Das bin nicht ich!

Ein junger Mann, ich nenne ihn Florian*, erzählte mir neulich die Geschichte seiner Liebesbeziehung, die vor einer Weile zu Ende gegangen war. Beiderseits eine Reihe von Erwartungen, die nicht erfüllt wurden, von Fehlinterpretationen und Missverständnissen, die auf zu wenig Offenheit beruhten, von Beschuldigungen und Vorwürfen, von empfundener Ablehnung und gegenseitigem Sichbrauchen, vom Projizieren der eigenen Probleme auf den Anderen – vor allem aber der verzweifelte Versuch zweier Menschen mit zu wenig Selbstwertgefühl im Partner den Rettungsanker zu sehen.
Florian hat seine Beziehung sehr gründlich und bemerkenswert realistisch analysiert und viel daraus gelernt. Ich stimmte ihm in vielem zu, was er erkannt hat.
Eine sich wiederholende Aussage von ihm hat mich aber aufhorchen lassen. Wenn er jeweils erzählte, wie ungerecht er seine Partnerin behandelte, wie er ihr eine Eifersuchtsszene machte, ständig an ihr herummäkelte, sich mit gemeinen Sprüchen dafür rächte, wenn er sich verletzt fühlte, ergänzte er: „Aber so bin ich nicht. Das ist nicht der wahre Florian.“ Oder: „Ich war nicht ich selbst, als ich das gesagt habe.“ Oder: „Das fühlte sich nicht nach meinem wahren Ich an.“

Doch. Alles war Florian. Der wahre Florian besteht aus den guten und den schlechten Eigenschaften, wie wir alle. Sonst könnten wir nicht einmal so und einmal so sein. Wir können es Seele und Ego nennen oder höheres und niederes Selbst, aber beide gehören zu uns.

Solange wir einen Teil von uns, den wir für den „schlechten“ halten, nicht akzeptieren, können wir ihn auch nicht verändern und nach und nach loslassen. Zuerst geht es nämlich immer darum, uns zu lieben, wie wir sind.
Dann können wir anfangen, die Eigenschaften an uns, die wir als negativ betrachten, in die positiven zu verwandeln. Dabei brauchen wir es uns niemals vorzuwerfen, wenn der „böse“ Teil gerade im Vordergrund steht: Schauen wir ihn an, nehmen ihn zur Kenntnis, akzeptieren ihn. Dagegen anzukämpfen, ist hoffnungslos. Vielmehr müssen wir einfach die guten Eigenschaften in uns fördern und versuchen, uns neue gute Eigenschaften anzueignen. So überlagern diese nach und nach die schlechten.
Dabei ist es nützlich zu erkennen, wie viele unserer Verhaltensweisen mit mangelnder Selbstliebe zusammenhängen. Arbeiten wir konsequent und beharrlich am Aufbau oder an der Stärkung unseres Selbstwertgefühls und unserer Selbstliebe, so verschwinden mit der Zeit die schlechten Eigenschaften. Es kommt nicht so sehr darauf an, welches „Symtpom“ mangelnder Selbstliebe wir gerade ins Visier nehmen und uns dabei um eine Veränderung bemühen, denn alle hängen zusammen: Ändern wir eine Eigenschaft, so verändern sich andere mit. Diese Methode, an uns zu arbeiten, habe ich ausführlich in meinem Buch „Ich liebe mich selbst und mache mich glücklich beschrieben.“

* Name aus Diskretionsgründen geändert.

Artikel teilen auf:
Facebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.