Ich kann nicht…

Selbstliebe erfordert Mut. Wie oft habe ich früher, als ich selbst noch am Aufbauen meiner Selbstliebe war, gesagt: „Ich kann nicht!“, wenn jemand mir in einer bestimmten Situation sagte, ich müsse lernen, Nein zu sagen, oder mich bei einer Ungerechtigkeit wehren.
Der wohl wichtigste Satz, den eine Therapeutin mir damals entgegnete, war: „Ich kann nicht, gibt es nicht, es gibt nur: Ich will nicht.“ Recht hatte sie! Weder hatte ich nämlich die Sprache verloren noch die Einsicht, was ich wirklich wollte. Das einzige, was mich jeweils daran hinderte, war meine Angst.

Inzwischen habe ich den Satz „Ich kann nicht!“ unzählige Male gehört, wenn ich jemanden ermunterte, Nein zu sagen und sich zu wehren. Und ebenso oft habe ich dann erwidert: „Du kannst nicht? Doch, du kannst! Du musst es nur wollen!“
Um die Selbstliebe, das Selbstwertgefühl und dabei vor allem das Selbstvertrauen zu stärken und die Selbstachtung nicht zu verlieren, müssen wir zuweilen über unseren eigenen Schatten springen. Anders geht es nicht. Darauf zu warten, dass es irgendwann einmal leichter wird, ist eine Illusion.

Habt ihr schon einmal eine Fliege beobachtet, die an einem Fenster hinauf und hinunter, von rechts nach links und zurück herumsurrt? Sie denkt wohl: Ich kann nicht… Dabei merkt sie nicht, dass das Fenster gleich daneben sperrangelweit offen steht und sie sich nur über den Fensterrahmen wagen müsste, um frei zu sein.

Solange wir in einer Situation denken „Ich kann nicht!“, schaffen wir es tatsächlich nicht, wir blockieren uns selbst. Seien wir dann ehrlich zu uns selbst und sagen wir: „Ich will nicht.“ Sofort wird sich in uns etwas regen, das schreit: „Doch, ich will! Ich will Nein sagen! Ich will mich wehren!“ Das ist der Moment, in dem wir es auch schaffen, über unseren Schatten zu springen, und tatsächlich Nein sagen, uns tatsächlich wehren.

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Habt Mut zur Selbstliebe!

Viele Beiträge über unsere unzähligen Ängste habe ich schon geschrieben. Heute will ich euch einfach wieder einmal Mut machen, Mut, zu euch selbst zu stehen, Mut, so zu entscheiden und zu handeln, wie ihr selbst es wirklich wollt, und vor allem Mut, euch zu verändern, eure Selbstliebe zu stärken.

Wie ich schon mehrmals sagte: Mut ist nicht Furchtlosigkeit. Etwas zu tun, und sei es noch so spektakulär, wovon wir überzeugt sind, dass wir es können, es gut ausgeht, alle es billigen, verlangt uns keinen Mut ab. Die Angst überwinden, das ist Mut.
Wenn wir immer nur tun, was wir schon können, kommen wir keinen Schritt weiter. Dabei haben wir doch in unserem Leben schon unzählige Male Mut bewiesen. Seit frühester Kindheit brauchten wir ihn: als wir das erste Mal einen Schritt gingen, ohne uns festzuhalten, zum ersten Mal eine Treppenstufe überwanden, uns das erste Mal auf das Fahrrad ohne Stütz­räder wagten, den ersten Tag ohne die Mutter im Kindergarten verbrachten, erstmals einen grossen Hund streichelten oder von einem Mäuerchen sprangen, das erste Mal allein auf dem Schulweg waren, …
Als Kinder besassen wir diesen Mut; die Neugier, die Lust am Entdecken und am Lernen war schliesslich immer stärker als unsere Angst vor dem Unbekannten und dem Ver­sagen. Es lag bestimmt auch daran, dass wir nicht ständig darüber nachdachten, welche Konsequenzen unser Tun ha­ben könnte. Kinder handeln in der Regel nach dem Prinzip „trial and error“: Sie versuchen einfach etwas und wenn es schiefgeht, haben sie (vielleicht) daraus gelernt und tun es nicht mehr. Was sie jedoch niemals davon abhält, bei der nächsten Gelegenheit freimütig wieder etwas anderes auszuprobieren.
Wir Erwachsene hingegen haben für Fehlschläge, Miss­erfolge und unangenehme Situationen ein ausgezeichnetes Gedächtnis und lassen zu, dass diese Erinnerungen uns da­ran hindern, das Gleiche nochmals zu wagen oder unbelas­tet an eine neue Herausforderung heranzugehen.
Bemühen wir uns, diesen kindlichen Mut wiederzufinden! Betrachten wir das Leben als eine Schule und gehen wir freudig gespannt auf neue Erfahrungen zu, um innerlich daran zu wachsen. Die Angst wird uns immer wieder be­gleiten und zu behindern versuchen. Denken wir in solchen Situationen an eine Begebenheit in der Kindheit zu­rück, in der wir die Angst überwanden, und fühlen wir die da­malige Freude, als es uns gelang. Erinnern wir uns dabei auch da­ran, wie oft wir als Kinder gefallen sind… und immer wieder aufgestanden.

