Lebensmüde

„Fast immer weiss man innerhalb der ersten zwei Wochen, ob eine Ehe funktionieren wird. Es ist erstaunlich, wie viele Leute über Jahre, gar Jahrzehnte, in einem sich hinziehenden gegenseitigen Zustand der Selbsttäuschung und falscher Hoffnung gefangen bleiben…“, sagt eine Frau im Roman „And the Mountains Echoed“ von Khaled Hosseini (deutsche übersetzung dieser Textpassage aus dem Englischen von mir).

Tatsächlich verharren manche Menschen in einer unglücklichen Liebesbeziehung oder in einer anderen bedrückenden Lebenssituation, obwohl sie im Grunde wissen, dass es keine Hoffnung auf eine Verbesserung gibt. Aber sie finden den Mut nicht, sich daraus zu befreien.

In dieser Lage, in der sich Menschen hoffnungslos und ohnmächtig zugleich fühlen, verlieren sie die Lebensfreude – sie werden im wahren Sinne des Wortes lebensmüde. In den letzten Jahren konnte ich dies bei mehreren Menschen in meinem Umfeld beobachten und davon erzähle ich euch heute.
Ich will vorausschicken, dass es nie um objektive Gründe geht. Eine Situation, in welcher der eine absolut unglücklich ist, kann für einen anderen durchaus erträglich oder sogar angenehm sein. Deshalb dürfen wir als Aussenstehende die jeweile Lage niemals bewerten – das einzige, was zählt, ist, wie der Betroffene sich fühlt.

In der milderen Form äusserst sich diese Lebensmüdigkeit buchstäblich in Müdigkeit. Ich selbst erlebte es im Alter von etwa 19 Jahren, als ich mich in einer Beziehung befand, die mich nicht erfüllte. Damals war ich naiv und unwissend und realisierte nicht, dass mein ständiger Wunsch zu schlafen – tagsüber in meiner Freizeit, die ich eigentlich mit meinem Freund hätte verbringen sollen – nichts anderes ausdrückte als meine Müdigkeit mit der Situation.
Das gleiche Phänomen ist mir bei zwei Frauen Mitte 30 aufgefallen, die beide in einer schwierigen Ehe steckten. Bei der einen erzählte mir ihr Ehemann davon: „Sie hat ja nun wirklich keinen anstrengenden Job und nur halbtags. Aber wenn ich am Abend nach Hause komme, ist sie lustlos, müde. Auch am Wochenende verbringt sie die meiste Zeit mit Schlafen.“ Er bemühte sich erfolglos sie „wachzurütteln“, indem er Ausflüge und Ferien plante, sie zum Ausgehen motivieren wollte. Mir war klar, dass sie mit ihm nicht glücklich war – obwohl er ein lieber, einfühlsamer Mann ist, so ist er doch eher einfältig und ihr intellektuell weit unterlegen, sie konnte mit ihm nicht über Gott und die Welt diskutieren, was ihr sehr wichtig gewesen wäre. Inzwischen hat der Mann sich von ihr getrennt, und beiden geht es jetzt wesentlich besser.
Die andere Frau, die ihre Freizeit hauptsächlich schlafend verbrachte, befand sich mit ihrem Mann in einer ähnlichen Situation, wobei es bei ihr eher darum ging, dass er verschlossen war und ihr nie erzählte, was ihn gerade beschäftigte, obwohl sie ihm anmerkte, dass etwas nicht stimmte. Die Frau trennte sich von ihm, lebte einige Jahre allein, und nach einer längeren Paartherapie haben die beiden inzwischen wieder zusammengefunden.

Zwei Männer kenne ich ich, bei denen die Unzufriedenheit mit ihrer Lebenssituation in eine tiefe Depression führte. Bei beiden waren die Hintergründe sowohl auf den Beruf als auch auf die Liebesbeziehung zurückzuführen. Der eine sagte einmal zu mir, nachdem er sich von seiner Partnerin getrennt und die Arbeitsstelle gewechselt hatte und wieder mit Freude lebte: „In jener Zeit ging ich manchmal über die Strasse und dachte, dass es mir egal, fast willkommen wäre, wenn mich jetzt ein Auto überführe.“

Alle diese Geschichten zeigen, wie Menschen in unglücklichen Lebensumständen sich gewissermassen selbst aufgeben. Obwohl ihre Situation alles andere als aussichtslos ist, empfinden sie diese so und fühlen sich ohnmächtig, weil sie den Mut, die Kraft nicht haben, etwas zu ändern.

Es ist immer schwierig, einen entscheidenden Schritt in eine ungewisse Zukunft zu wagen. Aber ich will euch einmal mehr ermutigen, euer Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und zitiere einmal mehr eine meiner liebsten Lebensweisheiten:

Ich verändere, was ich verändern kann; ich akzeptiere mit Gelassenheit, was ich nicht verändern kann; und ich bemühe mich aufrichtig darum, das eine vom anderen zu unterscheiden.

(Siehe zu diesem Thema auch meinen Artikel „Ängste statt Wünsche?“ auf meiner Website Karma Yoga.)

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