Zitate von Sai Baba

Der indische Mystiker Satya Sai Baba, in Indien und auch bei uns sehr bekannt, ist am 24. April 2011 im Alter von 85 Jahren gestorben. Zu seinem Gedenken will ich heute einige seiner schönen und tiefen Aussagen zitieren.

Die Kerzen müssen im Innern des Menschen angezündet werden. Das ist wichtiger, als dies im Tempel zu tun.

Meerwasser ist salzig, wenn es direkt aus dem Meer genommen wird, und es kann mit Bücherweisheit verglichen werden. Flusswasser hat einen anderen Geschmack – es ist süss. Dieses Wasser kann man mit „Weisheit, durch Erfahrung erworben“ vergleichen. Die Weisheit, die durch Erfahrung euer eigen wird, ist höher zu bewerten als Bücherweisheit. Ihr könnt das Wissen, das ihr euch aus heiligen Büchern angeeignet habt, im täglichen Leben in die Praxis umsetzen und es dadurch in Weisheit verwandeln.

Ein Mann borgte sich Geld von einem anderen und versprach, es am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang zurückzugeben. Der andere Mann sagte: „Aber weisst du denn, ob die Sonne morgen auch wirklich aufgehen wird?“ Darauf erwiderte der Schuldner: „Kannst du denn sicher sein, dass ich morgen noch leben werde, um das Geld zurückzuzahlen, oder ob du noch leben wirst, um es in Empfang zu nehmen?“ Alles im Leben ist ungewiss.

Wenn ihr einem Menschen aus Liebe dient, könnt ihr jederzeit damit aufhören; aber wenn ihr Lohn dafür annehmt, seid ihr dazu verpflichtet, ob ihr wollt oder nicht. Gebt den Wunsch nach Entlohnung auf, dann seid ihr frei; wenn ihr sie annehmt, seid ihr gebunden. Das ist das Geheimnis selbstloser Pflichterfüllung.

Fühlen wir nicht Frieden, wenn ein Gedanke verebbt und kein anderer aufkommt? Ihr müsst diesen Augenblick suchen, eins mit ihm werden, darin zur Ruhe kommen; dort ist ununterbrochener Frieden. Gedanken entstehen und vergehen wie Kräuselwellen auf dem Wasser. Vergesst die Wellen, seht das Wasser.

Brütet niemals über die Vergangenheit. Wenn Kummer euch überkommt, erinnert euch nicht an ähnliche Vorkommnisse in der Vergangenheit, die euren Gram noch vergrössern. Erinnert euch statt dessen lieber an Augenblicke, in denen ihr glücklich wart. Gewinnt Trost und Kraft von solchen Erinnerungen und schwingt euch hoch über die wogenden Wellen des Leides.

Aus: Der Weg nach Innen (Herausgegeben von der Sathya Sai Vereinigung, 1993)

Hör auf zu denken!

Im vorangehenden Text vom 19. April 2011 über die Schuldgefühle habe ich unter anderem erwähnt, dass wir uns dem Gedankenstrudel kaum mehr entziehen können, haben wir einmal angefangen, uns Selbstvorwürfe zu machen.
Diese kreisenden Gedanken kennen wir jedoch auch, wenn wir uns um etwas sorgen, über Geschehenes grübeln, Liebeskummer haben, uns eine schwierige Aufgabe bevorsteht und bei vielen anderen Gelegenheiten.
Ist die Denkmaschinerie einmal in Gang, hört sie nicht von selber wieder auf. Möglicherweise lässt sich dieses Phänomen dadurch erklären, dass die elektrischen Ströme im Gehirn automatisch weiterfliessen – wie es auch bei körperlichen Schmerzen geschehen kann, dass die einmal aktivierten Nerven weiterhin Schmerzmeldungen ans Gehirn senden, obwohl die Schmerzursache bereits beseitigt ist.

Jedenfalls gelingt es uns in den seltensten Fällen, die Gedanken allein durch unseren Willen abzustellen. Genauso wenig wie wir sie einfach zum Schweigen bringen können, wenn wir meditieren wollen, oder sie einfach abschweifen, wenn wir beispielsweise lesen, einen Film schauen oder einem langweiligen Redner zuhören.
Wir müssen die Gedankenströme umlenken, also unser Gehirn anderweitig beschäftigen. Dazu dient die Achtsamkeit. Wir richten unsere ganze Aufmerksamkeit auf das, was wir gerade tun – wir leben in der Gegenwart, ausschliesslich in der Sekunde, in der wir uns gerade befinden. Wir beobachten lediglich, wie es ein Aussenstehender tun würde, aber ganz intensiv, allerdings ohne über das Beobachtete nachzudenken oder es zu interpretieren. Sonst entfernen wir uns bereits wieder von der Realität und konstruieren uns eine gedankliche Scheinwirklichkeit; da können auch unsere vorherigen kreisenden Gedanken wieder eindringen.
Wenn Gedanken aufkommen – was mit der Zeit zwangsläufig eintreten wird –, beobachten wir auch diese wie ein Aussenstehender, wir betrachten sie als einen automatisierten Prozess in unserem Gehirn und lassen uns dadurch nicht mehr von ihnen vereinnahmen. Mit der Zeit hören sie dann auf zu fliessen.