Es gibt, je nach Situation, eine ganze Reihe an Argumenten, mit denen wir uns selbst Mut zusprechen können; nachfolgende einige davon:
• Wenn jemand mich nicht mehr mag, nicht mehr liebt, bloss weil ich es wage, ich selbst zu sein, so habe ich an dieser Person nicht viel verloren. Denn Menschen, die mich nur mögen, weil ich lieb, nett, grosszügig, hilfsbereit bin, weil ich ihnen nie widerspreche, mich ihrem Willen füge, solche Menschen will ich nicht mehr um mich haben. Es wäre entwürdigend für mich. Und ich weiss: Für jeden sogenannten „Freund“, den ich verliere, finde ich einen neuen, echten Freund.
• Ich bin kein Egoist, nur weil ich mein Leben lebe und mich nicht in Rollen drängen lasse, weil ich die Entscheidungen für mich treffe und meinen Weg gehe. Jeder hat das Recht, ja die Pflicht dazu. Und vor allem bin ich nicht für die Empfindungen und Reaktionen der anderen verantwortlich, egal was ich sage und tue.
• Ich kann es so oder so nicht immer allen recht ma­chen: Also tue ich, was ich für richtig halte, und mache es da­durch wenigstens mir selbst recht.
• Ich vertraue darauf, dass meine Seele (die Innere Stim­me) mich stets zum Richtigen anleitet – selbst wenn es nicht so scheint und Mitmenschen es anders beurteilen. Ich glau­be fest daran, dass alles immer so kommt, wie es für alle Beteiligten gut ist.
• Niemand ist fehlerlos. Auch mir kann es passieren, dass ich jemandem wehtue, etwas Dummes sage oder mache, in einer Situation versage, mich der Kritik aussetze. Lieber bin ich aber mutig und mache einmal etwas falsch, als dass ich aus Angst davor nur schweige und im alten Trott weiterfahre. Ich kann mich ja für meine Fehler entschuldigen – auch das ist ein Beweis für Mut und Stärke.

Ich wünsche uns allen stets den Mut, wir selbst zu sein. Mehr braucht es nicht, um erhobenen Hauptes durch das Leben zu gehen.

Dieser Text beruht auf Kapitel 1 meines Buches „Ich liebe mich selbst 2“.

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Wie Gefühle unsere Wahrnehmung beeinflussen

In den vergangenen Wochen habe ich mehrere Vorlesungen zum Thema Wahrnehmung und Wirklichkeit besucht. Über eine davon, mit dem Titel „Gefühl und Wahrnehmung“ von Guido Gendolla, Professor für Psychologie an der Universität Genf, will ich berichten. Er sagte gleich zu Beginn: „Unsere Wahrnehmung ist nicht wie ein Fotoapparat, der alles exakt abbildet – bestenfalls wie einer mit Filtern und Effekten.“

Wie diese beiden optischen Täuschungen beweisen:

Optische Täuschung

Linker Bildteil: Wir halten die obere waagrechte Linie für länger als die untere – beide sind jedoch absolut identisch.
Rechter Bildteil: Wir empfinden den linken roten Kreis als kleiner – auch das ist nur eine Illusion, beide sind gleich.

