf an. Doch bei einer späteren Gelegenheit, vielleicht bei einer ähnlichen Aussage oder einer Aussage, die in uns wiederum diese bestimmte Schwingung auslöst, erkennen wir dann plötzlich die Lüge; es ist nicht einmal nötig, dass der Lügende sich verplappert oder sich sonstwie verrät.
Das ist dann der Moment, in dem die Lüge uns verletzt, enttäuscht, uns schlecht fühlen lässt.

Wie aber sollen wir reagieren, wenn wir merken, dass wir belogen wurden? Emotionen wie Verletzung, Wut, Angst und andere sind schlechte Ratgeber, deshalb sollten wir – wenn möglich – nicht spontan damit herausplatzen, sondern zumindest einmal eine Nacht darüber schlafen und nachdenken.
Ob wir dann den Lügner darauf ansprechen oder nicht, ist in jedem einzelnen Fall zu erwägen, eine allgemein gültige Regel kann es nicht geben. Ich kann in diesem Zusammenhang nur wiederholen, was ich immer wieder sage: Das Leben ist nicht schwarz und weiss, es gibt unendlich viele Grautöne. So ist auch eine Lüge und unsere Reaktion darauf nicht immer nur schwarz oder weiss.

Eines sollten wir auf jeden Fall immer tun, egal wie wir im Übrigen reagieren: Schlussendlich Verständnis haben für die Schwäche unseres Mitmenschen – wir selbst sind ja auch nicht perfekt! – und verzeihen.

*Nur kurz zur Definition der Lüge: Wir lügen nicht nur, wenn wir etwas Unwahres sagen; Lügen sind auch Teilwahrheiten, absichtliches Verschweigen von Tatsachen, von denen wir wissen, dass wir sie mitteilen sollten, bewusst missverständliche Aussagen usw.

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Unzumutbar?

Ein lieber ausländischer Freund, mit dem ich mich gut verstehe und gerne zusammen bin, übernachtet von Zeit zu Zeit für eine Nacht, manchmal auch zwei Nächte, in meinem Gästezimmer, wenn er in der Nähe zu tun hat.
Nun hat er mir neulich erzählt, dass er sich demnächst eine ganze Woche geschäftlich in meiner Gegend aufhalten wird. Ich habe ihm angeboten, während dieser Zeit bei mir zu wohnen, und er hat meine Einladung dankbar angenommen.
Bei einem späteren Telefongespräch hat er mich dann allerdings gefragt, ob es mir nicht zu viel wäre, ihn eine ganze Woche lang zu beherbergen, ob er mir wirklich nicht zur Last falle. Ich musste ihn regelrecht davon überzeugen, dass ich mich über seine Anwesenheit freue.

Warum fällt es uns oft schwer, uns anderen zuzumuten? Ein Angebot oder Hilfe anzunehmen? Warum zieren wir uns, wollen es x Mal bestätigt haben, dass wir tatsächlich willkommen sind, das Angebot tatsächlich ehrlich ausgesprochen wurde? Warum meinen wir, zuerst ablehnen und uns dann überzeugen lassen zu müssen?

Weil wir uns selbst nicht für wertvoll genug halten. Wir glauben (unbewusst) nicht, dass andere unsere Gegenwart schätzen, gerne mit uns zusammen sind. Wir halten uns nicht für interessant, sympathisch, liebenswert genug.
Oder wir hegen Zweifel an der Aufrichtigkeit unserer Mitmenschen. Da wir selbst uns vielleicht nicht trauen, jemandem, der uns um einen Gefallen bittet, Nein zu sagen, oder uns nicht trauen, unsere Hilfe nicht anzubieten, wenn jemand sie erwartet, gehen wir davon aus, dass andere sich ebenso verhalten. Also lehnen wir ein Angebot ab, um nicht als unsensibel oder gar unverschämt zu gelten; auch weil wir nicht nur aus Mitleid oder wegen der Schwäche des anderen etwas bekommen wollen.
Manchmal nehmen wir etwas nicht an, weil wir nicht in jemandes Schuld stehen wollen – wir befürchten, dass wir eines Tages, wenn der Betreffende dann uns um einen Gefallen bittet, nicht den Mut haben werden, Nein zu sagen.

All diesen Verhaltensweisen liegt ein Mangel an Selbstliebe zu Grunde.
Es ist eine gute Übung zur Stärkung unserer Selbstliebe, angebotene Hilfe oder Geschenke oder Gefälligkeiten ohne Umschweife anzunehmen. Wir sollten einfach „Danke“ sagen, ohne vorher abzulehnen, ohne uns bitten zu lassen, ohne zu relativieren, ohne uns zu rechtfertigen oder entschuldigen. Einfach dankbar annehmen. Und uns überhaupt keine Gedanken darüber machen, ob der andere es tatsächlich ernst meint, wir ihn vielleicht später enttäuschen, er eine schlechte Meinung von uns bekommt und mehr dergleichen.

Trauen wir uns, uns anderen zuzumuten!