Dazu noch ein paar Anhanltspunkte und Anregungen:
• Ich will mit den obigen Ausführungen nicht sagen, wir sollen nicht über ein Problem, das uns beschäftigt, nachdenken. Aber: Wenn wir eine Aufgabe bewältigen, ein Problem lösen müssen, dann denken wir an das Problem, an die Aufgabe, konstruktiv und analytisch. Und nicht daran, was passieren könnte, wenn wir keine Lösung finden, ob wir es rechtzeitig schaffen, warum wir uns bloss in diese Situation gebracht haben, was die anderen dazu sagen werden und an alle möglichen Konsequenzen!
• Betrachten wir die kreisenden Gedanken als ein automatisiertes Produkt des Gehirns, das aus gespeicherten Daten besteht; es hat nichts mit uns und mit der Wirklichkeit zu tun. Dadurch fallen auch die durch das Denken hervorgerufenen Emotionen weg, die uns weiter in den Strudel hineinziehen. Erst dann hören wir unsere innere Stimme, die uns das Richtige sagt.
• Zum Thema Selbstvorwürfe und Schuldgefühle. Was wir auch immer getan haben, was auch immer geschehen ist: Wenn wir jetzt darüber nachdenken, so betrachten wir das Vergangene aus der jetzigen Position. Jetzt besitzen wir mehr Informationen, aus der gemachten Erfahrung und der heutigen Sicht würden wir anders handeln – doch als die Vergangenheit unsere Gegenwart war, war es schlicht unmöglich. „Im Nachhinein ist man immer schlauer!“ habe ich im vorangehenden Artikel auf dieser Website bereits geschrieben, ich weiss. Aber man kann es nicht oft genug wiederholen, dass wir aus Vergangenem zwar unsere Erkenntnisse gewinnen, unsere Lehren ziehen sollen, ihm aber nicht gedanklich nachhängen, schon gar nicht mit Schuldgefühlen!
• Eine Methode, um aus den kreisenden Gedanken herauszufinden, habe ich in meiner Erzählung „Der Wanderer im dunklen Gewand“ (Seite 71) beschrieben.

„Weile in der Gegenwart des Seins, lass deinen Gedanken keinen Raum. Die äusseren Umstände sind weder gut noch schlecht, weder angenehm noch unangenehm – die Bewertung macht nur das Denken. – Sieh die Weide dort! Sei bei ihr, solange deine Augen auf ihr ruhen, nimm ihre geschwungenen in den Himmel gerichteten Ruten wahr, erkenne die lanzenförmige Gestalt ihrer Blätter, die senfgelbe Farbe ihrer Rinde. Die Weide ist in diesem Moment deine Gegenwart – dann ist kein Platz für Gedanken von Einsamkeit! Und wenn du einen Schritt weiter bist und die Weide deinem Blickfeld entschwunden, siehst du den grossen Stein im Wasser, wie die Strömung an ihm abreisst, kleine Wirbel und Gischt bildet…“ – Er gab sich dem Sehen hin, bis er tatsächlich nur noch Gegenwart war, reines Erleben, und dabei weder Freude noch Leid, nur noch Gleichmut empfand.

• Eine weitere Methode, um das Denken abzustellen, ist das Rezitieren von Mantras oder von Affirmationen; darauf will ich hier nicht näher eingehen, Anleitungen dazu finden sich viele im Internet.
• Und im obenstehenden Artikel habe ich Zitate von Sai Baba aufgeführt, von denen einige auch zum Thema Denken passen.

Leiden oder Auferstehung?

Einige Gedanken zum bevorstehenden Osterfest

Zuerst die Kreuzigung und der Tod, danach die Auferstehung und das Leben – an beide will das christliche Osterfest erinnern. Auch in anderen, älteren Kulten findet sich dieses Schema des Leidens und der Überwindung des Leidens.
Sogar die Natur zeigt uns in dieser Jahreszeit deutlich, wie aus dem scheinbaren toten Holz neue Knospen erwachen und aufblühen, wie aus der brachen Erde junge, zarte Pflanzen spriessen.

Tatsächlich gehören beide zum Leben, das Leiden und die Auferstehung aus dem Leiden. Manchmal ist es allerdings nicht einfach, daran zu glauben, dass auch wieder bessere Zeiten kommen, wenn wir gerade in schweren stecken. Und doch… in jedem Leid ist auch Freude verborgen, wie ein krebskranker Freund von mir, der auf den Tod zuging, oft sagte.
Meistens erkennen wir es leider nicht. Beherzigen wir deshalb die weisen Worte von André Gide, die ich nicht zum ersten Mal zitiere:

Es entspricht einem Lebensgesetz: Wenn sich eine Tür vor uns schliesst, öffnet sich eine andere. Die Tragik ist jedoch, dass man auf die geschlossene Tür blickt und die geöffnete nicht beachtet.

Ich wünsche euch allen frohe Ostertage – lasst den Karfreitag schnell hinter euch und öffnet euch der Auferstehung, der Erneuerung, der Überwindung des Leidens.

Misserfolge und Schuldgefühle

Wenn du auf Schwierigkeiten triffst oder Misserfolge erleidest, die nicht von deinem eigenen Verschulden herrühren, brauchst du dich nicht zu sorgen.
(Übersetzt aus Sri Aurobindo: Letters on Yoga I)

Wie oft empfinden wir doch Schuldgefühle, wenn wir einen sogenannten Fehler machen, wenn Dinge nicht so laufen, wie sie sollten, wenn andere vermeintlich wegen uns leiden oder Probleme haben!
Dann werfen wir uns alles Mögliche vor, können die kreisenden Gedanken kaum mehr abstellen und geraten in einen Strudel, in dem wir uns schlecht fühlen und aus dem wir nur mit Mühe oder mit der Zeit herausfinden.

Selbstvorwürfe und Schuldgefühle sollten wir generell nicht aufkommen lassen, denn sie nützen nichts – weder einem betroffenen Mitmenschen noch uns selbst. Kritisch und ehrlich die Situation anschauen, erkennen ob wir anders hätten handeln sollen und falls ja, es uns selbst und anderen eingestehen, uns vielleicht dafür entschuldigen, uns vornehmen, es das nächste Mal besser zu machen – ja, das sollten wir tun. Und es dann dabei bewenden lassen, nicht mehr daran denken, nicht mehr darüber reden, nicht zulassen, dass andere es uns weiterhin vorhalten.

Falls wir tatsächlich gefehlt haben! Denn wie oft fühlen wir uns schlecht, wenn Schwierigkeiten auftauchen, uns Missgeschicke oder sogenannte Fehler passieren, jemand angeblich wegen uns leidet, ohne dass wir etwas dafür können! Wir neigen dazu, uns die Schuld für dies und das aufzuladen, obwohl wir es gar nicht hätten verhindern, nichts hätten besser machen können.
Genau das meint Sri Aurobindo im obigen Zitat. Wenn wir uns Mühe geben, das tun, was in unserer Macht steht, nach bestem Wissen und Gewissen handeln: Warum sollten wir uns dann verantwortlich fühlen für das, was dabei herauskommt? Selbst wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass wir einen sogenannten Fehler begangen haben. Nachher ist man immer schlauer, im Rückblick ist es leicht zu kritisieren und es besser zu wissen!

