Den Pfeil herausziehen!

Was tun, wenn ich mich durch eine Aussage oder die Verhaltensweise eines Mitmenschen verletzt fühle? Das war Erikas Frage in ihrem Kommentar zum Beitrag vom 18. September „Verletzt werden und verletzen“.

Sich verletzt fühlen, ist eine ganz normale menschliche Eigenschaft, und es besteht absolut kein Grund, sich deswegen Vorwürfe zu machen – selbst wenn wir die theoretische Erkenntnis besitzen, dass wir uns nie verletzt fühlen sollten!
Wenn jemand einen Pfeil auf uns schiesst, der einen unserer wunden Punkte trifft oder mit solcher Bosheit auf uns zielte, kann das weh tun. Nochmals in aller Deutlichkeit: Es ist normal, diesen Schmerz zu fühlen, wenn ein Pfeil trifft, das passiert jedem Menschen.
Wir können andere nicht daran hindern, willentlich oder unabsichtlich mit Pfeilen auf uns zu zielen – manchmal schiessen sie daneben, manchmal treffen sie aber. Entscheidend ist, wie wir uns verhalten, nachdem wir verletzt wurden.

1. Den Pfeil herausziehen. Ich mache mir bewusst, dass die Aussage oder die Verhaltensweise, die mich verletzt hat, nicht zu mir gehört, sondern von aussen in mich eingetreten ist, sie hat also nichts mit mir zu tun, ich lehne sie kategorisch ab, und ich werfe sie bildlich aus mir hinaus – ich kann das beispielsweise in einer kurzen Imagination mit geschlossenen (oder sogar mit offenen) Augen tun, indem ich mir vorstelle, wie ich diesen Pfeil aus meinem Körper herausreisse und wegwerfe.
2. Die Wunde reinigen und desinfizieren. Ich wische das Gift, das in mich eindringen wollte, weg, indem ich die verletzende Aussage „verwässere“ – je nach Situation kann ich mir beispielsweise sagen, dass die Person X völlig unrecht hat, nur aus Dummheit, Niedertracht, Mangel an Selbstwertgefühl so etwas gesagt hat; oder ich versuche, mir ihr Verhalten zu erklären (nicht zu entschuldigen!), aus ihrer persönlichen Situation, in der sie gerade steckt, wie Frustration, Wut, Enttäuschung und mehr. Es ist schwierig, dieses „Desinfizieren der Wunde“ theoretisch zu erläutern, denn in jeder Situation sind es andere Mittel, die helfen. Wichtig ist jedenfalls, mich nie selbst schuldig zu fühlen oder anzunehmen, ich hätte es nicht anders verdient – ich wurde angeschossen, dafür kann ich nichts, ich bin Opfer, nicht Täter!
3. Die Wunde verbinden. Ich lege etwas Schönes, Gutes, Angenehmes über die Wunde, indem ich mir bewusst andere Situationen in Erinnerung rufe, in denen ein Mensch (vielleicht sogar der gleiche, der mich jetzt verletzt hat) mir liebe Worte oder Taten geschenkt hat; oder Situationen, in denen ich mich gut gefühlt habe, weil ich erfolgreich war, etwas besonders gut meisterte, von anderen gelobt oder bewundert wurde. Jedenfalls Momente, in denen ich mich selbst liebte und mich wertvoll fühlte.

Und sollte die Wunde danach immer noch weh tun – dann nehme ich diesen Schmerz an und halte ihn aus. Siehe dazu meinen Beitrag über den Umgang mit dem Leiden.

Bei dieser Gelegenheit darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch das Sich-verletzt-fühlen möglicherweise nur ein altes Verhaltensmuster sein könnte: Ich habe die Erkenntnis, dass ich mich nie verletzt fühlen sollte, wohl verinnerlicht, sie ist in meiner Seele gut verankert – aber in meinem Unbewussten steckt das alte Muster noch fest und bestimmt mein Verhalten. Ohne dass ich es willentlich beeinflussen kann, steigt diese Empfindung der Verletzung in mir hoch, sobald eine entsprechende Situation eintritt, wie eine automatische Reaktion – dabei wäre sie durch meine wahre Erkenntnis längst überflüssig!
Ebenso überflüssig ist es in diesem Fall, dagegen anzukämpfen. Besser ist es, die Situation gleichmütig anzunehmen, mich nicht zu verurteilen, nicht wertlos zu fühlen, weil ich es „immer noch nicht geschafft habe, mich nicht mehr verletzten zu lassen“. Hingegen hole ich mir die theoretische Erkenntnis wieder einmal ins Bewusstsein und sage mir ganz ruhig und bestimmt: Das nächste Mal fühle ich mich nicht mehr verletzt.
Und selbst wenn es mich wieder „erwischt“ – dann war es halt noch nicht der richtige Zeitpunkt für mich, dieses alte Muster endgültig abzulegen, aber irgendwann wird es so weit sein, das ist gewiss!

