Innere Leere und die Sehnsucht nach wahrer Liebe

In den letzten Monaten bin ich mehrmals auf das Thema einer undefinierbaren Einsamkeit in Verbindung mit dem Wunsch nach einer tiefen, wahren Liebe angesprochen worden – und zwar immer von Männern zwischen 50 und 65 Jahren. Mit dem heutigen Artikel löse ich mein Versprechen ein, das ich einem dieser Männer gegen Ende des letzten Jahres gegeben habe, nämlich einmal spezifisch etwas über dieses Thema zu schreiben.

Eine der treffendsten Formulierungen, die ich in diesem Zusammenhang gehört habe: „Ich erlebe ein Gefühl der inneren Leere und einen Mangel an einer tiefen und befriedigenden Liebe, dies obwohl mein Umfeld äusserlich sehr viele positive Aspekte hat.“

Die Erfahrung, dass alles Äussere stimmte, beruflich, privat, finanziell, und mir trotzdem etwas fehlte und ich nicht zutiefst glücklich war, habe ich schon früh in meinem Leben gemacht, und diese Empfindung ist periodisch immer wieder aufgetreten. In Sonnwandeln Nr. 16 habe ich es wie folgt formuliert:

Trotz einer glücklichen Partnerschaft und Erfüllung im Beruf, trotz Freunden und Freizeitbeschäftigungen, ob­wohl es ihnen an nichts mangelt, sie alles haben um glücklich zu sein, empfinden einige Menschen eine leise, stets vorhandene Einsamkeit oder diese überfällt sie von Zeit zu Zeit. Dann spüren sie, dass das äusserlich glück­liche Leben ihnen nicht genügt oder dass kein Mensch ihnen geben kann, wonach sie dürsten – oft wissen sie selbst nicht, was ihnen eigentlich fehlt, wonach sie suchen, es ist vielmehr eine unbestimmte Empfindung, eine unerklärliche, vage Sehnsucht.

Den Worten von Sri Aurobindo folgend

„Die innere Einsamkeit kann nur durch die innere Erfahrung der Einheit mit dem Göttlichen geheilt werden; keine menschliche Beziehung kann diese Leere füllen.“

habe ich nach dem Tod meines langjährigen Lebenspartners diese Sehnsucht schliesslich als die Sehnsucht nach dem Höheren, dem Göttlichen erkannt und die Erfüllung in meinem spirituellen Weg gefunden.

Aber darüber will ich heute nicht schreiben, sondern über die Sehnsucht nach einer irdischen, menschlichen Liebe – eine Liebe jedoch, die über unsere gewöhnliche, unvollkommene, besitzergreifende, erwartende, fordernde Liebe hinausgeht. Auch die Selbstliebe, das eigentliche Thema dieser Website, lasse ich für einmal ausser Acht.

Wenn wir noch jünger sind, haben wir an Liebesbeziehungen meistens andere Erwartungen, zuerst Leidenschaft, wilde Zeiten, Spass, Intensität, dann mit dem Gründen einer Familie eher Sicherheit, sich aufeinander verlassen können, gut harmonieren. Schliesslich kommen wir in ein Alter, in dem diese Anforderungen nicht mehr an erster Stelle stehen, wir haben vieles schon erlebt, auch verschiedene Beziehungen mit Trennung und Scheidung, wir haben eine ganze Menge Lebenserfahrung gewonnen, sind etwas gleichmütiger, zugleich aber auch anspruchsvoller geworden, indem wir uns nicht mehr mit dem Durchschnittlichen, nur halbwegs Befriedigenden begnügen.
Sei es, dass man inzwischen wieder Single ist, sei es dass man in einer Beziehung lebt, es mag sich eine unbestimmte Unzufriedenheit, Melancholie oder das erwähnte Gefühl der Leere breitmachen. Die tieferen Gründe und der Zeitpunkt, in dem das aufzutreten beginnt, sind individuell, deshalb will ich mich darüber auch nicht weiter auslassen. Hingegen glaube ich zu wissen, was diese Sehnsucht nach wahrer Liebe ist, wobei natürlich auch hier von Mensch zu Mensch Unterschiede bestehen.

