Mit Steinen werfen…

Ein Fakir (= heiliger Mann, Weiser) ging mit einer Gruppe seiner Jünger über den grossen Platz vor der Moschee, als einige Meter neben ihnen ein Betrunkener vorbeitorkelte. Der Fakir hob einen Stein vom Boden auf, schleuderte ihn gegen den Mann und traf ihn voll in die Brust. Der Betrunkene schreckte auf und stolperte in eine andere Richtung davon.

Szenenwechsel. Seit fast 30 Jahren arbeite ich selbstständig und noch nie ist es vorgekommen, dass jemand eine meiner Rechnungen nicht bezahlt hätte. Bis vor einigen Monaten. Eine Person, nennen wir sie X, überwies das geschuldete Kursgeld nicht. Ich erinnerte sie mehrmals per E-Mail daran – keine Reaktion. So sandte ich im Laufe der Monate drei formelle schriftliche Mahnungen, drohte in der letzten die Betreibung an. X meldete sich nicht und bezahlte nicht.
Bevor ich beim zuständigen Amt das Betreibungsbegehren stellte, dachte ich wohl darüber nach, ob ich es wirklich tun sollte – vielleicht steckte X in grossen finanziellen Schwierigkeiten, wer weiss… Doch dann spürte ich in mir, dass es das richtige Vorgehen ist, und ich leitete die Betreibung letzte Woche ein.

Szenenwechsel, zurück zum Fakir. Die Jünger fragten ihren Meister, was sein seltsames Benehmen zu bedeuten hätte, und er erklärte es ihnen: „Der Betrunkene ist ein Dieb und Wegelagerer mit Blut an den Händen. Doch heute hat er eine gute Tat vollbracht, indem er einer alten blinden Frau half, den Weg zur Moschee zu finden. Wäre er doch auch hineingegangen! Doch sein Weg führte ihn in die Taverne und dann fand er den Heimweg nicht mehr. Ich dachte, ich belohne ihn in gleicher Weise: Der Stein schickte ihn stolpernd auf den richtigen Weg zu seinem Haus.“

Szenenwechsel, zurück zu meiner Betreibung. Vor wenigen Tagen rief X mich an: „Es tut mir leid, dass ich Ihre Rechnung nicht bezahlt habe. Ich stecke seit längerem in Beziehungsproblemen und jetzt steht die Trennung bevor. Ich habe mich in den letzten Monaten vollständig gehen lassen, keine Post mehr geöffnet; nun suche ich mir eine neue Wohnung… Ich habe gestern den ausstehenden Betrag überwiesen; bitte ziehen Sie die Betreibung zurück, damit ich im Register nicht eingetragen werde.“ Ich sicherte es X zu.

Und die Moral der beiden Geschichten? Der Fakir als hellsichtiger Mann hat den Stein bewusst geworfen und damit dem Betrunkenen etwas Gutes getan – eine oberflächlich betrachtet „böse“ Handlung hat etwas Gutes bewirkt.
Ich habe gegen X gewissermassen auch einen Stein geschleudert – obwohl ich nicht hellsichtig bin, hat meine innere Stimme mir gesagt, dass es das Richtige ist: Richtig, nicht nur vom rechtlichen Standpunkt aus betrachtet, sondern einfach weil ich spürte, dass ich so handeln soll. Und ich glaube, ich habe X aus seiner Lethargie gerissen, ihm einen Stoss versetzt, der ihn seine Richtung ändern liess, hat er doch endlich mir gegenüber reagiert – und er wird wohl auch in anderen Belangen seiner schwierigen persönlichen Situation nun endlich reagieren! Möglicherweise hat mein „Stein“ ihm also etwas Gutes getan.
Doch ob ich erkenne, ihm damit geholfen zu haben oder nicht, ist nicht wichtig: Entscheidend ist, dass ich mich so verhalten habe, wie ich es in mir spürte – ohne die Angst, jemanden zu verletzen oder ihm zu schaden.

Traut euch stets, so zu handeln, wie ihr es spürt, nach bestem Wissen und Gewissen! Habt dieses Urvertrauen, dass wir niemandem etwas antun können, was nicht für ihn bestimmt ist, niemandem eine Verletzung zufügen können, die ihm in seiner inneren Entwicklung nicht weiterhilft!
Handeln wir nämlich gemäss unserer inneren Stimme, geschieht es im Einklang mit dem Kosmischen Plan – jeder Mensch ist darin ein Werkzeug für den anderen. Oder wie es der Gott Krishna in der Bhagavadgita erklärte: „Du kannst niemanden töten, den Ich nicht schon getötet habe.“
Umgekehrt gilt natürlich auch: Niemand kann euch etwas antun, was nicht für euch bestimmt ist. Habt deshalb dieses gleiche Urvertrauen, wenn jemand – oder das Schicksal – euch verletzt, euch prüft, und versucht zu erkennen, was es euch lehren will!

Die Geschichte mit dem Fakir stammt aus dem Roman „Master of the Jinn“ von Irving Karchmar.

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2 Gedanken zu “Mit Steinen werfen…

  1. Salam Dear Brother Irving

    What a surprise to meet you here on this website! You see, I told a tale out of your wonderful novel, Master of the Jinn, even before the German edition was ready 😀

    God bless you!

    Nachtrag von Karin:
    Seit wenigen Tagen ist dieser Sufi-Roman auch auf Deutsch erhältlich, im Buchhandel und in Online-Buchshops. Ich habe ihn aus dem Amerikanischen übersetzt.

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