Das Bedürfnis nach positiver Fremdbewertung

Seit gut einem Monat bin ich wieder ein regelmässiger Gast im Fitness-Center, nachdem ich einige Jahre lang ausgesetzt hatte. Ich mag dieses Training an den Maschinen, so ganz für mich allein, es hat etwas Meditatives und es zwingt mich, ganz bei mir selbst zu sein, mich nur auf eine Muskeln zu konzentrieren und alle Gedanken loszulassen.
Doch natürlich schaffe ich das nicht immer und ich beobachte dabei auch gerne die anderen Trainierenden. Die einen mit zu hoch angesetzten Gewichten verzerren ihr Gesicht vor lauter Schmerz. Andere schauen ständig um sich, ob auch ja jemand bemerkt, wie stark sie sind. Einzelne erhöhen sogar, nachdem sie ihre Übung beendet haben, noch verstohlen das Gewicht, bevor sie die Maschine verlassen, um den nächsten damit zu beeindrucken.

Warum haben wir es so oft nötig, anderen zu zeigen, wie stark, gut, schön, intelligent, mutig wir sind? Weil wir unser Selbstbewusstsein – unser Selbstwertgefühl – daraus beziehen, wie andere uns bewerten.
Wenn wir uns jedoch darauf abstützen, versuchen wir uns stets so zu verhalten, dass ihr Urteil positiv ausfällt. Das kann dazu führen, dass wir ständig Angst haben, etwas falsch zu machen, etwas Dummes zu sagen oder uns blöd anzustellen und uns deshalb unter Menschen nicht wohl fühlen, schüchtern, unsicher, gehemmt, blockiert, introvertiert sind.
Weil wir uns stets bemühen, unseren Mitmenschen nicht zu missfallen, versuchen wir, uns immer nur von unserer besten Seite zu zeigen – oder gar so, wie wir gar nicht sind. Diese Maske, die wir tragen, kostet uns viel Energie, denn wir spielen ja fortwährend eine Rolle und sind nie wirklich wir selbst!

Es ist ungemein wichtig, dass wir dieses Bedürfnis nach positiver Fremdbewertung ablegen. Fangen wir damit an, nichts mehr vorzuspielen. Wenn wir etwas nicht können oder nicht wissen, geben wir das zu und versuchen nicht, es zu vertuschen. Wenn uns etwas auf der Zunge liegt, sagen wir es und überlegen nicht zuerst, wie es beim Gegenüber wohl ankommt. Wir ziehen nicht länger den Bauch ein, wenn wir an einem Strassencafé vorbeigehen. Und und und… Übungsmöglichkeiten in unserem Alltag gibt es genug!

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4 Gedanken zu “Das Bedürfnis nach positiver Fremdbewertung

  1. Sie sollten unbedingt zu einem Trainingszenter wechseln, das einen guten Trainingsleiter /Physiotherapeuten beschäftigt, der den Überblick hat und „neue Mitglieder“ sinnvoll instruiert. Das von Ihnen geschilderte Verhalten führt nämlich mit einer gewissen Sicherheit zu körperlichen Schädigungen.

  2. Die Trainingsleiter sind sehr professionell, instruieren die Trainierenden sorgfältig, führen regelmässig Kontrolltrainings durch und sagen es ihnen immer und immer wieder! Aber wenn die Leute nicht hören wollen und es trotzdem anders machen, kaum hat man ihnen den Rücken zugekehrt…

  3. wenn ich glaube, dass ich ohne einen Studienabschluss weniger wert bin, als diejenigen, die einen machten, ist das versteckte Minderwertigkeit??

  4. Liebe Sabine

    Von anderen Menschen wirst du möglicherweise wegen des fehlenden Studienabschlusses in einer bestimmten Weise bewertet, das lässt sich nicht leugnen. Und es gibt vielleicht auch Menschen, die dich ihre tiefere Wertschätzung spüren lassen.
    Doch die Ausbildung – ebenso wie Schönheit, Reichtum, Altruismus und alle anderen Eigenschaften – machen nicht deinen Wert als menschliches Wesen aus! Du bist wertvoll an sich, allein dadurch, dass du existierst. Und das solltest du nie vergessen!
    Etwas über die Unterscheidung zwischen diesem wahren Wert und den trügerischen äusseren Wertmassstäben habe ich auf dieser Website auch schon geschrieben, nämlich hier: http://www.selbstliebe.ch/?p=14

    Herzlichst,
    Karin

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