Einen kurzen Beitrag von mir zum Thema Verhaltensmuster findet ihr auch hier.

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3 Gedanken zu “Den Pfeil herausziehen!

  1. ich brauche unbedingt euren Rat.
    Gestern bekam ich eine Arbeitsaufforderung auf seltsame Weise.
    Die Frau hatte eine Idee und übergab mir diese Aufgabe direkt, anstelle es selbst zu tun. Dann winkte sie doch hektisch ab und sagte, es habe ja bis nächste Woche noch Zeit,dass ich mich kümmere. Es wurde nicht gefragt, ob ich überhaupt möchte.
    Als sie so abwinkte, ohne mich anzusehen, schaute ich sie verwirrt an und wurde ganz ruhig in meiner Bewegung.
    Eine Minute später sagte sie, ihr sei öfter schon aufgefallen, dass wenn sie so hektisch wäre,ich so ruhig werde. Sie sagte, damit gäbe ich ihr das Gefühl auf Arbeit nicht sein zu dürfen, wie sie gerne möchte und was ich dabei gedacht habe, als ich so schaute.
    Das fragte sie mich schon oft.,was ich gerade denke..
    Ich kochte innerlich und hatte das Gefühl immense Schuld aufgeladen zu bekommen, weil ich nicht positiv reagierte und musste später heulen, weil die Last immens groß war, nicht (lustigerwiese wie sie es ja behauptete) negativ auf etwas reagieren zu können(meine sache) ohne dass mir jemand daraus eine verantworung seiner gefühlslage macht.
    ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll. sie macht alle kollegen für ihre gefühle verantwortlich, vorallem mir,wenn ich mal meinen missmut über eine art zeige.
    HILFE!!

  2. Liebe gleichnamige Karin

    Unsere Mitmenschen versuchen oft, uns für ihre Gefühle verantwortlich zu machen. Allein dadurch, dass du dieses Spiel so klar durchschaust – wie du es ja schilderst –, ist schon ein grosser Schritt gemacht.
    Vielleicht versuchst du einmal, deiner Kollegin genau das zu sagen: „Mach mich nicht für deine Gefühle verantwortlich.“
    Und wenn du, wie du sagst, innerlich vor Wut kochst, dann darfst du ihr diese Wut auch zeigen. Je nachdem, wie du es gerade spürst, kannst du auch noch etwas hinzufügen: „Sieh selbst, wie du mit deinen Gefühlen klar kommst, mit mir haben sie jedenfalls nichts zu tun.“ Oder: „Ich lasse mich von dir nicht daran hindern, mich selbst zu bleiben.“
    Wichtig ist dabei, dass du dich dann nicht auf Diskussionen einlässt mit Argumenten, Gegenargumenten usw., sondern dass du deine Aussage ganz ruhig so stehen lässt. Sollte sie es nicht lassen können, darfst du klar und bestimmt sagen: „Ich will nicht mit dir darüber diskutieren.“
    Wir haben immer das Recht, wir selbst zu sein!

    Alles Liebe für dich,
    Karin

  3. ich liebe dich! 🙂 (du weißtja wie es gemeint ist)
    danke dir ganz sehr, für das Mutmachen.

    Hach Mensch, was bin ich beruhigt gerade.
    Ich habe in diese Richtung gedacht, mich auch nicht weiter auf Diskussionen eingelassen genau.Ich bin auf dem richtigen Weg, mein Bauch hatte Recht und meine Selbstliebe auch.
    Was für ein wunderbares echtes Gefühl mit mir.

    Ich danke dir für die Erinnerung!

    Sei gesegnet

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