Getäuscht werden wir, weil die Umgebung sich auf unsere Wahrnehmung auswirkt. Und zwar nicht nur bei solchen Bildspielereien, sondern auch im „richtigen“ Leben.
Professor Gendolla erzählte von einem Experiment, bei dem Menschen gebeten wurden, ihre globale Lebenszufriedenheit zu bewerten, die einen Testpersonen an einem Tag mit gutem Wetter, die anderen an einem mit schlechtem. Die Beurteilung fiel entsprechend dem Wetter besser oder schlechter aus, denn dieser äussere Faktor beeinflusste die Stimmung der Versuchsteilnehmer und wirkte unbewusst mit.
Wurden die Testpersonen jedoch vorher auf die Wettersituation aufmerksam gemacht, so wirkte sie sich nicht auf die Bewertung aus. Sie erkannten dann nämlich, dass das Wetter ihre Stimmung beeinflusste, und konnten ihre Lebenszufriedenheit objektiver beurteilen, ohne diesen Faktor mit einzubeziehen.

Was können wir daraus lernen in Bezug auf unser Selbstwertgefühl und unsere Selbstliebe? Dass unsere Wahrnehmung dieser Eigenschaften nicht objektiv ist, sondern je nach der Umgebung und der Stimmung, in denen wir uns gerade befinden, variiert. Aber auch, und das ist der springende Punkt, dass wir uns dieser äusseren Beeinflussung entziehen können, falls wir uns ihrer bewusst sind.
Wenn wir uns also einmal wertlos fühlen oder spüren, dass uns das Selbstbewusstsein, die Selbstsicherheit, das Selbstvertrauen fehlen:
• Schauen wir uns um, nehmen wir die Umgebung und unsere Stimmung wahr. Suchen wir nach einem Grund, warum unser Selbstwertgefühl gerade geschwächt sein könnte, und machen wir uns dann bewusst, dass diese äussere Ursache nichts mit unserem wahren Selbstwertgefühl zu tun hat.
• Wirken wir auf die äusseren Umstände so ein, dass sie unsere Stimmung und somit unser Selbstwertgefühl verbessern – schauen wir schöne Bilder an, hören wir liebliche Musik, tun wir uns etwas Gutes. Professor Gendolla gibt dazu noch einen ganz einfachen Tipp: mit der rechten Hand einen kleinen Gummiball kneten; dadurch wird der linke Bereich an der Stirnseite des Gehirns stimuliert, der präfrontale Cortex, der für das emotionale Erleben relevant ist, was zu positiven Gefühlen führt (bei Linkshändern umgekehrt).

Nun zu einem anderen Teil der Vorlesung, den ich ebenfalls besonders interessant finde: Stark beeinflusst wird unsere Wahrnehmung auch durch Angst und Bedrohung. Der Referent erläuterte dies ausführlich und belegte es mit Studien, was ich hier nicht im Detail wiedergeben will. Seine Kernaussagen dazu: Die Wahrnehmung von Bedrohungen, beispielsweise von gefährlichen Tieren, wie Spinnen und Schlangen, aber auch von Menschen, die uns nicht wohlgesinnt sind, ist wichtig für das Überleben. Deshalb hat die Evolution uns in dieser Hinsicht geprägt. Dinge, die wir fürchten, nehmen wir schneller und intensiver wahr. Beispielsweise fällt uns in einer Menschenmenge derjenige mit einem grimmigen, bösen Gesicht sofort auf, denn er stellt eine potentielle Bedrohung dar. Solche Gefahrenreize wirken auch auf der unbewussten Ebene auf uns, das heisst, wenn wir unsere Aufmerksamkeit gar nicht darauf richten oder die Gefahr nicht einmal bewusst sehen.

Angst spielt im Zusammenhang mit der Selbstliebe insofern eine Rolle, als wir einen Mangel an Selbstliebe durch Liebe von aussen zu kompensieren versuchen. Keine Liebe zu bekommen oder sie wieder zu verlieren, ist deshalb eine unserer grossen Ängste. Also bemühen wir uns stets darum, geliebt zu werden – durchaus sinnvoll aus dem Blickwinkel der Evolution, denn wenn uns jemand liebt, oder zumindest mag, dann ist er keine Bedrohung.
Aber in unserer Kultur ist jemand, der uns nicht wertschätzt, uns gar feindlich gesinnt ist, nicht gefährlich, er bringt uns nicht gleich um. Hingegen schadet es uns, wenn wir uns aus Angst, nicht geliebt zu werden, verbiegen: Wir tun Dinge, die wir nicht tun möchten, und wir tun Dinge nicht, die wir tun möchten, dabei werden wir uns selbst untreu, weshalb wir unsere Selbstachtung verlieren und unser Selbstwertgefühl schwindet, sodass wir uns noch stärker um Anerkennung bemühen und wiederum Dinge tun… ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.
Ich habe es schon so oft gesagt und geschrieben: Unser Wert beruht niemals auf der Wertschätzung anderer – wir sind wertvoll an sich, einfach weil wir menschliche Wesen sind, egal wie wir sind und was wir tun. Und als diese wertvollen Wesen haben wir das Recht, uns selbst zu lieben.