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Innere Leere und die Sehnsucht nach wahrer Liebe

In den letzten Monaten bin ich mehrmals auf das Thema einer undefinierbaren Einsamkeit in Verbindung mit dem Wunsch nach einer tiefen, wahren Liebe angesprochen worden – und zwar immer von Männern zwischen 50 und 65 Jahren. Mit dem heutigen Artikel löse ich mein Versprechen ein, das ich einem dieser Männer gegen Ende des letzten Jahres gegeben habe, nämlich einmal spezifisch etwas über dieses Thema zu schreiben.

Eine der treffendsten Formulierungen, die ich in diesem Zusammenhang gehört habe: „Ich erlebe ein Gefühl der inneren Leere und einen Mangel an einer tiefen und befriedigenden Liebe, dies obwohl mein Umfeld äusserlich sehr viele positive Aspekte hat.“

Die Erfahrung, dass alles Äussere stimmte, beruflich, privat, finanziell, und mir trotzdem etwas fehlte und ich nicht zutiefst glücklich war, habe ich schon früh in meinem Leben gemacht, und diese Empfindung ist periodisch immer wieder aufgetreten. Ich habe es einmal wie folgt formuliert:

Trotz einer glücklichen Partnerschaft und Erfüllung im Beruf, trotz Freunden und Freizeitbeschäftigungen, ob­wohl es ihnen an nichts mangelt, sie alles haben um glücklich zu sein, empfinden einige Menschen eine leise, stets vorhandene Einsamkeit oder diese überfällt sie von Zeit zu Zeit. Dann spüren sie, dass das äusserlich glück­liche Leben ihnen nicht genügt oder dass kein Mensch ihnen geben kann, wonach sie dürsten – oft wissen sie selbst nicht, was ihnen eigentlich fehlt, wonach sie suchen, es ist vielmehr eine unbestimmte Empfindung, eine unerklärliche, vage Sehnsucht.

Den Worten von Sri Aurobindo folgend

„Die innere Einsamkeit kann nur durch die innere Erfahrung der Einheit mit dem Göttlichen geheilt werden; keine menschliche Beziehung kann diese Leere füllen.“

habe ich nach dem Tod meines langjährigen Lebenspartners diese Sehnsucht schliesslich als die Sehnsucht nach dem Höheren, dem Göttlichen erkannt und die Erfüllung in meinem spirituellen Weg gefunden.

Aber darüber will ich heute nicht schreiben, sondern über die Sehnsucht nach einer irdischen, menschlichen Liebe – eine Liebe jedoch, die über unsere gewöhnliche, unvollkommene, besitzergreifende, erwartende, fordernde Liebe hinausgeht. Auch die Selbstliebe, das eigentliche Thema dieser Website, lasse ich für einmal ausser Acht.

Wenn wir noch jünger sind, haben wir an Liebesbeziehungen meistens andere Erwartungen, zuerst Leidenschaft, wilde Zeiten, Spass, Intensität, dann mit dem Gründen einer Familie eher Sicherheit, sich aufeinander verlassen können, gut harmonieren. Schliesslich kommen wir in ein Alter, in dem diese Anforderungen nicht mehr an erster Stelle stehen, wir haben vieles schon erlebt, auch verschiedene Beziehungen mit Trennung und Scheidung, wir haben eine ganze Menge Lebenserfahrung gewonnen, sind etwas gleichmütiger, zugleich aber auch anspruchsvoller geworden, indem wir uns nicht mehr mit dem Durchschnittlichen, nur halbwegs Befriedigenden begnügen.
Sei es, dass man inzwischen wieder Single ist, sei es dass man in einer Beziehung lebt, es mag sich eine unbestimmte Unzufriedenheit, Melancholie oder das erwähnte Gefühl der Leere breitmachen. Die tieferen Gründe und der Zeitpunkt, in dem das aufzutreten beginnt, sind individuell, deshalb will ich mich darüber auch nicht weiter auslassen. Hingegen glaube ich zu wissen, was diese Sehnsucht nach wahrer Liebe ist, wobei natürlich auch hier von Mensch zu Mensch Unterschiede bestehen.

Es ist die Sehnsucht, ich selbst zu sein. So sein zu dürfen und dabei vom Partner so angenommen zu werden, wie ich bin.

An Anfang einer neuen Beziehung zeigen wir für gewöhnlich unsere besten Seiten und unterdrücken die negativen. Mit der Zeit lässt das zwar nach, aber meistens behalten wir – auch in langjährigen Beziehungen – einen Teil unserer Maske auf, weil wir wissen oder zu wissen meinen, dass der Partner bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen nicht mag, sie gar verurteilt, und wir Angst haben vor Konflikten, den Partner nicht verletzen oder verlieren wollen und Ähnliches. In erster Linie ist es natürlich die Angst, nicht mehr geliebt zu werden, falls wir die Erwartungen des Partners nicht erfüllen. Wie oft habe ich von Männern den Satz schon gehört: „Ich tue doch alles, um es ihr recht zu machen, wenn sie mich doch nur wieder so liebt wie früher!“
Im Grunde genommen möchten wir aber alle, dass unser Partner uns so annimmt wie wir sind, ohne dass wir uns verstellen müssen, und uns liebt, egal wie wir sind, unsere Eigenschaften oder Verhaltensweisen nicht verurteilt und ablehnt. Doch weil wir wissen oder zu wissen glauben (und meistens trifft es sogar zu), dass es nicht so ist, spielen wir eine Rolle, die mit der Zeit zu einer festen Gewohnheit wird, und leben mit dem mehr oder weniger bewussten Schmerz, nicht authentisch zu sein, oder – positiv ausgedrückt – mit dieser Sehnsucht, ganz wir selbst sein zu wollen.

