Das Ja ein Ja, das Nein ein Nein

Neulich erzählte mir eine Bekannte, sie hätte einen furchtbar langweiligen Abend mit einer Kollegin verbracht: „Wir haben das Heu schon lange nicht mehr auf der gleichen Bühne und ich möchte den Kontakt eigentlich abbrechen. Aber sie ruft mich immer wieder an und nachdem ich ein Treffen schon drei Mal mit einer Ausrede abgewendet hatte, traute ich mich einfach nicht mehr, schon wieder abzusagen…“
„Warum sagst du ihr nicht einfach, dass du sie nicht mehr sehen möchtest?“, fragte ich.
„Das würde sie bestimmt verletzen, ich kann ihr das doch nicht so ins Gesicht sagen!“, erwiderte meine Bekannte beinahe empört. „Und langsam sollte sie es ja selber merken, wenn ich immer wieder Ausreden bringe…“
„Du bist also nur mit ihr ausgegangen, weil du dich nicht getraut hast, nein zu sagen aus Angst sie zu verletzen?“, hakte ich nach. Sie nickte.
„Dreh das Ganze einmal um“, fuhr ich fort. „Möchtest du, dass jemand, der sich mit dir langweilt, unwillig mit dir ausgeht, nur weil er zu feige ist, dir die Wahrheit zu sagen?“
Ich möchte das nicht. Wir alle möchten das nicht!

Selten ist unsere Angst, jemanden zu verletzen, eine ehrliche Empfindung, die wirklicher Sorge um den Mitmenschen entspringt. Meistens hat sie einen anderen Grund: Entweder unsere eigene Unfähigkeit, jemanden leiden zu sehen, oder das Vermeidenwollen eines Konflikts oder unsere Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Seltsamerweise betrifft uns diese letzte Möglichkeit vor allem bei den Menschen, die uns gar nicht nahe stehen und uns nichts oder nicht viel bedeuten – bei denen es uns also eigentlich egal sein könnte, was sie von uns denken, ob sie uns weiterhin schätzen und akzeptieren.
Wir sagen ihnen nicht, was wir eigentlich sagen möchten, verwenden Ausreden, falsche Rechtfertigungen – wir lügen. Alles andere als die blanke Wahrheit ist Lüge. Notlügen, harmlose Schwindeleien, gerechtfertigte Lügen – das gibt es nicht. Lüge ist Lüge. Und sie kommt uns so leicht über die Lippen! Dutzende Male jeden Tag lügen wir, sei es dass wir Fakten leicht verdrehen, bewusst unpräzise formulieren, etwas Wichtiges weglassen – sei es dass wir JA sagen und NEIN meinen.

Jesus hat gelehrt, man soll keine Eide schwören – wieso eigentlich, was ist schlecht an einem Eid? Die Tatsache, dass wir schwören, die Wahrheit zu sagen, impliziert doch, dass wir in unserer gewöhnlichen Rede nicht die Wahrheit sagen – sonst wäre der Eid ja überflüssig! „Das Ja ein Ja, das Nein ein Nein“, forderte Jesus und er meinte damit: „Sagt doch einfach, was Sache ist, sprecht immer die Wahrheit!“ *

Aufrichtig sein ist eine wichtige Tugend, um unsere Angst vor Liebensentzug zu überwinden und unsere Selbstachtung zu wahren. Unsere Aufrichtigkeit dient aber besonders auch unseren Mitmenschen: Wie sollen sie sich entwickeln, wenn ihnen niemand sagt, woran es ihnen noch mangelt, und keiner ihnen die Chance gibt, mit „der bitteren Wahrheit“, mit Verletzungen umzugehen und daran zu wachsen?
Das Paradoxe ist tatsächlich, dass wir von den anderen Aufrichtigkeit erwarten – umgekehrt aber selbst dazu zu feige sind: Wir billigen unserem Mitmenschen nicht zu, was wir für uns beanspruchen, und offenbar schätzen wir ihn so gering, dass wir ihm nicht zumuten, mit einer allfälligen Kränkung fertig zu werden. Auf-Richtigkeit bedeutet: Wir richten den Mitmenschen durch unsere Aussage auf, die Lüge hält ihn „unten“ im Bereich der Unwissenheit.

Der andere Aspekt, der mit unseren Lügen einher geht, ist unsere Erwartung, der andere müsse verstehen, was wir meinen – selbst wenn wir das Gegenteil davon sagen! „Er sollte doch merken, dass…“
Wer sich auch nur ein bisschen mit Kommunikationstheorien beschäftigt hat, kennt Modelle wie das folgende: Der Sender sendet eine Botschaft aus, die gemäss seiner bewussten und unbewussten Prägung codiert ist; der Empfänger empfängt die Botschaft und decodiert sie gemäss der eigenen bewussten und unbewussten Prägung.
In einfachen Worten: Wir sprechen nicht die gleiche Sprache! Was jemand sagt und was der andere versteht, sind grundsätzlich schon zwei verschiedene Dinge, selbst wenn der Sprechende das sagt, was er wirklich meint – um wie viel verzerrter muss folglich eine Aussage ankommen, die noch nicht einmal so gemeint ist!
Auf so genannten Missverständnissen beruhen viele zwischenmenschliche Schwierigkeiten und Beziehungsprobleme. Sie liessen sich vermeiden, wenn wir den Mut fänden zu sagen, was wir wirklich meinen, und es dem anderen zumuteten; wenn wir unsere Erwartungen begrüben, wie der andere unsere Aussagen verstehen sollte…
Vertrauen wir darauf, dass die Wahrheit uns gut tut und dem anderen weiterhilft. Unser Ja ein Ja, unser Nein ein Nein soll künftig unsere Devise lauten.

*Matthäus, 5,33ff.: „Ihr habt gehört, dass den Alten gesagt ward: Du sollst keinen Meineid leisten, sondern erstatte dem Herrn deine Eide. Ich aber sage euch: Überhaupt nicht schwören! … Es sei vielmehr euer Wort: das Ja ein Ja, das Nein ein Nein.“
Diese Einsicht über die Eide verdanke ich Eugen Drewermann; ich weiss nicht mehr, ob ich sie in einem seiner Bücher gelesen oder an einem seiner Vorträge gehört habe.

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