Ein weiterer Aspekt. Die Evolution hat uns nicht nur dahin gebracht, Bedrohliches wachsamer wahrzunehmen als Angenehmes, sondern auch dazu, es besser im Gedächtnis zu speichern. Denn uns nicht zu erinnern, wo genau im Wald ein gefährliches Raubtier lauert oder wo die Siedlung des Feindes liegt, kann lebensgefährlich sein, während wir in der Regel nicht daran sterben, falls wir einmal eine gute Gelegenheit verpassen.
Kritik, Erniedrigung, Tadel können unser Selbstwertgefühl schwächen, das wissen wir alle. Natürlich steigt es dann wieder mit jedem Zuspruch, den wir bekommen, aber leider nicht im gleichen Verhältnis: Kritik und Tadel schwächen unser Selbstwertgefühl stärker und nachhaltiger, als Anerkennung und Lob es aufbauen. Wie gesagt, weil wir einerseits die Aufmerksamkeit eher auf das Negative fokussieren und ihm mehr Bedeutung zumessen, andrerseits weil es stärker und länger im Gedächtnis haften bleibt.
Diese Tatsache sollte uns ebenfalls in der Einsicht bestärken, dass die Wahrnehmung unseres Selbstwerts nicht objektiv ist, und uns dabei helfen, uns generell nicht von Fremdurteilen beeinflussen zu lassen.

Abschliessend zitiere ich Professor Gendollas Zusammenfassung der Vorlesung wörtlich (mit seiner freundlichen Genehmigung), treffender kann man es in wenigen Sätzen nicht formulieren:

• Wahrnehmung ist ein aktiver, konstruktiver Prozess, der durch Gefühle vielfältig beeinflusst wird.
• Gefühle haben einen systematischen Einfluss auf die Aufmerksamkeitsorientierung.
• Insbesondere Furcht beeinflusst die automatische Aufmerksamkeit auf potentiell bedrohliche Reize – auch bei unbewusster Wahrnehmung.
• Gefühle haben einen systematischen Einfluss auf die Urteilsbildung.
• Auch sogenannte „unbewusste Gefühle“ beeinflussen die Urteilsbildung.

Ich denke, es ist ein wichtiger Schritt, wenn wir uns all dessen schon nur einmal bewusst sind. Mit etwas Achtsamkeit gelingt es uns dann, unsere momentanen Gefühle wahrzunehmen und zu relativieren und so zu verhindern, dass sie unsere Entscheidungen und unser Verhalten allzu sehr beeinflussen.

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Die Angst vor dem Versiegen des Brunnens

Die Angst vor dem Versiegen des Brunnens ist ebenso leidvoll wie der Durst selbst. Sagt eine Weisheit aus der Wüste – oder so ähnlich.

Wie oft lassen wir uns doch von düsteren Zukunftsvisionen die Lebensfreude rauben! Wälzen Gedanken, was passieren, wie negativ sich etwas entwickeln könnte, wir (be)fürchten bestimmte Ereignisse… und leiden unter diesen Vorstellungen.
Um irgendwann zu erkennen, dass das Befürchtete gar nie eingetreten ist. Oder wenn doch, dass es nicht halb so schmerzhaft ist wie die Angst, die wir davor hatten.

Genau diese Erfahrung habe ich neulich gemacht. Als ich – bildlich gesprochen – in den Brunnen hineinschaute, dessen Versiegen ich gefürchtet hatte, und feststellte, dass er tatsächlich versiegt ist, musste ich mir eingestehen, dass ich gar nicht so arg Durst hatte und gut bis zum nächsten Brunnen weiterwandern konnte.