Wenn wir es schon nicht lassen können, uns Vorwürfe zu machen für das, was aus unserer Nachlässigkeit, Unachtsamkeit oder aus unserem schlechten Willen entsteht – dann nehmen wir uns heute und für alle Zukunft wenigstens vor, uns nicht mehr verantwortlich zu fühlen für all das, wofür wir keine Schuld tragen.
Treten nämlich Schwierigkeiten oder Misserfolge auf, obwohl wir uns redlich bemüht haben, so haben sie bestimmt nicht den Sinn, uns Schuldgefühle aufzuladen, sondern den Sinn, uns etwas zu lehren, damit wir uns mit den Problemen auseinandersetzen und sie bewältigen oder gleichmütig ertragen.

Alles macht Sinn

Alles macht Sinn, das Leben kennt keine Verschwendung.

Dieser vielsagende Spruch hat einmal eine Teilnehmerin eines meiner Kurse zitiert. Gerade ist mir „zufälligerweise“ der Zettel, auf dem ich ihn mir seinerzeit notiert hatte, wieder in die Hände gefallen, während ich nachdachte, worüber ich heute auf dieser Website schreiben soll. Den Wink des Zufalls nehme ich gerne an!

Nichts geschieht „einfach so“, alles hat eine Bedeutung, einen Zweck, einen Sinn.
Wenn…
… ich mir eine Grippe hole und das Bett hüten muss – hat es einen Sinn;
… ich von einer schweren Krankheit vollständig genese – hat es einen Sinn;
… ich eine grosse Erbschaft mache – hat es einen Sinn;
… ich meinen Job verliere – hat es einen Sinn;
… mich der Chef lobt – hat es einen Sinn;
… mich der Chef zurechtweist – hat es einen Sinn;
… das Wetter umschlägt und ich meine Wochenendpläne nicht verwirklichen kann – hat es einen Sinn;
… das Wetter schön bleibt und ich meinen Wochenendausflug machen kann – hat es einen Sinn;
… mich unsterblich verliebe in den wundervollsten Mann der Welt – hat es einen Sinn;
… mein Partner mich verlässt – hat es einen Sinn;
… ich hungrig bin und nichts im Kühlschrank habe – hat es einen Sinn;
… ich hungrig bin und ein Freund unerwartet mit einer Pizza vorbeikommt – hat es einen Sinn;
… mir der Zug vor der Nase wegfährt – hat es einen Sinn;
… ich den Zug noch erwische, weil er verspätet ist – hat es einen Sinn;
… mein Telefon kaputt geht, obwohl ich einen wichtigen Anruf machen wollte – hat es einen Sinn;
… mein Telefon erst kaputt geht, nachdem ich noch einen wichtigen Anruf bekommen habe – hat es einen Sinn;
…………………………… alles hat eine Bedeutung, einen Zweck, einen Sinn. Das Leben kennt keine Verschwendung, es lässt keine Gelegenheit aus, uns etwas zu lehren, uns voranzutreiben, durch Freude und durch Schmerz, durch Herausforderungen und Leichtigkeit.

Wir sind es, die manchmal eine vom Leben gebotene Gelegenheit, verschwenden. Weil wir…
… sie als unbedeutend oder banal betrachten;
… unachtsam sind und sie deshalb nicht wahrnehmen;
… sie als „negativ“ bewerten und nicht das Gute darin sehen;
… sie als unangenehm, als Strafe, als Schicksalsschlag bewerten;
… sie als selbstverständlich annehmen, wie meistens bei den angenehmen Dingen, die wir erleben;
…………………………… weil wir vergessen, dass alles einen Sinn hat, und nicht darauf vertrauen, dass wir in jedem Augenblick genau das bekommen, was das Beste für uns ist.

Gegen den Strom

Einen interessanten Artikel über Gruppendruck, Mitläufer und kollektive Glaubenssysteme habe ich neulich gelesen.*
Darin wird von verschiedenen Versuchen berichtet, in denen gezeigt wird, wie stark wir Menschen uns vom Urteil der Mehrheit beeinflussen lassen. Ich erzähle hier nur eines dieser Experimente.

52 Personen sollten drei verschiedene Weinproben beurteilen. In Wirklichkeit waren alle drei gleich, nur der Probe C wurde Essig beigemischt, sodass sie ungeniessbar wurde.
Wenn die Testpersonen die Weine für sich allein degustierten, erkannten sie problemlos C als schlecht.
Man liess dann die Teilnehmer den Wein zusammen mit einer Gruppe von angeblichen Weinexperten degustieren, die absichtlich die Probe B als ungeniessbar nannten. Unter diesem Gruppendruck liess sich mehr als jeder zweite Teilnehmer dazu hinreissen, ebenfalls die Probe B als schlecht zu bezeichnen.
Schlimmer noch: Ausgerechnet diese Personen hackten nachher bei der Gruppendiskussion am heftigsten auf der Unfähigkeit derjenigen herum, die – richtigerweise – den Wein C als schlecht beurteilt hatten. Das lässt sich damit erklären, dass sich diejenigen, die ihre Meinung geändert haben, unsicher fühlen und dies dadurch zu überspielen versuchen, indem sie ihre Überzeugung fanatischer vertreten und andere niedermachen.

Beträfe diese Situation, dass wir uns dem Urteil der Mehrheit angleichen, nur harmlose Weindegustationen, so wäre das ja nicht weiter tragisch. Dieses Phänomen tritt jedoch im alltäglichen Leben öfter auf, als wir annehmen, und zwar mit weitreichenden Konsequenzen. Wenn der Lehrer in der Schule etwas erklärt hat und daraufhin fragt, ob es Fragen dazu gebe, streckt meistens keiner auf. Obwohl viele den Stoff nicht begriffen haben, schliesst jeder daraus, er sei der einzige, der nichts verstanden hat und hält sich für dumm und unfähig.
Das Gleiche geschieht mit Glaubenssystemen, die scheinbar von der Mehrheit akzeptiert werden, weil sich doch niemand dagegen auflehnt: von einem ungerechten Chef am Arbeitsplatz bis hin zu religiösem Fundamentalismus. Gewisse politische Kampagnen verdanken ihren Erfolg nicht zuletzt den „lauten“, vielleicht prominenten Stimmen der einen Seite, die Mitläufer anziehen – und zugleich dem Schweigen der Mehrheit.

