„Nichts zu tun ist harte Arbeit“

Wie wahr ist doch diese Aussage von Oscar Wilde! Wir Menschen der Leistungsgesellschaft setzen Nichtstun gerne mit Faulheit gleich, verdiente Musse mit Müssiggang – und bekanntlich ist ja Müssiggang aller Laster Anfang.
So kostet es uns tatsächlich oft Überwindung, einmal einfach nichts zu tun, wir müssen uns beinahe dazu zwingen. Nicht selten verurteilen wir uns dafür, haben ein schlechtes Gewissen und suchen krampfhaft nach Rechtfertigungen vor uns selbst und anderen – ich habe Kopfschmerzen, ich fühle mich nicht so gut, ich habe schlecht geschlafen, es ist die letzte Ruhe vor dem Sturm…

Einerseits liegt es daran, dass wir nicht als faul angesehen werden wollen – was denken die anderen von mir, wenn sie mich im Garten an der Sonne liegen sehen, mitten am Tag, wenn alle arbeiten?

Andererseits aber auch daran, dass wir unser Selbstwertgefühl daraus beziehen, wie „nützlich“ wir sind. Deshalb neigen wir zu missverstandenem Pflichtbewusstsein und Perfektionismus, denn je mehr wir leisten, umso wertvoller fühlen wir uns.
So ist es aber nicht! Wir sind immer gleich wertvoll, egal wie wir sind, egal was wir tun. Unser Wert hängt nicht von Äusserem ab, er ist stets unverändert und unveränderlich.

Also gönnen wir uns Ruhe und Musse und Nichtstun – einfach weil wir Lust dazu haben. Weil wir es in uns spüren. Weil unser Körper es möchte. Oder unser Geist. Oder unsere Seele. Und hören wir auf, eine Begründung oder Rechtfertigung dafür zu suchen und abzugeben. Uns selbst nicht und anderen schon gar nicht.

Eine „To-do-Liste“ haben wir doch stets im Kopf – wie wäre es, wenn wir uns einmal eine „Not-to-do-Liste“ zusammenstellen?
:mrgreen:

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Wechselnde Pfade…

… Schatten und Licht, alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

Ich wusste nicht, von wem dieser Spruch stammt, als ich ihn gelesen habe. Inzwischen habe ich im Internet recherchiert: Er soll ein Segensspruch sein, der ursprünglich in einem Haus im Baltikum stand. Auch ein Lied. Ein Trauerspruch. Ein Eduard Mörike zugeschriebenes Zitat.

Es ist nicht so wichtig. Gelesen habe ich ihn auf „meinem“ Pilgerweg im Lötschental, ein Weg, der vom Dorf zu einer Kapelle führt. Über 15 Jahre ist es her, dass ich ihn zum ersten Mal gegangen bin, er hatte für mich gleich etwas Mystisches, Tragendes, Leichtes. Ich nannte ihn für mich „Pilgerweg“ und ich bin ihn seither viele, viele Male gewandert.
Zuletzt vor einer Woche. Und zum ersten Mal standen am Wegrand Sprüche, unter anderen auch der hier zitierte. Und ich entdeckte auch, dass der Weg „offiziell“ als Pilgerweg bezeichnet wird.

Wechselnde Pfade, Schatten und Licht, alles ist Gnade, fürchte dich nicht. Ich las den Spruch und er war gleich in mir drinnen, wiederholte sich unaufhörlich wie ein Mantra, sanft und leise, bis ich zur Kapelle gelangte.

Wechselnde Pfade, Schatten und Licht, alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

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Wie in einem Kanu

Selbstliebe verleiht Stärke. Die Stärke zum Beispiel, mit unseren Schwierigkeiten und Leiden nicht hausieren zu gehen. Wenn wir uns in uns selbst geborgen fühlen, haben wir es nicht nötig, die Anteilnahme und das Mitleid unserer Mitmenschen zu suchen, wir hören auf, uns als Opfer zu präsentieren, um ein bisschen Zuwendung zu bekommen. Wie laden auch nicht länger unsere Probleme bei denen ab, die uns ohnehin nicht helfen können und die wir damit nur unnötig belasten.