Aber es ist schwer, unser Urvertrauen über Tage und Monate aufrechtzuerhalten, den Glauben nicht zu verlieren, dass wenn der Brunnen wirklich versiegt, uns nicht weit entfernt eine Quelle mit frischem, klarem Wasser erwartet.

Wir müssen die düsteren Gedanken beim ersten Auftreten verjagen, ihnen auf keinen Fall nachhängen, und sie immer und immer wieder vertreiben, denn sie sind hartnäckig.
Wir müssen uns konsequent weigern, an eventuell eintretende befürchtete Dinge zu denken, und ebenso konsequent das damit verbundene Leiden nicht zulassen. Das ist das einzige Mittel, die Angst vor dem Versiegen des Brunnens zu verlieren.

Wir müssen aufhören, die Zukunft in Gedanken vorwegzunehmen. Die Zukunft bildet sich selbst in jedem Augenblick neu, sie ist nicht etwas, was heute schon feststeht. Wir bilden unsere Zukunft – durch unsere Taten, aber auch durch unsere Gedanken. Wenn wir das Scheitern, einen Misserfolg, etwas Schlimmes fürchten, laden wir das Scheitern, den Misserfolg, das Schlimme ein.

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Verletzende Lügen

Gleich vorneweg: Auf die Frage, ob es berechtigte Lügen, also Gründe zu lügen, gibt oder nicht, gehe ich heute nicht ein. Und dass wir nicht immer unaufgefordert alles sagen müssen, versteht sich von selbst.

Warum wir grundsätzlich nicht lügen sollten, vor allem im Hinblick auf unser Selbstwertgefühl, habe ich auf dieser Website verschiedentlich dargelegt, siehe hier und hier.

Lügen stehen zudem im Widerspruch zum Urvertrauen, weil wir uns anmassen, die Wahrheit nach unserem Gutdünken zu verbiegen und nicht darauf vertrauen, dass egal wie wir uns verhalten – lügen oder die Wahrheit sagen – stets alles so kommt, wie es für alle Beteiligten gut und richtig ist.

Heute ist jedoch ein verwandter Aspekt mein Thema. Manchmal nehmen wir für uns in Anspruch, aus edlen Motiven zu lügen*, beispielsweise um jemandem mit der Wahrheit nicht weh zu tun. Manchmal auch aus einem in unseren Augen berechtigten Selbstschutz. Welche Gründe uns auch zu einer Lüge bewegen: Überlegen wir uns dabei je, was der Angelogene dabei empfindet?
Lüge/Wahrheit ist einer jener typischen Bereiche, in denen wir für uns selbst etwas erwarten, was wir anderen nicht zugestehen. Wir selbst wollen nicht angelogen werden, nicht wahr? Warum vergessen wir dann stets, dass andere das ebenso wenig wollen?

Bitte denkt einen Augenblick nach und holt euch eine Begebenheit in eure Erinnerung, als ein Mensch, der euch etwas bedeutet, euch einmal angelogen hat. Wie habt ihr euch dabei gefühlt?
Genau. Verletzt, enttäuscht, gedemütigt, vielleicht auch wütend… Nicht gut, jedenfalls. Ebenso wie ich mich neulich gefühlt habe.

Kürzlich hat ein Mensch, den ich mag und achte und mit dem ich eine aufrichtige Beziehung pflege und darauf Wert lege, mich angelogen.
Meine erste Empfindung dabei war Verletzung. Ich fühlte mich verletzt, dass dieser Mensch mir nicht zutraute, mit der Wahrheit umgehen, sie ertragen zu können.
Meine zweite Empfindung war Enttäuschung. Ich war enttäuscht, dass ein Mensch, von dem ich viel halte, lügt, weil er einen allfälligen Konflikt mit mir scheut oder aus Angst vor meiner Reaktion oder aus welchen Ängsten/Befürchtungen auch immer.
Und um diese beiden Empfindungen lag noch mein Unverständnis über diese in meinen Augen völlig überflüssige Lüge.

Warum tun wir das denn unseren Mitmenschen an? Das müssen wir uns überlegen, jedes Mal, wenn wir meinen, jemanden, den wir lieb haben, anlügen zu müssen. Dann sollte uns die Wahrheit leichter über die Lippen kommen. Und besonders wachsam müssen wir immer genau dann sein, wenn wir merken, dass wir im Begriff sind zu lügen und uns augenblicklich dieses unbestimmte ungute Gefühl überkommt, etwas wie ein schlechtes Gewissen, die innere Stimme, die uns davon abhalten will.

