„Fehler“ und Selbstverurteilung

Zu meinem Beitrag „Sich selbst lieben – aber wie?“ hat Deborah den folgenden Kommentar geschrieben:

Wie soll man sich selbst lieben, wenn man ein Leben lang nur Fehler gemacht hat?

Damit spricht sie wohl vielen aus dem Herzen: Wir sehen unsere Fehler stets als unsterbliche Monster, die uns ein Leben lang begleiten. Sie verfolgen uns in unseren Gedanken, manchmal auch in den Träumen – und sie vermitteln uns mit der Zeit das Gefühl, unfähig, dumm, schlecht, schuldig, wertlos zu sein.

Dazu folgender Gedanke. Gerechtigkeit ist, wenn wir für einen Fehler, den wir begangen haben, bezahlen. Ein Mal bezahlen, ein Mal bestraft werden. So will es auch das Gesetz: Niemand darf für die gleiche Straftat mehr als ein Mal verurteilt werden.
Doch wir bestrafen und 100 und 1000 Mal für den gleichen Fehler: Unser innerer Richter richtet immer wieder. Wir fühlen uns schuldig, wir fühlen uns unwürdig, wir fühlen uns unfähig, wir fühlen uns wertlos, und wir bestrafen uns immer wieder selbst mit Selbstverachtung und Selbstablehnung.

Egal, welchen Fehler* ich meine begangen zu haben, und egal, wer sich als Richter über mich erhebt (Eltern, Freunde, Vorgesetzte, Partner…): Ich ganz allein bin für mein Leben verantwortlich, ich ganz allein muss meine Taten anschauen und für mich eine Lehre daraus ziehen. Niemand, aber auch gar niemand, hat das Recht, über mich zu richten!
Diese „Richter“ sind nämlich die gleichen Menschen, die uns ihre Wertvorstellungen, ihre Regeln eingepflanzt haben – wo steht denn geschrieben, dass diese die absolute Wahrheit sind?
Der strengste Richter sind wir allerdings selber. Aufgrund all dieser Wertvorstellungen und Vorschriften, die uns von Kind an aufgezwungen wurden, haben wir uns ein Bild von uns selbst geschaffen: So und so muss ich sein. Dieses idealisierte Bild entspricht einer Vollkommenheit, der wir nie und nimmer gerecht werden können – kein Mensch kann das! Und doch messen wir selbst uns und unser Verhalten immer an diesem Idealbild – und wenn wir ihm nicht gleichen, verurteilen wir uns und haben uns selbst nicht lieb.

Übrigens: Die Menschen, die uns ihre Wertvorstellungen und Regeln übergestülpt haben, sind weit davon entfernt, selber auch nur annähernd so vollkommen zu sein, wie sie uns haben wollen! Seltsam, nicht wahr: Wir halten die anderen schnell einmal für gut und ihr Handeln für richtig – nur bei uns selbst sind wir stets überkritisch. Und noch seltsamer: Den anderen verzeihen wir ihre „Fehler“ – nur uns selbst nicht.

Hören wir auf, uns nach den Wertvorstellungen und Regeln anderer und nach unserem unerreichbaren Vollkommenheitsideal zu orientieren und uns danach zu richten! Ziehen wir einen Schlussstrich unter die Vergangenheit, was auch immer gewesen sein mag – und zwar jeden Tag von Neuem! Jeden Morgen stehen wir als neue Menschen auf, der Tag liegt vor uns: Um Erfahrungen zu sammeln und zu lernen – lassen wir nicht zu, dass die „Fehler“ von gestern auch heute noch auf uns lasten. Und erlauben wir niemandem, uns zu verurteilen – am allerwenigsten uns selber.

* Der Begriff „Fehler“ ist nicht korrekt, ich persönlich verwende ihn nicht: Das Leben ist unsere Schule, wir lernen aus den Erfahrungen, um uns weiterzuentwickeln – es gibt keine Fehler! Selbst wenn wir die gleiche Erfahrung immer und immer wieder machen müssen, weil wir die Lektion noch nicht verstanden haben: Dann sind wir halt einfach noch nicht so weit. Oder sollten wir einen Erstklässler verurteilen und bestrafen, weil er Gleichungen mit zwei Unbekannten noch nicht lösen kann?

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4 Gedanken zu “„Fehler“ und Selbstverurteilung

  1. Großartig. Und der letzte Satz is wunderbar denn : an meinem ersten Schultag , Matheunterricht, sollten wir Einsen senkrecht schreiben. Ich tat dies waagerecht, da ich nicht wusste was senkrecht ist und nicht nachfrug, und die Lehrerin war genervt und schimpfte. Seit dem hasste ich Mathe 👿

    Herrlich

  2. Liebe Karin,

    ich habe die letzten Monate eine ziemlich turbulente Zeit hinter mir. Ich wurde ziemlich verletzt und konnte nicht verzeihen. Habe mich aber selber auch falsch verhalten und mir über Monate schwere Vorwürfe gemacht. Mittlerweile sehe ich die ganze Geschichte als eine längst fällige Lektion, weil mir klar geworden ist, wie wenig ich mich selber liebe, wie schwer es mir fällt, zu mir und meinen Fehlern zu stehen.