Mein Liebster hat mir neulich eine schöne Allegorie zu diesem Thema erzählt. Er hatte seit einiger Zeit ein Problem mit sich herumgetragen, doch er hatte nie mit mir darüber geredet, bis wir einmal – in einem anderen Zusammenhang – dieses Thema streiften. Ich fragte ihn dann, warum er nicht mit mir gesprochen habe.
„Weil du nichts zur Lösung beitragen konntest und ich sah, dass ich es selbst würde lösen können“, antwortete er. „Warum hätte ich dich dann damit belasten sollen?
Unseren gemeinsamen Lebensweg kannst du dir vorstellen, als wären wir zusammen in einem Kanu auf einem Wildbach. Ich paddle auf der linken Seite, du auf der rechten. Ich passe auf der linken Seite auf, dass wir nicht gegen Felsen prallen, nicht in Stromschnellen geraten, schön auf Kurs bleiben, du tust das Gleiche auf deiner Seite.
Solange ich mit den Herausforderungen auf meiner Seite allein fertig werde, ist es unnötig, dass ich dich darüber informiere, dich damit belaste und nur davon ablenke, auf deiner Seite aufzupassen und alles richtig zu machen.
Wenn ich jedoch sehe, dass ich eine schwierige Situation nicht allein meistern kann, dann teile ich es dir mit und bitte dich um deine Hilfe.“

Das hat mich sehr berührt, denn es war nicht nur ein Zeichen von starker Selbstliebe, sondern auch von grosser Nächstenliebe – die beiden gehen ja immer Hand in Hand.
Ich habe mir diese Kanu-Allegorie gut eingeprägt und mir vorgenommen, in Zukunft nicht mehr über die Schwierigkeiten und Herausforderungen zu reden, bei denen ich keine Hilfe benötige oder keine Hilfe möglich ist.

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Die Schlange

Wir sind immer so bemüht darum, andere nicht zu verletzen, und lassen dabei lieber zu, dass wir selbst verletzt werden – anstatt uns abzugrenzen und zu uns selbst zu stehen. Yogananda erzählte dazu einmal eine nette Geschichte.

Auf einem Felsen, ausserhalb eines Dorfes, lebte eine Kobra, die schon viele Menschen durch ihren Biss getötet hatte. Deshalb baten die Dorfältesten einen heiligen Mann, etwas dagegen zu unternehmen.
Er ging zu der Schlange und sagte zu ihr: „Hör auf, die Leute meines Dorfes anzugreifen.“ Berührt durch die Kraft der spirituellen Liebe versprach sie es ihm.
Als der Heilige nach einer langen Wallfahrt zurückkehrte und am Felsen vorbeikam, fand er die Kobra verwundet und blutend da liegen. „Was ist mit dir geschehen?“, fragte er erstaunt.
Mit schwacher Stimme antwortete sie: „Die Kinder des Dorfes haben gemerkt, dass ich seit deinem Besuch harmlos bin. Jetzt werfen sie mit Steinen nach mir, sooft sie mich irgendwo entdecken.“
Der Heilige legte seine Hand auf die Schlange und heilte ihre Wunden. Dann lächelte er verschmitzt und sagte: „Ich habe dir auferlegt, nicht zu beissen – aber warum hast du nicht gezischt?“

Yogananda kommentierte die Geschichte wie folgt:
„Lass nicht zu, dass andere dich verletzen; du sollst kein Gift gegen sie sprühen, aber halte sie von dir fern, indem du klar und bestimmt mit ihnen sprichst.“