Denkt ja nicht, eine Lüge, die nicht „offiziell“ enttarnt wird, tue nicht weh! Die meisten Menschen haben sehr feine Antennen für Lügen. Gemäss der Wissenschaft verändert sich bei einer Lüge die Tonlage des Sprechenden, auch gewisse Gesichtszüge verändern sich, es werden bestimmte Formulierungen gewählt – alles Verhaltensweisen, die uns eine Lüge erkennen lassen.
Darüber hinaus erzeugt eine Lüge jedoch einfach eine Dissonanz, eine Disharmonie, eine ungute Schwingung, oder wie man es nennen will. Der Belogene weiss möglicherweise nicht, dass was er gerade zu hören bekommt, eine Lüge ist, aber er spürt, dass etwas nicht stimmt.
Den wenigstens Menschen entgeht diese „falsche“ Schwingung. Weil wir dabei jedoch oft nicht wissen, was wir da genau spüren, sprechen wir den Lügenden nicht unmittelbar darauf an. Doch bei einer späteren Gelegenheit, vielleicht bei einer ähnlichen Aussage oder einer Aussage, die in uns wiederum diese bestimmte Schwingung auslöst, erkennen wir dann plötzlich die Lüge; es ist nicht einmal nötig, dass der Lügende sich verplappert oder sich sonstwie verrät.
Das ist dann der Moment, in dem die Lüge uns verletzt, enttäuscht, uns schlecht fühlen lässt.

Wie aber sollen wir reagieren, wenn wir merken, dass wir belogen wurden? Emotionen wie Verletzung, Wut, Angst und andere sind schlechte Ratgeber, deshalb sollten wir – wenn möglich – nicht spontan damit herausplatzen, sondern zumindest einmal eine Nacht darüber schlafen und nachdenken.
Ob wir dann den Lügner darauf ansprechen oder nicht, ist in jedem einzelnen Fall zu erwägen, eine allgemein gültige Regel kann es nicht geben. Ich kann in diesem Zusammenhang nur wiederholen, was ich immer wieder sage: Das Leben ist nicht schwarz und weiss, es gibt unendlich viele Grautöne. So ist auch eine Lüge und unsere Reaktion darauf nicht immer nur schwarz oder weiss.

Eines sollten wir auf jeden Fall immer tun, egal wie wir im Übrigen reagieren: Schlussendlich Verständnis haben für die Schwäche unseres Mitmenschen – wir selbst sind ja auch nicht perfekt! – und verzeihen.

*Nur kurz zur Definition der Lüge: Wir lügen nicht nur, wenn wir etwas Unwahres sagen; Lügen sind auch Teilwahrheiten, absichtliches Verschweigen von Tatsachen, von denen wir wissen, dass wir sie mitteilen sollten, bewusst missverständliche Aussagen usw.

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Weltuntergang 2012

Während der letzten Woche habe ich überprüft, wie oft der Suchbegriff „Weltuntergang 2012“ bei Google eingegeben wird. Allein im deutschsprachigen Raum sind es täglich Abertausende, die danach googlen.

Zugegeben, das Thema hat seinen Reiz, aus mehr oder minder wissenschaftlicher Sicht. Andererseits verstehe ich das riesige Interesse – und vor allem die teilweise Besorgnis darüber – nicht recht.
Keiner von uns weiss doch, wann seine letzte Stunde geschlagen hat. Ich weiss nicht, ob ich morgen noch da bin, vielleicht erlebe ich den Weltuntergang gar nicht mehr!
Spielt es für den Einzelnen wirklich eine Rolle, ob er „allein“ stirbt oder ob ein paar Hundert zusammen mit ihm oder gar die ganze Menschheit? Nebenbei gesagt: Mir ist auch diese kollektive Trauer, beispielsweise bei einem Flugzeugabsturz oder einer Naturkatastrophe, immer etwas fremd. Natürlich ist es traurig, wenn so etwas passiert – aber sterben auf dieser Welt nicht jeden Tag… ich weiss nicht wie viele… Hunderttausende, Millionen? Obwohl jeder einzelne Todesfall für die Angehörigen tragisch ist, unabhängig davon, wie viele gleichzeitig mit ihrem Toten umgekommen sind, bekümmert uns das nicht.

