Loving you means loving me

Mein Bruder Bruno ist Musiker. Hauptberuflich Gitarrenlehrer am Gymnasium, hat er immer auch mit verschiedenen Gruppen musiziert und Konzerte gegeben, in mehreren Stilrichtungen.
Seit einiger Zeit spielt er zusammen mit einem anderen Gitarristen und einer Sängerin in einem Trio, das sich Singer’s Tale nennt. Alle Titel sind Eigenkompositionen. Auf der Website von Singer’s Tale könnt ihr den Song „OK“ hören, aus dem diese Zeile „Loving you means loving me“ stammt. Zudem den Song „Come into play“, der für mich einer der schönsten Songs ist, den ich kenne, vergleichbar mit Titeln von Enya, Katie Melua oder Patricia Kaas.

Dank der Website habe ich jetzt zum ersten Mal die Texte gelesen – wundervolle, tiefgründige Poesie! Diese Zeile aus dem Song „OK“ hat mich sogleich berührt: Loving you means loving me (Dich zu lieben bedeutet mich zu lieben).

Schon mehrmals habe ich darüber geschrieben, wie eng wahre Liebe und Selbstliebe zusammenhängen. Manchmal gehe ich so weit zu sagen, dass wir niemanden wirklich lieben können, wenn wir uns selbst nicht lieben. Unter „wirklich lieben“ verstehe ich bedingungslose, vorbehaltlose, uneingeschränkte Liebe: Liebe ohne Forderungen und Erwartungen, ohne Vorbehalte, ohne Einschränkungen. Kein Liebesentzug, wenn der Partner sich gerade nicht so verhält, wie ich es gerne hätte. Keine Vorwürfe, weil er meinen – ach so berechtigten! – Forderungen nicht nachkommt. Keine Erwartungen, dass er mich auch genau so liebt, wie ich ihn.
Ein Idealbild der Liebe, ich weiss, übermenschlich. Natürlich erwarten wir zumindest, wiedergeliebt zu werden, und natürlich ist es im gewöhnlichen Alltag fast unmöglich, ohne Forderungen auszukommen. Aber ein Idealbild, nach dem wir streben sollten.

Wie? Indem wir an unserer Selbstliebe arbeiten. Wenn wir uns selbst lieben, sind wir nicht mehr so abhängig von der Liebe unseres Partners, das heisst: Eifersucht und Verlustangst verschwinden; wir hören auf, uns an Banalem zu stossen, also ob er den Hochzeitstag vergisst, den Müllsack schon wieder nicht hinausgetragen hat, mir schon ewig keine Blumen mehr geschenkt hat, alles Dinge, die wir gerne als mangelnde Liebe interpretieren…
Ich habe hier bewusst klischeehafte Beispiele gewählt, die ich allerdings stellvertretend für alle anderen „Fehler“ des Partners in dieser oder ähnlicher Form immer wieder höre. Gewiss ist es schön, wenn der Partner aufmerksam, hilfsbereit, kooperativ ist! Aber niemand ist perfekt, bestimmt hat er andere Tugenden – und auch ich meine Unzulänglichkeiten.
Denkt einmal darüber nach: Was werfe ich mir immer wieder vor? Mit welchen meiner Eigenschaften bin ich unzufrieden? Wann habe ich Schuldgefühle?
Solange ich meine eigene Unvollkommenheit nicht akzeptieren kann (und ich sage es nochmals: niemand ist vollkommen!), werde ich auch die Unvollkommenheit meines Partners nicht akzeptieren. Sobald ich mir selbst gegenüber nachsichtiger werde, werde ich es auch meinem Partner gegenüber sein.

Viele, wirklich viele Beziehungsprobleme liessen sich lösen (oder gäbe es erst gar nicht), wenn wir mit gleicher Intensität und Energie an unserer Selbstliebe arbeiten würden, wie wir in die Veränderung unseres Partners stecken.
Zur Erinnerung: Wir können nie einen anderen Menschen verändern, sondern nur uns selbst.

Artikel teilen auf:
Facebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.