Rechtfertigungen

Bei meinem letzten Kurs, der über mehrere Mittwochabende lief, teilte ich jeweils am Ende des Abends den Teilnehmenden die schriftlichen Unterlagen aus.

Einmal, nachdem wir uns umfassend dem Thema Selbstwertgefühl gewidmet hatten, fragte ich freundlich in die Runde: „Habt ihr die Blätter, die ich euch das letzte Mal gegeben habe, gelesen?“
Allenthalben Kopfschütteln. Ich gebe mich verärgert, ja aufgebracht: „Warum nicht? Wozu mache ich mir denn die Arbeit? Warum kommt ihr überhaupt in den Kurs, wenn ihr nicht mitarbeitet?“

Verunsicherte Blicke, dann werden von allen Seiten Rechtfertigungen gestammelt:
„Ich dachte… ich bewahre sie einfach auf, um sie hervorzuholen, wenn ich es einmal brauche…“
„Ich… ich wollte dann am Ende des Kurses alle zusammen lesen…“
„Entschuldigung, ich hatte keine Zeit…“
„Ich meinte.. ich wusste nicht, dass wir sie lesen sollten…“

Ich lächle und umarme innerlich meine KursteilnehmerInnen. „Ihr braucht euch nicht rechtfertigen! Ihr seid keinem Menschen Rechenschaft darüber schuldig, was ihr tut und was ihr lässt. Dieses ständige Sich-Erklären, Begründen, Rechtfertigen – das tun wir, weil wir möchten, dass unsere Mitmenschen uns Verständnis entgegenbringen und uns nicht verurteilen für das, was wir tun – uns also akzeptieren und anerkennen… uns lieben. Das ist ein Zeichen unserer mangelnden Selbstliebe.
Steht zu euch selbst, zu dem, was ihr denkt und tut! Kümmert euch nicht darum, was eure Umgebung darüber denkt! Akzeptiert euch selbst in der Art, wie ihr handelt, liebt euch dafür, egal, was andere dazu meinen.
Eure Aufgabe für die kommende Woche lautet: Achtet darauf, euch nicht fortwährend zu erklären und zu rechtfertigen. Sagt, was ihr zu sagen habt, eine klare Aussage und Punkt. Ohne an jeden Satz ein Weil anzuhängen!“
Sie haben verstanden. Und wieder teile ich Blätter aus.

Eine Woche später frage ich erneut (ich kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken): „Habt ihr die Blätter vom letzten Mal gelesen?“
Alle lachen und rufen mir ein lautes, deutliches „Nein!“ zu.

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