Es ist nicht leicht, diesem Gruppendruck zu entkommen; gemäss Studien haben weder Bildung, Beruf, Alter, Einkommen noch andere Paramter Einfluss darauf.
Nur Menschen, die ein starkes eigenes Glaubenssystem haben, wiederstehen der „falschen Wahrheit der Mehrheit“.

Deshalb ist es so wichtig, dass Selbstliebe und Selbstwertgefühl in uns stark und lebendig sind. Lassen wir uns nie in unserer Überzeugung beirren, wenn wir etwas für richtig oder für falsch halten! Und wenn alle anderen das Gegenteil behaupten: Haben wir den Mut, gegen den Strom zu schwimmen!
Auch wenn wir einmal einen sogenannten Fehler machen, weil wir nicht auf die anderen, sondern nur auf uns selbst gehört haben, ist das überhaupt nicht schlimm. Abgesehen davon, dass wir daraus lernen, wiegt die Tatsache, dass wir uns selbst vertraut haben, uns selbst treu geblieben sind, jeden „Fehler“ auf!

* Artikel: Betonkopf auf dem Wendehals von Rolf Degen, erschienen in Bild der Wissenschaft 4/2011.

Das Spiel des Lebens ist perfekt!

Kennt ihr das auch?
• Ihr habt eine Verabredung, auf die ihr euch sehr freut, doch sie wird dann abgesagt, und ihr seid enttäuscht oder traurig.
• Ihr habt eine Verabredung getroffen oder seid eine andere Verpflichtung eingegangen, doch später habt ihr keine Lust mehr, oder es wird euch zuviel, oder…

Mir passiert so etwas von Zeit zu Zeit, und gerade heute ist mir dabei wieder einmal bewusst geworden, wie perfekt und leicht es mit Urvertrauen läuft! Ich erzähle euch meine zwei letzten Erfahrungen.

Ich habe seit vielen Jahren einen regelmässigen Abend, einmal pro Monat, mit einer befreundeten Familie, die ich schätze und mit der ich gerne zusammen bin. Darauf freue ich mich jedesmal sehr.
Neulich stand ich am Morgen des Treffens auf und spürte – mit grossem Erstaunen –, dass ich überhaupt keine Lust hatte auf diesen Abend. Es gab keinen offensichtlichen Grund dafür, ich konnte es mir nicht erklären und, ich gebe es zu, ich habe mir schon Gedanken darüber gemacht, was denn plötzlich mit mir los sei.
Bald rief diese Freundin an und erklärte mir, der heutige Abend müsse ausfallen, sie seien alle stark erkältet, das Kind sogar mit Fieber im Bett.
Normalerweise hätte ich diese Absage bedauert, wäre etwas traurig darüber gewesen. An jenem Tag hat es mir hingegen überhaupt nichts ausgemacht, ich war eher erleichtert und froh darüber!
Ich bin davon überzeugt, dass meine unbegründete Unlust eine Schutzmassnahme meiner Seele war, um mir die Enttäuschung zu ersparen – als „allwissendes Wahrheitsorgan“ wusste sie natürlich vorher schon, dass der Abend nicht stattfinden würde.
Ähnliches habe ich bei Geplantem und bei Verabredungen schon oft erlebt, immer in gleicher Form: Wenn ich keine Lust mehr auf etwas habe oder mir etwas dazwischen kommt, dann wird es von anderer Seite abgesagt oder fällt aus irgendwelchen Gründen, die nicht in meiner Macht liegen, ins Wasser.
Es ist auch schon vorgekommen, dass ich etwas abgesagt habe – manchmal mit ein bisschen schlechtem Gewissen – und der andere hat mir sofort gesagt, dass er ebenfalls froh darüber sei oder der Termin ihm auch nicht mehr passe!

Bei meinem heutigen Erlebnis liegt der Fall etwas anders. Seit mehreren Wochen habe ich viel Arbeit, und auch die vergangenen Wochenenden waren recht intensiv, sodass ich mir eigentlich eines wünsche, an dem nichts läuft und ich ausspannen kann. Für das nächste verlängerte Wochenende habe ich allerdings schon vor Monaten liebe Freunde eingeladen, die ich nur zwei bis drei Mal pro Jahr sehe, und obwohl ich mich auf ihr Kommen sehr freue, spüre ich auch meine Müdigkeit und mein Bedürfnis nach etwas Ruhe. Doch diese Verabredung hätte ich nie abgesagt, zumal es immer schwierig ist, dass wir einen passenden Termin zusammen finden.
Nun, ihr ahnt es schon, meinen Freunden ist etwas dazwischen gekommen und sie haben heute unser Treffen verschoben. Was für mich perfekt stimmt!

Mit tiefer Dankbarkeit erkenne ich einmal mehr, wie sich alles zusammenfügt, wenn wir das Leben fliessen lassen, wenn wir annehmen, was uns gegeben wird, und nicht immer selber alles steuern und im Griff haben wollen. Einfach darauf vertrauen, dass es so kommt, wie es gut und richtig ist.

Selbstliebe – ein Element der glücklichen Liebesbeziehung

Liebesbeziehungen – ein wichtiger Lebensbereich, der viel zu unserem Glück oder zu unserem Leid beiträgt. Im Zusammenhang mit der Selbstliebe will ich deshalb heute auf zwei auf den ersten Blick banale Weisheiten eingehen, die ich auf dieser Website schon öfters zitiert habe*:

• Wer sich nicht selbst liebt, muss sich lieben lassen.
• Wer sich selbst nicht liebt, kann auch andere nicht richtig lieben.

Beide Faktoren, das Bedürfnis nach Liebe und die Unfähigkeit zu wahrer Liebe, verhindern, dass wir in unserer Beziehung glücklich sind.