Es ist tatsächlich schwierig, sich in einer bestehenden Beziehung plötzlich anders zu zeigen. Tut man es, versteht der Partner das oft nicht und reagiert befremdet, verunsichert, auch mit Ablehnung und Zurückweisung: „Was ist plötzlich los mit dir? So warst du doch früher nicht!“ Unsere Veränderung stösst bei den Mitmenschen häufig auf Widerstand – vor allem wenn diese Veränderung ihre eigenen Interessen tangiert.
Das mag unter vielen anderen auch einer der Gründe für einen Partnerwechsel sein, denn in einer neuen Beziehung sehen wir die Chance, uns von Anfang an ein bisschen echter zu zeigen. Und wie gesagt, mit zunehmendem Alter wird uns das immer wichtiger.

Die Liebesbeziehung, nach der wir uns sehnen, ist eine ehrliche: Ich darf so sein, wie ich bin, ohne eine Maske zu tragen. Ich darf meinem Partner alles sagen, was ich denke, was ich fühle, was ich mir wünsche, was ich nicht mag – und stosse dabei auf Offenheit und Interesse, ich werde nicht abgelehnt oder kritisiert, schon gar nicht verurteilt, sondern fühle mich immer gleichermassen angenommen und geliebt. Das Gleiche darf und soll natürlich auch mein Partner tun: Die Gewissheit, dass er in seinen Worten und seinem Verhalten offen und ehrlich zu mir ist, ist mir mindestens so wichtig und auch ich nehme ihn bedingungslos und vorbehaltlos an. Dadurch fallen alle Machtspiele weg, jegliche Art von (sanfter) Manipulation und Taktik, Tabus und Klischees und und und.
Damit verbunden ist der gegenseitige Respekt, für mich eine der unerlässlichen Eigenschaften in einer Beziehung. Ich respektiere das Wesen meines Partners, seine Eigenart, seine Entscheidungen. Ich traue ihm zu, das für ihn Richtige zu tun, so gut er es halt kann. Ich mute ihm auch zu, mit Schwierigkeiten umgehen und Schweres tragen zu können: Deshalb kann ich einerseits offen und aufrichtig sein, und andererseits mische ich mich nicht in sein Leben ein, ich lasse zu, dass er seine eigenen Erfahrungen macht und daraus lernt.

Was ich bis hierher geschrieben habe, trifft auf beide Geschlechter gleichermassen zu. Jetzt will ich noch auf etwas eingehen, was Männer in ihrer Paarbeziehung auch oft vermissen und wonach sie sich sehnen.
Dafür muss ich schnell bis zu Adam und Eva zurückzugehen, nämlich zur Verschiedenartigkeit von Mann und Frau. Und ich bin mir bewusst, dass das, was ich im Folgenden schreibe, bei vielen Frauen (und vielleicht auch Männern) Unverständnis, Empörung und heftigen Widerspruch auslösen wird. Betrachtet es einfach als meine persönliche Meinung, die in immerhin bald 57 Jahren Erfahrung herangereift ist, und missversteht es nicht in der Richtung, als würde ich Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Mann und Frau über den Haufen werfen wollen.
Mann und Frau sind unterschiedlich, das bestreitet wohl niemand, in ihrem Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in ihren Bedürfnissen. Daraus entstehen viele Schwierigkeiten und Konflikte in Paarbeziehungen. Und viel eigene Frustration, Entmutigung, Unzufriedenheit und, wie gesagt, vor allem mit zunehmendem Alter und grösserer Lebenserfahrung mehr und mehr diese Sehnsucht, so sein zu dürfen, wie man ist, mitsamt den geschlechtsspezifischen Eigenheiten.
Eine wahrhaftige, für beide bereichernde Liebesbeziehung ist meines Erachtens nur möglich, wenn Mann und Frau ihrem Naturell folgen und sich nicht der missverstandenen emanzipatorischen „Gleichmachung“ unterwerfen. Von Natur aus ergänzen sich Mann und Frau nämlich in dem, was sie brauchen, und dem, was sie zu geben vermögen, so wie sich im Tierreich Männchen und Weibchen perfekt ergänzen.
Ohne zu übersehen, dass wir Menschen alle eine grosse Portion an Egoismus in uns haben, ist die Frau von Natur aus grösserer Hingabe fähig als der Mann, sie ist sanfter, weicher, kann aber auch besser zurückstecken und, ohne darunter zu leiden, die eigenen egoistischen Interessen hinter das Wohlergehen des Partners stellen.
Genau das ist es, wonach der Mann sich sehnt: eine hingebungsvolle, sanfte, zärtliche Frau. Und damit meine ich nicht eine unterwürfige Frau, die keine eigene Meinung hat oder immer zu allem ja und amen sagt! Aber eine, die aus ihrer inneren Stärke heraus weich und liebevoll ist. Die sich hinter ihren Mann stellt und ihn stützt. Die ihre Rolle innerhalb der Partnerschaft kennt und erfüllt, sich nicht dem undifferenzierten emanzipatorischen Diktat der Gleichmachung verschrieben hat und dennoch dem Mann eine ebenbürtige Partnerin ist.
Mehr ins Detail will ich nicht gehen, der individuelle Spielraum der Rollenverteilung innerhalb einer Beziehung ist sehr gross. Ebenso wenig will ich hier auf die komplexe Thematik der Sexualität eingehen, bei der die unterschiedlichen Bedürfnisse und Erwartungen von Mann und Frau ein besonders Problempotential darstellen.

