Herr über das Schicksal?

Wir erliegen oft der irrigen Annahme, wir hätten unser Leben im Griff, wir könnten planen, vorausschauen, lenken… Doch die Erfahrung haben wir alle schon gemacht:
Wir bemühen uns um etwas – und das erhoffte Ergebnis stellt sich nicht ein.
Aber auch: Wir bemühen uns um etwas – und das erhoffte Ergebnis stellt sich ein.
Ebenso: Wir lassen alles schlittern – und es entsteht etwas Positives, Erfreuliches daraus.
Und wiederum: Wir lassen alles schlittern – und geraten in eine unerfreuliche, schwierige Lage.
Über das Schicksal haben wir keine Macht, egal was wir darunter verstehen: einen göttlichen Plan, eine Glücksgöttin, ein sinn- und zielloses Chaos. Dazu eine hübsche Geschichte aus Indien.

Ein Brahmane wollte bei religiösen Feierlichkeiten eine Ziege auf dem Altar opfern. Als er das Messer wetzte, begann die gefesselte Ziege plötzlich zu lachen. Erstaunt hielt der Priester inne und betrachtete das Tier, das jetzt zu weinen anfing.
Er fragte die Ziege, was ihr sonderbares Verhalten zu bedeuten hätte, und sie erklärte es ihm: „Während ich dem Tode geweiht da lag, erinnerte ich mich, dass ich in einem früheren Leben auch einmal ein Brahmane war und wie du eine Ziege opferte. Wegen dieser Bluttat sollte ich fünfhundert Mal als Ziege wiedergeboren werden und jedes Mal dadurch sterben, dass mir der Kopf abgeschlagen wird. Und dieses ist das fünfhundertste Mal! Deshalb habe ich gelacht: Weil ich nach diesem Tod in eine bessere Existenz wiedergeboren werde. Aber dann erkannte ich, dass du, der mich tötest, nun ein ähnliches Schicksal erleiden wirst, und du erbarmtest mich und ich musste um dich weinen.“
Der Brahmane war gerührt, verzichtete auf das blutige Opfer und ordnete an, dass das Tier gehegt und gepflegt und beschützt würde, damit ihm wenigstens dieses eine Mal sein Schicksal erspart bliebe. Aber alle Fürsorge nützte nichts: Es kam ein Gewitter und ein Blitz schlug in der Nähe so ein, dass ein Felsbrocken durch die Luft geschleudert wurde und der Ziege den Kopf abschlug.

Was, wenn nicht unser Urvertrauen – dass alles immer so kommt, wie es gut für uns ist – kann uns von der Angst vor der Willkür des Schicksals erlösen?

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Ein Gedanke zu “Herr über das Schicksal?

  1. wenn es erlaubt ist, würde ich gerne den ersten kommentar schreiben – ich muss aber etwas weiterausholen… ich führe eine ansprache, welche ich gemeinsam mit meinem vater gestaltet habe – christlich zu sein wird nicht vorausgesetzt— dieser text ist aber zwingend notwendig – da ich nur im anschluss erörtern kann…