Wenn wir die Liebe des Partners brauchen, machen wir uns von ihm abhängig. Das führt zu einer mehr oder weniger offenkundigen, ständig vorhandenen Angst, den Geliebten zu verlieren, was Eifersucht, Machtspiele und mehr an destruktiven Verhaltensweisen mit sich bringt; über kurz oder lang vergiften diese die Beziehung, sodass wir den geliebten Menschen tatsächlich verlieren.
Umgekehrt tun wir alles, um den Geliebten an uns zu binden, auch eine Menge Dinge, die wir gar nicht tun möchten, was wiederum uns selbst nicht gut tut – bis wir es nicht mehr aushalten und die Beziehung auflösen oder es gar so weit kommen lassen, dass wir daran zerbrechen.

Aus der Verlustangst entsteht auch unsere Angst, dem geliebten Menschen nicht zu genügen: nicht schön oder attraktiv genug zu sein, seinem Idealbild nicht zu entsprechen, die Erwartungen in Bezug auf Sex, Witz, Bildung, Intelligenz nicht zu erfüllen… und dass er sich deshalb früher oder später von uns abwenden könnte. Dieser Angst entstammt unser Bedürfnis, von ihm immer wieder bestätigt zu bekommen, dass wir schön, unterhaltsam, interessant usw. sind, dass er uns liebt und begehrt – tut er das nach unserem Ermessen nicht in ausreichendem Mass, zweifeln wir an uns (und an ihm!). Das führt zu Konflikten.
Zu weiteren Konflikten kommt es, weil wir das, was er sagt oder tut, oft auf dem Hintergrund dieser Angst, nicht zu genügen, bewerten und dabei zu völlig irrationalen oder einseitigen Schlüssen kommen und entsprechend übertrieben reagieren.

All das macht uns unglücklich, wir fühlen uns verzweifelt und ohnmächtig. Oder dann „arbeiten“ wir daran, den Partner zu ändern, ihn zu einem Idealbild umzuformen, zu einem Menschen, der nie etwas falsch macht, uns nie verletzt, uns 24 Stunden pro Tag von seiner ewigen Liebe überzeugt… Unnötig zu sagen, dass dies unmöglich ist. Kein Mensch wird je unserem Perfektionsideal entsprechen und uns die Sicherheit geben können, die wir suchen – und selbst wenn, wir würden es nicht merken und ihn weiterhin zu verändern versuchen, da unsere Wahrnehmung auf der Basis unserer Verlustangst verzerrt ist und wir nach wie vor „Mängel“ in ihm sähen, sehen wollten.

Also, was nun? Wie finden wir zu einer Liebesbeziehung, die uns glücklich macht? Indem wir uns in erster Linie selbst lieben.

Ich will versuchen, in aller Kürze einige Anregungen zu geben – sie werden nie für alle stimmen und nicht für jede Situation. Also spürt in euch selbst, was für eure individuelle Lage anwendbar ist und was nicht.
In meinen folgenden Erörterungen klammere ich ferner den Fall aus, in dem der Partner existentielle Werte missachtet (er ist z.B. gewalttätig, wiederholt untreu, einer Sucht verfallen usw.), sodass eine Trennung meistens die einzige Lösung ist. Es geht hier vielmehr um die „normalen“, alltäglichen Beziehungsgeschichten.

• Unterlassen wir alle Versuche, den Partner zu ändern, und arbeiten wir stattdessen an uns selbst, bemühen wir uns insbesondere, unsere Selbstliebe, unser Selbstwertgefühl aufzubauen und zu stärken; auf dieser Website finden sich viele Hinweise dazu. Unter anderem sollten wir uns (im Sinne einer „Selbstüberzeugung“ mit dem Ziel der Selbstveränderung) immer wieder selbst Dinge sagen wie:
– Ich brauche die Liebe meines Partners nicht, es ist zwar schön, wenn er mich liebt – wenn aber nicht, dann wird jemand anders mich lieben, es wird immer jemanden geben, für den ich wichtig und liebenswert bin;
– Ich bin genau richtig, so wie ich bin; wenn mein Partner mich anders haben möchte, so liegt das an seinen individuellen Vorstellungen, denen ich nicht genügen muss, sie sind nicht der allgemeingültige Massstab;
– Ich habe keine Angst, meinen Partner zu verlieren; viel wichtiger und beglückender ist, dass ich mir selbst treu bleibe;
– und mehr dergleichen.

• Hören wir auf, in alles, was der Partner sagt oder tut, etwas hineinzuinterpretieren und auf uns zu beziehen; wenn uns etwas nicht klar ist, fragen wir ihn, ansonsten kämpfen wir mit all unserer Kraft dagegen an, zu grübeln und uns dem Teufelskreis unserer Gedanken und Gefühle auszuliefern.

• Hören wir auch auf, den Partner ständig zu be- und verurteilen – akzeptieren wir ihn, so wie er ist. Wir möchten doch auch, dass er uns annimmt und liebt, wie wir sind! Wir sind doch alle nur schwache Menschen, die sich so verhalten, wie sie es halt vermögen, wie sie es gelernt haben…
Seien wir versöhnlich und nachsichtig. Wenn er etwas sagt oder tut, das uns nicht gefällt oder uns gar verletzt, versuchen wir zu verstehen, warum er es tut, und augenblicklich zu verzeihen – meistens ist es doch gar nicht böswillig gegen uns gerichtet, sondern geschieht aus seinem eigenen Unvermögen, aus Unkenntnis, vielleicht zwar aus Unachtsamkeit oder Nachlässigkeit, jedenfalls nicht um uns wehzutun. In diesem Zusammenhang nochmals: Beziehen wir nicht immer alles so eng auf uns selbst! Auch dazu brauchen wir ein gesundes Selbstwertgefühl, damit wir uns dabei nicht schwach, entwürdigt, zurückgewiesen vorkommen.