Es ist die Sehnsucht, ich selbst zu sein. So sein zu dürfen und dabei vom Partner so angenommen zu werden, wie ich bin.

An Anfang einer neuen Beziehung zeigen wir für gewöhnlich unsere besten Seiten und unterdrücken die negativen. Mit der Zeit lässt das zwar nach, aber meistens behalten wir – auch in langjährigen Beziehungen – einen Teil unserer Maske auf, weil wir wissen oder zu wissen meinen, dass der Partner bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen nicht mag, sie gar verurteilt, und wir Angst haben vor Konflikten, den Partner nicht verletzen oder verlieren wollen und Ähnliches. In erster Linie ist es natürlich die Angst, nicht mehr geliebt zu werden, falls wir die Erwartungen des Partners nicht erfüllen. Wie oft habe ich von Männern den Satz schon gehört: „Ich tue doch alles, um es ihr recht zu machen, wenn sie mich doch nur wieder so liebt wie früher!“
Im Grunde genommen möchten wir aber alle, dass unser Partner uns so annimmt wie wir sind, ohne dass wir uns verstellen müssen, und uns liebt, egal wie wir sind, unsere Eigenschaften oder Verhaltensweisen nicht verurteilt und ablehnt. Doch weil wir wissen oder zu wissen glauben (und meistens trifft es sogar zu), dass es nicht so ist, spielen wir eine Rolle, die mit der Zeit zu einer festen Gewohnheit wird, und leben mit dem mehr oder weniger bewussten Schmerz, nicht authentisch zu sein, oder – positiv ausgedrückt – mit dieser Sehnsucht, ganz wir selbst sein zu wollen.

Es ist tatsächlich schwierig, sich in einer bestehenden Beziehung plötzlich anders zu zeigen. Tut man es, versteht der Partner das oft nicht und reagiert befremdet, verunsichert, auch mit Ablehnung und Zurückweisung: „Was ist plötzlich los mit dir? So warst du doch früher nicht!“ Unsere Veränderung stösst bei den Mitmenschen häufig auf Widerstand – vor allem wenn diese Veränderung ihre eigenen Interessen tangiert.
Das mag unter vielen anderen auch einer der Gründe für einen Partnerwechsel sein, denn in einer neuen Beziehung sehen wir die Chance, uns von Anfang an ein bisschen echter zu zeigen. Und wie gesagt, mit zunehmendem Alter wird uns das immer wichtiger.

Die Liebesbeziehung, nach der wir uns sehnen, ist eine ehrliche: Ich darf so sein, wie ich bin, ohne eine Maske zu tragen. Ich darf meinem Partner alles sagen, was ich denke, was ich fühle, was ich mir wünsche, was ich nicht mag – und stosse dabei auf Offenheit und Interesse, ich werde nicht abgelehnt oder kritisiert, schon gar nicht verurteilt, sondern fühle mich immer gleichermassen angenommen und geliebt. Das Gleiche darf und soll natürlich auch mein Partner tun: Die Gewissheit, dass er in seinen Worten und seinem Verhalten offen und ehrlich zu mir ist, ist mir mindestens so wichtig und auch ich nehme ihn bedingungslos und vorbehaltlos an. Dadurch fallen alle Machtspiele weg, jegliche Art von (sanfter) Manipulation und Taktik, Tabus und Klischees und und und.
Damit verbunden ist der gegenseitige Respekt, für mich eine der unerlässlichen Eigenschaften in einer Beziehung. Ich respektiere das Wesen meines Partners, seine Eigenart, seine Entscheidungen. Ich traue ihm zu, das für ihn Richtige zu tun, so gut er es halt kann. Ich mute ihm auch zu, mit Schwierigkeiten umgehen und Schweres tragen zu können: Deshalb kann ich einerseits offen und aufrichtig sein, und andererseits mische ich mich nicht in sein Leben ein, ich lasse zu, dass er seine eigenen Erfahrungen macht und daraus lernt.