Warum sollte uns also der Weltuntergang bekümmern? Vielleicht wegen unserer Kinder oder anderer Lieben… Aber auch bei ihnen wissen wir doch nicht, ob sie morgen oder nächstes Jahr – Weltuntergang hin oder her – noch leben.

Ein Problem sehe ich vielmehr darin, dass wir generell so leben, als wären wir unsterblich, und selten einen Gedanken daran verschwenden, dass dieser Tag – heute – unser letzter sein könnte.
Wie vieles schieben wir auf… Wie oft trauen wir uns nicht… Wie sehr sorgen wir uns um das Morgen…

Yogananda sagte einst: „Nimm dir nicht vor, morgen zu beginnen, beginne heute!“ Wie wahr. Leben wir den Tag. Jeden einzelnen als wäre es unser letzter. Und vertrauen wir uns dem Leben, dem Schicksal, der Vorsehung, der Höheren Macht an. Ohne Angst vor der Zukunft – Weltuntergang hin oder her.

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Wechselnde Pfade…

… Schatten und Licht, alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

Ich wusste nicht, von wem dieser Spruch stammt, als ich ihn gelesen habe. Inzwischen habe ich im Internet recherchiert: Er soll ein Segensspruch sein, der ursprünglich in einem Haus im Baltikum stand. Auch ein Lied. Ein Trauerspruch. Ein Eduard Mörike zugeschriebenes Zitat.

Es ist nicht so wichtig. Gelesen habe ich ihn auf „meinem“ Pilgerweg im Lötschental, ein Weg, der vom Dorf zu einer Kapelle führt. Über 15 Jahre ist es her, dass ich ihn zum ersten Mal gegangen bin, er hatte für mich gleich etwas Mystisches, Tragendes, Leichtes. Ich nannte ihn für mich „Pilgerweg“ und ich bin ihn seither viele, viele Male gewandert.
Zuletzt vor einer Woche. Und zum ersten Mal standen am Wegrand Sprüche, unter anderen auch der hier zitierte. Und ich entdeckte auch, dass der Weg „offiziell“ als Pilgerweg bezeichnet wird.

Wechselnde Pfade, Schatten und Licht, alles ist Gnade, fürchte dich nicht. Ich las den Spruch und er war gleich in mir drinnen, wiederholte sich unaufhörlich wie ein Mantra, sanft und leise, bis ich zur Kapelle gelangte.

Wechselnde Pfade, Schatten und Licht, alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

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Nie aufgeben, ohne es wenigstens versucht zu haben!

Eine Sufi-Geschichte von Rumi

In einem Wald wohnte ein wilder Löwe; alle anderen Tiere lebten in ständiger Furcht vor ihm. Eines Tages versammelten sie sich, um einen Ausweg zu finden, und schliesslich einigten sie sich auf eine Lösung.
Eine Gesandtschaft suchte den Löwen auf und sagte ihm: „Jeden Tag frisst du einen von uns; deshalb sind wir alle stets ängstlich und können unserer Futtersuche nicht in Ruhe nachgehen. Oh König der Tiere, wir schlagen dir vor, dass du von nun an auf deinem Thron bleibst, und jeden Tag wird einer von uns zu dir kommen, damit du ihn fressen kannst. So haben wir unsere Ruhe und du brauchst dich nicht mehr abzumühen.“
Das gefiel dem Löwen und er willigte ein. Von da an wurde jeden Morgen ein Tier ausgelost, das sich zum Löwen begeben und sich von ihm fressen lassen musste.
Als das Los auf den Hasen fiel, wollte sich dieser nicht damit abfinden. „Es muss einen anderen Weg ge­ben“, meinte er. Doch die übrigen Tiere drängten ihn, denn sie fürchteten, den Löwen zu verärgern. Nur mit viel Mühe gelang es ihnen, den Hasen zum Gehen zu bewegen.
Als er beim Löwen eintraf, war es schon Nachmittag und der König der Tiere war sehr hungrig und brüllte fürchterlich: „Warum kommst du so spät?“
Mit gespielter Unterwürfigkeit antwortete der Hase: „Mein Herr, es ist nicht meine Schuld. Ich habe mich frühmorgens auf den Weg zu dir gemacht, aber plötzlich stand ein anderer Löwe vor mir und wollte mich fressen. Ich musste davonrennen und manchen Umweg einschlagen, um ihm zu entkommen.“
Wutentbrannt schrie der Löwe: „In diesem Wald gibt es nur einen König und das bin ich!“ Mit unschuldiger Miene pries der Hase den anderen Löwen: „Er ist gross und stark, hat eine beeindruckende Mähne und seine Stimme ist wie der Donner!“
In seiner Ehre verletzt, forderte der Löwe den Hasen auf, ihm den Rivalen zu zeigen. Der Kleine hoppelte los, der König hinterher, bis zum Rand eines Brunnens. „Da un­ten wohnt er“, sagte der Hase, „sieh wie mächtig er ist…“
Zornig blickte der Löwe in den Brunnen und fauchte sein Spiegelbild an, das ebenso fauchte und sich kein bisschen beeindruckt zeigte. Mit einem wilden Schrei stürzte sich der Löwe in den Brunnen und ertrank.
Der Hase kehrte unversehrt zu den anderen Tieren zu­rück und erzählte ihnen, wie er den Löwen überlistet hatte, anstatt sich mit seinem Schicksal abzufinden.