• Bemühen wir uns in jedem Augenblick darum, wahrhaft vorbehaltlos zu lieben. Vorbehaltlos lieben heisst im wahren Sinne des Wortes „keine Vorbehalte haben“: Unsere Liebe hängt folglich nicht davon ab, wie sich der Partner verhält. Selbst wenn wir wütend sind, enttäuscht, traurig, verletzt: Diese Gefühle richten wir auf sein Verhalten, seine Worte, seine Tat, aber nicht auf ihn als Menschen. Egal was er sagt, egal was er tut, das ändert nichts an unserer Liebe.

• Bemühen wir uns in jedem Augenblick darum, wahrhaft bedingungslos zu lieben. Bedingungslos lieben heisst im wahren Sinne des Wortes „keine Bedingungen stellen“: Wir lieben ihn nicht, weil… wenn… sofern… Wir lieben ihn einfach. Es macht uns glücklich zu lieben, nicht weil wir etwas dafür bekommen – genau betrachtet, nicht einmal, um wiedergeliebt zu werden. Das ist nicht einfach, zugegeben, dafür müssen wir hart an uns selbst arbeiten.
Wir haben also auch keine Erwartungen, stellen keine Forderungen. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Wünsche nicht äussern sollen – aber als Wunsch, nicht als Forderung. Und die Erwartungen lassen wir sofort fallen: Wenn unser Wunsch, ein ausgesprochener oder unausgesprochener, vom Partner erfüllt wird, gut; wenn nicht, so nehmen wir es nicht persönlich (auch dazu brauchen wir unsere Selbstliebe!) und es ändert nichts an unserer inneren Zufriedenheit. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch der nächste Punkt:

• Bei aller Selbstliebe: Uns selbst zu lieben, bedeutet nicht, unseren sogenannten oder vermeintlichen Bedürfnissen ein riesiges Gewicht zu verleihen. Elementare Bedürfnisse sollen wir nicht vernachlässigen, das ist richtig und wichtig! Aber es ist vielmehr ein Zeichen von Selbstliebe und Stärke, wenn wir unsere „Bedürfnisslein“ nicht so ernst nehmen, sie nicht zur Staatsaffäre aufbauschen und sie einfach loslassen. Meistens tragen sie nämlich überhaupt nichts zu unserem wahren Glück bei, wenn sie erfüllt werden.

Zum Schluss noch etwas Grundlegendes: Es ist nicht die Pflicht oder Aufgabe unseres Partners, uns glücklich zu machen. Glücklichsein lässt sich nicht delegieren, das können ausschliesslich wir selbst tun. Und in diesem Zusammenhang abschliessend eine radikale Äusserung meinerseits: Wenn es uns nicht gelingt, in einer „schwierigen“ Beziehung, mit einem „unvollkommenen“ Partner glücklich zu werden, wird es uns in einer einfachen, mit einem „perfekten“ Partner auch nicht gelingen. Wie der Dichter sagt: Wenn du dein Glück in der Hölle nicht findest, findest du es auch nicht im Paradies. An uns liegt es, an unserer Selbstliebe, nicht an den äusseren Umständen.

* Hier findet ihr weitere Aspekte zu diesen Aussagen:
Anhaftung und Abhängigkeit
Warum Beziehungen zerbrechen
Wieder einmal zum Thema Nächstenliebe
Liebe „sammeln“

Innere Leere und die Sehnsucht nach wahrer Liebe

In den letzten Monaten bin ich mehrmals auf das Thema einer undefinierbaren Einsamkeit in Verbindung mit dem Wunsch nach einer tiefen, wahren Liebe angesprochen worden – und zwar immer von Männern zwischen 50 und 65 Jahren. Mit dem heutigen Artikel löse ich mein Versprechen ein, das ich einem dieser Männer gegen Ende des letzten Jahres gegeben habe, nämlich einmal spezifisch etwas über dieses Thema zu schreiben.

Eine der treffendsten Formulierungen, die ich in diesem Zusammenhang gehört habe: „Ich erlebe ein Gefühl der inneren Leere und einen Mangel an einer tiefen und befriedigenden Liebe, dies obwohl mein Umfeld äusserlich sehr viele positive Aspekte hat.“

Die Erfahrung, dass alles Äussere stimmte, beruflich, privat, finanziell, und mir trotzdem etwas fehlte und ich nicht zutiefst glücklich war, habe ich schon früh in meinem Leben gemacht, und diese Empfindung ist periodisch immer wieder aufgetreten. Ich habe es einmal wie folgt formuliert:

Trotz einer glücklichen Partnerschaft und Erfüllung im Beruf, trotz Freunden und Freizeitbeschäftigungen, ob­wohl es ihnen an nichts mangelt, sie alles haben um glücklich zu sein, empfinden einige Menschen eine leise, stets vorhandene Einsamkeit oder diese überfällt sie von Zeit zu Zeit. Dann spüren sie, dass das äusserlich glück­liche Leben ihnen nicht genügt oder dass kein Mensch ihnen geben kann, wonach sie dürsten – oft wissen sie selbst nicht, was ihnen eigentlich fehlt, wonach sie suchen, es ist vielmehr eine unbestimmte Empfindung, eine unerklärliche, vage Sehnsucht.

Den Worten von Sri Aurobindo folgend

„Die innere Einsamkeit kann nur durch die innere Erfahrung der Einheit mit dem Göttlichen geheilt werden; keine menschliche Beziehung kann diese Leere füllen.“

habe ich nach dem Tod meines langjährigen Lebenspartners diese Sehnsucht schliesslich als die Sehnsucht nach dem Höheren, dem Göttlichen erkannt und die Erfüllung in meinem spirituellen Weg gefunden.

Aber darüber will ich heute nicht schreiben, sondern über die Sehnsucht nach einer irdischen, menschlichen Liebe – eine Liebe jedoch, die über unsere gewöhnliche, unvollkommene, besitzergreifende, erwartende, fordernde Liebe hinausgeht. Auch die Selbstliebe, das eigentliche Thema dieser Website, lasse ich für einmal ausser Acht.