Was ich bis hierher geschrieben habe, trifft auf beide Geschlechter gleichermassen zu. Jetzt will ich noch auf etwas eingehen, was Männer in ihrer Paarbeziehung auch oft vermissen und wonach sie sich sehnen.
Dafür muss ich schnell bis zu Adam und Eva zurückzugehen, nämlich zur Verschiedenartigkeit von Mann und Frau. Und ich bin mir bewusst, dass das, was ich im Folgenden schreibe, bei vielen Frauen (und vielleicht auch Männern) Unverständnis, Empörung und heftigen Widerspruch auslösen wird. Betrachtet es einfach als meine persönliche Meinung, die in immerhin bald 57 Jahren Erfahrung herangereift ist, und missversteht es nicht in der Richtung, als würde ich Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Mann und Frau über den Haufen werfen wollen.
Mann und Frau sind unterschiedlich, das bestreitet wohl niemand, in ihrem Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in ihren Bedürfnissen. Daraus entstehen viele Schwierigkeiten und Konflikte in Paarbeziehungen. Und viel eigene Frustration, Entmutigung, Unzufriedenheit und, wie gesagt, vor allem mit zunehmendem Alter und grösserer Lebenserfahrung mehr und mehr diese Sehnsucht, so sein zu dürfen, wie man ist, mitsamt den geschlechtsspezifischen Eigenheiten.
Eine wahrhaftige, für beide bereichernde Liebesbeziehung ist meines Erachtens nur möglich, wenn Mann und Frau ihrem Naturell folgen und sich nicht der missverstandenen emanzipatorischen „Gleichmachung“ unterwerfen. Von Natur aus ergänzen sich Mann und Frau nämlich in dem, was sie brauchen, und dem, was sie zu geben vermögen, so wie sich im Tierreich Männchen und Weibchen perfekt ergänzen.
Ohne zu übersehen, dass wir Menschen alle eine grosse Portion an Egoismus in uns haben, ist die Frau von Natur aus grösserer Hingabe fähig als der Mann, sie ist sanfter, weicher, kann aber auch besser zurückstecken und, ohne darunter zu leiden, die eigenen egoistischen Interessen hinter das Wohlergehen des Partners stellen.
Genau das ist es, wonach der Mann sich sehnt: eine hingebungsvolle, sanfte, zärtliche Frau. Und damit meine ich nicht eine unterwürfige Frau, die keine eigene Meinung hat oder immer zu allem ja und amen sagt! Aber eine, die aus ihrer inneren Stärke heraus weich und liebevoll ist. Die sich hinter ihren Mann stellt und ihn stützt. Die ihre Rolle innerhalb der Partnerschaft kennt und erfüllt, sich nicht dem undifferenzierten emanzipatorischen Diktat der Gleichmachung verschrieben hat und dennoch dem Mann eine ebenbürtige Partnerin ist.
Mehr ins Detail will ich nicht gehen, der individuelle Spielraum der Rollenverteilung innerhalb einer Beziehung ist sehr gross. Ebenso wenig will ich hier auf die komplexe Thematik der Sexualität eingehen, bei der die unterschiedlichen Bedürfnisse und Erwartungen von Mann und Frau ein besonders Problempotential darstellen.

So weit meine Gedanken zum Thema der Sehnsucht nach wahrer Liebe. Einige wenige – was ich im Rahmen einer solchen Website eben sagen kann. Es gäbe so vieles zu ergänzen, auszuführen, aber dann müsste ich ein Buch darüber schreiben!

Wo ist der freie Wille?

Vor ein paar Tagen diskutierte ich mit einem Freund über Ego und Seele, und irgendwie kamen wir in diesem Zusammenhang darauf zu sprechen, ob der Mensch einen freien Willen besitze oder ob „jemand/etwas“ ihm sein Denken und Handeln aufzwinge. In der Psychologie heisst es ja, viele unserer Taten seien durch unser Unbewusstes gesteuert, was den freien Willen stark relativieren würde.