    Wusste er es wirklich, worauf er sich da einlässt? Dieser Saulus, der Gesetzestreue, man könnte ruhig auch sagen: der Fundi … Dieser brillante Schüler, der seine rabbinische Lehre mit Auszeichnung abgeschlossen hat, Texte perfekt interpretieren konnte, aber von einer Enge und einem Eifer sondergleichen geprägt blieb. Intolerant bis geht’s nicht mehr. Sein Weltbild war alles andere als schwammig: postpubertäre Revolution war ihm fremd. Schwarz war ihm immer schon pechschwarz und weiß verführte ihn gleich zur Weißglut. Sein Weltbild ließ für Außenseiter keinen Platz: Ausgerottet gehören sie! Gesteinigt, gehängt, in den Wahnsinn der Isolation getrieben. Natürlich wusste er, worauf er sich da einlässt, als er zu der Gruppe der Verfolger hinzustieß. „Vertilge sie Gott Zebaoth“ – das Lieblingsgebet auf den Lippen und ein zweischneidiges Schwert in der Hand, oder aber ein ordentlicher Stein, den man gezielt auf Andersdenkende wirft, damit die eigene Welt in Ordnung bleibt. Auch Jona wusste, worauf er sich einlassen muss und was ihn in Ninive erwartet. Deswegen wollte er zuerst auch gar nicht hin. Vom Menschentyp eher der Inbegriff eines distanzierten, kühl abwägenden Intellektuellen, auf jeden Fall tolerant. Wollte er sein Kapital doch nicht in ein hoffnungsloses Geschäft investieren: „Es hat gar keinen Sinn sich da abzurackern. Hilft sowieso nicht!“ Wenn schon, dann gleich eine radikale Distanz, Flucht also … Hals über Kopf weit übers Meer. Mit einem überraschenden Landeplatz. Der Distanzierte landet im Bauch des Fisches, fällt also auf die Nase. Weiß aber weiterhin, was ihn erwartet. Der gesunde Menschenverstand sagt doch klar: Mit 100%-iger Wahrscheinlichkeit wirst du verdaut werden und ausgeschieden. Allerdings in einer anderen Form. Wenn es schon etwas in unserem Leben gibt, was sich nahezu immer gleich abspielt, so sind das die Verdauungsvorgänge. Weit verfehlt! Nach drei Tagen im Bauch des Fisches wurde Jona ausgeschieden. Ausgespieen. In der ihm vertrauten Form eines homo sapiens. Er steht am Ufer des Meeres, ein bisschen ratlos …, muss halt wieder beim Punkt Null beginnen. Kein Wunder, dass der distanzierte, kühl abwegende Intellektuelle sich nun an das klammert, was ihm vertraut ist, was sich also berechnen lässt. So leistet er sich eine kalkulierbare Überraschung und geht doch nach Ninive. Diesmal aber gerade deswegen, weil er sich dessen sicher ist, was ihn dort erwartet. „Da kenn ich mich aus! Ich weiß, was dort los ist.“ Dort sei das sprichwörtliche Sodom und Gomorra zu finden, ein halsstarriges Volk. Uneinsichtig und noch geil dazu. Jenes Volk, das von den moralisierenden Predigern so heiß geliebt wird, weil es eine gute Kontrastfolie abgibt für flammende, moralisierende Predigten, die den Sündenpfuhl geißeln und Null Chance auf Erfolg haben. Zeitlos ist ja der Sündenpfuhl, zeitlos die Predigt mit erhobenen Zeigefinger. Ändern tut sich eh nix, man braucht also nur alte Rezepte aufzulegen. Noch einmal: Nach der großen Katastrophe seines Lebens geht Jona nach Ninive, gerade deswegen, weil er sich dessen sicher ist, was ihn dort erwartet. Ein uneinsichtiges Volk, jenes Volk, das auch die Soziologen so gerne haben, weil es sich gemäß dem statistischen Mittelmaß verhält, weil sich sein Verhalten berechnen lässt. Prognostizieren. Business as usual! Doch die Prognosen erfüllen sich nicht. Entgegen all den wissenschaftlich untermauerten Erwartungen und Prognosen bekehren sich die Niniviten. Sie ändern ihr Verhalten, ein Faktum, das den rational denkenden und planenden Jona in die tiefsten Depressionen stürzt. Er kommt mit der veränderten Welt nicht zu Rande. Er resigniert, will sich gar das Leben nehmen, wirft seinem Gott vor, dieser sei nicht fair. „Den Umsturz hättest Du mir ersparen können! Trotz all dem täglichen Frust wäre ich doch gern dein Prophet, dein Beamter, dein Mitarbeiter geblieben, ein Prophet freilich, solange es nichts zu prophezeien gibt. Einer, der mitläuft, doch nicht einer, der es mit eigenen Augen anschauen muss, wie das ganze System zusammenbricht, weil sich halt Menschen anders verhalten. Anders als erwartet.“ Das Wunder der Bekehrung der Niniviten stürzt gerade den Propheten in eine Lebenskrise: zu starr war seine Lebenshoffnung, zu stabil die Planung, zu unbeweglich sein Weltbild; und dies trotz seiner Rationalität, trotz seiner Distanziertheit – wird der moderne Psychologe sagen. Kann es eine Zukunft für Jona geben? Gibt es eine Zukunft für Menschen, die immer schon wissen, worauf sie sich einlassen, die alles berechnet, geplant, abgesichert haben und dann doch stürzen? Weil sie krank werden, weil sie durch Rivalen ausgetrickst werden, weil sie versagen, weil sich ihre Lebenseinstellung grundsätzlich ändert. Gibt es eine Zukunft für selbstsichere Menschen, die dann doch vom hohen Ross stürzen.Wie unser Saulus. Der Musterschüler und fleißige Fundi, der sich im Geschäft der Verfolgung der Andersgläubigen und Abtrünnigen so gut bewährt hat, dass er auf der Karriereleiter immer weiter nach oben stieg. Er stürzt. Buchstäblich stürzt er vom Pferd. So wollten es unzählige Maler, weil sie diesen Sturz als den Inbegriff der Dramatik verstanden haben. Saulus stürzt geblendet durch die Vision, geblendet durch die Erkenntnis dessen, was er eigentlich tut. „Saulus, Saulus: warum verfolgst du mich?“ „Und wer bist du?“ „Ich bin Jesus, Sohn des lebendigen Gottes, den du verfolgst, indem du eure scheinbar abtrünnigen Gläubige wie Sündenböcke jagst.“ Liebe Schwestern und Brüder! Als sich Saulus auf das blutige Geschäft einließ, konnte er nicht ahnen, dass er ausgerechnet auf diesem Weg zu einer fundamentalen Revision seines Lebens finden wird. Der intolerante Fundi verwandelt sich zum Apostel der Freiheit und der Liebe. Er findet zu der alles umwerfenden Erkenntnis: Hätte ich all die Karrierestufen bis nach oben erklommen: im Management, in der Politik, in der Kirche oder gar im Sicherheitsbüro, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich Nichts! Bloß dröhnendes Erz (vgl. 1 Kor 1-13). Saulus wird zu Paulus, er erlebt das Wunder der Bekehrung und dies auf einem fundamentalen Niveau. Er erlebt das Wunder der Bekehrung nicht nur, weil ihm seine Welt zusammenbricht, nicht nur, weil er vom hohen Ross stürzt und sich wieder erheben kann und an die Reste der vertrauten Vergangenheit anknüpfen kann. Er bekehrt sich, weil ihm im Umbruch die Erfahrung der Beziehung geschenkt wird, einer alles umwandelnden Beziehung. Der lebendige Gott kommt ihm entgegen in der Gestalt jener Menschen, die er verfolgt hat. Er sieht sie plötzlich in einem anderen Licht. Es sind nicht Abtrünnige, nicht Außenseiter, nicht Sünder, die ausgerottet gehören. Es sind (so die theologische Sprache) Glieder am Leibe Christi, Menschen, mit denen sich der lebendige Gott in Christus identifiziert hat. Das Wunder der Bekehrung wird ihm durch diese ganz konkrete Beziehung vermittelt, eine Beziehung, die ihn durch alle Drangsaale hindurch, alle Verfolgungen hindurch, alle Krankheit, ja auch durch den Tod hindurch fortan tragen wird. Deswegen will er nur noch den Gekreuzigten und Auferweckten kennen und in ihm – wie in einem Leib – all jene, die selber auch Drangsal, Not und Tod erleiden als Schwestern und Brüder integrieren. Der intolerante Saulus wird zum kommunikativen Paulus, zu einem für die Ängste und Nöte seiner Mitmenschen sensiblen Menschen, einem empathischen Apostel, auch zu einem der größten Gelehrten des Altertums (einem Gelehrten freilich jenseits vertrauter akademischer Agora). Erst die Bekehrung verwandelt ihn in ein Genie im Dienste Gottes und der Menschen.

