Glücksjäger

Kürzlich habe ich von Emanuel* eine Mail bekommen, die mich zu einem Beitrag auf dieser Website inspiriert hat. Ich zitiere die Mail in Auszügen:

Mit Anfang 30 begannen diese Gedanken nach dem Sinn des Lebens, die mich ein Leben lang begleiten, so richtig intensiv zu werden. Ich habe schon sehr viele Bücher darüber gelesen, Filme angeschaut, Berichte und Erfahrungsgeschichten gesammelt. Alle Bücher waren sehr interessant, ich gewann so viele neue Einsichten, viele meiner Fragen wurden beantwortet, doch konnte ich Erlerntes nie für längere Zeit in mein Leben integrieren.
Nach ungefähr 3 Jahren des Suchens und Ausprobierens, nach einigen Höhen und viel mehr Tiefen, gelangte ich zu der Einsicht, in Verbindung mit einem Schicksalsschlag und neuen Bekanntschaften, dass das Leben nur Spaß sei und man das Glück jagen müsse! So begann eine verspätete wilde, ungewisse Zeit für mich. Ich wurde ein Glücksjäger! Nur die Hypes waren erwünscht. Die Downs wurden verdrängt. Gab es mal keine Hypes, wurde natürlich mit gewissen Substanzen nachgeholfen. Erstaunlich war, dass das Prinzip anfangs super funktionierte, es lief hervorragend. Neue Freunde, neue Hobbys, alles war toll, nur Spaß Spaß Spaß!
Es hielt fast zwei Jahre an. Dann so langsam ging mir die Luft aus. Es lag unmittelbar gar nicht an mir, so kam es mir zumindest vor. Keiner konnte mehr mit mir mithalten, mir kam es so vor, als wollte jeder in meinem Umfeld etwas von meinem Kuchen abkriegen. Die Hypes wurden immer weniger, die Drogen immer mehr, und die Leere in mir immer größer. So konnte es nicht mehr weitergehen.
Lange Rede kurzer Sinn, ich habe jedes Wort in Ihrem Buch verstanden. Ich hab ständig mit dem Kopf genickt. Der Unterschied zu anderen Autoren ist, dass Sie nicht wie ein Experte, ein Mental-Trainer oder ein Wissenschaftler schreiben. Sie, Frau Jundt, schreiben wie die Menschen und für die Menschen. Erstaunlich auch wie viele Parallelen ich zu anderen Lehren fand, die ich schon kannte. […] Noch nie hat ein Buch bei mir so eine nachhaltige Wirkung hinterlassen wie das Ihre, dafür danke. Vielleicht war ich genau jetzt, genau hier bereit dafür.

Zutiefst überzeugt bin ich davon, dass wir das Recht haben, in diesem Leben glücklich zu sein. (Und nicht, wie gewisse Religionen meinen, dieses Leben ein Jammertal sein müsse, damit wir uns das Glück im Jenseits verdienen.)

Es gibt aber Glück und Glück. Das eine ist das Glück der Hypes – oder auch das Unglück der Hypes. Denn unser Ego will einfach Action, eine gleichmütige Zufriedenheit ist ihm zuwider. Emotionen sind gefragt, egal ob freudige oder schmerzhafte. Jedes Ego ist ein Glücksjäger.
So nimmt es auch in Kauf, dass es einen kurzen Augenblick des Glücks mit viel Leid bezahlen muss. Und wenn es gerade keine Glücksmomente erhaschen kann, so sucht es sich leidvolle – Hauptsache es gibt Gefühlswallungen und nicht die Langeweile der gelassenen Zufriedenheit. Diese Glücks- oder Schmerzmomente sind wie eine Droge: Man muss die Dosis ständig erhöhen, um überhaupt noch etwas zu spüren. Das beschreibt Emanuel treffend in seiner Mail.
Einige Menschen, wie Emanuel, lernen mit der Zeit, dass es im Leben mehr gibt als das sogenannte Glück, das von den Äusserlichkeiten herrührt. Andere verstehen es (noch) nicht und machen weiterhin schmerzliche Erfahrungen.

Zum wahren Glück – zur anhaltenden Lebensfreude – finden wir dann, wenn wir in uns selbst ruhen. Dann können wir alles, was die Welt uns schenkt, geniessen, ohne jedoch darauf angewiesen sein; wir leiden deshalb nicht, wenn wir es nicht mehr bekommen oder es uns genommen wird. Und vor allem, jagen wir diesem Glück nicht mehr hinterher.

Diese innere Ruhe, die Geborgenheit in uns uns selbst, bedarf der Selbstliebe und des Urvertrauens.
Der Selbstliebe, damit wir es wagen, ganz wir selbst zu sein; andernfalls ist tiefe Lebensfreude kaum zu erlangen.
Und das Urvertrauen schenkt uns die Gewissheit, dass wir es nicht nötig haben, dem Glück nachzujagen: Es wird uns immer alles gegeben, was wir brauchen und uns gut tut.