Wenn wir noch jünger sind, haben wir an Liebesbeziehungen meistens andere Erwartungen, zuerst Leidenschaft, wilde Zeiten, Spass, Intensität, dann mit dem Gründen einer Familie eher Sicherheit, sich aufeinander verlassen können, gut harmonieren. Schliesslich kommen wir in ein Alter, in dem diese Anforderungen nicht mehr an erster Stelle stehen, wir haben vieles schon erlebt, auch verschiedene Beziehungen mit Trennung und Scheidung, wir haben eine ganze Menge Lebenserfahrung gewonnen, sind etwas gleichmütiger, zugleich aber auch anspruchsvoller geworden, indem wir uns nicht mehr mit dem Durchschnittlichen, nur halbwegs Befriedigenden begnügen.
Sei es, dass man inzwischen wieder Single ist, sei es dass man in einer Beziehung lebt, es mag sich eine unbestimmte Unzufriedenheit, Melancholie oder das erwähnte Gefühl der Leere breitmachen. Die tieferen Gründe und der Zeitpunkt, in dem das aufzutreten beginnt, sind individuell, deshalb will ich mich darüber auch nicht weiter auslassen. Hingegen glaube ich zu wissen, was diese Sehnsucht nach wahrer Liebe ist, wobei natürlich auch hier von Mensch zu Mensch Unterschiede bestehen.

Es ist die Sehnsucht, ich selbst zu sein. So sein zu dürfen und dabei vom Partner so angenommen zu werden, wie ich bin.

An Anfang einer neuen Beziehung zeigen wir für gewöhnlich unsere besten Seiten und unterdrücken die negativen. Mit der Zeit lässt das zwar nach, aber meistens behalten wir – auch in langjährigen Beziehungen – einen Teil unserer Maske auf, weil wir wissen oder zu wissen meinen, dass der Partner bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen nicht mag, sie gar verurteilt, und wir Angst haben vor Konflikten, den Partner nicht verletzen oder verlieren wollen und Ähnliches. In erster Linie ist es natürlich die Angst, nicht mehr geliebt zu werden, falls wir die Erwartungen des Partners nicht erfüllen. Wie oft habe ich von Männern den Satz schon gehört: „Ich tue doch alles, um es ihr recht zu machen, wenn sie mich doch nur wieder so liebt wie früher!“
Im Grunde genommen möchten wir aber alle, dass unser Partner uns so annimmt wie wir sind, ohne dass wir uns verstellen müssen, und uns liebt, egal wie wir sind, unsere Eigenschaften oder Verhaltensweisen nicht verurteilt und ablehnt. Doch weil wir wissen oder zu wissen glauben (und meistens trifft es sogar zu), dass es nicht so ist, spielen wir eine Rolle, die mit der Zeit zu einer festen Gewohnheit wird, und leben mit dem mehr oder weniger bewussten Schmerz, nicht authentisch zu sein, oder – positiv ausgedrückt – mit dieser Sehnsucht, ganz wir selbst sein zu wollen.

Es ist tatsächlich schwierig, sich in einer bestehenden Beziehung plötzlich anders zu zeigen. Tut man es, versteht der Partner das oft nicht und reagiert befremdet, verunsichert, auch mit Ablehnung und Zurückweisung: „Was ist plötzlich los mit dir? So warst du doch früher nicht!“ Unsere Veränderung stösst bei den Mitmenschen häufig auf Widerstand – vor allem wenn diese Veränderung ihre eigenen Interessen tangiert.
Das mag unter vielen anderen auch einer der Gründe für einen Partnerwechsel sein, denn in einer neuen Beziehung sehen wir die Chance, uns von Anfang an ein bisschen echter zu zeigen. Und wie gesagt, mit zunehmendem Alter wird uns das immer wichtiger.

Die Liebesbeziehung, nach der wir uns sehnen, ist eine ehrliche: Ich darf so sein, wie ich bin, ohne eine Maske zu tragen. Ich darf meinem Partner alles sagen, was ich denke, was ich fühle, was ich mir wünsche, was ich nicht mag – und stosse dabei auf Offenheit und Interesse, ich werde nicht abgelehnt oder kritisiert, schon gar nicht verurteilt, sondern fühle mich immer gleichermassen angenommen und geliebt. Das Gleiche darf und soll natürlich auch mein Partner tun: Die Gewissheit, dass er in seinen Worten und seinem Verhalten offen und ehrlich zu mir ist, ist mir mindestens so wichtig und auch ich nehme ihn bedingungslos und vorbehaltlos an. Dadurch fallen alle Machtspiele weg, jegliche Art von (sanfter) Manipulation und Taktik, Tabus und Klischees und und und.
Damit verbunden ist der gegenseitige Respekt, für mich eine der unerlässlichen Eigenschaften in einer Beziehung. Ich respektiere das Wesen meines Partners, seine Eigenart, seine Entscheidungen. Ich traue ihm zu, das für ihn Richtige zu tun, so gut er es halt kann. Ich mute ihm auch zu, mit Schwierigkeiten umgehen und Schweres tragen zu können: Deshalb kann ich einerseits offen und aufrichtig sein, und andererseits mische ich mich nicht in sein Leben ein, ich lasse zu, dass er seine eigenen Erfahrungen macht und daraus lernt.