So weit meine Gedanken zum Thema der Sehnsucht nach wahrer Liebe. Einige wenige – was ich im Rahmen einer solchen Website eben sagen kann. Es gäbe so vieles zu ergänzen, auszuführen, aber dann müsste ich ein Buch darüber schreiben!

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Aufrichtig!

Mehrmals schon habe ich erwähnt, dass absolute Aufrichtigkeit eines der Anzeichen dafür ist, dass wir uns selbst lieben. Also auch: uns in jedem Augenblick zeigen, wie wir sind, keine Maske tragen, die etwas vortäuscht.
Dazu erzähle ich euch heute eine wahre Anekdote.

Ein verliebtes Paar im Bett, in inniger Umarmung, Zärtlichkeit, Liebesgeflüster. Ein kurzer Augenblick der Stille und sie fragt ihn: „Was denkst du gerade?“
Er antwortet: „Dass ich das Auto heute Morgen vielleicht doch auf einen anderen Parkplatz hätte stellen sollen.“

Wunderschön, nicht wahr? Absolute Aufrichtigkeit, keine Notwendigkeit, irgend etwas „Liebevolleres“ vorzulügen. Einfach sagen, wie es ist.

Ich kann euch noch verraten: Sie war nicht enttäuscht oder verletzt, dass er inmitten einer Liebesnacht ganz nüchtern an praktische Alltagsdinge dachte, im Gegenteil. Sie musste lachen und war gewaltig beeindruckt, dass er auch in dieser Situation ganz er selbst war.

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Das Bedürfnis nach positiver Fremdbewertung

Seit gut einem Monat bin ich wieder ein regelmässiger Gast im Fitness-Center, nachdem ich einige Jahre lang ausgesetzt hatte. Ich mag dieses Training an den Maschinen, so ganz für mich allein, es hat etwas Meditatives und es zwingt mich, ganz bei mir selbst zu sein, mich nur auf eine Muskeln zu konzentrieren und alle Gedanken loszulassen.
Doch natürlich schaffe ich das nicht immer und ich beobachte dabei auch gerne die anderen Trainierenden. Die einen mit zu hoch angesetzten Gewichten verzerren ihr Gesicht vor lauter Schmerz. Andere schauen ständig um sich, ob auch ja jemand bemerkt, wie stark sie sind. Einzelne erhöhen sogar, nachdem sie ihre Übung beendet haben, noch verstohlen das Gewicht, bevor sie die Maschine verlassen, um den nächsten damit zu beeindrucken.

Warum haben wir es so oft nötig, anderen zu zeigen, wie stark, gut, schön, intelligent, mutig wir sind? Weil wir unser Selbstbewusstsein – unser Selbstwertgefühl – daraus beziehen, wie andere uns bewerten.
Wenn wir uns jedoch darauf abstützen, versuchen wir uns stets so zu verhalten, dass ihr Urteil positiv ausfällt. Das kann dazu führen, dass wir ständig Angst haben, etwas falsch zu machen, etwas Dummes zu sagen oder uns blöd anzustellen und uns deshalb unter Menschen nicht wohl fühlen, schüchtern, unsicher, gehemmt, blockiert, introvertiert sind.
Weil wir uns stets bemühen, unseren Mitmenschen nicht zu missfallen, versuchen wir, uns immer nur von unserer besten Seite zu zeigen – oder gar so, wie wir gar nicht sind. Diese Maske, die wir tragen, kostet uns viel Energie, denn wir spielen ja fortwährend eine Rolle und sind nie wirklich wir selbst!

Es ist ungemein wichtig, dass wir dieses Bedürfnis nach positiver Fremdbewertung ablegen. Fangen wir damit an, nichts mehr vorzuspielen. Wenn wir etwas nicht können oder nicht wissen, geben wir das zu und versuchen nicht, es zu vertuschen. Wenn uns etwas auf der Zunge liegt, sagen wir es und überlegen nicht zuerst, wie es beim Gegenüber wohl ankommt. Wir ziehen nicht länger den Bauch ein, wenn wir an einem Strassencafé vorbeigehen. Und und und… Übungsmöglichkeiten in unserem Alltag gibt es genug!