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Was einem so zufällt…

Eine chinesische Taogeschichte

In einem Dorf lebte ein Bauer, der ein Pferd besass und deshalb von den armen Leuten als wohlhabend angesehen wurde.
Eines Tages lief das Pferd davon. Wegen dieses Schicksalsschlags wurde der Bauer von allen bemitleidet. Er selbst meinte nur: „Mal sehen…“
Nach einer Woche kehrte das Pferd zurück, gefolgt von einigen Wildpferden. So besass der Bauer jetzt mehrere Tiere und die Dorfbewohner beglückwünschten ihn.
Wiederum meinte er selbst nur: „Mal sehen…“
Als sein Sohn versuchte, eines der Wildpferde zu reiten, warf es ihn ab und er brach sich das Bein. Auch diesmal beklagten die Menschen im Dorf das böse Schicksal, doch der Bauer meinte nur: „Mal sehen…“
Am nächsten Tag kamen Offiziere ins Dorf und rekrutierten alle jungen Männer für die Armee – nur den Sohn des Bauern nicht, denn er war ja verletzt.
Abermals freuten sich die Leute für den Bauern, weil sein Sohn nicht in den Krieg ziehen musste. Und auch jetzt meinte der Bauer nur: „Mal sehen…“

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Unzumutbar?

Ein lieber ausländischer Freund, mit dem ich mich gut verstehe und gerne zusammen bin, übernachtet von Zeit zu Zeit für eine Nacht, manchmal auch zwei Nächte, in meinem Gästezimmer, wenn er in der Nähe zu tun hat.
Nun hat er mir neulich erzählt, dass er sich demnächst eine ganze Woche geschäftlich in meiner Gegend aufhalten wird. Ich habe ihm angeboten, während dieser Zeit bei mir zu wohnen, und er hat meine Einladung dankbar angenommen.
Bei einem späteren Telefongespräch hat er mich dann allerdings gefragt, ob es mir nicht zu viel wäre, ihn eine ganze Woche lang zu beherbergen, ob er mir wirklich nicht zur Last falle. Ich musste ihn regelrecht davon überzeugen, dass ich mich über seine Anwesenheit freue.

Warum fällt es uns oft schwer, uns anderen zuzumuten? Ein Angebot oder Hilfe anzunehmen? Warum zieren wir uns, wollen es x Mal bestätigt haben, dass wir tatsächlich willkommen sind, das Angebot tatsächlich ehrlich ausgesprochen wurde? Warum meinen wir, zuerst ablehnen und uns dann überzeugen lassen zu müssen?

Weil wir uns selbst nicht für wertvoll genug halten. Wir glauben (unbewusst) nicht, dass andere unsere Gegenwart schätzen, gerne mit uns zusammen sind. Wir halten uns nicht für interessant, sympathisch, liebenswert genug.
Oder wir hegen Zweifel an der Aufrichtigkeit unserer Mitmenschen. Da wir selbst uns vielleicht nicht trauen, jemandem, der uns um einen Gefallen bittet, Nein zu sagen, oder uns nicht trauen, unsere Hilfe nicht anzubieten, wenn jemand sie erwartet, gehen wir davon aus, dass andere sich ebenso verhalten. Also lehnen wir ein Angebot ab, um nicht als unsensibel oder gar unverschämt zu gelten; auch weil wir nicht nur aus Mitleid oder wegen der Schwäche des anderen etwas bekommen wollen.
Manchmal nehmen wir etwas nicht an, weil wir nicht in jemandes Schuld stehen wollen – wir befürchten, dass wir eines Tages, wenn der Betreffende dann uns um einen Gefallen bittet, nicht den Mut haben werden, Nein zu sagen.

All diesen Verhaltensweisen liegt ein Mangel an Selbstliebe zu Grunde.
Es ist eine gute Übung zur Stärkung unserer Selbstliebe, angebotene Hilfe oder Geschenke oder Gefälligkeiten ohne Umschweife anzunehmen. Wir sollten einfach „Danke“ sagen, ohne vorher abzulehnen, ohne uns bitten zu lassen, ohne zu relativieren, ohne uns zu rechtfertigen oder entschuldigen. Einfach dankbar annehmen. Und uns überhaupt keine Gedanken darüber machen, ob der andere es tatsächlich ernst meint, wir ihn vielleicht später enttäuschen, er eine schlechte Meinung von uns bekommt und mehr dergleichen.