    so, das war er schon – war also nicht so schlimm… gut – jetzt führe ich aus:

    im ersten teil geht es um die annahme – wir wählten bewusst diese sprache

    wenn ihr jetzt diesen text im hinterkopf behält, dann seht ihr, wie ich zu folgendem schluss komme – der text bildet die grundlage, chrisltich aber konfessionsüberschreitend:

    wie verwechselbar allerdings spekulation und logisches denken sein können, zeigt ebenfalls die genannte denknotwendigkeit. jedermann spricht, wie die philosophen auch, vom tod. wenn man in diesen begriff die ´bedeutung „nicht (mehr) denken“ mit einschließt, die wir als nicht denkbar festgestellt haben, dann ist deshalb der tod in dieser hinsicht ein denkfehler. es entsteht der widerspruch, einerseits nicht denken zu können, nicht (bewußt) zu sein beziehungsweise (was darin inbegriffen ist), nicht zu denken, andererseits aber anzunehmen, eines tages nicht mehr (bewußt) zu sein und damit auch nicht mehr zu denken… dieser widerspruch ist unlösbar, es sei denn, man greift zu der logisch möglichen annahme, daß das bewußtsein beziehungsweise das denken (das nicht immer ein begriffliches sein muß) mit dem tod nicht endet: eine sehr spekulativ anmutende annahme.

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