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Ein Tag ohne Lüge

In meinen Kursen und meinen Texten versuche ich immer, möglichst konkrete und im Alltag praktikable Hinweise zu geben. Es genügt nämlich nicht, einem Menschen zu sagen: „Du musst dich selbst mehr lieben!“ oder „Du musst ein bisschen mehr Vertrauen ins Leben haben!“.
Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass solche Ratschläge nutzlos sind. Was heisst es denn, mich mehr zu lieben? Wie mache ich das? Und wie stelle ich es an, damit ich ins Leben mehr Vertrauen habe?
Das ist, als würden wir einem kleinen Kind sagen: „Du musst gesünder essen.“ Woher soll es denn wissen, was gesund ist? Wenn wir ihm aber erklären, dass Obst gesund ist und (zuviel) Süssigkeiten ungesund, und ihm auftragen, jeden Tag einen Apfel zu essen, kann es unseren Rat befolgen – wenn es mag und will!
Wir Menschen sind, was unsere innere Entwicklung betrifft, wie Kinder: Man muss uns klar sagen, was wir tun können, um uns zu ändern. Deshalb greife ich heute ein Thema wieder auf, über das ich früher auch schon geschrieben habe: das Lügen.
Wenn wir nicht die Wahrheit sagen, hat das einen Grund (siehe beispielsweise „Das Ja ein Ja, das Nein ein Nein“): In den meisten Fällen geschieht es wegen einer unserer Ängste, die Angst vor dem Urteil anderer, nicht geschätzt und anerkannt zu werden, vor Konflikten und viele mehr. Lügen zeugt oft von einem Mangel an Selbstliebe. Wenn wir uns selbst bedingungslos lieben und folglich von keinem anderen Menschen abhängig sind – weshalb sollten wir dann lügen?

Deshalb: Versucht einmal, einen ganzen Tag lang keine einzige Unwahrheit über die Lippen kommen zu lassen! Nehmt es euch am Morgen, gleich nach dem Aufstehen vor: „Heute sage ich nur die Wahrheit.“ Rutscht euch dann trotzdem die eine oder andere Lüge heraus, berichtigt sie sofort.
Ja, es braucht etwas Mut – aber ohne Mut, ohne einmal etwas zu wagen, kommen wir nicht weiter. Wagt es! Was kann euch schon passieren…
Habt ihr dann diesen einen Tag geschafft, seid stolz auf euch und fühlt euch gut dabei! Auch wenn ihr ein- oder mehrmals dennoch gelogen habt, macht euch keine Vorwürfe: Eine Veränderung geschieht nicht von einem Tag auf den anderen. Nehmt euch einfach vor, es wieder zu versuchen.
Und dann versucht ihr es wieder, am nächsten oder am übernächsten Tag. Ihr werdet staunen, wie ihr dadurch euer Selbstwertgefühl innerhalb kurzer Zeit stärkt!

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Als wärs der letzte Tag…

Unsere menschliche Fähigkeit vorauszudenken, ist Segen und Fluch zugleich. Fluch deshalb, weil wir bei unserer Rede und unserem Tun stets schon die vermeintlichen Folgen im Auge haben: Was wird X von mir denken? Ich kann das doch Y nicht sagen, es würde ihn verletzen! Vor allem befürchten wir, bewusst oder unbewusst, nicht mehr akzeptiert, geschätzt, geliebt zu werden. Deshalb handeln wir nicht, wie wir gerne möchten, zeigen uns nicht, wie wir wirklich sind. Und leiden darunter. Wir sind blockiert, gehemmt, schüchtern, nicht spontan, sondern kontrolliert…

Auf dieser Website wird immer wieder auf Verhaltensweisen hingewiesen, die auf unseren Mangel an Selbstliebe, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstsicherheit deuten, und es werden Erkenntnisse vermittelt und Anregungen gegeben. Erkenntnis ist wohl der erste Schritt zur Heilung, doch wollen wir unser Verhalten tatsächlich ändern, gibt es keinen anderen Weg, als es zu tun! Theoretisches Wissen allein nützt nichts; im Alltag müssen wir über unseren eigenen Schatten springen – diesen Schatten der Angst, der uns daran hindert, zutiefst glücklich zu sein. Es wenigstens einmal versuchen, einmal den Mut haben, einmal das Risiko eingehen, dass jemand sauer auf uns ist…

Besässen wir nicht die Fähigkeit, vermeintliche zukünftige Konsequenzen gedanklich vorwegzunehmen, fiele uns das wesentlich leichter!
Versucht doch einmal an einem Morgen euch vorzustellen: „Heute ist der letzte Tag – morgen geht die Welt unter.“ Lebt einen Tag lang, als gäbe es kein „Morgen“. Würdet ihr euch da nicht noch etwas gönnen, euch selbst etwas zuliebe tun? Einmal alles sagen, was euch auf die Zungespitze kommt – was ihr sonst herunterschluckt, weil „man das nicht sagen kann“. Euch so verhalten, wie ihr es gerne möchtet – ohne Rücksicht zu nehmen, was „die Leute denken oder sagen“. Eure Maske ablegen und euch zeigen, wie ihr wirklich seid, mit euren Stärken und Schwächen, Freude und Leid…