Es stellt sich zuerst einmal die Frage, was denn dieses Ich ist, das einen freien Willen haben könnte oder nicht. Gehen wir davon aus, dass der Mensch aus den beiden Elementen Seele und Ego besteht.

Die Seele, verstanden als dieses Element von uns, das mit dem Göttlichen, Universellen, Absoluten, der Weltseele, der Höheren Macht oder wie man diese Instanz nennen will, irgendwie verbunden oder gar ein Teil davon ist, hat keinen freien Willen. Sie tut immer das „Richtige“ – immer das, was dem Willen des Göttlichen entspricht, was von einer höheren Warte aus betrachtet dem Wohl des Ganzen, dem Kosmischen Plan oder übergeordneten Ziel dient. Es gibt für die Seele keine Wahlmöglichkeit, sondern immer nur die eine, einzige, wahre, richtige Entscheidung.

Das Ego, verstanden als die Gesamtheit unserer verschiedenen „Ichs“* besitzt einen freien Willen. Es trifft Entscheidungen zwischen mehreren Möglichkeiten und handelt entsprechend. Es kann auf den Rat den Seele hören (und somit „richtig“ handeln) oder eigenmächtig entscheiden und dabei seine oft auf kurzfristigen Lustgewinn ausgerichteten Ziele verfolgen.
Wie steht es dann aber mit der Steuerung aus dem Unbewussten? Kann man in diesen Fällen noch von freiem Willen sprechen? Nun, dieses Dilemma tritt erst gar nicht auf, weil alles ausser der Seele zum Ego gehört, also auch das Unbewusste nur eines unserer verschiedenen Ichs darstellt – wir könnten es beispielsweise Vergangenheits-Ich nennen, da es ja vergangene Erfahrungen enthält. Mit anderen Worten: Wenn nicht die Seele unser Handeln bestimmt, ist es immer ein Bestandteil des Ego, das uns steuert, unabhängig davon, ob eher der Körper, der Verstand, die Emotionen oder eben das Unbewusste.

Der Mensch bestehend aus Seele und Ego schwankt ständig zwischen seinen beiden Elementen: Wenn er „Ich“ sagt, ist er einmal mehr Seele und einmal mehr Ego. Empfindet sich aber beide Male als „Ich“, als sich selbst. Und doch… es gibt Unterscheidungsmerkmale um zu spüren, wer ich gerade bin, Seele oder Ego. Darüber habe ich anderswo auf dieser Website schon geschrieben. Weitere Texte zu diesem Thema findet ihr auch, wenn ihr in der rechten Spalte unter „Stichwörter“ auf „Innere Stimme“ klickt.

*Diese verschiedenen Ichs erfahren wir alle tagtäglich in Form innerer Konflikte, Entscheidungsschwierigkeiten und mehr. Auch in ganz banalen Situationen: Eines meiner Ichs, das Vernunft-Ich, hat beschlossen, nicht von der Schokolade zu naschen. Zehn Minuten später meint das Emotions-Ich: „Ach was, was solls, ein Stückchen schadet mir doch nicht. Mmmh, wie gut das schmeckt!“ Kurz darauf meldet sich das Vernunft-Ich missbilligend (oft auch die Seele) und verursacht ein schlechtes Gewissen. Ich bin nicht fortwährend das gleiche Ich, die Vorherrschaft zwischen den verschiedenen Ich ändert ständig!

Noch eine Woche Zeit

Das Ende des Jahres wurde in unserem Kulturkreis willkürlich auf den 31. Dezember festgelegt, er ist kein besonderes Datum im Sonnen- oder Mondjahr. Aber es ist nun einmal so, und seine symbolische Bedeutung und Kraft sollten wir nutzen.
Vor allem in dem Sinne wie es die Chinesen zu ihrem Jahreswechsel halten. Sie putzen das Haus gründlich, um keinen alten Dreck ins neue Jahr mitzunehmen.