Was ich bis hierher geschrieben habe, trifft auf beide Geschlechter gleichermassen zu. Jetzt will ich noch auf etwas eingehen, was Männer in ihrer Paarbeziehung auch oft vermissen und wonach sie sich sehnen.
Dafür muss ich schnell bis zu Adam und Eva zurückzugehen, nämlich zur Verschiedenartigkeit von Mann und Frau. Und ich bin mir bewusst, dass das, was ich im Folgenden schreibe, bei vielen Frauen (und vielleicht auch Männern) Unverständnis, Empörung und heftigen Widerspruch auslösen wird. Betrachtet es einfach als meine persönliche Meinung, die in immerhin bald 57 Jahren Erfahrung herangereift ist, und missversteht es nicht in der Richtung, als würde ich Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Mann und Frau über den Haufen werfen wollen.
Mann und Frau sind unterschiedlich, das bestreitet wohl niemand, in ihrem Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in ihren Bedürfnissen. Daraus entstehen viele Schwierigkeiten und Konflikte in Paarbeziehungen. Und viel eigene Frustration, Entmutigung, Unzufriedenheit und, wie gesagt, vor allem mit zunehmendem Alter und grösserer Lebenserfahrung mehr und mehr diese Sehnsucht, so sein zu dürfen, wie man ist, mitsamt den geschlechtsspezifischen Eigenheiten.
Eine wahrhaftige, für beide bereichernde Liebesbeziehung ist meines Erachtens nur möglich, wenn Mann und Frau ihrem Naturell folgen und sich nicht der missverstandenen emanzipatorischen „Gleichmachung“ unterwerfen. Von Natur aus ergänzen sich Mann und Frau nämlich in dem, was sie brauchen, und dem, was sie zu geben vermögen, so wie sich im Tierreich Männchen und Weibchen perfekt ergänzen.
Ohne zu übersehen, dass wir Menschen alle eine grosse Portion an Egoismus in uns haben, ist die Frau von Natur aus grösserer Hingabe fähig als der Mann, sie ist sanfter, weicher, kann aber auch besser zurückstecken und, ohne darunter zu leiden, die eigenen egoistischen Interessen hinter das Wohlergehen des Partners stellen.
Genau das ist es, wonach der Mann sich sehnt: eine hingebungsvolle, sanfte, zärtliche Frau. Und damit meine ich nicht eine unterwürfige Frau, die keine eigene Meinung hat oder immer zu allem ja und amen sagt! Aber eine, die aus ihrer inneren Stärke heraus weich und liebevoll ist. Die sich hinter ihren Mann stellt und ihn stützt. Die ihre Rolle innerhalb der Partnerschaft kennt und erfüllt, sich nicht dem undifferenzierten emanzipatorischen Diktat der Gleichmachung verschrieben hat und dennoch dem Mann eine ebenbürtige Partnerin ist.
Mehr ins Detail will ich nicht gehen, der individuelle Spielraum der Rollenverteilung innerhalb einer Beziehung ist sehr gross. Ebenso wenig will ich hier auf die komplexe Thematik der Sexualität eingehen, bei der die unterschiedlichen Bedürfnisse und Erwartungen von Mann und Frau ein besonders Problempotential darstellen.

So weit meine Gedanken zum Thema der Sehnsucht nach wahrer Liebe. Einige wenige – was ich im Rahmen einer solchen Website eben sagen kann. Es gäbe so vieles zu ergänzen, auszuführen, aber dann müsste ich ein Buch darüber schreiben!

Wo ist der freie Wille?

Vor ein paar Tagen diskutierte ich mit einem Freund über Ego und Seele, und irgendwie kamen wir in diesem Zusammenhang darauf zu sprechen, ob der Mensch einen freien Willen besitze oder ob „jemand/etwas“ ihm sein Denken und Handeln aufzwinge. In der Psychologie heisst es ja, viele unserer Taten seien durch unser Unbewusstes gesteuert, was den freien Willen stark relativieren würde.

Es stellt sich zuerst einmal die Frage, was denn dieses Ich ist, das einen freien Willen haben könnte oder nicht. Gehen wir davon aus, dass der Mensch aus den beiden Elementen Seele und Ego besteht.

Die Seele, verstanden als dieses Element von uns, das mit dem Göttlichen, Universellen, Absoluten, der Weltseele, der Höheren Macht oder wie man diese Instanz nennen will, irgendwie verbunden oder gar ein Teil davon ist, hat keinen freien Willen. Sie tut immer das „Richtige“ – immer das, was dem Willen des Göttlichen entspricht, was von einer höheren Warte aus betrachtet dem Wohl des Ganzen, dem Kosmischen Plan oder übergeordneten Ziel dient. Es gibt für die Seele keine Wahlmöglichkeit, sondern immer nur die eine, einzige, wahre, richtige Entscheidung.

Das Ego, verstanden als die Gesamtheit unserer verschiedenen „Ichs“* besitzt einen freien Willen. Es trifft Entscheidungen zwischen mehreren Möglichkeiten und handelt entsprechend. Es kann auf den Rat den Seele hören (und somit „richtig“ handeln) oder eigenmächtig entscheiden und dabei seine oft auf kurzfristigen Lustgewinn ausgerichteten Ziele verfolgen.
Wie steht es dann aber mit der Steuerung aus dem Unbewussten? Kann man in diesen Fällen noch von freiem Willen sprechen? Nun, dieses Dilemma tritt erst gar nicht auf, weil alles ausser der Seele zum Ego gehört, also auch das Unbewusste nur eines unserer verschiedenen Ichs darstellt – wir könnten es beispielsweise Vergangenheits-Ich nennen, da es ja vergangene Erfahrungen enthält. Mit anderen Worten: Wenn nicht die Seele unser Handeln bestimmt, ist es immer ein Bestandteil des Ego, das uns steuert, unabhängig davon, ob eher der Körper, der Verstand, die Emotionen oder eben das Unbewusste.

Der Mensch bestehend aus Seele und Ego schwankt ständig zwischen seinen beiden Elementen: Wenn er „Ich“ sagt, ist er einmal mehr Seele und einmal mehr Ego. Empfindet sich aber beide Male als „Ich“, als sich selbst. Und doch… es gibt Unterscheidungsmerkmale um zu spüren, wer ich gerade bin, Seele oder Ego. Darüber habe ich anderswo auf dieser Website schon geschrieben. Weitere Texte zu diesem Thema findet ihr auch, wenn ihr in der rechten Spalte unter „Stichwörter“ auf „Innere Stimme“ klickt.

*Diese verschiedenen Ichs erfahren wir alle tagtäglich in Form innerer Konflikte, Entscheidungsschwierigkeiten und mehr. Auch in ganz banalen Situationen: Eines meiner Ichs, das Vernunft-Ich, hat beschlossen, nicht von der Schokolade zu naschen. Zehn Minuten später meint das Emotions-Ich: „Ach was, was solls, ein Stückchen schadet mir doch nicht. Mmmh, wie gut das schmeckt!“ Kurz darauf meldet sich das Vernunft-Ich missbilligend (oft auch die Seele) und verursacht ein schlechtes Gewissen. Ich bin nicht fortwährend das gleiche Ich, die Vorherrschaft zwischen den verschiedenen Ich ändert ständig!