Es ist wirklich ein Versuch wert, einen Tag lang so zu leben, als gäbe es weder für euch noch für eure Mitmenschen einen weiteren! Bringt diesen Mut auf, springt einen Tag lang über euren Schatten – ihr werdet staunen, wie gut ihr euch dabei fühlt, und wie wenig von den Konsequenzen, die ihr für gewöhnlich befürchtet, tatsächlich eintreten! Und dann versucht ihr es am nächsten Tag noch einmal…

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Verletzt werden und verletzen

Unsere Angst, Mitmenschen durch unsere Worte oder Taten zu verletzen, ist meistens recht gross – und entsprechend gross unsere Vorsicht, wie wir uns ausdrücken und handeln. Dabei schlucken wir manchmal etwas hinunter, was uns auf der Zungenspitze liegt, halten unsere Spontaneität unter Kontrolle: Wir sind nicht wirklich wir selbst. Über die Gründe, warum wir niemanden verletzen wollen, habe ich in meinem Beitrag vom 7. September geschrieben.
Heute stelle ich die Frage: Wer wird eigentlich verletzt, wer fühlt sich verletzt? Sind wir denn nicht alle unverwundbare Seelen?
In der Tat: Bin ich gänzlich in mir geborgen, liebe und wertschätze mich selbst – wer oder was könnte mich dann verletzen? Diese Verletzung, die ich als solche empfinde, betrifft immer eine Seite in mir, die (noch) nicht stark genug ist – verwundbar ist. Man sagt ja auch: verletzter Stolz, verletzte Eitelkeit, verletzte Selbstliebe, verletzte Würde…
Machen wir uns in solchen Situationen stets klar, dass nicht ich verletzt bin, sondern nur ein Teil in mir, der noch lernen muss, sich nicht verletzen zu lassen; sehen wir all diese Situationen als Chance zu lernen, zu erstarken.

Die folgenden Betrachtungen können uns zur Erkenntnis verhelfen, warum wir uns nie verletzt fühlen sollten, egal was jemand sagt oder tut – sei es aus Unwissenheit oder Bosheit.
Die Verhaltensweisen anderer Menschen uns gegenüber nehmen wir stets persönlich, wir fühlen uns herabgewürdigt, gedemütigt, angegriffen, verletzt.
Das Geheimnis, uns vom Verhalten anderer nicht treffen zu lassen, liegt darin, es nicht als persönlich, also nicht auf uns gerichtet, zu betrachten. Was der andere auch sagt und tut: Es entspringt dem grossen „Topf“, in dem die bewussten und unbewussten Erlebnisse, Erfahrungen und sich daraus ergebenden Wertvorstellungen und Handlungsmuster seines ganzen bisherigen Lebens gespeichert sind – und damit haben wir nichts, aber auch gar nichts zu tun! Deshalb ist sein Verhalten nicht auf uns persönlich abgezielt, sondern stellt lediglich eine Ausprägung seines Wesens dar, und wir sind nichts weiter als ein x-beliebiges Objekt, das sich gerade in der „Schusslinie“ befindet – wieso uns also getroffen fühlen und mit negativen Emotionen reagieren?
Was nicht heisst, dass wir den anderen nicht auf sein (unseres Erachtens) „falsches“ Verhalten hinweisen dürfen und sollen, im Gegenteil: Es ist unser Recht und unsere Pflicht – aber ohne uns dabei verletzt zu fühlen.

Wir sollten uns ferner bewusst werden, dass es sich in solchen Situationen um zwei verschiedene Dinge handelt: Wie ein anderer sich verhält, ist die eine Seite, und diese liegt in seiner Verantwortung, das heisst, er muss dafür vor sich selbst (nicht vor uns!) gerade stehen. Wie wir empfinden, ist eine ganz andere Sache und liegt allein in unserer Macht – das heisst, wir dürfen nicht einen anderen dafür verantwortlich machen, wie wir uns fühlen und reagieren.

Nun drehen wir den Spiess um. Wenn ich mich selbst bin, mich also so verhalte, wie ich es in mir spüre, und ein anderer fühlt sich dadurch verletzt: Ich bin für meine Taten mir selbst gegenüber verantwortlich, aber nicht dafür, wie ein anderer empfindet! Und ich habe das Recht, ja die Pflicht, mich selbst zu sein. Nur daraus kann ich nämlich lernen und mich innerlich entwickeln, nur dann neue Erkenntnisse gewinnen, wenn ich mich traue, spontan zu leben und aus den gemachten Erfahrungen zu lernen. Wenn ich ständig bloss eine Rolle spiele, hinter einer Maske (siehe Beitrag vom 28. August), bleibe ich in dieser Rolle gefangen und das wahre Leben zieht ungelebt an mir vorbei.

Habt den Mut, euch selbst zu leben – was kann euch schon passieren? Versucht es einfach! Selbst wenn einmal jemand auf euch böse ist, sich verletzt fühlt: Denkt immer daran, dass es nur sein verletztes Ego ist, und dass er dank eurer Offenheit wachsen und erstarken kann.