Es bleibt uns noch eine Woche bis Ende Jahr. Also…

… bringen wir alles Hängende noch zu einem Ende
… schliessen wir ab, was wir nur noch lustlos weitergeführt haben
… lassen wir los, was wir ohnehin nicht halten können
… geben wir frei, was keine Zukunft hat
… verzeihen wir uns die Dinge, für welche wir noch Schuldgefühle mit uns herumtragen
… bitten wir die Menschen um Verzeihung, denen wir ein Unrecht angetan haben
… legen wir die schweren Momente ab, die wir erlebt haben, damit sie nicht unsere Zukunft belasten
… ebenso die schönen, damit wir nicht aus der Erinnerung leben, sondern in der Gegenwart
… reinigen wir unsere Gedanken und unser Herz von allem Niederem, allem Zwist, allen inneren Konflikten
… und als letzten symbolischen Akt reinigen wir die Wohnung, das Auto, die Kleider, damit wir keinen Schmutz aus dem zu Ende gehenden Jahr mit ins neue nehmen.

Ich wünsche euch allen gesegnete und friedliche Weihnachtstage!

Advent, Geschenke und mein neues Buch

Lasst mich zuerst euch allen eine besinnliche und möglichst stressfreie Adventszeit wünschen, mit viel Licht und Freude.

Falls ihr noch ein Geschenk sucht – darf ich euch eines meiner Bücher empfehlen?

Buchtitel_Karma_YogaKarma Yoga: Auf dem sonnigen Weg durch das Leben
von Karin Jundt
nada-Verlag
ISBN 978-3-907091-03-6
Paperback, 136 Seiten
CHF 20.50 / EUR 13.00

Das neuste, „Karma Yoga – Auf dem sonnigen Weg durch das Leben“ ist ein Wegweiser zu einem zufriedeneren Leben. Es ist im ganzen deutschsprachigen Raum im Buchhandel und in Online-Buchshops erhältlich.
Mehr darüber…

Passender zur Weihnachtszeit sind vielleicht die beiden tiefgründigen Erzählungen, die ich seinerzeit noch unter dem Pseudonym Karin Albarosa geschrieben habe.
In der Schweiz sind sie im Buchhandel und in Online-Shops erhältlich, in anderen Ländern leider nur über Amazon Deutschland. Doch ihr könnt diese beiden Bücher direkt per E-Mail bei mir bestellen ( kj@nada-verlag.ch ), ich schicke sie euch gerne per Post, in der Schweiz und nach Deutschland sogar ohne zusätzliche Versandspesen. Mehr darüber…

Buchtitel_JonathanBuchtitel_Wanderer

Jonathan von der Insel
von Karin Albarosa
nada-Verlag
ISBN 3-907091-00-0
Hardcover, 160 Seiten
Format 12 x 20 cm
CHF 29.50 / EUR 18.00

Der Wanderer im dunklen Gewand
von Karin Albarosa
nada-Verlag
ISBN 3-907091-01-9
Hardcover, 160 Seiten
Format 12 x 20 cm
CHF 29.50 / EUR 18.00

Nie aufgeben, ohne es wenigstens versucht zu haben!