    Mein innerer Richter ist furchtbar streng und obwohl ich durch die Selbstvorwürfe sehr gelitten habe, taucht trotzdem immer wieder der Gedanke auf, dass ich mich irgendwie bestrafen muss. Ich weiß, dass das ein ziemlicher Blödsinn ist, aber das steckt tief in mir und das Prinzip Strafe ist ja auch im Alltag in vielen Lebensbereichen weit verbreitet (Ehrziehung, Gesetz, Regeln,…).

    Der obige Abschnitt zum Thema Gerechtigkeit und einmaliger Strafe hinterlässt bei mir ein mulmiges Gefühl. Ich nehme stark an an, dass du auch kein Fan von Strafe bist. Vielleicht könntest du mir noch ein paar Zeilen dazu schreiben…?

    Danke für deine wunderbare Seite!
    Liebe Grüße,
    Michael

  3. Lieber Michael,

    Wir sollen uns selbst nie bestrafen, nicht ein einziges Mal! Mit dem Satz ganz oben in meinem Text wollte ich nur sagen, dass nicht einmal die weltlichen Gerichte einen Menschen mehr als einmal verurteilen und bestrafen dürfen. Dass wir selbst hingegen dies oft tun.

    Du hast recht, das Prinzip von Strafe steckt tief in uns allen, es wird bei uns ja von frühester Kindheit an praktiziert. Deswegen muss es aber nicht richtig und sinnvoll sein.

    Es ist wichtig, unsere Verhaltensweise objektiv anzuschauen und selbstkritisch (nicht selbstverurteilend!!!) zu bewerten. Nur so können wir lernen und uns weiterentwickeln. Doch wir sollten uns nie Selbstvorwürfe machen, nie uns selbst dafür bestrafen, in keiner Art und Weise. Wir handeln doch immer so, wie wir es können, wie wir gerade dazu fähig sind. Und wir alle sind keine Buddhas.

    Wenn ich erkenne, dass ich mich in einer Weise verhalten habe, die nicht gut war, sage ich mir: „Ok, Karin, was du gemacht/gesagt hast, war nicht richtig. Ich sehe es ein und habe jetzt verstanden. Das nächste Mal werde ich mich anders verhalten.“ Und dann lasse ich los.
    Selbstverständlich kommt es vor, dass ich mich das nächste Mal wieder nicht richtig verhalte. Auch dann mache ich mir keine Vorwürfe, sondern erneuere nur meinen Vorsatz: „Das nächste Mal mache ich es besser.“

    Haben wir mit unserem Verhalten jemandem Unrecht getan, so ist es ein Zeichen von Einsicht, Stärke und Selbstliebe, wenn wir uns bei diesem Menschen dafür entschuldigen. Aber auch hier: ein Mal genügt! Wir müssen nicht immer wieder zu Kreuze kriechen.

    Noch ein Wort zum Thema Verzeihen können, das du ebenfalls ansprichst: Das hat tatsächlich stark mit unserer Selbstliebe zu tun. Wenn wir uns selbst wirklich lieben, ist es leichter, anderen zu verzeihen. Dies deshalb, weil sie uns nicht mehr so tief verletzen können, denn wir fühlen uns in uns selbst geborgen und sind nicht auf die Liebe und Wertschätzung anderer angewiesen. Wie können die anderen bedingungsloser lieben und ihnen eben auch verzeihen, wenn sie uns Unrecht getan haben. Auch sie sind nicht vollkommen.

    Dass du das Geschehene als Lektion betrachten kannst, ist wunderbar, Michael! Ich wünsche dir viele weitere bereichernde Schritte auf deinem Weg, alles Liebe,
    Karin

  4. Liebe Karin,

    danke für deine rasche Antwort!

    Und ja, ich hab dich schon beim ersten Mal richtig verstanden, aber es tut mir trotzdem gut, es nochmal deutlich zu lesen. Hat damit zu tun, dass ich mich viel zu sehr nach der Meinung anderer orientiere und meiner inneren Stimme zuwenig vertraue. Etwas, dass ich zur Zeit auch ändern möchte, weil das kann auch schon schief gehen, wenn man an „falsche“ Autoritäten gerät.

    Leider kann ich mich aus mehreren Gründen im Moment nicht bei der Person entschuldigen, gegenüber der ich mich falsch verhalten habe. Hauptsächlich, weil es der betreffenden Person gar nicht bewusst ist, eine Erklärung möglicherweise erst recht verletzt und ich ein solches Vorgehen auch gar nicht alleine beschließen kann. Aber sollte es einmal soweit sein, werde ich gerne die Verantwortung übernehmen.

    Und es gibt wirklich einen starken Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, anderen und sich selber zu verzeihen, bzw. auch der Unfähigkeit dazu. Seit ich mich selber darum bemühe, mir zu verzeihen und mich anzunehmen, gelingt das „Fremdverzeihen“ fast wie von selber. 😆

    Danke nochmals und alles Liebe,
    Michael

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