Zum Thema „Verletzungen“ findet ihr auch einen Beitrag hier.

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Lieben und verletzen

Vorgestern im Zug setzten sich zwei Männer hinter mich; ich konnte sie zwar nicht sehen, ihr Gespräch jedoch gut hören.
„Ich bin jetzt im letzten Viertel meines Lebens angekommen, und ich will so nicht weitermachen“, sagte der eine mit einer ruhigen Stimme; weder Wut noch Frustration schwangen mit. Dann erzählte er weiter, er hätte jetzt mit seiner Frau ein ausführliches Gespräch gehabt, ihr dann auch einen langen Brief geschrieben, in welchem er alles nochmals schriftlich festgehalten habe, damit sie nicht länger die Augen davor verschliessen und auf die Probleme endlich richtig hinsehen müsse.
Ich entnahm dem weiteren Gespräch noch, dass er sich in absehbarer Zeit von ihr trennen würde – dann musste ich aussteigen und erfuhr nichts mehr über die Gründe.

Und die Gründe spielen auch keine Rolle. Sie sind ohnehin subjektiv: Sie entsprechen jeweils der Wahrnehmung des individuellen Menschen. Objektivität gibt es dabei nicht, selbst wenn die ganze Menschheit sich einig wäre und es anders sähe! Es kommt schlussendlich nur darauf an, wie dieser Mann die Situation seiner Ehe empfindet – ob sie für ihn erträglich ist oder nicht, ihn glücklich macht oder nicht… In diesem Sinne ist es auch keine Frage der Schuld, wenn ein Paar sich trennt. Jemand kann beispielsweise Untreue, Unehrlichkeit und mehr verzeihen, aus tiefstem Herzen verzeihen (nicht etwa aus Angst, den Partner zu verlieren und allein zu sein) – während ein anderer Untreue nicht akzeptieren kann, will, und die Beziehung deswegen beendet. Wer handelt „richtig“, wer „falsch“? Wer von uns darf sich ein Urteil darüber anmassen? Einzig die subjektive Wahrnehmung des „Betroffenen“ zählt und einzig er hat das Recht, eine Entscheidung für sein Leben zu fällen.
Es hat mich beeindruckt, dass der Mann im Zug diese Entscheidung offenbar jetzt für sich gefunden hat, dass er zu sich selbst steht, ohne Angst, wohl auch ohne die Angst, seiner Frau weh zu tun – wer weiss nach wie vielen unbefriedigenden Ehejahren, nach wie vielen Krisen und neuen Hoffnungen… Und dieses Recht hat er: Seine Entscheidungen für sein Leben zu fällen.

Gestern habe ich Adrian*, einen Freund, der mir sehr nahe steht, getroffen. Bei ihm kenne ich die Gründe, warum er in seiner Ehe nicht glücklich ist – aber er liebt seine Frau so sehr, dass er bisher 15 Jahre lang ausgeharrt hat.
Ich will nochmals deutlich wiederholen: Auch in diesem Fall geht es nicht darum, ob er objektive, von der „Allgemeinheit“ akzeptierte Gründe hätte, seine Frau zu verlassen, oder um die Schuldfrage – es zählt nur, wie Adrian die Situation empfindet.
Im Laufe unseres Gesprächs fragte ich ihn, ob es für ihn trotzdem denkbar wäre, sie zu verlassen. Er hoffe immer noch auf ein Wunder, meinte er, dass sie sich ändere.
Dann fügte er hinzu: „Wenn ich ihr mitteilen würde, dass ich sie verlasse – und sie beginnt zu weinen… Das könnte ich nicht ertragen, weil ich sie liebe.“ Für diese grosse Liebe achte ich ihn sehr.

Dennoch bin ich bei diesen Worten hellhörig geworden. Nicht ertragen, jemanden weinen zu sehen. Nicht ertragen, jemandem weh zu tun. Wie sehr scheuen wir uns doch davor, einen Mitmenschen zu „verletzen“! Das ist ja auch gut so, wir sollen anderen nicht willentlich oder fahrlässig ein Leid zufügen…
Doch was ist mit mir selbst? Wie oft verletze ich mich selbst in meinem Bemühen, keinen anderen zu verletzen? Warum werde ich mir selbst untreu, bloss um nicht zusehen zu müssen, wie ein anderer „wegen mir“ leidet? Genau so wichtig, wie andere nicht zu verletzen, ist es, mich selbst nicht zu verletzen. Wer in welcher Situation „Priorität“ hat, kann nur jeder für sich selbst spüren.