Eine Sufi-Geschichte von Rumi

In einem Wald wohnte ein wilder Löwe; alle anderen Tiere lebten in ständiger Furcht vor ihm. Eines Tages versammelten sie sich, um einen Ausweg zu finden, und schliesslich einigten sie sich auf eine Lösung.
Eine Gesandtschaft suchte den Löwen auf und sagte ihm: „Jeden Tag frisst du einen von uns; deshalb sind wir alle stets ängstlich und können unserer Futtersuche nicht in Ruhe nachgehen. Oh König der Tiere, wir schlagen dir vor, dass du von nun an auf deinem Thron bleibst, und jeden Tag wird einer von uns zu dir kommen, damit du ihn fressen kannst. So haben wir unsere Ruhe und du brauchst dich nicht mehr abzumühen.“
Das gefiel dem Löwen und er willigte ein. Von da an wurde jeden Morgen ein Tier ausgelost, das sich zum Löwen begeben und sich von ihm fressen lassen musste.
Als das Los auf den Hasen fiel, wollte sich dieser nicht damit abfinden. „Es muss einen anderen Weg ge­ben“, meinte er. Doch die übrigen Tiere drängten ihn, denn sie fürchteten, den Löwen zu verärgern. Nur mit viel Mühe gelang es ihnen, den Hasen zum Gehen zu bewegen.
Als er beim Löwen eintraf, war es schon Nachmittag und der König der Tiere war sehr hungrig und brüllte fürchterlich: „Warum kommst du so spät?“
Mit gespielter Unterwürfigkeit antwortete der Hase: „Mein Herr, es ist nicht meine Schuld. Ich habe mich frühmorgens auf den Weg zu dir gemacht, aber plötzlich stand ein anderer Löwe vor mir und wollte mich fressen. Ich musste davonrennen und manchen Umweg einschlagen, um ihm zu entkommen.“
Wutentbrannt schrie der Löwe: „In diesem Wald gibt es nur einen König und das bin ich!“ Mit unschuldiger Miene pries der Hase den anderen Löwen: „Er ist gross und stark, hat eine beeindruckende Mähne und seine Stimme ist wie der Donner!“
In seiner Ehre verletzt, forderte der Löwe den Hasen auf, ihm den Rivalen zu zeigen. Der Kleine hoppelte los, der König hinterher, bis zum Rand eines Brunnens. „Da un­ten wohnt er“, sagte der Hase, „sieh wie mächtig er ist…“
Zornig blickte der Löwe in den Brunnen und fauchte sein Spiegelbild an, das ebenso fauchte und sich kein bisschen beeindruckt zeigte. Mit einem wilden Schrei stürzte sich der Löwe in den Brunnen und ertrank.
Der Hase kehrte unversehrt zu den anderen Tieren zu­rück und erzählte ihnen, wie er den Löwen überlistet hatte, anstatt sich mit seinem Schicksal abzufinden.

(Text aus Sonnwandeln Nr. 15)

Der Schmerz, verlassen zu werden

Immer wieder erfahren wir in unserem Leben, dass ein nahestehender Mensch uns verlässt: Im Kleinkindesalter ist es die Mutter oder eine andere Bezugs­person, die sich aus unserer erfassbaren Umgebung entfernt, wenn auch nur vorüber­gehend; später ein lieber Schulkamerad, der wegzieht, oder die Freundin, die sich abwendet zu einer anderen „besten Freundin“; als Teenager erfahren wir das Zerbrechen der ersten Liebe und als Erwachsene dann die Trennung bei einer langjährigen Beziehung.

Die Gründe für den Schmerz des Verlassenwerdens sind vielschichtig und individuell ausgeprägt; nachfolgend gehe ich den häufigsten auf den Grund:

• Der stete Wandel. Unser Dasein ist geprägt von einem Kommen und Gehen geliebter Menschen, als ob wir selbst wie ein Fixpunkt auf einem belebten Marktplatz stünden, Leute sich eine Zeitlang zu uns gesellten und dann weiter zögen. Erleben wir solches tatsächlich auf einem Marktplatz, sind wir nicht traurig, frustriert, enttäuscht, verletzt oder verbittert über diesen ständigen Wechsel; im wirklichen Leben hingegen fallen uns das Nichtanhaften und das Loslassen extrem schwer, wir akzeptieren den Fluss des Lebens mit seinem steten Wandel nicht, wollen festhalten, was bereits vorbei ist.