Trauen wir uns, uns anderen zuzumuten!

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Finsternis

Gestern erzählte mir eine Bekannte mit einem autistischen Kind von einem Vortrag zum Thema Autismus, den sie besucht hatte. Neben einigen ermunternden Informationen erfuhr sie auch, dass nur jedes zweite autistische Kind den Einstieg ins Berufsleben schafft. Das bedrückte sie sehr, steht ihr Junge mit seinen 15 Jahren doch genau an dieser Schwelle. Sie sagte: „Manchmal sehe ich überhaupt keine Zukunft, es macht mir Angst. Vor mir ist alles nur dunkel…“

Das haben wir alle schon einmal erlebt: eine Finsternis rund um uns, wo wir auch hinschauen, wir sehen keinen Ausweg aus einer schwierigen Lage, alles erscheint düster, nirgendwo ein Licht…

Doch was ist denn diese Dunkelheit, in der wir uns befinden? Nein, kein schwarzes Loch, kein Tunnel ohne Ende!
Wir wandern immer auf das Licht zu – und befinden uns nur gerade im Schatten, der von etwas Grossartigem und Wunderbarem geworfen wird, das vor uns auf unserem Weg liegt und auf uns wartet.

Verzagen wir deshalb nicht, gehen wir mutig weiter, auch wenn wir den Weg nicht richtig sehen, vertrauen wir darauf, dass wir geführt werden.
Und die Kraft, die momentane Dunkelheit zu ertragen und zu überstehen, wird uns ebenfalls gegeben. Wie es im Koran so schön heisst: Gott auferlegt keiner Seele mehr, als sie zu tragen vermag.

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Zitate von Sai Baba

Der indische Mystiker Satya Sai Baba, in Indien und auch bei uns sehr bekannt, ist am 24. April 2011 im Alter von 85 Jahren gestorben. Zu seinem Gedenken will ich heute einige seiner schönen und tiefen Aussagen zitieren.

Die Kerzen müssen im Innern des Menschen angezündet werden. Das ist wichtiger, als dies im Tempel zu tun.

Meerwasser ist salzig, wenn es direkt aus dem Meer genommen wird, und es kann mit Bücherweisheit verglichen werden. Flusswasser hat einen anderen Geschmack – es ist süss. Dieses Wasser kann man mit „Weisheit, durch Erfahrung erworben“ vergleichen. Die Weisheit, die durch Erfahrung euer eigen wird, ist höher zu bewerten als Bücherweisheit. Ihr könnt das Wissen, das ihr euch aus heiligen Büchern angeeignet habt, im täglichen Leben in die Praxis umsetzen und es dadurch in Weisheit verwandeln.

Ein Mann borgte sich Geld von einem anderen und versprach, es am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang zurückzugeben. Der andere Mann sagte: „Aber weisst du denn, ob die Sonne morgen auch wirklich aufgehen wird?“ Darauf erwiderte der Schuldner: „Kannst du denn sicher sein, dass ich morgen noch leben werde, um das Geld zurückzuzahlen, oder ob du noch leben wirst, um es in Empfang zu nehmen?“ Alles im Leben ist ungewiss.

Wenn ihr einem Menschen aus Liebe dient, könnt ihr jederzeit damit aufhören; aber wenn ihr Lohn dafür annehmt, seid ihr dazu verpflichtet, ob ihr wollt oder nicht. Gebt den Wunsch nach Entlohnung auf, dann seid ihr frei; wenn ihr sie annehmt, seid ihr gebunden. Das ist das Geheimnis selbstloser Pflichterfüllung.

Fühlen wir nicht Frieden, wenn ein Gedanke verebbt und kein anderer aufkommt? Ihr müsst diesen Augenblick suchen, eins mit ihm werden, darin zur Ruhe kommen; dort ist ununterbrochener Frieden. Gedanken entstehen und vergehen wie Kräuselwellen auf dem Wasser. Vergesst die Wellen, seht das Wasser.