Es kann tatsächlich sein, dass ich mit jeder Situation fertig werde, wahrhaft darüber stehe, und somit alles auf mich nehmen kann – ohne selbst zu leiden und ohne unglücklich zu sein; deshalb verhalte ich mich immer, wie es die anderen wünschen und von mir erwarten, und ich tue ihnen dadurch nie weh. – Ob es für die Mitmenschen gut ist, ihr Ego derart gewähren zu lassen, sei an dieser Stelle einmal dahingestellt…

Ganz so selbstlos ist es indes nicht immer, wenn wir uns scheuen, andere zu verletzen. Hier einige Anregungen zum Nachdenken.
• Ich scheue mich davor, andere zu verletzen, weil ich Angst habe, dass sie mich dann nicht mehr akzeptieren, schätzen, lieben, oder ich fürchte das Urteil anderer Mitmenschen über mein Verhalten; ebenso will ich vermeiden, dass ich nachher Schuldgefühle bekomme, mir Vorwürfe mache und mich deshalb schlecht fühle.
• Ich hüte mich davor, andere zu verletzen, weil ich selbst nicht verletzt werden will; ich glaube (oder hoffe!), dass es so funktioniert, wie das Sprichwort meint: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem andern zu.“ – Zeigt eure Erfahrung, dass es tatsächlich so ist? Und selbst wenn es so wäre: Dann beruht mein Verhalten doch auf Angst und ich bin mir dadurch selbst untreu, weil ich nicht so handle, wie ich es wirklich möchte. Das ist nicht gut für mich!
• Und schliesslich eine dritte Möglichkeit, eine sehr häufige, wenn wir ehrlich mit uns selbst sind. Ich ertrage es nicht, einen Mitmenschen leiden zu sehen. Es tut mir weh, wenn es einem anderen nicht gut geht. Ich leide. Genau betrachtet, besteht kein Unterschied, ob ich leide, weil ich beispielsweise krank bin, im Beruf einen Misserfolg einstecken musste, ein mir nahestehender Mensch gestorben ist und mehr, oder ob ich leide, weil ich zusehe, zusehen muss, wie es einem anderen schlecht geht. Deshalb versuche ich, eine solche Situation zu vermeiden und scheue mich, meine Mitmenschen zu verletzen. – Doch dabei geht es nur um mich selbst: Ich leide an meiner Unfähigkeit, den Schmerz eines anderen auszuhalten. Oder ich bekomme Schuldgefühle – unter denen ich dann leide. Oder ich fürchte das Urteil meiner Mitmenschen – unter dem ich dann leide.

Es kann nur jeder Mensch für sich selbst spüren, ob einer der obigen Punkte auf ihn zutrifft. Aber seid ehrlich zu euch selbst – schaut genau in euch hinein und belügt euch nicht!

Auf die ganze Thematik „Verletze ich oder fühlt sich der andere verletzt?“ – „Wer verletzt?“ – „Wer fühlt sich verletzt?“ – „Ego oder Seele?“ – „Was ist der Massstab für Verletzung?“ – „Ist jemanden zu verletzen Recht oder Unrecht?“ bin ich in diesem Text nicht eingegangen. Mehr dazu nächste Woche!

*Name aus Diskretionsgründen geändert.

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Die schwere Maske

Wann sind wir schon wirklich wir selbst? Mit all unseren Stärken und unseren Schwächen? Wann stehen wir ganz zu uns?
Meistens zeigen wir uns nicht, wie wir wirklich sind; wir wollen etwas darstellen, uns „von unserer guten Seite“ zeigen, beispielsweise beim Chef, bei Freunden, Kindern… Auch trauen wir uns nicht, etwas zu sagen, zu widersprechen, Emotionen zu zeigen, eine Schwäche zuzugeben, um Hilfe zu bitten oder sie anzunehmen und vieles mehr. Lügen, Notlügen, kleine Unwahrheiten gehören ebenfalls in diese Kategorie. Oft hängt all das zusammen mit unserem Drang nach Anerkennung und Liebe. Wir maskieren uns in der Öffentlichkeit, zuweilen sogar vor uns selbst: Diese Maske wiegt schwer, wir brauchen viel Kraft, um sie vor uns zu halten, ohne dass wir dessen gewahr sind.

Eine solche Maske legen wir meistens auf, weil wir geschätzt und geliebt werden wollen oder um uns vor Verletzungen zu schützen: ein Lächeln, wenn es uns gar nicht drum ist oder für jemanden, dem wir es nicht von Herzen schenken (das hat nichts mit einer grundlegenden Freundlichkeit zu tun!), Tränen zurückhalten, obwohl uns zum Weinen zumute ist, den starken Mann/die starke Frau spielen, überhaupt ständig eine Rolle spielen – die charmante, die witzige, die lässige, die melancholische, die übermütige, die grosszügige… Wir versuchen ein Bild von uns zu vermitteln, das wir für „passend“ halten, sei es dass wir gerne so wären, sei es dass wir einst so waren, sei es dass wir meinen so sein zu müssen, um anderen zu gefallen. Oder wir versuchen dem Bild gerecht zu werden, das uns andere vor Zeiten übergestülpt haben („Du bist immer gut drauf!“, „Du hast immer so einen traurigen Blick“, „Du weisst immer Rat“).
Die Maske kostet uns doppelt Energie: Die Energie, um nicht aus der Rolle zu fallen, und die Energie, um gegen das Drängen unserer Seele, endlich wir selbst zu sein, anzukämpfen.

Habt den Mut, eure Maske abzulegen! Versucht es wenigstens ein Mal. Und staunt, wie viel leichter euch alles fällt, wie einfach das Leben ist – und wie all das, was ihr befürchtet, gar nicht eintritt…

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