• Das Alleinsein und die Veränderung. Meistens mögen wir Menschen Veränderungen nicht: Es ist immer ein Schritt ins Unbekannte, bei dem wir nicht genau wissen, was uns erwartet, und sie fordern von uns äussere und innere Umstellungen und Entwicklungen. Das Ego wehrt sich deshalb dagegen und reagiert mit starken Emotionen wie Wut, Frustration, Niedergeschlagenheit und mehr. Besonders der Wechsel von der Zweisamkeit zum Alleinsein wirft uns, zumindest in der ersten Zeit, auf uns selbst zurück und das kann sich recht unangenehm anfühlen. Je nachdem wie wenig wir in uns zentriert und geborgen sind, befand sich vorher der oder ein wichtiger Bezugspunkt ausserhalb von uns, der uns sozusagen von uns selbst „ablenkte“; nach der Trennung sind wir nur noch auf uns selbst ausgerichtet und es kann einiges aus dem Unbewussten auftauchen, was bisher „stillgelegt war“ und sich jetzt aufdrängt. Diese Auseinandersetzung mit alten Themen kann Leiden verursachen; es beruht zwar nicht direkt auf der eigentlichen Trennung, doch oft unterscheiden wir das nicht und führen alles auf die gegenwärtige Situation zurück, die wir dann umso schmerzhafter empfinden.

• Der Angriff auf das Selbstwertgefühl. Jedes Mal, wenn ein Mensch uns willentlich verlässt, stellen wir uns Fragen wie: „Was habe ich falsch gemacht? Warum zieht er andere mir vor? Bin ich es nicht wert, dass er mit mir zusammen ist? Bin ich langweilig, hässlich, dumm, humorlos…? Was werden meine Familie, Freunde, Kollegen… denken? Was sage ich ihnen?“ und ähnliche. Wenn ein Mensch uns verlässt, beziehen wir das stets auf uns selbst – wir nehmen es „persönlich“; das greift unser Selbstwertgefühl an und tut weh! Doch jede Aussage, Entscheidung und Handlung eines anderen Menschen hat ausschliesslich mit ihm selbst zu tun, sie stammt aus seinem Unbewussten, seiner „Programmierung“ und ist nicht auf mich gerichtet – ich bin nur das Objekt, mit oder an dem es sich abspielt.

(Text aus Sonnwandeln Nr. 18)

Sein Urvertrauen „vergessen“?

Kennt ihr das auch? Da ist man recht gefestigt in seinem Urvertrauen und Gleichmut, so schnell kann einen nichts erschüttern – bis dann eine „emotionale Ausnahmesituation“ eintritt und man alles vergisst. Vor nicht allzu langer Zeit mir passiert, zum ersten Mal seit Jahren. Und es hat immerhin ganze vier Tage gedauert, bis ich mich selbst wieder gefunden habe.

• Ich habe vergessen, dass alles, was geschieht einen Sinn hat.
• Ich habe vergessen mich zu fragen, was ich aus der Situation lernen soll.
• Ich habe vergessen, dass mir alles gegeben wird, was ich brauche.
• Ich habe vergessen, dass alles nur zu meinem Guten ist, langfristig gesehen.
• Ich habe vergessen, dass kein Unterschied besteht zwischen dem sogenannt Angenehmen und dem sogenannt Unangenehmen, zwischen Freude und Leid.
• Ich habe vergessen, die Situation dankbar anzunehmen.
• Ich habe vergessen, die Ergebnisse der Taten dem Göttlichen zu überlassen.
• Ich habe vergessen, um Einsicht und Gelassenheit zu beten.
• Ich habe vergessen, das Göttliche um Hilfe anzurufen.
• Ich habe vergessen, dass meine Zukunft voller Licht und Freude ist.
• Ich habe vergessen, dass sich vor mir alle Türen öffnen werden.

Ich habe alles vergessen, was mich sonst durch meinen Alltag und alle schwierigen Situationen trägt. Ja, das kann passieren. Und ich weiss ehrlich gesagt nicht, wie man es vermeiden könnte. Wisst ihr es? Dann erzählt über eure Erfahrungen! Alle LeserInnen dieser Website, ich eingeschlossen, freuen sich darüber.

Liebevoller Aufruf zur Selbstliebe

Neulich drückte ich in einer langen E-Mail an einen lieben Freund meine Zweifel aus, ob mein Verhalten ihm gegenüber richtig gewesen sei. Seine Antwort, ebenfalls per E-Mail, war ganz kurz:

Bitte zweifle nicht so viel an Dir. Denk immer dran, dass alles, was Du tust, auf meiner Seite bei einem liebenden Herzen ankommt, und nicht bei jemandem, der nach Fehlern bei Dir sucht. Also tu auch Du es nicht, sondern liebe Dich weiterhin, Du bist es so sehr wert.