Abschliessend noch zwei schöne Zitate zu diesem Thema:

Das Glück ist ein Schmetterling. Jag ihm nach, und er entwischt dir. Setz dich hin, und er lässt sich auf deiner Schulter nieder.
Anthony de Mello

Solange du nach dem Glück jagst, bist du nicht reif zum Glücklichsein.
Hermann Hesse

Zum morgigen Osterfest – aber auch für alle Tage eures Lebens – wünsche ich euch die Freude der heiteren Gelassenheit!

* Name aus Diskretionsgründen geändert.

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6 Gedanken zu “Glücksjäger

  1. 🙄 ja das denke ich auch..nur wie soll das urvertrauen erhalten bleiben ,wenn man einen schicksalschlag nach dem andern erleidet ???
    ich habe vor 4 wochen mein ein und alles..mein geliebtes pferd..durch eine schreckliche kollik verloren…wie soll ich da denken,dass alles für mich gut ist ??

  2. Es tut mir leid, liebe Romy. Und ich weiss selbst nur zu gut, wie schwer es ist, sein Urvertrauen zu wahren, wenn man mitten im Leiden steckt.

    Oft erkennen wir erst im Nachhinein, manchmal Wochen, Monate oder gar Jahre später, warum etwas geschehen musste. Ich gehe auf die 60 zu, habe also schon einige Erfahrungen hinter mir, auch sehr schmerzliche, aber im Rückblick kann ich sagen, dass jede einzelne ihren Sinn hatte und etwas Gutes für mich daraus entstanden ist.

    Das mag dich jetzt wahrscheinlich nicht trösten. Ich wünsche dir einfach viel Kraft und die Weisheit, vorwärts zu schauen und nicht rückwärts.

    Von Herzen alles Liebe,
    Karin

  3. Liebe Karin
    Leider weiss ich auch wie das ist, wenn man an seinem Urvertrauen zweifelt, da man mitten im Leid ist. -Vor Allem wenn einem ständig, grundlos, andere Leute das Leben versuchen zu vermiesen!
    Da fragt man sich manchmal was das Alles noch soll und wozu noch weiter kämpfen…
    Aber auf der anderen Seite will man sich auch nicht von denen das Leben kaputt machen zu lassen.
    Doch manchmal weiss man einfach nicht mehr, woher man noch die Kraft dazu nehmen soll!?

  4. Liebe Sandra

    Im Koran gibt es einen weisen Spruch: Gott lädt keiner Seele mehr auf, als sie tragen kann.

    Manchmal meinen wir tatsächlich, keine Kraft mehr zu haben. Aber wenn es wirklich darauf ankommt, stellen wir doch oft fest, dass wir viel mehr Kraft haben, als wir meinen. Ich glaube auch daran, dass wir immer Hilfe bekommen, wenn wir gar keine Kraft mehr haben.

    Ich wünsche dir von Herzen alles Liebe,
    Karin

  5. Hallo Karin 😉

    Glück ist nicht gleich Glück , oh wie wahr !! Das habe ich schmerzlich erfahren müssen , auch dank Deines Buches .Das eine Glück sucht sich ständig im Aussen ,sucht nach Annerkennung , Bestätigung , Lob , Respekt , will begehrt werden.
    Das andere Glück sucht sich im Innen ,ist nicht abhängig von äusseren Einflüssen ,es ruht in sich selbst ,den es weiss, es braucht nichts.Natürlich ist es schwer im Alltag Urvertrauen , Gleichmut und Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten . Aber genau das muss ich auch nicht !! Wie jetzt doch nicht? Nein! all das zusammen bin ich. Leid und Freud , Tränen und Lachen , das ist Leben. Das Pendel schlägt immer in beiden Richtungen aus .Waren meine Hypes auf der Scala auf +8 , dann schlägt das
    Pendel beim zurückschwingen auf -8 ,den die Seele will sich immer in der Dualität beider Seiten erfahren . Deshalb ist nach dem Erwachen der Gleichmut so wichtig , haltet Euren Pendel zentriert , egal ob Hype oder Down . Es gibt keine gute oder schlechte Erfahrungen , es gibt nur Erfahrungen . Das Ego lässt uns glauben , wir müssten im Aussen suchen , den das Ego bestätigt sich nur im Aussen . Es hat Angst nach Innen zu gehen ,den dann wären seine Tage gezählt.Ich hab so ein Selbstversuch gemacht ,und zwar hab ich mich von Aschermittwoch bis Ostersonntag , nicht mehr rasiert und bin auch nicht zum Friseur .Einfach um mir zu beweisen , dass ich trotzdem der gleiche bin , dass es im Aussen nichts gibt was ich tun muss um annerkannt zu werden . Alles was ich bin ist in mir,alle Annerkennung , alle Liebe ,alle Antworten , alles was ich brauche ,und nicht alles was ich will.

    Der Weg des Kriegers ist der Weg des Herzens .
    (Don Juan)

  6. Danke, lieber R. Vangelis, für deine überaus weisen Worte. Man spürt, dass sie aus deiner Lebenserfahrung kommen, und sie werden bestimmt vielen Lesern dieser Website Hilfe und Ermunterung zugleich sein.

    Herzlichst,
    Karin

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