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Urvertrauen im Herbst

Dieses wunderschöne Gedicht von Rilke brauche ich nicht weiter zu kommentieren:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

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Angst zieht das Gefürchtete an

Es wird gesagt: Wenn wir vor etwas Angst haben, ziehen wir genau das an, was wir fürchten. Doch warum ist das so?

Für einiges gibt es eine wissenschaftliche Erklärung. Zum Beispiel bei der Angst vor Hunden. Angst verursacht eine ganz bestimmte Duftausscheidung, die wir Menschen zwar nicht (mehr) riechen oder nicht bewusst wahrnehmen und deuten, wohl aber der Hund: Er greift einen Ängstlichen eher an, weil er ihn aufgrund seiner Angst für unterlegen hält. Im Tierreich funktionieren alle wichtigen Lebensprozesse wie Aggression, Paarung, Familienerkennung usw. über Düfte; wir Menschen haben im Zuge der Evolution die empfindsame Nase eingebüsst. Durch die Verwendung von Deodorants und Parfüms kennen wir nicht einmal mehr unsere eigenen „Düfte“. Verzichten wir jedoch einmal darauf, unseren natürlichen Körpergeruch zu übertünchen, können wir in einer Angst- oder Stresssituation leicht selbst riechen, dass wir einen Duft aussondern, der sich vom „normalen“ Schweissgeruch (z.B. nach einer körperlichen Anstrengung) deutlich unterscheidet.

Ein anderes Beispiel ist die Angst, uns beim Kontakt mit einem Kranken anzustecken. Angst (wie auch Stress, körperliche und psychische Überbelastung) schwächt das Immunsystem: Deshalb haben die Bakterien und Viren grössere Chancen, von unserem Körper nicht effizient bekämpft zu werden, wenn wir uns vor einer Ansteckung fürchten. Wir kommen ja immer wieder mit kranken Menschen zusammen und unsere ganze Umgebung ist generell mit Bakterien und Viren regelrecht verseucht; befinden wir uns in einem psychischen Gleichgewicht, ist die Gefahr zu erkranken geringer, als wenn wir die gegenwärtige Lebenssituation als belastend empfinden.

Für manches gibt es hingegen keine wissenschaftlich anerkannte, jedoch andere Erklärungen:

• Eine parapsychologische/esoterische. Unsere Gedanken an das Gefürchtete erzeugen ein Energie-Bild; je mehr wir uns gedanklich dieser Angst ausliefern, d.h. je öfter und intensiver wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, desto stärker entfaltet sich die Energie und desto schneller wird sich das gedankliche Bild in der Wirklichkeit manifestieren. Das Gleiche geschieht ja auch mit dem, was wir wünschen – sofern unser Begehren stark genug ist, werden wir es anziehen. Die Angstempfindung ist im Allgemeinen indes mächtiger, weshalb etwas Gefürchtetes eher eintritt als etwas Begehrtes.

• Eine spirituelle. Die Angst loszuwerden ist überaus wichtig für die innere Entwicklung; um das zu vollbringen, müssen wir mit der Angst konfrontiert werden und uns ihr stellen. Deshalb zieht unsere Angst das Gefürchtete an – denn gerieten wir nie in die uns Angst machende Situation, könnten wir nicht lernen, mit ihr umzugehen und sie zu besiegen.

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