Ich war zu Tränen gerührt. Das ist etwas vom Wertvollsten, was ich je gelesen habe, und das Schönste und Liebevollste, was ein Mensch je zu mir gesagt hat.

Es ist zwar eine Tatsache, dass die meisten Menschen uns nicht mit diesem liebenden Herzen, das nicht nach Fehlern sucht, gegenüberstehen.
Aber es würde genügen, wenn wir uns selbst in dieser Weise begegnen: Ich suche nicht nach Fehlern bei mir, mein liebendes Herz für mich selber verzeiht mir alles, ich liebe mich, egal was ich tue, egal wie ich bin. Ich bin es wert, mich zu lieben, immer.

Wenn wir das schaffen, wird es uns auch gelingen, anderen Menschen mit diesem gleichen Herzen zu begegnen und ihnen stets das Gefühl zu vermitteln, dass sie bei uns so sein dürfen, wie sie sind, dass wir ihre „Fehler“ genau so lieben, wie ihre schönsten Seiten.

Urvertrauen im Herbst

Dieses wunderschöne Gedicht von Rilke brauche ich nicht weiter zu kommentieren:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Selbstveränderung stösst auf Ablehnung

Sobald wir beginnen, uns zu verändern, besonders wenn unser Selbstwertgefühl erstarkt und wir vermehrt wir selbst sind, versuchen viele Menschen unseres Umfelds uns zu sabotieren, gerade weil wir nicht mehr alles mit uns machen lassen, weil wir beginnen zu widersprechen und unseren eigenen Weg zu gehen. Wir bekommen dann Dinge zu hören wie: „Du hast dich verändert, aber nicht zu deinem Vorteil!“; „Was ist bloss los mit dir, warum bist du plötzlich so widerspenstig?“; „Du bist stur, kompromisslos, egoistisch.“ Sie versuchen uns das Leben schwer zu machen, indem sie unser Verhalten und damit uns selbst ablehnen, uns zu spüren geben, dass wir nicht mehr ihr „Liebkind“ sind, und sie meiden uns sogar.
Das ist eine Bewährungsprobe für unsere Selbstliebe: Wir müssen den Mut und die Kraft aufbringen, das durchzustehen, und keine Angst haben, die Liebe und Anerkennung geliebter Mitmenschen zu verlieren. Es sind hauptsächlich zwei Gründe, warum die anderen sich so verhalten: Der eine ist der pure Egoismus, weil wir natürlich nicht mehr so umgänglich sind, so leicht zu handhaben wie vorher. Der andere ist, dass wir ihnen ständig vor Augen führen, wie sie eigentlich auch sein möchten und sich nicht trauen; das treibt sie dazu an, uns in den Sumpf der gegenseitigen Abhängigkeit zurückzuholen und da zu behalten, wo sie auch drin stecken.

Doch wenn wir unseren Abhängigkeiten einmal entkommen sind, berührt uns all das nicht mehr. Wir erfreuen uns an unserem selbstbestimmten Leben und stehen über dem, was rund um uns geschieht. Und wir werden neue Freunde finden, die uns so akzeptieren, wie wir sind.

Manchmal machen wir jedoch noch eine andere Erfahrung. Zuerst stossen wir zwar auf Ablehnung – und da müssen wir durch! –, doch durch unsere Veränderung strahlen wir auch etwas aus, was auf die anderen wirkt, sodass sie sich dann ebenfalls ändern können. Das geschieht allein durch unser gutes Beispiel, wir brauchen sie nicht mit Worten zu überzeugen oder zu bekehren. Es ist das, was wir aussenden, was die Menschen verändert, und es ist diese die einzige Art, die Welt zu verwandeln: Ich ändere mich und strahle das in meinen ganz kleinen Umkreis aus – wenn jeder das tut, erlangen wir vielleicht eines Tages das Paradies auf Erden.