Brütet niemals über die Vergangenheit. Wenn Kummer euch überkommt, erinnert euch nicht an ähnliche Vorkommnisse in der Vergangenheit, die euren Gram noch vergrössern. Erinnert euch statt dessen lieber an Augenblicke, in denen ihr glücklich wart. Gewinnt Trost und Kraft von solchen Erinnerungen und schwingt euch hoch über die wogenden Wellen des Leides.

Aus: Der Weg nach Innen (Herausgegeben von der Sathya Sai Vereinigung, 1993)

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Hör auf zu denken!

Im vorangehenden Text vom 19. April 2011 über die Schuldgefühle habe ich unter anderem erwähnt, dass wir uns dem Gedankenstrudel kaum mehr entziehen können, haben wir einmal angefangen, uns Selbstvorwürfe zu machen.
Diese kreisenden Gedanken kennen wir jedoch auch, wenn wir uns um etwas sorgen, über Geschehenes grübeln, Liebeskummer haben, uns eine schwierige Aufgabe bevorsteht und bei vielen anderen Gelegenheiten.
Ist die Denkmaschinerie einmal in Gang, hört sie nicht von selber wieder auf. Möglicherweise lässt sich dieses Phänomen dadurch erklären, dass die elektrischen Ströme im Gehirn automatisch weiterfliessen – wie es auch bei körperlichen Schmerzen geschehen kann, dass die einmal aktivierten Nerven weiterhin Schmerzmeldungen ans Gehirn senden, obwohl die Schmerzursache bereits beseitigt ist.

Jedenfalls gelingt es uns in den seltensten Fällen, die Gedanken allein durch unseren Willen abzustellen. Genauso wenig wie wir sie einfach zum Schweigen bringen können, wenn wir meditieren wollen, oder sie einfach abschweifen, wenn wir beispielsweise lesen, einen Film schauen oder einem langweiligen Redner zuhören.
Wir müssen die Gedankenströme umlenken, also unser Gehirn anderweitig beschäftigen. Dazu dient die Achtsamkeit. Wir richten unsere ganze Aufmerksamkeit auf das, was wir gerade tun – wir leben in der Gegenwart, ausschliesslich in der Sekunde, in der wir uns gerade befinden. Wir beobachten lediglich, wie es ein Aussenstehender tun würde, aber ganz intensiv, allerdings ohne über das Beobachtete nachzudenken oder es zu interpretieren. Sonst entfernen wir uns bereits wieder von der Realität und konstruieren uns eine gedankliche Scheinwirklichkeit; da können auch unsere vorherigen kreisenden Gedanken wieder eindringen.
Wenn Gedanken aufkommen – was mit der Zeit zwangsläufig eintreten wird –, beobachten wir auch diese wie ein Aussenstehender, wir betrachten sie als einen automatisierten Prozess in unserem Gehirn und lassen uns dadurch nicht mehr von ihnen vereinnahmen. Mit der Zeit hören sie dann auf zu fliessen.

Dazu noch ein paar Anhanltspunkte und Anregungen:
• Ich will mit den obigen Ausführungen nicht sagen, wir sollen nicht über ein Problem, das uns beschäftigt, nachdenken. Aber: Wenn wir eine Aufgabe bewältigen, ein Problem lösen müssen, dann denken wir an das Problem, an die Aufgabe, konstruktiv und analytisch. Und nicht daran, was passieren könnte, wenn wir keine Lösung finden, ob wir es rechtzeitig schaffen, warum wir uns bloss in diese Situation gebracht haben, was die anderen dazu sagen werden und an alle möglichen Konsequenzen!
• Betrachten wir die kreisenden Gedanken als ein automatisiertes Produkt des Gehirns, das aus gespeicherten Daten besteht; es hat nichts mit uns und mit der Wirklichkeit zu tun. Dadurch fallen auch die durch das Denken hervorgerufenen Emotionen weg, die uns weiter in den Strudel hineinziehen. Erst dann hören wir unsere innere Stimme, die uns das Richtige sagt.
• Zum Thema Selbstvorwürfe und Schuldgefühle. Was wir auch immer getan haben, was auch immer geschehen ist: Wenn wir jetzt darüber nachdenken, so betrachten wir das Vergangene aus der jetzigen Position. Jetzt besitzen wir mehr Informationen, aus der gemachten Erfahrung und der heutigen Sicht würden wir anders handeln – doch als die Vergangenheit unsere Gegenwart war, war es schlicht unmöglich. „Im Nachhinein ist man immer schlauer!“ habe ich im vorangehenden Artikel auf dieser Website bereits geschrieben, ich weiss. Aber man kann es nicht oft genug wiederholen, dass wir aus Vergangenem zwar unsere Erkenntnisse gewinnen, unsere Lehren ziehen sollen, ihm aber nicht gedanklich nachhängen, schon gar nicht mit Schuldgefühlen!
• Eine Methode, um aus den kreisenden Gedanken herauszufinden, habe ich in meiner Erzählung „Der Wanderer im dunklen Gewand“ (Seite 71) beschrieben.

„Weile in der Gegenwart des Seins, lass deinen Gedanken keinen Raum. Die äusseren Umstände sind weder gut noch schlecht, weder angenehm noch unangenehm – die Bewertung macht nur das Denken. – Sieh die Weide dort! Sei bei ihr, solange deine Augen auf ihr ruhen, nimm ihre geschwungenen in den Himmel gerichteten Ruten wahr, erkenne die lanzenförmige Gestalt ihrer Blätter, die senfgelbe Farbe ihrer Rinde. Die Weide ist in diesem Moment deine Gegenwart – dann ist kein Platz für Gedanken von Einsamkeit! Und wenn du einen Schritt weiter bist und die Weide deinem Blickfeld entschwunden, siehst du den grossen Stein im Wasser, wie die Strömung an ihm abreisst, kleine Wirbel und Gischt bildet…“ – Er gab sich dem Sehen hin, bis er tatsächlich nur noch Gegenwart war, reines Erleben, und dabei weder Freude noch Leid, nur noch Gleichmut empfand.

• Eine weitere Methode, um das Denken abzustellen, ist das Rezitieren von Mantras oder von Affirmationen; darauf will ich hier nicht näher eingehen, Anleitungen dazu finden sich viele im Internet.
• Und im obenstehenden Artikel habe ich Zitate von Sai Baba aufgeführt, von denen einige auch zum Thema Denken passen.

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Leiden oder Auferstehung?

Einige Gedanken zum bevorstehenden Osterfest

Zuerst die Kreuzigung und der Tod, danach die Auferstehung und das Leben – an beide will das christliche Osterfest erinnern. Auch in anderen, älteren Kulten findet sich dieses Schema des Leidens und der Überwindung des Leidens.
Sogar die Natur zeigt uns in dieser Jahreszeit deutlich, wie aus dem scheinbaren toten Holz neue Knospen erwachen und aufblühen, wie aus der brachen Erde junge, zarte Pflanzen spriessen.

Tatsächlich gehören beide zum Leben, das Leiden und die Auferstehung aus dem Leiden. Manchmal ist es allerdings nicht einfach, daran zu glauben, dass auch wieder bessere Zeiten kommen, wenn wir gerade in schweren stecken. Und doch… in jedem Leid ist auch Freude verborgen, wie ein krebskranker Freund von mir, der auf den Tod zuging, oft sagte.
Meistens erkennen wir es leider nicht. Beherzigen wir deshalb die weisen Worte von André Gide, die ich nicht zum ersten Mal zitiere:

Es entspricht einem Lebensgesetz: Wenn sich eine Tür vor uns schliesst, öffnet sich eine andere. Die Tragik ist jedoch, dass man auf die geschlossene Tür blickt und die geöffnete nicht beachtet.

Ich wünsche euch allen frohe Ostertage – lasst den Karfreitag schnell hinter euch und öffnet euch der Auferstehung, der Erneuerung, der Überwindung des Leidens.

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